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Ausgabe:

1878 Nr. 14

Spalte:

331-332

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rohling, Aug.

Titel/Untertitel:

Das Buch des Propheten Daniel. Uebersetzt und erklärt 1878

Rezensent:

Baudissin, Wolf Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 14.

332

Rohling, Prof. Dr. Aug., Das Buch des Propheten Daniel.

Ueberfetzt und erklärt. Mainz 1876, Kirchheim. (VII,
372 S. gr. 8.) M. 5. —

Diefer Commentar wird als folcher wie fchon der
zum Jefaja von demfelben Verfaffer in Vergleich mit
vielen andern immer noch unter die befferen Leitungen
der katholifchen Theologie auf exegetifchem Gebiete
zu teilen fein. Freilich zur Einzelerklärung wird auch
hier wenig geboten. Der Verf. giebt eine Ueberfetzung
und reproducirt dann in grofsen Zügen den Inhalt, welchen
er in dem B. Daniel glaubt finden zu müffen.
Dafs er als folchen den der traditionellen Auslegung
zur Geltung bringt mit allen gefchichtlichen Unmöglichkeiten
in der Betimmung der Reiche, allen chronologi-
fchen Gewaltfamkeiten in der Berechnung der Jahrwochen
Li. f. w., it nicht befremdend, kann uns aber der eingehenderen
Hinweifung auf des Verf.'s Darteilung überheben
, da fich Originales hier kaum findet. Eine Norm
der Tradition für die Exegefe weifs der Verf. überall
aus der doch keineswegs durchaus eintimmigen katholifchen
Auslegung zu gewinnen durch Unterfcheidung
privater und officieller Deutungen der Kirchenlehrer.
Neu it bei der vorliegenden Auslegung nur etwa dies,
dafs fie die traditionelle Deutung im Lichte der weiter-
gefchrittenen Gcfchichte, auch der Ereignifse der letzten
Decennien, über die früheren Erklärer hinaus fortfpinnt,
wie z. B. in dem vierten Reiche ,ein treffendes Gemälde
für die letzten Jahrhunderte' des 1806 zu Grabe getragenen
und 1866 in feiner Gruft durch einen ,letzten
Todtenfang' betrauerten römifchen Reiches gefunden
wird (S. 84). — Auch bei folcher Behandlung des Ge-
fammtinhaltes könnten anders Urtheilende aus den Details
Belehrung fchöpfen. Wir glauben, dafs es bei
diefem Commentar nur fpärlich der Fall fein wird. An
Unrichtigkeiten und Ungenauigkeiten im Einzelnen fehlt
es nicht. Das zu ,Bel u. der Drache' S. 365 ff. beigebrachte
hiftorifche Material wäre fehr zu fichten; die daraus zu
Gunften der Erzählung gezogenen Schlufsfolgerungen
find irrig. Dafs nie der ganze Tempel ,Allerheiligftes'
genannt werde (S. 263), ift unrichtig (Ez. 45, 3; vgl.
43, 12; 48, 12.— Num. 18, 10). Was der Verf., deffen Be'le-
fenheit ziemlich umfaffend ift, zü früheren Commentaren
neu beigefteuert hat, befchränkt fich — fo weit ich fehe
— fo ziemlich auf Citate aus fonft kaum beachteter,
aber auch nicht immer beachtenswerther katholifcher
Literatur und auf einige im apologetifchen Intereffe vorgetragene
Notizen aus der Affyriologie, welche man noch
immer beffer in Lenormant's Divination nachlieft. Originell
ift jedenfalls, dafs S. 106 die Abbildung eines
,Pfanterin' auf affyrifchem Denkmal als Rechtfertigung
für das griechifche Wort in einer ,exilifchen' Schrift
angeführt wird. — Dafs der Verf. auf den Grundtext fich
nicht einläfst (die hebräifchen und chaldäifchen Wörter,
welche transferibirt vorkommen, wären bald gezählt),
machen wir ihm nicht zum Vorwurf, da dies wohl dem
Leferkreife entfpricht, welchen er im Auge hatte. —
Die apokryphifchen Zufätze find als echt in den Zufam-
menhang aufgenommen.

