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Ausgabe:

1878

Spalte:

423

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(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Wissenschaftliche Vorträge über religiöse Fragen. 2. Sammlung 1878

Rezensent:

Krauss, Alfred

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423 . . Theologifche Literäturzeitung. 1878. Nr. 17. 424

Begriff brauchen wir aber als pofitiven Hebel für die
Kritik und für die Regelung der Beziehung der Frömmigkeit
auf die Bibel.

Der Ausweg wird nun nicht darin beftehen, einen
neuen Begriff an die Stelle des alten zu fetzen, dafs die
hl. Schrift Gottes Wort fei. Das unverfälfchte religiöfe
Intereffe an diefem Satz hat es aber gar nicht mit einer
darin gegebenen theoretifchen Auskunft über die Ent-
ftehung der Schrift zu thun, fondern lediglich mit der
praktifchen Thatfache, dafs der wahrhaftige Gott darin
redet, ftraft, tröffet, mahnt. Oder kunftmäfsig ausgedrückt
, diefe Bezeichnung ift nicht nach dem Schema
der Caufalität, fondern nach dem des Zwecks zu deuten.
Wahr bleibt ffe für jeden, der an die göttliche Offenbarung
glaubt, welche der chrifflichen Religion zu Grunde
liegt. Kein aufrichtiger Chrift wird ffch aber der Mahnung
verfchliefsen, ffch die hl. Schrift als Gottes Wort
vor allem in diefem Sinn gelten zu laffen. Befitzt er zugleich
die nöthige Einficht, wird er begreifen, dafs die
infpirationslehre nur eine leidige Krücke vermeintlichen
Wiffens für den praktifchen Kleinglauben ift. Die fo-
genannten Gebildeten aber erhalten dadurch die nöthige
Freiheit ihrem hiftorifchen Wahrheitsfinn in Betreff der
Entffehung der hl. Schrift zu folgen. Aber ffe erhalten
zugleich die in diefem Vortrag fehlende nachdrückliche
Mahnung, deren ffe gar fehr bedürfen, dafs diefe Freiheit
einen religiöfen Werth überhaupt nicht befitzt. Religiöfen
Werth hat und in der chrifflichen Gemeinde allein berechtigt
ift der Glaube, dafs in Jefu Chrifto eine vollkommene
Offenbarung Gottes gegeben, und darum die
Botfchaft von diefer Offenbarung in ihrem gefchichtlichen
Zufammenhang das Wort Gottes an uns fei.
Bafel. J. Kaftan.

Wissenschaftliche Vorträge über religiöse Fragen. 2. Sammlung
. Frankfurt a/M. 1878, Dieftenveg. (gr. 8.) M. 2. —

Inhalt: Der Streit um die chriflliche Schöpfungslehre. Von Prof.
Dr. H. Holtzmann. (IV, 39 S.) — Die Sünde nach Wefen
und Urfprung. Von Prof. Dr. Heinrich (S. 40—66.) — Die
göttliche Weltregierung. Von Kirchenr. Prof. Dr. R. A. Lip-
fius. (S. 67—85.) — Erlöfung und Erlöfer. Von Prof. Dr.
Pfleiderer (Berlin). (S. 86—in.) — Ueber die Sündlofigkeit
und menfchliche Entwicklung Jefu. Von Prof Dr. Willib.
Beyfchlag. (S. 112—131.) — Das Wefen des chrifflichen
Glaubens. Von Prof Dr. Friedr. Nippold. (S. 132—157.)
Der reiche Inhalt diefer Sammlung läfst nur eine
Anzeige oder eine fehr ausführliche Befprechung zu.
Letztere würde den zugemeffenen Raum in diefer Zeit-
fchrift weit überfteigen. Sind es ja doch die tiefften
Probleme, mit denen wir uns auseinanderzufetzen hätten,
und find es zugleich auch hervorragende Denker und
Gelehrte, denen wir Beifall oder abweichende Meinung
beweifen müfsten. Dafs die Vorträge fehr anregend find
und auch meift in fehr anziehender Darftellung die fchwie-
rigen Fragen behandeln, darf ohne Weiteres gefagt werden
. Einem jeden Chriften, Theologen oder gebildeten
Laien, feien fie warm empfohlen, wenn er nicht darauf
ausgeht, Erbauung, fondern Belehrung, Anregung und
theilweife auch Anreizung und zugleich Anleitung zu
anderer felbftändiger Löfung zu erhalten. Das Büchlein
ift nur für Gebildete vorhanden. Ich möchte es Niemandem
in die Hände geben, den nicht vor Allem ein wiffen-
fchaftliches Intereffe an den religiöfen Fragen bewegt.
Wer aber durch Befchäftigung mit der Natur oder der
Gefchichte, mit dem Staatswefen oder den focialpoliti-
fchen Controverfen das Intereffe an der Religion nicht
verloren und doch den Zweifel eingefogen hat, ob eine
wiffenfchaftliche Behandlung nicht nothwendig das Wefen
der Frömmigkeit und fpeciell das Chriftenthum zerftöre,
der nehme diefe Vorträge zur Hand. Für ihn find fie
gefchrieben.

