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Ausgabe:

1878 Nr. 19

Spalte:

472-473

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Linsenmann, Franz Xaver

Titel/Untertitel:

Konrad Summenhart. Ein Culturbild aus den Anfängen der Universität Tübingen 1878

Rezensent:

Nestle, Eberhard

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Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 19.

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tel zum Zweck und dafs das fchliefsliche Ziel kein anderes
war, als die dem Papft allein zuftehende Verfügung
über alle höheren Kirchenämter und über alle die
von den weltlichen Herren der Kirche verliehenen Güter,
die wohl diefen weltlichen Herren — durch Verbot der
Inveftitur — entzogen, darum aber noch nicht den Bifchö-
fen zu ihrer Benutzung und Verwaltung überlaffen fein
follten. Wenn aber Meitzer annimmt, Gregor VII habe
das gefammte Kirchengut nur deshalb dem römifchen
Stuhle überweifen wollen, weil es nach feiner Loslöfung
aus dem Staatsverbande nicht ,frei für fich in der Luft
fchweben' konnte, und einmal den Päpften überlaffen
ein immenfes ,Machtmittel' werden mufste (S. 154), fo
ift unferes Erachtens ein Hauptmotiv, welches Gregor VII
zu diefem und zu allen anderen Schritten feiner Kirchenpolitik
trieb, das religiöfe, mönchifch-asketifche Ideal
unfers Papftes — und zwar nicht nur an diefer Stelle,
fondern im ganzen Buch — unberückfichtigt geblieben.
Referent vermifst überhaupt eine richtige Würdigung des
unzweifelhaft beftehenden Zufammenhangs zwifchen den
Reformplänen Gregor VII und der von Gluny ausgehenden
Kirchenverbefferung. Die Behauptung Meltzer's, dafs
die kirchenreformatorifchen Parteien des 11. Jahrhunderts
für ,die Befreiung der geknechteten Kirche' gekämpft,
dafs diefe Befreiung der Kirche von drei aufeinanderfolgenden
Richtungen in immer umfaffenderem Sinne
gefordert, und zwar von der erften als eine Befreiung
der Kirche von der Knechtfchaft ,weltlicher Gefinnung,
weltlichen Wandels', von der zweiten als eine Befreiung
der Kirche von der Knechtfchaft ,der weltlichen Gewalt
durch Vernichtung jedes Einflufses derfelben auf die
Kirche', und von der dritten als Befreiung der Kirche
d. h. ,der corporativ aufgefafsten Vertreterin des Geiftes
und aller geiftigen Intereffen von jeder materiellen
Schranke' (S. 24), diefe Behauptung Meltzer's bleibt bei
der von den Männern der Reform nach aufsen hin verkündeten
Parole flehen, ohne zu fragen, was verftanden
die Cluniacenfer und die Gregorianer unter Befreiung
der Kirche und wie hofften fie diefelbe durchzuführen?
Den Cluniacenfern war die Befreiung der Kirche von
der Knechtfchaft der Welt identifch mit einer durchgreifenden
Verbefferung und allfeitigen Hebung des
mönchifch-asketifchen Lebens; auch der gefammte geift-
liche Stand follte der Verweltlichung durch energifche
Durchführung der vita canonica, d. h. durch Befolgung
der für das Klofterleben mafsgebenden Vorfchriften des
Gehorfams — des Klerus gegen den Bifchof — des Cö-
libats und der Befitzlofigkeit entzogen werden (vgl.
Hinfchius : Kirchenrecht der Kathol. u. Proteft. in Deutfch-
land, Bd. II, [. Hälfte, S. 50 ff. und befonders die überaus
inflructiven Bemerkungen Ritfchls in feinem Auffatz:
Prolegomena zur Gefch. des Pietismus in der Zeitfchrift
für Kirchengefch. von Brieger, Bd. II, Heft I, S. 8 ff.,
die Ref. auch den Profanhiftorikern zur endlichen Orien-
tirung über die leitenden Principien Gregor VII empfohlen
haben möchte). Diefes Ideal Cluny's hat Gregor
VII nun auch an den Bifchöfen und Erzbifchöfen zu
verwirklichen geflieht, indem er von ihnen in Analogie
der das Mönchsleben beherrfchenden Normen und der
dem niederen Klerus vorgefchriebenen vita canonica —
den abfoluten Gehorfam — gegenüber der alles regelnden
Papftgewalt —, die ftrengfte Beobachtung des Cöli-
bats forderte und ihre völlige Befitzlofigkeit dadurch
anftrebte , dafs er ihnen jedes Herrenrecht über
das Kirchengut nahm und dasfelbe lediglich der
Gefammtkirche, refp. dem diefe leitenden Papfte, zuwies.
Wir rechnen es dem Verf. hoch an, dafs er, obwohl er
klarer als je ein Andrer zuvor die auf völlige Unterwerfung
des Klerus unter die päpftliche Gewalt und auf
die Auffaugung alles vom Staate abgelöften Kirchengutes
gerichteten Pläne Gregor VII erkannt hat, dennoch nicht
in den Fehler verfällt, den Papfl der perfönlichen Herrfch-
fucht und des perfönlichen Ehrgeizes in feinem Kampfe

