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Ausgabe:

1878 Nr. 20

Spalte:

483

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sillem, C. H. W.

Titel/Untertitel:

Das alte Testament im Lichte der assyrischen Forschungen und ihrer Ergebnisse. 1. Die Genesis 1878

Rezensent:

Baudissin, Wolf Wilhelm

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Seite 1

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483 Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 20. 484

fchung oder der Ermittelung'. Er giebt hier zunächft j Weiffenbach, Prof. D. Wilh., Die Papias-Fragmente über
die fynthetifche Grundlegung der Hermeneutik, fofern Marcus und Matthäus eingehend exegetifch unterfucht
er die Schrift im Ganzen wie nach Seite ihrer einzelnen

Theile charakterifirt, um dann eine analytifche Grundlegung
folgen zu laffen,d. h. die Sprachformen der heiligen
Schrift ins Licht zu (teilen. Ueber die Principien und Normen
der Auslegung ift im Weiteren gehandelt, indem theils die
Gefchichte der Schrift-Interpretation entwickelt, theils
eine Darfteilung der exegetifchen Grundregeln felbft gegeben
wird. Der zweite Theil (S. 77 bis 90) dagegen
enthält ,die Theorie der Darfteilung oder der Vermittel-
ung'. In aller Kürze wird hier der Begriff der Auslegung
fixirt, der Zweck derfelben bezeichnet, ihre Methode
angegeben und auf ihre Bedingtheit und Unvoll-
kommenheit wie anderfeits auf ihre ideelle Vollendung
gewiefen. Das eigentlich Hauptfächliche ift demnach
überrafchend bündig abgefertigt worden. Hat eine Hermeneutik
vor allen Dingen die Methode rechter Schrift-
erklärung, m. a. W. die verfchiedenen Operationen des
Interpreten wie die einzelnen Regeln und Gefetze dar-
zuftellen, nach welchen feine Arbeit fich vollziehen foll,
fo hat D. Lange diefer Hauptaufgabe nur S. 68 bis 76
fich zugewendet, in einem Paffus, der auch dann noch
als zu knapp und mager erfcheinen mufs, wenn man in
feinem Buch nur einen .Grundrifs' fieht. Geiftvolle Bemerkungen
übrigens treten in der Schrift entgegen, wie ein-

u. kritifch gewürdigt, zugleich ein Beitrag zur synop-
tifchen Frage. Berlin (1878), Schleiermacher. (XII,
135 S. gr. 8.) M. 2. —

Wenn der Verf. im Vorwort erklärt, dafs er fich nach
Kräften bemüht habe, den Fehler zu umftändlicher Dar-
Itellungsweife zu vermeiden, fo wird felbft der billigfte
Beurtheiler geliehen müffen, dafs ihm dies leider noch
keineswegs gelungen ift. Es handelt fich hier nicht nur
um die ermüdende Breite und die endlofen Wietier-
holungen, um die breitfpurige Art der Polemik und die
weitläufigen Betrachtungen über den Gang der eignen
Unterfuchung, fondern um die Kleinigkeitskrämerei, die
z. B. p. 37 A. 1 felbft Schenkel einen Schreibfehler und
Meyer einen Accentfehler bei dem Worte (Qttrivaurrjg aufrückt
(obwohl der Verf.felbft beftändig egftrpevtijg fchreibt)
und das Unwichtige nicht mehr von dem Entfcheidenden
zu fondern weifs. Wäre darüber Alles mit derfelben
Accurateffe behandelt, fo müfste man es fich ja zuletzt
gefallen laffen; aber Referent z B. findet auf wenig Seiten
feine Anficht theils thatfächlich unrichtig (p. 57),
theils ungenau (p. 65 j und mifsverftändlich (p. 72) wiedergegeben
. Sonderbar genug ift es, wenn W. p. 65 dagegen
polemifirt, dafs Papias den Marcus gegen einen

zelne Urtheile, deren Kühnheit nach den Commentaren /Vorwurf vertheidigt, und gleich im Folgenden doch
des Verf.'s weniger befremden kann. In letzterer Hin- felbft ganz richtig die Ablehnung diefcs .Vorwurfs' Anficht
erinnern wir nur daran, dafs Lange den Hebräer- | det (p. 69. 73. IOO), oder wenn er p. 51 uns eingehend
brief, den 1. Brief Petn und den Brief des Jacobus noch , darüber belehren zu müffen meint, dafs oina^ nicht
immer (vgl. S. 50) als eine grofse Trilogie auffafst mit identifch mit cd£ic fei. Ausführlich polemifirt er gegen
einer dreifachen Warnung an die Judenchnften vor dem l die Unterfcheidung der Reflexionen des Papias von der
Abfall an den revolutionären Chiliasmus im Jahrzehend j Mittheilung des Presbyters über die Marcusfchrift; aber
von 6b bis 70 n. Chr. w;e papias eine fo umfangreiche mündliche Mittheilung

