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Ausgabe:

1878 Nr. 13

Spalte:

321-324

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kreibig, Gust.

Titel/Untertitel:

Die Versöhnungslehre auf Grund des christlichen Bewußtseins dargestellt 1878

Rezensent:

Krauss, Alfred

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Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 13.

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mufs, vgl. z. B. S. 27. Auch S. 29 fei ihnen empfohlen;
ebenfo S. 100 ff. mit den Bemerkungen über die Reformation
, und S. 102 mit der Verherrlichung der Schola-
ftik. Wer dergleichen lieft, ohne bedenklich zu werden

Erkenntnifs, dafs das Neue Teftament nicht davon zu
reden pflegt, dafs Gott verföhnt worden fei, fondern
vielmehr davon, dafs Gott uns mit fleh verföhnt habe,
refp. dafs wir, Ixtyoi ovreg, mit Gott verföhnt worden

gegen die ihm hier gebotene ,Wahrheit', nun der ver- i feien. Diefe fo fehr häufige Wendung hätte doch wohl

dient es, von einer folchen Schrift erbaut zu werden.
Erlangen. G. Plitt.

Kreibig, Pfr. Guft., Die Versöhnungslehre auf Grund des
chriftlichen Bewufstfeins dargeftellt. Berlin 1878, Wie-
gandt & Grieben. (VII, 423 S. gr. 8.) M. 6. —

In drei Hauptabtheilungen behandelt der Verfaffer
die Nothwendigkeit der Verformung, die Verföhnungsthat

und die Folgen der Verföhnungsthat. Die Polemik fluffe verändert, fondern nur dasjenige in ihm vorgeht,

berückfichtigt werden dürfen, und dies um fo mehr,
als fie gerade in lehrhaften Expofitionen vorkommt. Was
aber die Verwechslung von perfönlichen Erfahrungen
mit fubjectiven Einbildungen anlangt, fo ift hierüber kein
Wort zu verlieren. Nur das Eine möchte ich noch hervorheben
, dafs wenn Gott unter dem Einflufs einer andern
Perfönlichkeit fleh befindet, diefe über ihm fteht,
wenn aber das Thun derfelben nur auf Veranlaffung
Gottes felber erfolgt, Gott fich nicht unter ihrem Ein-

gegen Ritfehl ift fo unausgefetzt, dafs es den Anfchein : was durch ihn felber gefetzt worden ift. Nach Kreibig's
gewinnt, als ob Kreibig die Anregung zu feinem Buche | Anficht aber kann man fich der Vorftellung kaum entvorzüglich
Ritfehl verdanke. Ich übcrlaffe es letzterem, j fchlagen, über Gott flehe der Gottmenfch, und zur Voll-
fich gegen Kreibig zu vertheidigen und hebe nur die kommenheit, ja fogar zur Vervollkommnung Gottes habe
wichtiguen Punkte nebft einigen bezeichnenden Details die Menfchwerdung und die Verföhnungsthat des Gott-
hervor, um die Arbeit von Kreibig zu charakterifiren. menfehen gehört.*)

Als bündigfter Ausdruck der von ihm vorgetragenen Dafs fich Dasjenige, was Kreibig die moderne Welt-

Anficht kann der Satz S. 400 gelten: ,Das Verföhnende anficht nennt, gegen feine Lehren in entfehiedener Oppo-
und Genugthuende lag nicht in der Gehorfamsleiftung, fition befinde, foll ihm nicht beflritten werden. Hat er aber
fondern in der Leidenserduldung als folcher; aber indem das Recht, deshalb von feiner Anficht immer als von der
diefe letztere aus einem Gehorfamsact entfprang und in j kirchlich-biblifchen zu fprechen und die dagegen fich
ftäter Uebereinftimmung mit dem Willen Gottes fich voll- j erhebenden Einwürfe mit dem Verdacht oder gar dem
zog, war der Herr in feinem Todesleiden die vollendete Verdict der Unchrifllichkeit zu belaften? Er felber ver-
Erfcheinung der Idee des Guten und damit zugleich auch j wahrt fich S. 207 gegen allen Doketismus. Mit welchem

für uns Erlöfer'. Kreibig läfst es fich fehr angelegen
fein, zu zeigen, dafs die verföhnende Thätigkeit das
logifche prius für die erlöfende fei und dafs die Verformung
fich durch ein freiwillig übernommenes Strafleiden
vollzogen habe. Trotzdem habe Chriftus den
Zorn Gottes, nach unferm Verf. ein fehr reeller Affect
Gottes, nicht eigentlich getragen. In Gethfemane zitterte
der Herr nicht fowohl vor dem Tode felbft als vor der
Macht der Finflernifs, die fich nun an ihm vergreifen
follte. Der die Gottverlaffenheit bekundende Ausruf am
Kreuz darf weder fo wie Schleiermacher, noch fo wie
Neander es thut, erklärt werden. Chriftus hatte nur das
Gefühl der Gottesnähe nicht mehr und darum rang fich
unter Hinzutreten der beängftigenden Umftände des
Ortes und der Zeit der fchmerzliche Ruf aus feiner Seele.
S. 245: ,Ob dabei der Ausruf mehr auf die göttliche
oder menfehliche Natur bezogen werden mufs, ob das
menfehliche Ich des Erlöfers den Zufammenhang mit
feinem göttlichen Wefen oder das gottmenfehliche den
innern Wechfelverkehr mit dem Vater unterbrochen
fühlte, und wie man dafür aus Phil. II 6 ff. das rechte
Verfländnifs gewinnt, bleibt der Chriftologie zu beantworten
überlaffen'.

