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Ausgabe:

1878 Nr. 17

Spalte:

412-413

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Gregorii Bar Ebhraya in Evangelium Johannis commentarius. E thesauro mysteriorum desumptum edidit R. Schwartz 1878

Rezensent:

Nestle, Eberhard

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Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 17.

412

Der Meffias, VIII. Die Ewigkeit. Zur Ergänzung find
dann noch eine Reihe von Abfchnitten über die vcr-
fchiedenen religiöfen Parteien in Paläftina angefügt, nämlich
: IX. Die Pharifäer, X. Die Effener, XL Die Saddu-
cäer, XII. Die Liberalen, XIII. Johannes der Täufer.
Die Darfteilung ift durchweg knapp und befchränkt fich
auf eine gefchickte und gefchmackvolle Zufammenfaffung
der Hauptpunkte in compendiöfer F"orm, im Ganzen mit
verftändigem Urtheil. Letzteres fchliefst freilich nicht
aus, dafs wir gegen manche Einzelheiten Einwendungen
zu machen hätten. Auch find manche Partien wie z. B.
die einleitende Ueberficht über die Quellen doch etwas
zu dürftig ausgefallen und befchränken fich zu fehr auf
Behauptungen ohne ausreichende Begründung. Da aber
der Werth des Buches offenbar nicht in der Mittheilung
neuer Unterfuchungen, fondern in der zufammenfaffen-
den Ueberficht der wichtigften Daten befleht und beliehen
foll, fo befchränken wir uns auf zwei Ausftellungen
allgemeiner Art.

Einmal nämlich dürften doch auch bei aller com-

fiendiöfen Kürze nicht wefentliche Partien des religiöfen
deenkreifes Ifraels in der damaligen Zeit ganz oder fo
gut wie ganz übergangen fein. Es fehlt z. B. der ganze
fo wichtige Kreis von Ideen, welche fich auf das Ver-
hältnifs der irdifchen zur himmlifchen Welt und auf die
Beurtheilung und Werthfehätzung beider beziehen. Die
ftark peffimiftifche Beurtheilung der gegenwärtigen Welt
und die Verlegung aller eigentlich werthvollen Güter
theils in den Himmel Mas örtliche Jenfeits) theils in
die Zukunft (das zeitliche Jenfeits) ift für das damalige
Judenthum fehr charakteriftifch und darf auch
bei einer compendiöfen Darfteilung feiner Ideen nicht
übergangen werden. Es fehlen ferner faft ganz (trotz
des Abfchnittes über das Gefetz und die Propheten,
der nur über die Autorität der Schrift handelt) gerade
die eigentlich centralen Ideen des damaligen Judenthums:
dafs Ifrael als Volk von Gott auserwählt und zur Herrlichkeit
des künftigen meffianifchen Reiches berufen ift,
dafs ihm aber das Gefetz gegeben ift, damit es Gottes
Willen vollkommen erfülle und durch diefe Erfüllung
die Gaben und Güter des zukünftigen meffianifchen
Reiches fich verdiene, dafs alfo das Gefetz das eigentliche
medium salutis ift, und es keinen andern Heilsweg
giebt als: vollkommene Beobachtung des Gefetzes. Diefe
Ideen bilden die eigentliche Seele des damaligen Judenthums
und müffen bei einer Darftellung feiner religiöfen
Ideen geradezu in den Mittelpunkt gerückt werden.
Statt deffen werden fie von unferm Verfaffer kaum berührt
. Andere Ideen werden zwar berührt, aber bei
weitem nicht in dem Umfang, in welchem fie es verdienen
, verfolgt. So ift z. B. das, was in Kap. V über das
Wefen der Sünde, über den Zufammenhang von Sünde
und Uebel und über den Urfprung und die Allgemeinheit
beider gefagt wird, viel zu dürftig. Auch müfste
nothwendig auch von der Aufhebung der Sünde, und
damit auch des Uebels, durch Sühnung und Vergebung
der erfteren gehandelt werden.

Ein weiterer Mangel der Darftellung ift, dafs viel zu
wenig zur genetifchen Erklärung des jüdifchen Ideenkreifes
* gethan wird. Hie und da nimmt zwar der Verf. einen
Anlauf dazu. Im Ganzen aber erhalten wir die Sache
doch wieder nur als ein fertiges Petrefact. Und doch
wird man von einem halbwegs befriedigenden Ver-
ftändnifs des damaligen jüdifchen Ideenkreifes erft dann
reden können, wenn es gelingt, wenigftens in den Hauptzügen
zu zeigen, wie er geworden ift: wie der alttefta-
mentliche Ideenkreis die Bafis bildet, auf welcher die
fpätere Entwickelung beruht, wie jener aber dadurch
umgebildet wird, dafs einzelne Gedanken (fo namentlich
die juriftifche Auffaffung des Verhältnifses Jahve's zu
IfraeP einfeitig in den Vordergrund treten und das Ganze
bcherrfchen; wie dann die weitere Ausbildung dadurch
bedingt ift, dafs die echt religiöfe Productivität abnimmt