Strafsburg i/E. Alfred Kraufs.

! Uhlhorn, Oberconfift.-R. Hofpred. D. Gerhard, Gnade
und Wahrheit. Predigten über alle Epifteln und Evangelien
des Kirchenjahrs, in der Schlofskirche zu Hannover
gehalten. 2. Bd. Epiftel-Predigten. 2. Thl.
Die Trinitatiszeit. Stuttgart 1878, Meyer & Zeller.
(IV, 288 S. gr. 8.) M. 4. —; cplt. geb. M. 20. -

Mit diefem Bande liegt die Uhlhorn'fche Sammlung
von Evangelien- und Epiftelpredigten, die wir bereits

[ ausführlich in diefen Blättern befprochen, abgefchloffen
vor, und damit ein Werk, das eine Zierde unfrer neueren
homiletifchen Literatur bildet. Der vorliegende Schlufs-
band erftreckt fich auf die ganze Trinitatiszeit. Den
Predigten liegen auch hier die alten Epifteln zu Grunde,

I nur hin und wieder, wie bei den Epifteln am 19. und
23. p. Trin., mit nicht unbedeutenden Zufätzen verfehen,
letzteres, wie uns fcheint, ohne Noth und nicht eben
zur Förderung der Erbauung; Epifteln von folcher Aus-

| dehnung find eine zu ftarke Zumuthung felbft für das
Verftändnifs geübter Hörer, gefchweige für das Durch-

j fchnittsverftändnifs unferer in der Schrift fo wenig hei-
mifchen Gemeinden, und die Predigt erhält dadurch einen
ungebührlichen Umfang, zumal wenn diefelbe, wie es bei
der vorliegenden Sammlung der Fall ift, den ganzen
Text im Einzelnen auslegt. Ueber eine Epiftel am
18. Sonntag p. Trin. (I. Cor. 4, 1—9.) liegen zwei Predigten
vor; eine derfelben ift zugleich Cafual-Predigt,
eine in mehrfacher Beziehung vorbildliche, durch ihre
pietätvolle Innigkeit und durch ihr fchönes Maafs fehr
anfprechende Gedächtnifspredigt auf den verewigten Abt
Dr. Rupftein , den früheren Pfarrer der Gemeinde des
Verfaffers. Auch thut an diefer Predigt befonders wohl
der dem Verf. überhaupt eigene milde Ernft eines bei
aller chriftlichen Schärfe befonnenen Urtheils über das
chriflliche und kirchliche Leben der Zeit, von welcher
ausdrücklich anerkannt wird, dafs, wenn auch das Evangelium
früher in höherem Maal'se eine Macht des öffentlichen
Volkslebens gewefen fei, doch in diefem Stücke
unfre Zeit gewifs nicht hinter früheren zurückftehe, dafs
es auch heute perfönliches Chriftenleben gebe, vielleicht
mehr als früher. Mit befonderer Liebe find die escha-
tologifchen Predigten über die Epifteln an den letzten
Trinitatisfonntagen gehalten, in denen der Verf. mit
grofser Eindringlichkeit und feelforgerlichem, gewiffen-
fchärfendem Ernfte von den letzten Dingen redet.

Noch ift auch in diefer Sammlung, wie in den Evangelienpredigten
, eine Rubrik von Predigten vertreten,
die vorausfichtlich in zukünftigen Predigtfammlungen
ganz unvertreten bleiben wird, Predigten an den Marien-
feften, fowie am Johannesfeft, da diefer Fefte, feit fie
in den meiften Landeskirchen auf den Sonntag verlegt
worden find, nur beiläufig in den Predigten gedacht zu
werden pflegt.

Aufserdem ift noch eine Michaelis- und Erntefeft-
predigt, die beide Fefte gefchickt combinirt, und eine
Bufstagspredigt beigefügt.

,Gnade und Wahrheit' ift die Ueberfchrift der
Predigtfammlung, ,Gnade und Wahrheit' ift auch
ihre Signatur, die Botfchaft, die fie verkündigen, die
Seele, die fie durchdringt und belebt. Die Predigten
bezeugen das Evangelium als folches, nicht als ein neues
Gefetz, oder als eine abftracte Lehre, fondern als die
ebenfo das Gewiffen fchärfende, wie die Gewiffen tröftende
Verkündigung der Gnade und fördert die Erkenntnifs
der Wahrheit auf den dem Verftändnifs der Gegenwart
zugänglichen Wegen, wenn man auch hier und dort
noch eine engere Anknüpfung an die, obfchon un-
bewufsten Wahrheitsmomente im Bewufstfein, in der
Denk- und Redeweife der Gegenwart wünfchen möchte,
da nun einmal das alte Evangelium in immer neuen
Zungen gepredigt werden foll.

Mögen diefe Predigten ebenfo wie die früheren vom