Diefes an unferer Stelle erduldete Strafleiden Chrifti

Rechte? Nach S. 208 foll das fich hinein Denken in
fremdes Leiden, das durch die Repräfentationen auf
dem Theater hervorgerufen wird, ohne fittlichen Werth
fein als ob es neben dem unfittlichen nicht auch ein
fittliches afficirt Werden durch das Schaufpiel gäbe.
.Chriftus erkannte', heifst es S. 209, ,die Sünde eben fo,
wie fie Gott felbft erkennt'. Der Unterfchied fei nur,
dafs fie ihm unmittelbar fühlbar geworden und dafs er
fie nicht blofs wie Gott als das Widergöttliche gerichtet,
fondern als der Menfchenfohn über fie gefeufzt habe.
Eine Art Bühne war alfo auch für Chriftus die in Sündhaftigkeit
agirende Menfchheit. Perfönlich war er ja,
nach S. 209, von der Sünde und darum auch von der
damit verbundenen Unfeligkeit frei. Konnte er fich denn
anders als vermitteln: der Phantafie in fremde Zuftände
hineinverfetzen? Aber das ift ohne fittlichen Werth, wie
uns S. 208 belehrt hat. Wie denkt fich denn Kreibig
die pfychologifche Vermittlung des Empfindens der
fremden Sünde im Geifte Jefu? Wir erfahren es vielleicht,
indem wir uns über die Leidensfähigkeit des Erlöfers
durch Kreibig unterrichten laffen. Da hören wir S. 210:
.Allerdings weifs die evangelifche Gefchichte Nichts
davon, dafs Chriftus vor feinem eigentlichen Todesleiden
von den natürlichen Uebeln des Lebens berührt worden

bewirkte nach Kreibig einen Umfchwung in der Stirn- j fei, und das lag gewifs in Gottes Abficht. Die Mifsge-
mung Gottes felber. S. 292: ,Das gefchichtliche Leiden fchicke eines Hiob, leibliche Krankheit und Aehnliches,

des Herrn hat in erfter Linie eine Wirkung gehabt auf
Gott. Es wurde dadurch eine Veränderung Gottes in

durfte den Heiligen in Ifrael nicht treffen; nicht einmal
eines natürlichen Todes können wir uns ihn Herben den-

Bezug auf feine Stellung zur Menfchheit herbeigeführt ken, weil man ihn dann leicht für den von Gott Ge-
und zwar eine folche^ die weder durch ein verändertes | fchlagenen hätte halten können, Jef. LIII 4'. Diefe Ar-
Verhalten menfehlicherfeits noch durch unfere fubjective 1 gumentation lefen wir in dem Abfchnitt, welcher ,das

Glaubensftellung, fondern lediglich durch die Verföhnungsthat
als folche bedingt und ein für alle Mal ge-
fchichtlich vollzogen ift'. Um die Einwürfe gegen den
hiebei zu Grunde gelegten Gottesbegriff zurückzuweifen,
wird S. 297 das Dilemma geftellt: wenn es bei Gott
keinen Uebergang von Liebe zu Zorn und umgekehrt
gebe, fo feien die Zeugnifse unfres Bewufstfeins, fpeciell
des chriftlichen, Nichts als fubjective Einbildungen;
andernfalls aber feien wir gezwungen, in Gott wirkliche
Wandlungen anzunehmen, und dies fei die allein chrift-
liche Auffaffung.

Bei diefen Behauptungen vermiffen wir, wie übrigens
bei den meiften als kirchlich geltenden Theorien die

Leiden des Verföhners in feiner gefchichtlichen Nothwendigkeit
' behandelt, und bei folcher Denkweife hält fich
Kreibig für frei von Doketismus, glaubt er den Erlöfer
als Haupt der Menfchheit aufgefafst und dargeftellt zu
haben.

Dafs fich feine eigene Lehre, wenn auch, wie er
fich auszudrücken liebt, nicht der Sache nach, wohl aber
hinfichtlich des Ausdrucks von der orthodox proteftan-
tifchen unterfcheidet, dafs diefe wiederum fehr wefent-
lich von der anfelmifchen verfchieden ift, dafs die Scho-

*) Der von mir gewählte Ausdruck .Menfchwerdung des Gottmenfchen'
ift nicht etwa ein tapsus calami.