und ftatt deffen theils die verftandesmäfsige Reflexion,
theils der mythologifche Trieb ftärker fich geltend
machen; wie endlich im Einzelnen Vieles auf Rechnung
äufserer Factoren zu flehen kommt: theils rein gelehrter
Spielerei bei der Ausdeutung des Schrifttextes, theils
der Einwirkung fremder, namentlich perfifcher, z. Th.
auch griechifcher Einflüffe. Erft wenn diefe Gefichts-
punkte bei der Darftellung mit aller Energie im Auge
behalten werden, ift darauf zu hoffen, dafs uns allmählich
ein immer lebendigeres Verftändnifs der nachexilifchen
Entwickelung des Judenthums erfchloffen wird.

Noch fei mir die Berührung eines einzelnen Punktes

j geftattet, bei welchem auch unfer Verf. der gewöhnlichen,
aber wie mir fcheint irrigen Auffaffung folgt. Auch er
fetzt nämlich, wie allgemein gefchieht, voraus, dafs die
Idee des hypoftatifchen ,Wortes Gottes' f/«"l sura),
wie fie in den Targumen vorliegt, die Grundlage der
philonifchen Logoslehre gebildet habe. Mir fcheint
das Umgekehrte weit wahrfcheinlicher: dafs die targu-
mifche Idee des wi «Da^ia erft durch Uebertragung der
philonifchen Logoslehre auf den Boden des paläftinen-
fifch-babylonifchen Judenthums entftanden ift. Sowohl
äufsere als innere Gründe fprechen für diefe Auffaffung.
Dafs unfere Targume in der Geftalt, in der fie uns vorliegen
, erft etwa dem 3. oder 4. Jahrh. nach Chr. angehören
, ift jetzt — man kann fügen — allgemein anerkannt
. Jedenfalls giebt es kein Zeugnifs, das uns ein
höheres Alter verbürgte (f. zuletzt auch Wellhaufen in
der Neubearbeitung von Bleek's Einleitung in's A. T.
S. 606 ff.). Aber auch die innere Natur der Sache
fpricht dafür, dafs diefe Idee einer den Verkehr zwifchen
Gott und der Welt fo zu fagen vermittelnden Hypoftafe
auf dem Boden des von griechifcher Philofophie be-

I fruchteten helleniftifchen Judenthums entftanden ift. Denn
wenn auch Anfätze zu ähnlichen Ideen in der hebräifchen
Weisheitslehre und in dem Gedanken der Schöpfung
der Welt durch Gottes Wort fchon gegeben find, fo ift
doch die ausgebildete Logoslehre Philo's nur zu erklären
aus einer Verfchmelzung jener jüdifchen Ideen mit Elementen
der platonifchen und ftoifchen Philofophie; davon
kann man fich aus jeder Darfteilung des philonifchen
Syftemes überzeugen. Die targumifche Idee des yn Nim:
ift aber im Wefentlichen nichts Anderes als die phi-
lonifche Logoslehre. Und es läfst fich auch fonft zweifellos
conftatiren, dafs das rabbinifche Judenthum der
talmudifchen Zeit ftarke Einwirkungen von Seite der
jüdifch-helleniftifchen Philofophie erfahren hat. S. darüber
Freudenthal, Alexander Polyhiftor S. 66—77. Biegfried
, Philo von Alexandria S. 281—288.

Leipzig. E. Schürer.

Gregorii Bar Ebhraya in Evangelium Johannis commen-
tarius. E thesauro mysteriorum desumptum edidit R.
Schwartz. Göttingen 1878, Dieterich's Verlag. (28 S.
gr. 8.) M. 1. —

Ich freue mich der Befprechung von Klamroth's
Ausgabe der Scholien des Bar Hebraeus zu der Apoftel-

', gefchichte und den katholifchen Briefen den Hinweis auf
ein weiteres gleichfalls von einem Schüler Lagarde's
herausgegebenes Stück diefes Scholienwerkes anfchliefsen
zu können. Was ich zur Charakterifirung deffelben bei
dem erften Stücke hervorgehoben, gilt auch bei diefem ;
und ebenfo freue ich mich, das Lob mufterhafter Genauigkeit
bei diefer Arbeit wiederholen zu können; die
Einrichtung derfelben weicht nur darin von der erfteren
ab, dafs die wenigen, meift textkritifchen Anmerkungen
nicht unter den Text gefetzt, fondern am Schluffe S.
25—28 zufammengeftellt find. In der kurzen Praefatio,
welche über die Handfchriften (die gleichen wie bei

| Klamroth) und die angeftelltcn Vergleichungen des
Pefchittho- und des harklenfifchen Textes Auskunft giebt,