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Ausgabe:

1878 Nr. 14

Spalte:

337-340

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Matheson, George

Titel/Untertitel:

Growth of the Spirit of Christianity from the first century to the down of the Lutheran era. 2 vols 1878

Rezensent:

Benrath, Karl

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Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 14.

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noch anzuführen: wie die Menfchen in diefer wachsenden
Noth mit der Bitte um Fürfprache fich an Adam
wenden, den Gott mit feiner eigenen Hand erfchaffen,
vor dem fich auch die Engel haben beugen müffen. Im
befchämenden Bewufstfein vom verbotenen Baum ge- ;
geffen zu haben, wagt er's nicht und verweift fie an
Noah ,den erften der Gefandten (Gottes;1. Sie berathen
fich 1000 Jahre und wenden fich an ihn, aber der
kann es auch nicht, weil er an Gott eine Bitte gerichtet, |
infolge deren das ganze Menfchengefchlecht ertränkt
wurde ; an Abraham, ,den Freund Gottes1, den erften
Muslim tollen fie fich wenden. Taufend Jahre vergehen 1
wieder, fie thun's, aber Abraham kann nicht bitten, denn
durch 3 Lügen habe er fich an der wahren Religion
verfündigt. Mofes fei der .Fürfprecher1 von Alters her.
Aber nach 1000 Jahren wagt auch Mofes nicht zu bitten, j
denn er habe einft Gott gebeten, das Volk Pharao's
durch Hungersnoth zu ftrafen (Verwechslung mit der
I lungersnoth zur Zeit des Jofeph) und habe einen Men- 1
fchcn getödtet. Auch Jefus ,der Geift Gottes und das
Wort Gottes1 nach aber iooo Jahren weift fie ab: man
hat uns, meine Mutter und mich für Götter gehalten an
Stelle des höchften Gottes, wie kann ich bei dem Fürbitte
thun, neben dem und ftatt deffen man mich angebetet
; er fchickt fie zu Muhammcd dem .Siegel der Propheten1
, der mit dem Ruf Ego ad hoc, ego ad hoc fofort
feine Willigkeit den Auftrag anzunehmen wie feine
Fähigkeit denfelben auszuführen ausfpricht, und fo in
der nobelften Weife die Menfchen das nicht entgelten
läfst, was fie ihm während feines Lebens angethan haben.
Die gleiche Befchreibung wird, was Gautier nicht angiebt,
fchon von Bochäri gegeben und von der Tradition auf
den Propheten felbft zurückgeführt; nur giebt Jefus nach
Bochäri für feine Verweigerung der Fürfprache gar keinen
Grund an (vgl. ZDMG. IV, 30 ff.). Es finden fich noch
viele formell oder fachlich intereffante Einzelheiten, An-
fpielungen auf jüdifche oder chriftliche Anfchauungen,
Parallelen und dergleichen in dem Buche (vgl. z. B. zu
dem in der Befchreibung des himmlifchen Weinftocks
mit 10000 multiplicirenden Papias S. 57, wo in ähnlicher
Weife 60000 auf die dritte Potenz erhoben wird etc.); das
angeführte mag aber zur Genüge gezeigt haben, wie der
Herausgeber für feine Arbeit nicht weniger den Dank
der Theologen als den der Arabiften verdient hat. Im
Namen der letztern wurde ihm derfelbe ausgefprochen
von Charles Rieu, Journal de Geneve, 19 Febr. 78,
Th. Nöldeke, Liter. Centralblatt 78, Nr. 2, de Goeje,
Theolog. Tijdschr. Jan. 103 f., H. Thorbeke, ZDMG.
78, 222 f.; ich füge den unfern, auch meinen perfön-
lichen, freudigft bei.

Tübingen. Dr. E. Neftle.

Matheson. Rev. George, M. A. B. D., Growth of the
Spirit oi Christianity from the first Century to the down
of the Lutheran era. 2 vols. Edinburgh 1877, T. & T.
Clark. (XX, 375 u. 400 S. gr. 8.) Cloth. 21 sh.