I mit Heinrich IV zu befchuldigen. Doch die völlige Einficht
in die Gregor VII bei dem Inveftiturftreit leitenden
Motive hat fich der Verf. felbil verfperrt, indem er jenes
mönchifch-asketifche Ideal feines Papftes aufser Acht
liefs, welches diefen nothwendiger Weife in Conflict
bringen mufste mit dem Staate, der die Bifchöfe durch
Beeinfluffung ihrer Wahlen in einer mit der päpftlichen
; Gewalt coneurrirenden Weife von fich abhängig und damit
die geforderte völlige Unterwerfung derfelben unter die
päpftliche Autorität illuforifch zu machen, beftrebt war.
Nicht der gleichen Objectivität, wie Gregor VII gegen-
I über, befleifsigt fich Meitzer, fobald er auf den Gegner
desfelben, Heinrich IV, zu (brechen kommt. Ihm gilt
' diefer Herrfcher als ,einer der thatkräftigften, gewandte-
flen, genialften, welche die deutfehe Gefchichte aufzu-
weifen hat' (S. 69), der nur ,an der Lüge und ihrer Macht
untergegangen fei' (S. 72); ja! Meitzer läfst fich herbei,
um Gregor VII jeden Grund zur Einmifchung in die
kirchlichen Angelegenheiten Deutfchlands zu nehmen,
[ das Eingeftändnifs des Königs in feinem Schreiben an
j den Papft aus dem Sommer 1073, dafs er Kirchen an
! Simoniften ,verkauft' habe, fo zu deuteln, als ob jener
i fich hier nur einer Terminologie feiner Gegner bedient
hätte, die auch dort oft von einem Verkaufen der Kirchen
gefprochen, wo wirkliche Simonie nicht ftattgefun-
den (S. 70).

Möge der Verfaffer aus diefen Zeilen erfehen, dafs
Ref. bemüht gewefen, feinerfeits etwas dazu beizutragen,
dafs diefe Leiftung die ihr gebührende, hervorragende
Stelle in der Literatur zugewiefen erhalte.

Strafsburg. R. Zoepffei.

Linsenmann, Prof. Dr. Franz Xav., Konrad Summenhart.

Ein Culturbild aus den Anfängen der Univerfität Tübingen
. Tübingen 1877, Fues. (90 S. 8.) M. 2. —

Das ,zur vierten Säcularfeier der Univerfität Tübin-
( gen' im vorigen Jahr herausgegebene .Feftprogramm der
ev.-theol. Faculät' ift in Nr. 6 diefes Jahrgangs befpro-
chen worden; ich erlaube mir noch kurz auf das der
kath.-theol. Facultät hinzuweifen, das dem Umfang wie
dem Inhalt nach viel befchränkter, aber darum keineswegs
ohne Intereffe ift. Schildert jenes den Entwicklungsgang
des gefammten evangelifch-theol. Studiums
I in 3 Jahrhunderten, fo giebt diefes in 6 Abfchnitten auf
76 Seiten einen Ueberblick über das Leben und das Lehren
einer der erften Zierden der neugegründeten Univerfität
. • Das Biographifche über Summenhart ift nah
beifammen; in Calw (man weifs nicht wann) geboren,
wurde er 1476 Baccalareus in Paris, 1478 Profeffor der
Artiftenfacultät, 1489 der Theologenfaculät in T., bekleidet
das Rectorat in den Jahren 84. pj. pb. 50x3 und ftirbt
fchon 2 Jahre darauf an der Peft im Klofter Schuttern
bei Offenburg. Sechs Schriften laffen fich von ihm noch
nachweifen; ein Traktat de deeimis, eine Trauerrede auf
den Stifter der Univerfität, vielleicht das erfte (1498) in
T. gedruckte Buch, eine Strafrede super decem defectibus
virorum monasticorum (S. 23, 19 ift 1418 als Druckjahr
diefes Buchs natürlich Verfehen für 1498), ein Traktat
quod Deus Jwmo fieri voluerit, ein grofses Werk de con-
tractibus und ein Commentar in Summam physice Alberti
magni. Die bibliographifchen Nachweife, die Linfen-
mann über diefe Schriften giebt, S. 22—6. 83—5, find fehr
dankenswerth; ebenfo die auf Grund derfelben gegebene
Darftellung der Naturlehre, 27—42, weiter vor allem der
Volkswirtschaftslehre Summenhart's, S. 43—68; gehört
derfelbe doch zu den erften Deutfchen, welche an ihrer
Begründung und Ausbildung mitgearbeitet; endlich feiner
Stellung zum Mönchswefen, S. 69—76. Gleich treffend
finde ich die Würdigung feines perfönlichen Charakters
wie feiner wiffenfehaftlichen Leiftungen, insbefondere
feiner Verdienfte um das Bibelftudium und um Förderung
der hebräifchen Studien; am intereffanteften war