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Ausgabe:

1878 Nr. 20

Spalte:

499-500

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hans, Julius

Titel/Untertitel:

Glaube und Leben. Predigten 1878

Rezensent:

Thoenes, Karl

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499

Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 20.

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geftellt werden. Und fragt man nach den Früchten,
welche eine kirchenregimentliche Praxis wie die von
dem Verf. empfohlene bringen müfste, fo könnten diefe
nur recht bedenklicher Art fein. Wie follte es um den
Wahrheitsfinn angehender Geiftlicher beftellt fein, welchen
zwar geftattet wäre, gewiffe Privatgedanken über dog-
matifche Fragen für fich zu haben, aber eben nur für
üch und mit der Aufgabe, fich derfelben möglichft bald
zu entledigen, um an dem Fntwickelungsziele, welches
von vorn herein feftfteht, anzulangen. Und jene discre-
tionäre Befugnifs geiftlicher Oberen, einen fonft tüchtigen
Candidaten a limine abzuweifen, weil er fich nicht über
die rechte Herzensftellung auszuweiten vermag, möchte
denn doch fchlimmer fein als die Uebel, denen dadurch
begegnet werden foll.

Friedberg. K. Koehler.

Mönckeberg. Paft. Dr. C, Dass das Sabbathsgebot noch
feststeht. Ein Sendfehreiben an Max Frommel.
Flamburg 1877, Nolte. (77 S. gr. 8.) M. - 80.

Den Anlafs zur Veröffentlichung diefer kleinen
Schrift hat M. Frommeis Vortrag ,über Zeit und Geld'
gegeben. Er habe, fchreibt der Verf., mit einem Kreife
gleichgefinnter Freunde diefen Vortrag mit höchftem
Beifall angehört; nur Eins fei darin vermifst worden, die
gefetzliche Begründung des Sonntags, wogegen freilich
von anderer Seite eingewandt wurde, ,dies fei wider
unfere fymbolifchen Bücher'. So ift der Verf. dazu gekommen
, die Frage nach der gefetzlichen Grundlage des
Sonntags zu erörtern. Er kommt zu dem Ergebnifs,
dafs das Sabbathsgebot in demfelben Sinne aufgehoben
fei und doch auch fortbeftehe wie, nach Paulus und
Luther, das ganze Gefetz. ,Der wahre Chrift, der fich
frei fühlt durch feinen Glauben, der fühlt fich gebunden
durch die Liebe, — darum fühlt er fich auch verpflichtet,
das Sabbathsgebot zu halten.' — Der Verf. hat Recht,
wenn er die Sonntagsheiligung nicht blofs als eine Sache
äufserlicher Zweckmäfsigkeit und darum menfehlichen
Gutdünkens, fondern als eine fittliche Pflicht, als das
Gebot einer gottgefetzten Lebensordnung aufgefafst
wiffen will. Abgefehen von Einzelnem, worüber fich
Breiten läfst, wird man feiner Gefammtauffaffung der
Sache nur zuftimmen können. In dem Sinn, wie er es
meint, werden feinen Satz, dafs das Sabbathsgebot noch
feftftehe, auch folche Sonntagsfreunde unterfchreiben,
welche die Legitimation ihrer Beftrebungen nicht in der
Berufung auf das Wort des altteftamentlichen Gebotes
fuchen und finden.

Friedberg. K. Koehler.

Predigt-Literatur.
Hans, Pfr. Jul., Glaube und Leben. Predigten. Augsburg
1878, Schloffer. (VII, 363 S. gr. 8.) M. 3. 50.

Der Verfaffer diefer Predigtfammlung ift Stadtpfarrer
in Augsburg, und man merkt auch feinen Predigten
überall an, dafs er den Bedürfnifsen einer modernen
ftädtifchen Gemeinde forgfältig gerecht zu werden fucht.
Sein theologifcherStandpunktiftder der liberalen Theologie
; aber nirgends tritt diefer in polemifcher Weife hervor
; vielmehr ift der Verf. bemüht, von diefem feinem
Standpunkte aus in erfter Linie religiöfes Leben zu
wecken und zu erbauen. Wir zweifeln nicht daran, dafs
er in diefer Weife mit Erfolg gearbeitet hat, wie denn
auch laut der Vorrede die Veröffentlichung der einen
oder der andern feiner Predigten von Gemeindegliedern
begehrt worden ift. Der Art, wie er auch Zeitfragen im
Lichte der Schriftwahrheit beleuchtet — man vergleiche
z. B. die 10. Predigt über ,Glauben und Wiffen', die 20.
über ,Moral und Religion', die 30. über ,Arm und
Reich' —, kann man im Allgemeinen nur zuftimmen;