Ref. gefteht, dafs er das fchön ausgeftattete Werk
des Rev. Mathefon über ,das Wachsthum des Geiftes
des Chriftenthums1 mit befonderer Freude und Erwartung
zur Hand genommen hat. Bei dem weiten Umfange
, den das Thema umfafst, fchien ihm diefes doch
auch wieder fcharf genug begrenzt zu fein, um ein Bild
gefchloffencr hiftorifcher Entwickelung zu ermöglichen.
Er dachte fich den Verfaffer als einen Gelehrten, der
die fchulmäfsige Behandlung der Kirchengefchichte mit
ihrem Schnürleib und ihrem Ballaft abwirft, um auf den
Kern der Entwickelung zurückzugehen'; der dem Geifte
des Chriftenthums liebevoll nachgeht unter all' den ver-
fchiedenen Formen, die er im Laufe der Zeit hat annehmen
müffen; der mit kundigem Finger die Spuren
davon aufweift, wo fie fich dem ungeübteren Auge verflüchtigen
oder verdecken, —■ der endlich aus dem
Schatze eines reichen und tiefgehenden Studiums der
Quellen auch da noch die Fäden weitergehender Entwickelung
aufzuzeigen vermag, wo der oberflächliche
Blick nur Willkür oder Zufall entdeckt. Kein Zweifel,
dafs dem Verf. auch eine folche Aufgabe vorgefchwebt
hat, als er fein Thema wählte. Aber über Einen Punkt
fcheint er fich nicht klar gewefen zu fein, nämlich darüber
, dafs gleichmäfsiges, folides Quellenftudium für
eine derartige Arbeit conditio sine qua non fein follte, dafs
dabei eine mehr oder minder genaue Kenntnifs der
kirchenhiftorifchen Thatfachen allein noch nicht hinreicht,
ja dafs bei dem Lefer fich nicht einmal das nöthige Zutrauen
zu der Richtigkeit der an die Thatfachen geknüpften
Reflexionen cinftellt, wenn ihm nicht fei es
auch nur eine gelegentliche Wendung den Blick tief
hinein bis auf den Goldgrund der unmittelbaren Quelle
eröffnet.

Wer alfo mit der Erwartung, eine durchaus felb-
ftändige Darfteilung zu finden, an das Werk heran tritt,
wird fich getäufcht finden. Allein es läfst fich ja ein
anderer berechtigter Modus denken, der unter Umftänden
ebenfalls dankenswerthe Früchte verfpricht: ein Künftler
mag fich den Urftoff immerhin bis zu einem gewiffen
Punkte von anderer Hand vorbereiten laffen und dann
doch noch derjenige bleiben, welcher ihm Formvollendung
und Leben giebt. In der That fcheint der Verf.
fpecieller feine Aufgabe in diefer Richtung gefucht zu
haben. Nur ift leider das Leben, welches er der todten
Maffe kirchenhiftorifcher Thatfachen einzuhauchen ver-
fucht, kein rechtes Leben; der alles beftimmende Grundgedanke
erweift fich bei näherem Zufehen als unfähig,
| das zu leiden, was er leiften foll: nämlich die unzer-
feifsbare Kette zu bilden, in die dann der Einfchlag der
Thatfachen fich hineinwebt.

Dem Verf. erfcheint die Entwickelung des chrift-
lichen Geiftes in der Gcfchichte wie ein .Wachsthum1,
genauer wie das Wachsthum des einzelnen Menfchcngeiftes,
welches aus dem Kinde den Knaben, aus diefem den
Jüngling und endlich den Mann macht. Dafs er mit
I der ,Aera Luther's1 das Chriftenthum über die Schwelle
des ,Kindesalters1 in das ,Mannesalter1 fchreiten läfst,
j darüber wollen wir hier nicht mit ihm rechten, obwohl
die Gegenwart fich fo ihre Stelle wohl im Greifenalter
würde fliehen müffen. Viel fchlimmer ift, dafs die bezeichnete
Grundanfchauung ein Schema fetzt, in das fich
nun einmal die Entwickelung bis auf Luther ohne Zwang
gar nicht einreihen läfst. Der Grundgedanke ift fchief,
und, was ebenfo fchlimm ift — die ftets wiederkehrende
Schematifirung nach diefem unglücklichen Grundgedan-
! ken macht die ganze Darftcllung fchleppend und lang-
j weilig. Ift es doch, als ob der Geift des Chriftenthums
felbft Rache dafür nehmen wollte, dafs hier feine Per-
fectibilität hiftorifch dargethan werden foll.

Die eigentliche Darfteilung beginnt mit Cap. IV:
' ,Die Geburtsftätte des chriftlichen Geiftes1; was voran-
j geht, insbefondere in Cap. II — .Vorbereitung auf das
Kreuz hin1 — ift eine nicht gerade packende neue Weife
zu dem alten Liede von der praeparatio evangelica. In
fachlicher Beziehung zeigen fich fchon hier zu Anfang
die charakteriftifchen Schwächen des Werkes: erftaun-
lich leicht gefchürzt hüpft der Verf. über die fchwierigen
Fragen der Neuteftamentlichen Zeitgefchichte, die poli-
tifche Lage Judaea's, die Parteiungen im Lande u. dgl.
betreffend, hinüber, um zum Schlufs S. 67 ff. uns feierlich
den grofsen Zaubcrftab zu überreichen, der das Ver-
ftändnifs der ganzen folgenden Entwickelung in fich
bergen und auch das Räthfel des Buches felbft löfen foll.
Es ift wahrlich kein geringer Anfpruch, den der Verf.
S. 69 erhebt, wenn er dem Lefer fagt, dafs bei der von
ihm gewählten Art der Betrachtung ,wir den Plan der
Gefchichte der Kirche zu fehen fcheinen nicht mehr
durch einen Spiegel im Dunklen, fondern fchon von An-

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