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Ausgabe:

1878 Nr. 22

Spalte:

538-539

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Denifle, P. Fr. H. Seuse

Titel/Untertitel:

Das Buch von geistlicher Armuth, bisher bekannt als Johann Tauler’s Nachfolgung des armen Lebens Christi 1878

Rezensent:

Möller, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 22.

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Gottesidee, von angeborenen Ideen, fowie von apriorifti-
fchen Erkenntnifsprincipien und Formen, nichts wiffen
wolle, von dem Standpunkt der tabula rasa aus gegen
dje platonifche Reminiscenzlehre kämpfe und die Be-
fchränktheit, Schwäche und Unficherheit mcnfchlicher
Frkenntnifs fo ftark betone, dafs die cmpiriftifche An-
fchauung ihre Tendenz zur Skepfis entwickle, aber freilich
zu einer Skepfis, welche das Bedürfnifs der Offenbarung
und die Berechtigung der Hingabe an die Glaubensautorität
begründet. — Hinfichtlich der Vorftellung
des Arnobius von der Materialität oder Körperlichkeit
der Seele weift der Verf. felbft auf den Punkt hin, wo
Arn. fich von Tertullian's Auffaffung trennt. Wenn
letzterem auch Gott als Geht ein corpus tut generis ift,
fieht Arnobius das göttliche Wefen, diefes aber auch
allein, als fchlechthin körperlos an ; der Seele Körperlichkeit
zufchreiben, ift ihm Blasphemie, denn damit
werde ihr göttliche Natur vindicirt. Einen entfchiedenen
Mifsgriff aber begeht unfer Verf., wenn er S. 18 aus
der Stelle II, 19 (p. 64, 1—3 ed. Reiff.) fchliefst, Arn.
denke fich die Seele nicht als einen feinen luftartigen
lichthellen Stoff, wie Tertullian (und wie die Stoiker,
Lucrez u. a.), er fei vielmehr ,von der Maffivität ihrer
Subftanz und der Compactheit ihrer Materie fo ftark
überzeugt, dafs er in Fällen ihrer Blödigkeit und Stumpfheit
mit einer faft knabenhaften Naivetät das Zwangsmittel
der Schläge angewendet werden laffe'. Wenn Arnobius
hier gegen den göttlichen Urfprung, die Präexi-
ftenz der Seelen und den vorzeitlichen Befitz der Frkenntnifs
polemifirend einwendet, dafs hienieden keineswegs
, wie man nach jener Hypothefe annehmen müffe,
alle gelehrt oder zum Lernen gefchickt feien, vielmehr
gar viele fich fehr ftumpf zeigten und zum Lerneifer
durch Schläge angetrieben werden müfsten, foll man denn
daraus etwa fchliefsen, nach Arn. bekämen die Seelen
felber die Prügel, müfsten alfo fehr handfefte Wefen fein?
Andererfeits darf aber auch nicht, wie es auf S. 17 Anm.
3 in einem anderen Zufammenhange Rheinen könnte,
der Gedanke abgefchwächt werden, dafs in der That
nach der Grundanfchauung des Arnobius ein rein kör-
perlofes Wefen unberührbar von allen Affectzuftänden,
alfo auch fchlechterdings nicht fchmerzfähig fein würde.
In der fonft trefflich erläuterten Lehre von der nur fa-
cultativen Unfterblichkeit, welcher die in Vernichtung
endende Pein der Ungerechten gegenüberfteht, ift doch
S. 26 f. die Argumentation in der Stelle II, 30 f. (p. 72
sq. ed. Reiff.) nicht ganz richtig wiedergegeben. Es
handelt fleh hier nicht darum, dafs die Entfcheidung für
die wefentliche Unfterblichkeit Plato's oder die abfolute
Sterblichkeit Epikur's fubjectiv, nämlich durch die mora-
lifche Stellung des Einzelnen bedingt fei, indem der
eines gerechten Lebens fleh Bewufste geneigt fein werde,
ewige Fortdauer anzunehmen, der von feinen Frevel-
thaten Beunruhigte dagegen lieber Vernichtung, fondern
der Hauptgedanke ift der, dafs keine diefer beiden Annahmen
, vielmehr nur die von Arnobius verfochtene
Anfchauung von der mittleren Qualität der Seele, alfo
der Möglichkeit jenes doppelten Ausganges, den rechten
Boden bilde, die rechten ethifchen Motive in fich trage
für ,die Philofophie', d. h. das philofophifche Tugend-
ftreben. Die Annahme wefentlicher Unfterblichkeit werde
das philofophifche Streben nicht aufkommen laffen, vielmehr
zum Sündigen ficher machen, denn wozu folle man
fich unnützen Tugendmühen unterziehen, wenn der wefent-
lich unvergänglichen (alfo auch nach der Vorausfetzung
des Arnobius unveränderlichen , unafficirbaren , dem
Schmerz wie der Befleckung unzugänglichen) Seele doch
nichts zuftofsen könne; wenn aber nach Epikur alle
Seelen vernichtet werden, ift es ebenfo thöricht, fleh die
Bekämpfung der natürlichen Begierden foviel koften zu
laffen. Die wahre Anfchauung von der mittleren Qualität
der Seele erklärt aber, wie von den Vertretern jener
beiden Anflehten ein jeder gewiffe Anhaltspunkte für die

