Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1878 Nr. 20

Spalte:

489-495

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Golther, L. von

Titel/Untertitel:

Der moderne Pessimismus. Studie aus dem Nachlaß 1878

Rezensent:

Stieren, Adolph

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3, Seite 4

Download Scan:

PDF

489 Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 20. 490

bequemer unter dem Text; die Einrichtung ift im übrigen
die gleiche. Die Spalten I, 921—32, II, 637—46 bringen
eine gröfsere Anzahl von Addcnda et Corrigcnda; es ift
übrigens im fyrifchen, wie im la-tcinifchen Text noch
eine gröfsere Anzahl von Druckfehlern flehen geblieben.
Bickell in der ZDMG 27, 161 f., Nöldeke G. G. A. 73
Stück 27, 75 Stück 18, Jen. Lit. Ztg. 77, 52 haben eine
Reihe Berichtigungen dazu gegeben, die theilweife fchon
unter die Corrigenda aufgenommen find; einzelne Ver-
fehen kommen noch in der lateinifchen Ueberfetzung
vor; z. B. I, 268, II, 90 mufs es ftatt in (coenobio) Anton
Alcxandriac heifsen: ad i'vatuv oder l'vvarov; das grofse
Klofter beim 9. Meilenflein von Alexandrien ift gemeint,
an deffen Mönche Dioscur von Gangra aus einen berühmten
Brief gefchrieben hat; überhaupt hätte in der
Wiedergabe der unbekannten Namen eine gröfsere Akribie
beobachtet werden können; I, 102 z. B. erfchwert
die Tranfcription Aod für Iis toder ■my) fehr die Iden-
tificirung mit dem Sectenftifter Audius. Ein forgfältiges
Namenregifter II, col. 577—634 erleichtert den Gebrauch
des Werkes, und die dem 1. Band vorausgefchickte Einleitung
, welche, allerdings ganz vom katholifchen Standpunkt
aus, über den Monophyfitismus im allgemeinen, das
Glaubensbekenntnifs des Ab. im befondern, fowie über
deffen Leben und Schriften Auffchlufs giebt, wird manchem
der katholifchen Subfcribenten des Werks, bei denen
eine nähere Bekanntfchaft mit der fyrifchen Kirchen-
und Literaturgefchichte naturgemäfs nicht vorausgefetzt
werden konnte, willkommen gewefen fein. Zu p. XX
diefer Praefatio, zugleich zu Lagarde's Artikel Abulfa-
radfeh (Real-Enc. I 2, 111) trage ich nach, dafs deffen
Buch der Lieder, welches Lagarde herauszugeben ver-
fprochen hat, inzwifchen in Rom von einem maronitifchen
l'riefter Scebabi (1877) veröffentlicht wurde; vgl. Lit.
Centralbl. 78, 15 Sp. 513.

Tübingen. Dr. E. Neftle.

Golther, Staatsminist. Dr. L. von, Der moderne Pessimismus
. Studie aus dem Nachlafs. Mit e. Vorwort
v. Frdr. Thdr. Vifcher. Leipzig 1878, F. A. Brockhaus
. (XII, 224 S. gr. 8.) M. 4. —

Ein opus posthumum des im Alter von 53 Jahren verdorbenen
Würtembergifchen Staatsminifters von Golther.
Die Wittwe des Heimgegangenen übergab dem Profeffor
Vifcher, welcher einft der Lehrer G.'s gewefen, ein
Manufcript, in welchem G. einen kritifchen Gang durch
die Räume der Gefchichte der Philofophie angeftellt
hatte, wie es fcheint, mit Rückficht auf das Verhältniss
Gottes zur Welt nach chriftlicher Anfchauung. Von die-
fem ziemlich umfangreichen handfehriftlichen Werke,
welches nicht überarbeitet und druckfertig von dem
Verdorbenen hintcrlaffen worden war, hat Vifcher den
Theil, welcher den modernen Bcffnnismus Schopenhauer's
und von Hartmann's betrifft, herauszugeben fich ent-
fchloffen, weil diefer Theil der Arbeit am meiden durchgearbeitet
war. Die Schrift G.'s leidet hin und wieder
an einer gewiffen Breite und manchen Wiederholungen;
aber fie enthält eine klare und in's Einzelne eingehende
Dardcllung der beiden peffimidifchen Sydeme, und die
ruhige, von fittlich chridlichem Ernd getragene Würdigung
derfelben macht einen höchd wohlthuenden Eindruck
und fichert dem Buche einen bleibenden Werth.

