Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1878 Nr. 20

Spalte:

485-486

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dembowski, Herm.

Titel/Untertitel:

Die Quellen der christlichen Apologetik des zweiten Jahrhunderts. Teil 1: Die Apologie Tatians 1878

Rezensent:

Lipsius, Richard Adelbert

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

4»5

Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 20.

486

haben, womit auch die kritifchen Folgerungen aus feiner
Auffoflung hinfällig werden.

In dem zweiten Fragment hält W. mit Recht an
dem einfachen Sinn der Inytn feft, belobt auch den Referenten
, dafs er die gegnerifchen Argumente widerlegen
geholfen, findet aber, dafs ich den Aft, auf dem meine
Erklärung der Inyia fitze, unbarmherzig abfäge fp. 86).
Auch fonft führt er mich wiederholt als einen folchen
an, der unter i.oyia auch ,erzählende Elemente' (p. 3 , oder
gar eine ,auch erzählende Elemente enthaltende Schrift'
(p. 82) verfleht. Es ift dies wieder eine der Ungenauig-
keiten, an denen es bei W. trotz aller fonftigen Akribie
nicht fehlt. Ich habe eben nirgends unter Inyia etwas
anderes verftanden, als was W. darunter verficht, aber
behauptet, dafs die Befchreibung des Presbyters sehr
wohl auch auf eine Schrift paffe, die erzählende Elemente
in der von mir angenommenen Begrenzung enthielt,
alfo a potiori als Redefammlung bezeichnet war. Dafs
dies in dem Papiasfragment angedeutet, habe ich nirgend
behauptet. Dagegen ift es W., der p. 94 plötzlich das
loiujrtvat auf ,die Matthäusfchrift als Ganzes' bezogen
haben will, während doch das uvici ausdrücklich auf die
in der Schrift des Matth, enthaltenen Logien und nicht
auf ,die Logien als Schrift' (p. 96) zurückweift. Die
Gegenbemerkungen von W. auf p. 95 zeigen nur, dafs
er meine Beweisführung in diefer Beziehung nicht verftanden
hat.

Das Refultat W.'s find aphoriftifche Marcusmemora-
bilien und eine ausfchliefslich Herrenfprüche enthaltende
Matthäusschrift. So anerkennenswert!) es ift, dafsW. trotzdem
an einem Zufammenhang jener mit der fynoptifchen
Grundfchrift und diefer mit dem I. und 3. Evangelium
feilhält, fo kann ich doch durch diefe neue Erklärung die
betreffenden Fragen nicht gefördert finden. Wer fich
aber durch die ermüdende Breite nicht abfchrecken
läfst, wird immerhin ein reichhaltiges Material zur Löfung
derfelben und zur Gefchichte ihrer Behandlung in diefem
Buche finden.

Berlin. Dr. Weifs.

Dembowski, Dr. Herrn., Die Quellen der christlichen Apologetik
des zweiten Jahrhunderts. Teil I: Die Apologie
Tatians. Leipzig 1878, Böhme. (VI, 96 S. gr. 8.)
M. 1. 80.

Der Verf. diefer fcharffinnigen und methodifch vorzüglichen
Abhandlung verfucht den Nachweis zu führen,
dafs Tatian in feiner Apologie die Schriften feines Leh- j
rers Juftin nicht benutzt habe, fondern überall, wo er
fich mit demfelben berühre, auf eine gemeinfame Quelle
zurückweife, in welcher eine ältere apologetifche Schrift
aus der Zeit Hadrians vermuthet wird. Ref. leugnet
nicht, dafs die getroffene Auskunft fich an einer Reihe
von Stellen als eine fehr wohl mögliche darfteilt, kann
aber, fo lange nicht noch weiteres Material beigebracht j
wird, den Ring des Beweifes noch keineswegs für ge-
fchloffen erachten. Der Verf. macht felbft gegenüber j
einer Reihe von ihm geltend gemachter Uebereinftim-
mungen unbefangen darauf aufmerkfam, dafs fie für fich j
allein nichts beweifen können. Aber auch diejenigen
Beweisflellen für eine gemeinfame fchriftliche Quelle, !
welche er S. 19—34 erörtert und S 94 f. recapitulirt, find j
keineswegs ficher. Die Berührungen Tatians c. 5 mit
dial. c. Trypli. 61 in der Logoslehre find zwar gewifs
nicht aus literarifcher Benutzung der letzteren Schrift,
aber recht gut aus treuer Erinnerung an den mündlichen i
Unterricht Juftins zu erklären, und wenn auch der letztere
felbft für das Bild von dem am Feuer fich entzündenden
Feuer auf eine ältere Ueberlieferung fich beruft,
fo braucht diefe darum doch noch keineswegs auf eine i
apologetifche Schrift zurückzugehen. Aehnlich verhält j
es fich mit den Stellen Tatian. 6. 25 vgl. Juftin. Apol. I I

c. 8. 19. 20. II c. 7 ftoifche Lehre von dem periodifchen
' Weltbrand, Minos und Rhadamanthys, Vergleichung der
Auferftehung mit der Entftehung des menfehlichen Lei-
j bes) und Tatian. c. 7 vgl. Juftin. Ap. I c. 28. 43—44. Ap.

