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Ausgabe:

1878 Nr. 13

Spalte:

310-314

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Luthardt, Chr. Ernst

Titel/Untertitel:

Das johanneische Evangelium nach seiner Eigenthümlichkeit geschildert u. erklärt. 2 Thle. 2. erweit. u. mehrfach umgearb. Aufl 1878

Rezensent:

Mangold, Wilhelm

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309 Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 13. 310

gewefen fein follen; V. 25 für den Zufatz eines einzelnen
Mannes aus diefem Kreife, der, als Depofitar der Jo-
hanneifchen Arbeit übrig geblieben, bei deren Herausgabe
diefes Urtheil nicht fo fehr zum Lobe des Johannes
als des von ihm behandelten Gegenftandes am Schluffe
hinzugefügt habe. Godet hält es fogar für möglich
(franz. Ausg. III, S. 631), dafs diefer Lobredner des Evangeliums
der Chiliaft Papias gewefen fein könnte! Si
quelqu'un veut crqire une teile histoire .... quil la croie:
mit diefen Worten Godet's, die er freilich in einem andern
Zufammenhang gegen die Aufftellungen der kriti-
fchen Schule richtet, darf man wohl diefe Annahme, für
die allerdings auch Tifchendorf eintritt, abweifen.

Godet's ruhig gehaltenes und nicht feiten gefchicktes
Plaidoyer für die Authentie des 4. Evangeliums kann in-
defs auch durch feine hier in extenso gegebene exegetifche
Begründung desfelben den Referenten nicht beftimmen,
anders über die Johanneifche Frage zu urtheilen, als er
es fchon in diefer Literaturzeitung I S. 360 ff. u. 367 f.

Chrifti wefentlich unter den Gefichtspunkt der Verklärung
desfelben ftellt. Aus dem 4. Ev. läfst fich die Anwendung
diefer Theorie zur Erklärung der Perfon Jefu Chrifti
in der That auch nicht erheben; im Gegentheil Züge der
Herrlichkeit des Logos-Chriftus und der menfchlichen
Bedingtheit Jefu ftehen in demfelben unvermittelt neben
einander, und die Stelle 1, 14 ftellt nur das fragliche
Problem auf, giebt aber keinerlei Fingerzeig zu feiner
Löfung. Godet greift deshalb (II, S. 117) auch zu Pau-
linifchen Ausfprüchen (2. Kor. 8, 9; Phil. 2, 6 ff.), um
feine Theorie als fchriftmäfsig zu begründen; aber da
rächt es fich, dafs er die Paulinifche und Johanneifche
Chriftologie einfach gleich fetzt; der himmlifche Menfch
kann feine himmlifche, der Gottes gleiche Exiltenzweife
aufgeben, ohne dafs dadurch das Wefen Gottes alterirt
wird; anders wenn das dem Logos zugefchrieben wird.
Freilich omnc Individuum est ineffabilc, und einen Reit
von unausfprechlicher Unerklärbarkeit wird fich religiöfer
| Glaube und theologifche Forfchung auch in Beziehung

gethan hat. Dennoch ift der vorliegende Commentar J auf die Perfon Chrifti gefallen laffen müffen; aber wenn
durch eine Reihe bemerkenswerther Eigenfchaften aus- jeder Verfuch, die Perfon Chrifti nach den vom 4. Ev.
gezeichnet. Die Auslegung ift durchweg fchlicht und j gegebenen Daten zu erklären, fofern man von der un

bleibt bei dem nächften und einfachften Sinne des Schrift
worts ftehen, ohne der Schärfe und Tiefe zu entbehren;
fie ruht auf der fichern Handhabung einer ausreichenden
philologifchen Bildung und bewährt einen guten Tact in
der Conftituirung des Textes; denn mit vollem Recht
giebt Godet an nicht wenigen Stellen den Lesarten der
Conftantinopolifchen Textrecenfion vor denen der Alexan-
drinifchen den Vorzug. Zudem hat er nicht ohne Ge-
fchick eine anfprechende Gliederung des Stoffes im 4.
Ev. nachzuweifen verfucht, wie fie feiner Grundanfchauung
über die objective Haltung und die rein hiftorifchen Ge-
fichtspunkte der Darfteilung des Evangeliften entfprechen
würde. Vor Allem weht aber ein Hauch inniger Frömmigkeit
in dem Buche, der den Lefer auch da wohlthuend
berührt, wo er die Deutungen des Auslegers nicht billigen
kann.