! feinige zu finden vermag.—Das anerkennenswerthe Streben
des Verf.'s nach genauer Eixirung und Sonderung der
verfchiedenen Gefichtspunkte führt ihn in Spaltung und
Zerftückelung der Materien wohl etwas zu weit; ander -
feits fcheint er mir angefichts des allgemeinen Charakters
der Arnobianifchen Rhetorik und eklektifchen Po-
pularphilofophie befonders im zweiten Hauptabfchnitte
(Phkenntnifslehre) etwas zu fehr geneigt, durch Preffung
einzelner Aeufserungen des Arnobius eine ausgeprägte philofophifche
Theorie zu gewinnen. Indeffcn die Grundrichtung
der Arnobianifchen Anficht von der menfehlichen Er-
kenntnifs hat, der Verf. offenbar richtig gewürdigt, zu-

| mal er ja auch nicht unterläfst, darauf hinzuweifen, wie
die nachdrücklichen Schilderungen des Arnobius von
den Schranken und Schwächen der menfehlichen Er-
kenntnifs dem apologetifchen Intereffe dienen. Eins
möchte ich zum Schluffe an der anziehenden Arbeit des
Verf.'s, die uns einen werthvollen Beitrag zur Erforfch-
ung des Arnobius giebt, noch bedauern. Gerade die
Lehren, mit denen fie fleh befchäftigt, wären befonders
geeignet gewefen, der Frage weiter nachzugehen, in wie
weit ein Einflufs epikurifcher Philofophie und fpeciell
des Lehrgedichts des Lucrez auf Arnobius aufzuweifen
fei, wie mehrfach (zuletzt nach einer befonderen Seite
hin von Klufsmann im Philologus 26. Bd. 362—66) geltend
gemacht worden ift, und zwar mit gutem Grunde.

Kiel. Möller.

Das Buch von geistlicher Armuth, bisher bekannt als Johann
Tauler's Nachfolgung des armen Lebens Chrifti. -
Unter Zugrundelegung der älteften der bis jetzt bekannten
Handfchriften zum erften Male vollftändig herausgegeben
von P. Fr. H. Seufe Denifle. München
1877, Huttier. (Ein, 212 S. gr. 8.)

Diefe Arbeit verdient entfehieden in doppelter Beziehung
grofse Beachtung. Einmal deshalb, weil uns
hier auf Grund vornehmlich einer Leipziger Handfchrift
(Univerfitätsbibliothek Nr. 560 in 4., Pergament, von 1429;
ein wefentlich gereinigter und vollftändiger Text der berühmten
Schrift gegeben wird, deren von Dan. Sudermann
veröffentlichten Text (1621, worauf auch die von
Schloffer beforgte Frankfurter Ausg. 1833 [auch Conftanz
1850] ruht) Denifle im Widerfpruch mit C. Schmidt's
Urtheil (Joh. Tauler 1841, S. 74) zahlreicher Corruptelen
zeiht. Der Herausgeber weift darauf hin, dafs der gewöhnliche
Titel des Buches (Von der Nachfolge des

; armen Lebens Chrifti) nicht auf handfehriftlicher Ueber-
lieferung ruht, fondern vom erften Herausgeber herrührt,
fowie darauf, dafs der von C. Schmidt (a. a. 0.211—213) als

j Vorrede der Nachfolge angefehene und abgedruckte Trac-
tat ,von vier gar foerglichen fubtilen bekorungen' (d. i.
Anfechtungen) nicht von Tauler flammt, fondern die gedrängte
Bearbeitung ift von Rusbroek's Schrift: Van
den vier Becoringhcn. — Wenn nun aber der Herausgeber
mit feiner dem Text vorangefchickten Unterfuch-
ung Recht hat, fo werden wir uns entfchliefsen müffen,
das Buch dem grofsen Strafsburger Prediger, als deffen
vorzüglichftes Werk es Schmidt bezeichnet, abzufprechen.
Die innern Gründe hierfür, welche Denifle geltend macht,
verdienen mindeftens die ernftlichfte Erwägung. Zwar
nicht confequent durchgeführt, aber doch als immer
wieder durchfchlagender Gedanke trete in dem Buche die
überfpannte Lehre von der äufsern (und innern) Armuth,
als Erfordernifs der Vollkommenheit, zu der alle Menfchen.
berufen feien, hervor, während Tauler, dem es durchaus

i an der innern Armuth und Ledigkeit von der Creatur
liege, zwar natürlich auch in der Verbindung der innern
und äufsern Armuth den höchften Standpunkt der Voll-

. kommenheit fehe, aber entfehieden an der Verfchicden-
heit des Berufs der verfchiedenen Menfchen feflhalte.

, Tauler, dem innere Armuth und Ledigkeit möglich ift