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Ausgabe:

1878 Nr. 22

Spalte:

536-538

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Francke, Karl Bernhard

Titel/Untertitel:

Die Psychologie und Erkenntnisslehre des Arnobius. Ein Beitrag zur Geschichte der patristischen Philosophie 1878

Rezensent:

Möller, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 22.

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ilt S. 257 die Rückvcrweifung auf HI, 36 f. nicht erkannt
— allein erfchöpfend lind fie nicht, und wie fehr die
meift abfeheuliche Streitmethode des Origenes den wirklichen
Gang der Schrift des C. verdeckt, liefse fich noch
beffer darftellen. Wenn nun Aubfi nach der Vorrede
den aA:(V<(e löyog in vier Abfchnitte zerfallen läfst, deren
erfter den Streit zwifchen Juden und Chriften betreffen
(Ii 28 — III, 78), der zweite (IV, 1 — V, 41) die Vor-
ftellung von der Offenbarung unter den Juden, der dritte
(V, 33- 51 — VII, 58) die chrilfliche Secte befonders
beftreiten und der vierte (VII, 62 — VIII, 76) die Bekehrung
der Chriften verbuchen foll, fo find dabei, von
der fchiefen Auffaffung des 4. Abfchnitts zunächft noch
abgefehen, erftens gegen den Augenfchein, der durch
III, 1 gefchaffen ift, die Fragmente des 3. Buchs noch
zum erften, den Streit zwifchen Juden und Chriften dar-
ftellenden Abfchnitt gezogen (was S. 268 f. nicht gerechtfertigt
ift) und ift lodann die Beziehung des i)tii;tQog
V, 33 S. 267 ff. vollftändig verkannt, welches fein ent-
fprechendes ngwrnv V, 6 hat und richtig bezogen die
Auseinanderreifsung der einander vielmehr parallelen
Abfchnitte V, 6—41 und V, 51—65 nicht geftattet. Nur
liegt der Eintheilung Aube's die richtige Einficht zu
Grunde, dafs die Bedeutung der Stammverwandtfchaft
von Chriftenthum und Judenthum für den Plan der
Schrift des C. mit der Rede des Juden Buch I. und II.
fich noch nicht erfchöpft. Wirklich ift die Beftreitung
des Chriftenthums zunächft mit Rückficht auf fein Ver-
hältnifs zum Judenthum und dann für fich felbft der
Haupteintheilungsgrund für die Schrift des C. Der Ein-
fchnitt aber, der he dann in zwei Hälften zerfallen läfst,
ift nicht bei V, 51 (33), fondern im 2. Fragm. V, 65 zu
buchen. Richtigere Einficht in die Anlage der Schrift
des C. und dazu die gebührende Berückfichtigung der
befonderen Lückenhaftigkeit der .Mittheilungen des 6. Buches
des Origenes wird vielleicht auch C. gegen den
Vorwurf der Verwirrung fchutzen, welchen Aube S. 411
gegen den von ihm angenommenen dritten Abfchnitt
erhebt. Sehr fchicklich aber auf jeden Fall hat es Aube
vermieden, noch kleinere Abfchnitte als die angeführten
in feine Ueberfetzung einzuführen, wie he bei Keim fo
zudringlich hervortreten und vor denen überdies, wie
he dort ausgefallen find, der Lefer dringend zu warnen
ift. Weniger unabhängig als im Wiederherftellungsver-
fuch felbft verhält fich der Verf. zu Keim in feinen fon-
ftigen Erörterungen über die Perfon und die Zeit des
Celfus und den Charakter feiner Schrift. Dafs Celfus
der Freund desLucian diefes Namens war und feine Schrift
gegen die Chriften in den letzten Jahren des Marc Aurel
fchrieb, find in der That fehr wahrfcheinliche Annahmen,
zumal das Unternehmen, geradezu das Jahr der Abfaff-
ung des uhjtir^ loyog feftzuftellen, von Aube verftändiger-
weife abgelehnt wird und ebenfo Keim's verkehrte Unter-
fcheidung zweier Perioden im politifchen Verhalten Marc
Aurel's gegen die Chriften (S. 183 ff.). Auch über den
,Epicureismus' des Celfus wird das Richtige vorgetragen,
nur dafs nicht fcharf genug ausgefprochen ift, wie bei
Origenes der Vorwurf desfelben weiter nichts ift, als ein
Mittel, die Uebereinftimmung, die zwifchem ihm und Celfus
in der Metaphyfik befteht, zu verdecken. Dagegen ift
wenig überzeugend, was Aube von Spuren der Benutzung
des alrj&rjs /.öyog bei Tertullian gefunden haben will
(S. 189 ff), und noch unannehmbarer die Vermuthung
der Identität der zwei Bücher gegen die Chriften Orig. j
IV, 36 und der Bücher gegen die Magie Orig. I, 68 j
(S. 167 f. . Im Anfchlufs an Keim ift aber der Verf. |
befonders unglücklich bei der Auffaffung des Schlufsab-
fchnittes der Schrift des C. als eines Bekehrungsverfuchs
(S. 271 f. 413 ff.). Wie fchwach es mit diefer Anficht
beftellt ift, kann man daraus fehen, dafs Aube fich, um
fie plaufibelzu machen, veranlafst ficht, die Vorrede des
C. am Schlufs in einer willkürlichen Weife zu interpo-
liren (S. 282) und S. 388 unwillkürlich erkennen läfst,