Leipzig. Wold. Schmidt. ! aes Presbyters, noch dazu aus zweiter Hand (p. 27), wörtlich
(bis auf ein ug Ecpt/p) im Gedächtnifs behalten und

Sillem, Dr. C. H. W., Das alte Testament im Lichte der
assyrischen Forschungen und ihrer Ergebnisse. I. Die

Genefis. Leipzig 1877, O. Schulze. (39 S. 4.)
M. 1. 50.

wiedergegeben haben foll, darüber fagt er auch nicht
ein Wort. Sehr energifch weift er jede Deutung des
£Qfir,vEvzt]g, die darin nicht einen einfachen Dolmetfcher
findet, zurück; aber was es für die Mittheilung des Presbyters
für eine Bedeutung hatte, dafs der Marcus, von
dem er erzählt, gerade ein Dolmetfcher (nicht: ein Be-
Diefe Abhandlung verdankt ihre Entftehung der ! gleiter oder: ein Schüler) des Petrus geworden war,
Vorbereitung des Verf. für Religionsftunden an einer das hat er uns nicht erklärt.

höheren Bürgtrfchule. Es wäre zu wünfehen, dafs alle hi der Erklärung des erften Fragments ift für die

Religionslehrer fo gewiffenhafte Vorftudien machten, j Faffung des Verf.'s entfeheidend, dafs derfelbe jede Be

Den Hiftorikern und altteftamentlichen Theologen bringt
der Verf. freilich nichts Neues, macht auch keinen An-
fpruch darauf, fondern will in grofser Befcheidenheit nur
Auszüge aus den fachmännifchen Schriften geben. Auf

Ziehung auf eine andere Schrift, an der der Presbyter
die zot-ig der Marcusfchrift bemeffen habe, zurückweift;
er kann dies aber nur, indem er ,contextwidrig' unter-
fchiebt, dafs ihm diefelbe ,vom Standpunkt einer Dareine
Kritik der Affyriologie verzichtet er als der Sprache i ftellung des Lebens Jefu aus' der zdijtc entbehrte
und Schrift nicht kundig. Aber auch feine Antikritik | (p. 53). Da es nun damals dergleichen noch nicht gab,
gegen v. Gutfchmid will nicht viel befagen, meift Neben- j auch der Presbyter ficher nicht das Ideal einer folchen
fächliches mit auch fonft diefer Abhandlung eignender : mit fich herumtrug, fo blieb für ihn nur die Vergleichung
Breite behandelnd. Betreffs des Inhaltes fei nur bemerkt, mit der gefchichtlichen z-dtjtc aller Worte und Thaten
dafs diefer erfte Theil hauptfächlich Auszüge giebt aus , Jefu übrig, wenn er nicht auf die t&£tg einer ihm bereits
Geo. Smith's Chaldäifcher Genefis. — An einigen Punkten i vorliegenden Aufzeichnung derfelben reflectirt haben foll.
fehlt genügende Orientirung des Verf.'s, wenn er z. B. j Freilich giebt W. p. 56 zu, dafs er diefe im Einzelnen
S. 9 von der Annahme redet, dafs der Pentateuch ,gar j felbft nicht kannte, hilft aber dann wieder damit, dafs es
erft unter Hiskia redigirt worden' fei, als ob dies der | jedenfalls keine Wiedergabe einer v,d|<c evangelifcher
äufserfte Terminus fei. Trotzdem fpricht er fogleich Gefchichte' war, wovon doch eben gar nicht die Rede
von der Meinung, dafs das Deuteronomium in der Zeit j ift. Ein entfehiedener exegetifcher Fehlgriff ift es zwei-
des Jeremia verfafst worden, dafür keine geringere Au- j tens, wenn W. in dem sviu die Andeutung findet, dafs
torität anführend als einzig und allein Vaihinger mit ! Marcus überhaupt nur Etliches, eine Anzahl Dinge aus
einem Artikel bei Herzog. j dern Leben Jefu auffchrieb (p. 63), da der relative Be-

Strafsburg i/E. Wolf Baudiffin. griff des contextmäfsig doch nur auf Einiges von

dem, was Marcus nach feinen Erinnerungen aufgefchrie-
ben hatte, bezogen werden kann. Trotz allem Pochen
j auf den allein contextgemäfsen Sinn des Fragments, bei
dem er übrigens in feiner Polemik oft zwifchen dem,
i was man darin findet, und dem, was man daraus folgern
kann, nicht genügend unterfcheidet, fcheint mir darnach
i W. dasfelbc in wefentlichen Punkten mifsverftanden zu