Vor diefen nicht eben hervorftechenden Eigenfchaf-
ten tritt eine Eigenthümlichkeit fo fehr in den Vordergrund
, dafs es unmöglich ift, fie mit Stillfchweigen zu
übergehen. Auf wenigen Blättern diefes Buches wird
fich nicht irgend ein Ausfall gegen die akatholifchen
Exegeten oder die nichtkatholifche Theologie überhaupt
finden (mit befonderer Erbitterung auch gegen Döllinger),
vorgetragen in nicht weiter zu charakterifirenden Ausdrücken
, für welche wir nur die Entfchuldigung haben,
dafs fie vielfach durch den Zufammenhang, in welchem
fie flehen, erheiternde Wirkung nicht verfehlen. — Nur
wenige Belege. Ein feltfamer Ton ift es fchon, wenn die
Unterfchiede, welche man hinfichtlich der Art biblifcher
Wundererzählungen geltend gemacht hat, ,ebenfo irrelevant
' gefunden werden ,als die Frage, ob wir uns einen
blauen oder einen grauenRock kaufen follen' (S. 96) u.dgl.
Dreifte Behauptungen wie: ,Die gelehrte Majorität der Gegenwart
fagt, dafs ein Meffias weder geweiffagt ift . . .'
(S. V) find häufig. Alle, welche eine hiftorifche Erklärung
desB. Dan. anftreben, fertigt der Verf. ab mit den Bezeichnungen
: Rationaliften, Weife Babel's, fogar in corpore
mit jene Lebemenfchen' (S. 112) u. dgl.; Keil gehört zu
jenen Autoren, ,die höchftens fich felbft, nicht aber Anderen
verftändlich find' (S. 276). Die Bedenken wegen
der langathmigen Reden der Männer im Feuerofen find
ein ,Läftern' von Seiten des ,Proteftantismus' (S. 118).
Die Darftellung der verfchiedenen Anfchauungen über
die Jahrwochen befchliefst der Verf. mit den Worten:
,Sie entfernen den Gekreuzigten (!) und — tot sensus quot
capita, wenn es gilt, einen Andern an feine Stelle zu
fetzen. Viele gaben Zeugnifs wider ihn, aber' u. f. w.
(S. 296). Der Antichrift läfst fich anbeten, indem er damit
,die Confequenzen des Rationalismus zieht' (S. 331).
KHefoth's Methode, ,apokalyptifche Weiffagungen . . .
in vage Nebelbilder aufzulöfen', kann ,nur als ein Pro-
duet infernaler Infpiration angefehen werden, das be-
ftimmt ift, im Intereffe des Abgrundes eine grofse Täu-
fchung ... zu verbreiten' (S. 346). Die Verleugnung
des ,fupranaturaliftifchen Standpunktes' (nämlich jene,
deren fich die Kritiker fchuldig machten durch Bedenken
wegen der Gefchichtlichkeit der Sufanna-Erzählung) führt
,nach den eifernen Gefetzen der Logik zu der Mordbrennerei
der Commune' (S. 353) u. f. w. u. f. w.

Um mit einem Beifpiel zu belegen, dafs wir dem
Verf. zuweilen gegen feine proteftantifchen Widerfacher
Recht geben müffen, fei ihm zugeftanden, dafs er mit
gutem Grund c. 4, 24 gegenüber Keil's Polemik wider
,Werkheiligkeit' r,~,-;i vom Almofen (beffer: Wohlthätig-
keit; verfteht; der Zufammenhang läfst keinen Zweifel,
und das dogmatifche Vorurtheil ift hier auf Seite des
proteftantifchen Erklärers.

Strafsburg i. E. Wolf Baudiffin.

The Book of Tobit. A Chaldee Text from a unique MS.
in the Bodleian Library, with other Rabbinical Tcxts,
English Translations and the Itala , edited by Ad.
Neubauer, M. A., Sub-Librarian of the Bodleian Library
. Oxford 1878, Clarendon Press. (XCII, 43 S. 8.)

Erft gegen Ende des vorigen Jahres kam aus England
die überrafchende Kunde, dafs Dr. Neubauer in
einer Handfchrift der bodlejanifchen Bibliothek zu Oxford
einen chaldäifchen Text des Buches Tobit entdeckt
habe — allem Anfcheine nach denjenigen, aus welchem
Hieronymus überfetzt habe, von dem aber fonft bisher
Niemand etwas gewufst hatte (f. The Athenaeum 1877,

j Nov. 17, The Academy 1877, Nov. 17, Theol. Litztg.
1878, Nr. 1). Schon jetzt ift es dem glücklichen Ent-

j decker gehingen, den vollftändigen Text in einer forg-
fältigen und correcten Ausgabe vorzulegen. — Die Handfchrift
, welche diefen Text enthält, wurde von dem Hal-
berftädter Buchhändler Fifchel Hirfch in Conftantinopel
erworben und von diefem wieder an die bodlejanifche
Bibliothek zu Oxford verkauft (Neubauer's Katalog
Nr. 2339). Sie enthält eine Sammlung kleinerer und

! gröfserer Midrafchim und ift gefchrieben im 15. Jahrhundert
in griechifch-rabbinifcher Schrift. Das Buch
Tobit bildet das fünfte Stück der Sammlung, und wird

; eingeleitet durch die Notiz, dafs es aus Midrafch Rabba
de-Rabba entnommen fei, wo die Gefchichte Tobit's erzählt
fei zur Erläuterung der Worte Genefis 28, 22: ,Und
von Allem, was Du mir geben wirft, will ich Dir den

i Zehnten darbringen'. Jener Midrafch Rabba de-Rabba
ift nicht identifch mit dem gedruckten Midrafch Rabba

j zum Pentateuch, wohl aber, wie Neubauer nachweift,
identifch mit einem andern Midra&ch major zur Genefis,