I dafs die Begründung diefer Anficht fich hauptfächlich
: auf Worte des Celfus ftützt, die nicht mehr vorhanden
j fein Pollen. Niemand, der den Grundgedanken, welcher
! die ganze Polemik des C. gegen die Chriften beherrfcht,
| erlafst hat, wird von einer Veränderung des Tones am
: Schluffe feiner Schrift zum Conciliatorifchen hin etwas
1 wahrnehmen. Dafs C. in den letzten Abfchnitten feiner
I Schrift nur darauf ausgehen foll, die particulariftifche
Exclufivität der Chriften zu beugen (S. 420) ift nur eben
darum nicht wahr, weil diefes die Grundabficht und der
| eigentliche Geift feines ganzen Werkes ift. Nur diefe
I Exclufivität ift es, welche feine Kritik des jüdifch-chrift-
j liehen Cultus überhaupt provocirt und verbittert, von
ihr abgefehen ift C. überhaupt ein temperirter Gegner
des Chriftenthums, und zwar in keinem anderen Sinne
als in dem er auch ein temperirter Anhänger des heid-
nifchen Dämonencultes ift (VIII, 60 ff.). Jeder Religion
will C. ein Mafs des Abfurden zugeftehen, keiner Alleinherrfchaft
, und diefe gerade der Religion, die fie allein in
Anfpruch nimmt (der jüdifch-chriftlichen, am wenigften,
weil in ihr ihm jenes Mafs ganz befonders gehäuft er-
fcheint: das ift aufs kürzefte ausgedrückt der Sinn des
ükq&ijg /.6yog. Auch ift bei allem Ernft der Abficht
einer billigen Beurtheilung, C. bei Aubo doch unter-
fchätzt, wenn die Thatfache, dafs er den chriftlichen
Glauben leidenfehaftlich beftreitet und Philofophie, Sa-
1 tire und Politik dagegen aufruft, ohne doch die ftolze
Ruhe des Philofophen, die Rückfichtslofigkcit der Spötter
lucianifcher Art, die gleichgültige Sicherheit der Staatsmänner
und, mufs hinzugefügt werden, die Befchränkt-
heit der gläubigen Dämonenverehrer zu zeigen, nur unter
den Gefichtspunkt der Schwäche geftellt wird (S. 418 f.).
Allerdings vertritt C. weder Religion, noch Staat, noch
Philofophie und Wiffenfchaft für fich, aber die Lebensfülle
, in welcher diefes Alles aus ihm fpricht, läfst in
ihm einen Mann erkennen, der wenigftens noch zu Puchen
weifs, was verloren war, das Mafs der antiken Cultur.
Er felbft giebt die allgemeine Wohlfahrt als das Ziel
feines Strebens an (I, 12). Die Refte feines Werkes find
ein ungemein lehrreiches und bedeutfames hiftorifch.es
Denkmal, und jeder nur nicht ganz verwirrende Vernich
feiner Wiederherftellung verdient den aufrichtigften Dank.
Daher haben auch die hier gemachten Bemerkungen
durchaus nicht die Abficht, diefen Dank gegen den Verf.
der vorliegenden, vielfach vorzüglichen Arbeit durch
ihre Herabfetzung zu befchränken.

Bafel. Franz Overbeck.

Francke, Dr. Karl Bernh., Die Psychologie und Erkenntnisslehre
des Arnobius. Ein Beitrag zur Gefchichte
der patriftifchen Philofophie. Leipzig 1878, Boehme.
(82 S. gr. 8.) M. 1. 20.

DerVerfaffer erörtert im erften Hauptabfchnitt diefer
fehr forgfältig gearbeiteten Schrift die Pfychologie des
Arnobius, nämlich die Anflehten desfelben vom Urfprung
der Seele, welcher in keiner Weife direct auf Gott zurückgeführt
werden könne (vielmehr nur auf ein zwar
erhabenes, aber Gott doch weit untergeordnetes Wefen),
feine entfehiedene Bekämpfung der platonifchen Präexi-
ftenzlehre, feine Anfchauung von der Körperlichkeit der
Seele und ihrem beklagenswerthen phyfifchen und mora-
lifchen Zuftande, ihrem ,mittleren' Wefen, das zwifchen
Leben und Tod, Fortdauer und Vernichtung fchwebt,
infofern an eine wefentliche und natürliche Unfterblich-
keit nicht zu denken ift, fondern nur an einen zwiefachen
möglichen Ausgang, der Vernichtung einerfeits, der göttlichen
Erhebung der an fich Sterblichen, foweit fie in
GottesGemeinfchaft getreten find, andererfeits. Der zweite
Hauptabfchnitt unterfucht die empiriftifch, ja fenfualiftifch
gerichtete Erkenntnifslehre des Arnobius, welche, allerdings
mit einer wichtigen Ausnahme hinfichtlich der