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Ausgabe:

1878 Nr. 19

Spalte:

473-475

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Runze, G.

Titel/Untertitel:

Schleiermacher’s Glaubenslehre in ihrer Abhängigkeit von seiner Philosophie kritisch dargelegt und an seiner Speciallehre erläutert 1878

Rezensent:

Gottschick, Johannes

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Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 19.

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mir aber, was L. aus Summenhart's Leichenrede auf
Graf Eberhard über deffeh Bibelftudien mittheilte, insbesondere
, dafs diefer fich nicht bei einer einzigen Ueber-
fetzung des Alten Teftaments beruhigte, fondern deren
fechs in fechs Columnen nebeneinander fchreiben liefs,
welche er Exapla nannte: ein Vorgang zur compluten-
fifchen Polyglotte. Uas Verhältnifs Pellican's und feiner
hebräifchen Studien zu Summenhart wird S. 17 mit
Recht hervorgehoben; unrichtig wird aber noch S. 80
für die erfte Ausgabe von Reifch's Margaritha pJiiloso-
phica das Jahr 1496 ftatt 1503 angegeben. Aufgefallen
ift mir S. 12, 7 die Schreibung Chorgeift und 8, 15 der
alterthümliche Gebrauch von fast in der Redensart: nicht
fo faft — als vielmehr. Die Anmerkungen S. 77—90
geben die nöthigen Quellenbelege zu der angenehm
fliefsend gefchriebenen Darftellung.

Tübingen. Dr. E. Neftle.

Runze, Dr. G., Schleiermacher's Glaubenslehre in ihrer
Abhängigkeit von seiner Philosophie kritifch dargelegt
und an einer Speciallehre erläutert. Berlin 1877, Berggold
. (VII, 106 S. gr. 8.) M. 2. —

Zu dem Hauptintereffe des Verfaffers, welches ,feit
Jahren nach einer felbftändigen Speculation gravitirt'
fleht diefe Schrift in dienendem Verhältnifs. Perfönlich:
er will durch die Darlegung feiner Befähigung zur Be-
griffsfichtung fich gegen den Vorwurf der Begriffsdichtung
fchützen. Sachlich: der Nachweis, dafs Schi.'s
Glaubenslehre trotz aller Prätention inhaltlicher Selb-
ftändigkeit gegenüber der Philofophie doch auch inhaltlich
von philofophifchen Vorausfetzungen beeinflufst ift,
ift ihm ein günftiges Präjudiz für den Primat des Denkens
über das Gefühl, der Philofophie über die Theologie
. Die Speciallehre, an welcher er den Nachweis ver-
anfchaulicht, ift die von der göttlichen Gerechtigkeit.
Ob die Begrenzung auf diefen fehr fpecialen Punkt
zweckmäfsig war, ift dem Ref. fraglich. Das betreffende
Lehrftück läfst fich nicht einmal relativ ifoliren gegen
die ganze Lehre von Sünde und Uebel, in die auch des
Verf.'s Kritik oft genug hineingreift. Sodann hat ihn
diefe Begrenzung zu einer mikrologifchen Auffpürung
von .formellen Akrihen' verleitet, die den anerken-
nenswerthen Aufwand von Fleifs und Scharffinn nicht
lohnt und über der er es verfäumt hat, von Schi, pofi-
tiv zu lernen. Er beachtet auch nicht, dafs in Folge
des erftrebten hiftorifchen Charakters feiner Glaubenslehre
Schleiermacher fich fortwährend zu dialektifchen
Vermittlungen feiner Lehren mit den traditionellen, zu
dialektifchen Mitteln veranlafst fieht, die für ihn felbft
nur relativen Werth haben. Dahin gehört der Gedanke
der Belohnungswürdigkeit Chrifti, fogar die ganze Faffung
des Uebels als Strafe. Schlimmer ift es, dafs er felbft
da, wo Schi, direct von Impulfen der Weltanfchauung
Chrifti geleitet wird und den httlichen, teleologifchen
Charakter der chriftlichen Frömmigkeit fefthält, fo in
der Leugnung der Congruenz von Uebel und wirklicher
Sünde im Einzelnen, lediglich philofophifche Einflüffe
findet. Dafs Schleiermacher's philofophifche Vorausfetzungen
, der Gottesbegriff der Indifferenz und fein
Correlat, der Begriff der fubjectiven Religion inhaltlich
die Glaubenslehre beeinfiuffen, wird ihm Niemand be-
ftreiten, ebenfowenig, dafs hier nicht die Reden von Belang
find, fondern die Dialektik. Seiner Auffaffung diefer
Vorausfetzungen kann Ref. jedoch nicht beiftimmen.
Er unterfcheidet in der Glaubenslehre einen jenfeitigen'
und einen mehr .weltdurchdringenden' GottesbegrifT, die
fich ebenfo widerfprechen, wie ihre Correlate, die Selb-
ftändigkeit des fchlechthinigen Abhängigkeitsgefühls und
die Verflechtung desfelben mit den Functionen des
.finnlichen Bewufstfeins'. Dem entfprechend foll auch
in der Gotteslehre der Dialektik eine Duplicität liegen, |

fofern Gott einerfeits als pofitive Einheit des Idealen
und Realen beftimmt werde, andrerfeits als tranfeenden-
tale und negative Indifferenz, und der erftere Gottesbegriff
mit dem Weltbegriff zufammenfliefse. Nun hat
aber die Identität des Idealen und Realen für Schi, nie
den Sinn, den Verf. mit dem Prädicat ,pofitiv' meint,
dafs aus ihr diefer oberfte Gegenfatz fich ableiten liefse