Bei Beantwortung der alten Frage: nodsv zo xazöT
danden fich immer zwei Wcltanfchauungen gegenüber,
die optimidifche und die peffimidifche. Den präcifeden
Ausdruck für die erdere giebt die von Leibniz aufge-
dellte Theodicee, welche nachzuweifen verbucht, dafs
diefe Welt die bede, und alles Uebel, phyfifches wie
moralifches, eine Folge der natürlichen Befchränktheit
und Unvollkommenheit der Gefchöpfe fei. Der moderne
Peffimismus erklärt dagegen die Welt für fo grund-

fchlecht, dafs ihr Nichtfein dem Sein derfelben vorzuziehen
fei. Peffimidifche Stimmungen und Ausfprüche
haben fich wohl zu allen Zeiten und bei allen Völkern
gefunden, — in der chridlichen Zeit zuerd bei den
Gnoftikern des zweiten Jahrhunderts, deren Sydeme alle
auf einem milderen oder drengeren Dualismus bafirt find.
Es id und bleibt aber eine merkwürdige Signatur unferer
Zeit, dafs zwei Deutfche Philofophen die peffimidifche
Weltanfchauung tiefer zu begründen buchen, der eine
mit Anwendung naturwiffenfehaftlicher Refultate auf feine
Speculation, während beide an den Buddhismus fich hingeben
, welcher auf religiöfem Gebiete den Peffimismus
durchgeführt hat, das Dafein an fich für das Grundübel,
und die Vernichtung des individuellen Dafeins für das
radikale Heilmittel alles Uebels erklärt.

Schopenhauer will Wefen und Grund der Welt
aus dem Wefen des Menfchen als des Mikrokosmos erkennen
. Zwei Thatfachen, dafs der Menfch vorfteilen
und wollen kann, dienen ihm zur Erklärung des Welt-
wefens. Die Welt ift ihm die Expanfion des Menfchen
zum Univerfalwefen der Dinge; die Anthropologie erweitert
fich ihm zur Kosmologie. Ohne das vorftellende
und erkennende Subject giebt es kein Object. ,Das Sub-
ject ift der Träger der Welt, die durchgängige, ftets
vorausgefetzte Bedingung alles Erfcheinenden, alles Ob-
jects: denn nur für das Subject ift, was nur immer da
ift'. Unter heftiger Polemik gegen Fichte, Schölling und
Hegel bekennt fich Schopenhauer zum Idealismus, während
er im weiteren Verlaufe feines Syftems einer materia-
liftifchen Weltanfchauung fich hingiebt.

Obwohl Sch. behauptet, dafs das ,Ding an fich' unmöglich
erkannt werden könne, dafs das ,Anfich der
Dinge' in dem Willen wie in der allerleichteften Verhüllung
fich darfteile; fo behauptet er doch wieder, das
Subftanzielle im Menfchen fei der Wille, von dem wir
keine objective, fondern eine unmittelbare Erkenntnifs
befitzen, die weder eine phyfifche noch logifche Wahrheit
genannt werden kann. Aber diefe Erkenntnifs ift
,die philofophifche Wahrheit zerr' et-ox>'jv'. Erkennt das
Subject, dafs es Vorftellung oder Erfchcinung, und
Wille, d. h. das Anfich der Erfcheinung oder deren
Subftanz ift; fo mufs es dasfelbe, falls es nicht ,dem
theoretifchen Egoismus' verfallen, d. h. fich allein eine
reale Exiftenz zufchreiben will, dasfelbe von den übrigen
Objecten in der Welt annehmen. Hieraus zieht Sch. den
kühnen Schlufs, ,den man', fagt Golther, ,mit Grund
einen Salto mortale nennen möchte': alle Dinge feien zugleich
Vorftellung und Wille, und der Wille fei, wie das
Subftanzielle im Menfchen, fo in der ganzen Welt.

Golther bemerkt fehr richtig, dafs hier das Wort
.Wille' in einem ungewöhnlichen Sinne genommen ift.
Bei dem Schopenhauer'fchen Willen darf nämlich nicht
an den bewufsten perfönlichen Willen gedacht werden:
er foll eine allgemeinere Bedeutung haben. Nach Sch.
werden unter .Willen' alle Naturkräfte, Schwere, Magnetismus
, Elektricität, alle Kräfte der anorganifchen und
organifchen Natur, das animalifche und bewufst geiftige
Leben, und als die höchfte Stufe der felbftbewufste
Wille des Menfchen zufammengefafst. Hartmann meint,
dafs der Ausdruck ,Wille' viel richtiger und bezeichnender
fei, als das Wort .Kraft', von Golther hat es
mit Recht getadelt, dafs es bei Sch. an einem beftimm-
ten Begriff des .Willens' fehle; aber er hat nachzuweifen
unterlaffen, dafs der Begriff vom .Willen' in diefer allgemeineren
Bedeutung eine der unhaltbaren Grundlagen
der Syfteme Schopenhauer's und Hartmann's bildet, und
dafs die Confequenzen, welche aus diefem Begriffe gezogen
find, mit demfelben zugleich hinfällig werden
müffen. Bei den beiden peffimiftifchen Philofophen kommt
die Materie nicht zu ihrem Rechte: bei Beiden ift die

I Welt mit allen einzelnen Dingen nur Vorftellung oder
Erfcheinung; allein der Wille als die Subftanz hat reale

I Exiftenz. Nach diefem Begriff vom Willen erfcheint die