nüchtern und befonnen fchaut er den Fragen in's Antlitz
und weifs geeignete Mahnung eindringlich abzuleiten.
Auch durch Kürze zeichnen die Predigten fich aus. —-
Nicht immer dagegen find die Textgedanken ausgiebig
verwerthet — man vergleiche z. B. den 2. Theil der
6. Predigt —, und ebenfo entfpricht das Thema nicht
immer genau dem Texte — vgl. z. B. die 2. Predigt, in der
eigentlich nur von zwei apoftolifchen Mahnungen hätte
die Rede fein können. Die Diction ift einfach und fchlicht,
die Irlterpunction aber nicht immer forgfältig; fo fchliefsen
viele rhetorifche Fragen mit einem Punkt. Doch diefe
Ausftellungen follen dem Werthe der Gabe, welche von
dem Herrn Verf. den Amtsgenoffen dargeboten wird,
; keinen Abbruch thun.

Beyschlag, Prof. D. Willib., Erkenntnisspfade zu Christo.

Auswahl academifcher Predigten. Berlin 1877, Rauh.
(III, 236 S. gr. 8.) M. 2. 80.

Auch die unter vorftehendem Titel herausgegebenen
21 Predigten Beyfchlag's kommen den Bedürfnifsen be-
fonders folcher Chriften entgegen, die mit der gegenwärtigen
Zeitbildung genauer bekannt und von ihr bewegt
find. Sie fuchen vorzugsweife Angriffen gegen die
chriftliche Wahrheit zu begegnen und Zweifel an derfelben
zu löfen. Wie der Titel befagt, find fie ausgewählt
aus akademifchen Predigten und haben ihrer ur-
1 fprünglichen Beftimmung nach Vorm und Inhalt ficher
auf's Befte entfprochen. Ueberall zeichnen fich diefelben
! aus durch Klarheit der Gedankenentwickelung und edle,
! gehobene Sprache, welche namentlich auch paffende Bilder
! zweckmäfsigverwerthet, ohnedochmitbildlichemSchmuck
j überladen zu fein. Einzelne Ausdrücke, wie ,Vieh' auf
S. 135, ,ins Beftiale führen' auf S. 155, hätten wohl vermieden
werden können. Befonders eingehend ift die Frage über
das Verhältnifs von Religion und Sittlichkeit behandelt;
wir heben in diefer Beziehung die drei Predigten über
das Gleichnifs vom verlorenen Sohn ganz befonders hervor
. Allerdings kann es zweifelhaft fein, ob der Herr
Verfaffer der Apologetik auf der Kanzel nicht zu viel
Raum verftattet habe, fo dafs manche einfachere Ge-
I müther erft durch ihn in allerlei Zweifel mögen hinein
gekommen fein; aber jeder Prediger mufs ja fein Audi-
I torium am bebten felbft kennen. Sicher werden viele
j Amtsgenoffen diefe Predigten gern lefen und aus den-
felben zur Verwerthung in der eigenen Praxis Mancherlei
entnehmen können.

Ültzen, Paftor W., Unter dem Kreuze. Letzte Predigten
über die gewöhnlichen Evangelien. Hamburg 1877,
Walther in Comm. (IV, 464 S. gr. 8.) M. 4. 50.

Einen wefentlich anderen Charakter, als die beiden
vorgenannten Sammlungen, trägt die Predigtfammlung
von Ueltzen. Sie enthält, wie der Titel angiebt, letzte
Predigten des Verf.'s über die gewöhnlichen Evangelien,
welche ihm, wie er in der I. Predigt auch der Gemeinde
verkündigt, vor anderen Perikopen befonders theuer find.
Nach der Vorrede beanfprucht er nicht, Mufter der geift-
lichen Redekunft darzubieten, fondein will nur denen
eine Rechenfchaft geben, die an feinem Lebenswege
irgendwie theilnehmen. Von diefem Wege erfahren
wir , dafs der Verfaffer, nachdem er aus Hannover
vertrieben worden , in der Braunfchweigifchen Landeskirche
mehr als 8 Jahre fein Amt ausgerichtet habe;
aber auch hier fei ihm etwas wider fein Gewiifen von
der Kirchenregierung zugemuthet worden, fo dafs er
auch diefe Stätte feines Wirkens habe verlaffen müffen.
Für Fernerftehende , meint er, würden feine Predigten
einen Werth darin haben können , dafs fie von einem
Manne herrühren, der einftehe für das, was er fage. —
Gehen wir nun auf die Predigten felbft ein, fo zeichnen
fie in formeller Beziehung zwar alle durch Kürze fich
aus, aber die Darftellungsweife ift nicht nur fchr trocken,