— folche Speculation perhorrefeirt die kritifch gerichtete
Dialektik. Identität und Indifferenz find völlig gleich-
werthig. Echt kantifch ift ihr das Wiffen, zu dem der
organifche ,Pol' fo unentbehrlich ift wie der intellectuelle,
auf die Erfcheinungswelt befchränkt. Und dies kantifche
Fundament wird fchwerlich entwerthet, wenn Verf. davon
redet, dafs Schi, dies Refultat durch eine empiri-
fche Betrachtung der Denkfunction gewonnen habe. In
der Erfcheinungswelt nun ift eine pofitive Einheit, aus
der die Vielheit fich entwickeln läfst, das letzte Ziel des
das Einzelne verknüpfenden Wiffens; zu ihr befindet fich
das Wiffen nur in unendlicher Annäherung, und fie ift infofern
tranfcendentale Grenze. Dagegen ift für jedes
Wiffen die Indifferenz der oberften Gegenfätze die tranfcendentale
Vorausfetzung. In die Erfcheinungswelt
oder die Wirklichkeit nun kann nichts eintreten, was
nicht .ofcillirendes Quantum' wurde; und darum verkennt
Verf. den tranfcendentalen Charakter des fchlechthinigen
Abhängigkeitsgefühls völlig, wenn er einen Wi-
derfpruch darin fieht, dafs es empirifch nur in wechfeln-
der Stärke und nie für fich den Moment erfüllen kann.
■— Als Hauptrefultat feiner Unterfuchung bezeichnet
Verf. die Einficht, dafs Schi.'s Gotteslehre deiftifch fei

— die jenfeitige Gottheit ftehe einem felbftändigen und
ein für alle Mal abgefchloffenen Naturzufammenhang
gegenüber. Diefe Deutung ift falfch; des Verf.'s ,ein
für alle Mal' verfirt im Element der Zeitvorftellung, es
ift das directe Gegentheil der ftetigen Abhängigkeit, in
welcher nach Schi, der erfcheinende Naturzufammenhang
zu feiner durchgängigen intelligiblen Vorausfetzung
fteht. Wenn er vollends Anfätze zu dem chriftlichen
Theismus fieht, wo Schi, in der Sünde und in der Sendung
Chrifti eine Art Durchbrechung des Naturzufammen-
hanges zuzugeftehen fcheint, fo ift zu erwidern, dafs
weder Schi, wirklich Willens ift, das ihm Infinuirte zu
thun, noch durch eine folche Offenheit des Naturzufam-
menhanges für, grob gefagt, willkürliche göttliche oder
menfehliche Eingriffe der Deismus überwunden ift: ganz
im Gegentheil liegt gerade diefem vermeintlichen Theismus
die deiftifche Trennung von Gott und Welt zu
Grunde, werden doch Naturzufammenhang und Gott eben
im Wicierfpruch mit der religiöfen Beurtheilung der Sache
in ausfchliefsenden Gegenfatz gefetzt. Solch' empirifcher
Supranaturalismus ift mit dem Rationalismus aus einer
Wurzel entfprungen! Am allerwenigften liegt in diefen
angeblichen formalen Abweichungen ein chriftliches Element
: dazu gehörte, dafs der intelligible Weltgrund, von
dem aus der empirifche, immerhin in fich gefchloffene
Naturzufammenhang gedeutet wird, teleologifchen und
ethifchen Charakter hätte. Den hierin liegenden Gegenfatz
zur Indifferenz, der in der Begriffsbeftimmung der
chriftlichen Religion von Schi, zugeftanden ift, hat
Verf. viel zu wenig betont und demgemäfs auch den
Grundfehler der Sündenlehre Schi.'s überfehen, dafs an
Stelle der ethifchen Beurtheilung der Sünde eine pfy-
chologifch-mechanifche Erklärung derfelben tritt. — Dafs
es unrichtig ift und undurchführbar, das religiöfe Gefühl
mit Schi, vom objectiven Bewufstfein zu ifoliren, kann
man dem Verf. gern zugeben, ohne darum mit ihm
dies .Denken' der Philofophie auszuliefern. Das Denken
ift lediglich eine formgebende Kraft, die ihren Inhalt
anderswoher entnimmt. Man könnte nun mit Schi, und
Kant fagen, die Verwerthung irgendwelcher die Erfcheinungswelt
tranfeendirenden Beftimmungen des intelligiblen
Weltgrundes zum metaphyfifchen Abfchlufs der
wiffenfehaftlichen Welterklärung fei unmöglich wegen der