II. c. 7. Dial. c. 88. 102. 141 (freier Wille von Engeln
: und Menfchen, keine siviagfierrj, wie folche auch durch
I die Erfüllung der prophetifchen Weiffagungen nicht con-
ftatirt werden kann). Was aus dielen Stellen fich mit
Sicherheit ergiebt, find lediglich gewiffe übereinftimmende
Gedankenverknüpfungen, Argumente und termini, welche
j allerdings nicht blofs der gemeinchriftlichen Lehrüber-
j lieferung, fondern offenbar der theologifchen Schule an-
I gehören. Dafs Tatian fich aber gelegentlich ausdrücklich
auf die Lehren Juftins beruft )c. 18 die Vergleichung
j der Dämonen mit Räubern) hat Dembowski felbft p. 41
unbefangen hervorgehoben und wohl richtig auf mündliche
Unterweifung zurückgeführt. Bemerkenswerth, aber
i ebenfalls für fich allein nichts beweifend, find Abfchweif-
1 ungen, welche den geordneten Gang der Darlegung
unterbrechen, und zu denen Tatian nach des Verf. Ver-
muthung den Anftofs von anderer Seite empfangen haben
foll. Aber gerade die von ihm befonders hervorgehobene
Stelle c. 19 über die Todesfurcht der heidnifchen Philo-
j fophen beweift um fo weniger, als Tatian hier wohl durch
die kurz vorhergegangene Erwähnung feines Lehrers
Juftin veranlafst, der Nachftellungen des Crescens (nicht
Crescenz, wie der Verf. beharrlich fchreibt) gegen Juftin
und ihn felbft gedenkt und auch fonft Anfpielungen auf
Verhältnifse feiner Zeit einfügt, dann aber alsbald mit
der Frage vi ydg wti ftavztH^i in fein Hauptthema zurücklenkt
. Im Grunde ift diefes jedoch niemals verlaffen,
da Tatian ebenfo wie die Habfucht der Philofophen
(p. 158C) fo auch wohl ihre Todesfurcht" auf ihr Be-
herrfchtwerden von den Dämonen zurückführen will.
Sehr wahrfcheinlich ift dagegen, dafs Tatian für feine
Angriffe gegen die heidnifche Götterlehre und gegen die
heidnifchen Sitten eine fertige Beifpielfammlung benutzt
hat (S. 65 vgl. S. 77); wir wiffen nur nicht, ob diefelbe
chriftlichen oder jüdifchen Urfprungs war. Für den ,mit
der Fülle hiftorifchen Materials ausgeftatteten Altersbeweis
' der biblifchen Offenbarung fieht fich auch der Verf.
felbft genöthigt, die Benutzung jüdifcher Quellen zu ver-
muthen (S. 89) und diefelbe Annahme wird ohnehin bei
den reichen chronographifchen Ausführungen Tatians
unabweisbar fein. Wenn hiernach auch die Hauptthefe
des Verf., die Benutzung einer älteren apologetifchen
Schrift fowohl durch Tatian als durch Juftin wenigftens
zur Zeit kaum zur Wahrfcheinlichkeit erhoben, gefchweige
erwiefen ift, fo bleibt fie immerhin eine Möglichkeit, mit
der man zu rechnen hat. Möge der Verf. daher bald
Gelegenheit finden, feine verdienftlichen Unterfuchungen
fortzufetzen.

Jena. Lipfius.

Gregorii Barhebraei Chronicon Ecclesiasticum quod e
codice Musei Britannici descriptum conjuneta opera
ediderunt, latinitate donarunt annotationibusque theo-
logicis, historicis, geographicis et archaeologicis
illustrarunt Joannes Baptista Abbeloos, S. Theol.
Dr. etc., et Thomas Jofephus Lamy, S. Theol. Dr.
Tomus I. II. III. Lovanii 1872, 1874, 1877, exeude-
bat Car. Peetcrs [Paris, Maisonneuve]. (XXXII S.,
930 coli. u. VI S., 652 coli. 4.)

Unter den 31 Werken, welche Gregorius Abulfa-
radfeh, der Sohn eines zum Chriftenthum übergetretenen
Juden Aharon, der wichtigfte Schriftfteller im filbernen
Zeitalter der fyrifchen Literatur hinterlaffen 'er ftirbt
1286 als Maphrian d. h. zweithöchfter kirchlicher Würdenträger
der Jacobiten), ift wohl feine zweigetheilte
Chronik eines der wichtigften. Der erfte, die Profan-