Derartige Stellen finden fich nun für den Referenten
nicht ganz wenige; fo, wenn Godet die Schriftanalogie
unvorfichtig anwendet und z. B. die Johanneifche Chriftologie
unbefangen durch die Paulinifche erläutert, oder,
wenn er den ausfichtslofen Verfuch macht, die Differenzen
zwifchen dem 4. Ev. und den Synoptikern in Betreff des
letzten Mahles und des Todestages Chrifti durch Um-
deutung des fynoptifchen Berichts im Intereffe der Jo-
hanneifchen Chronologie der Leidenswoche zu befeitigen
und dgl. Sie mögen aber an diefem Orte auf fich beruhen
bleiben, namentlich auch fo weit es fich bei den-
felben um den fchon conftatirten Widerfpruch gegen ihre
im vorliegenden Commentar geübte Verwerthung für den
Erweis der Echtheit des 4. Ev. handelt. Nur auf eine
für die Erledigung der kritifchen Frage befonders wichtige
Aufftellung Godet's foll noch näher eingegangen
werden. Diefer fagt in der Vorrede (II, S. IX): Mais — ü
est impossible aujourdkui de le tneconnaitre — la question
de Vecrit johünnique est dominee par une autre plus
grave: celle du Christ johannique. Man darf alfo mit
vollem Recht Godet's Commentar hauptfächlich darauf
anfehen, ob es ihm gelungen ift, den johanneifchen
Chriftus auf Grundlage einerfeits der Logologie des Evangeliften
, andererfeits der von diefem gegebenen Darfteilung
von Chrifti Leben als eine concrete, fafsbare, in den Bedingungen
der gefchichtlichen Entwicklung fich entfaltende
Perfönlichkeit zu erweifen. Da mufs denn der
Ausleger, um Raum für die menfchlich-gefchichtliche
Entwicklung Jefu zu gewinnen, zu der Theorie der Ke-
notiker greifen, zu diefem unglücklichftcn aller dogma-
tifchen Fündlein der modernen chriftologifchen Specula-
tion, das die vollftändige Zerfetzung des Gottesbegriffes
unabweislich zur Folge hat und das überdies im Umfang
der Johanneifchen Begriffswelt gar keinen Boden finden
kann, weil das 4. Ev. fogar das Leiden und den Tod

vollziehbaren Theorie der Kenotiker Umgang nimmt,
zur Auflöfung des Individuums führt, wird man die Con-
ception einer folchen Perfönlichkeit, namentlich im Vergleich
mit dem fcharf umriffenen Chriftusbild der Synoptiker
, die über Chrifti Präexiftenz Nichts ausfagen, nicht
auf die objective Berichterftattung eines Augenzeugen
zurückführen dürfen.

Bonn. Mangold.

Luthardt, Domhr. ConfilL-R. Prof. Dr. Chr. Ernft, Das
johanneische Evangelium nach feiner Eigentümlichkeit
gefchildert u. erklärt. 2 Thle. 2. erweit. u. mehrfach
umgearb. Aufl. Nürnberg 1875 u. 76, Geiger.
(XII, 529 u. XI, 559 S. gr. 8.) M. 13. 6b.

Diefe ,zweite erweiterte und mehrfach umgearbeitete
Auflage' von Luthardt's Hauptleiftung auf exegetifchem
Gebiet unterfcheidet fich von feiner erften Bearbeitung
des Johanneifchen Ev. hauptfächlich in drei Stücken:
neben die Charakteriftik des Ev., welche urfprünglich nur
von einer die Durchführung ihrer Grundgedanken nachweifenden
Auslegung begleitet war, ift jetzt an deren
Stelle ein zwar immer noch lobenswerth kurz und präcis
gehaltener, aber doch vollftändiger Commentar getreten ;
aufserdem ift als neuer Abfchnitt eine Erörterung der
Echtheitsfrage eingefügt (I, S. 223—250), die mit Recht
ebenfalls ziemlich knapp behandelt werden durfte, weil
der Verfaffer auf feinen Johanneifchen Urfprung des 4.
Ev. (1874)' verweifen konnte; endlich ift die Auseinander-
fetzung mit abweichenden Anflehten und Auslegungen
bis auf die Gegenwart fortgeführt. Daneben hat Luthardt
in der Deutung des Einzelnen mannigfach geändert
; nicht geändert hat er aber feine Gefammtanficht
vom 4. Ev., die wefentlich in der alten Weife begründet
und durchgeführt wird; er bewegt fich deshalb auch
heute noch in der fchon vor 23 Jahren beim erften Er-
fcheinen feines Buches mit Befremden bemerkten Doppelabhängigkeit
von Baur und Hofmann.

An Baur's eingreifender Arbeit über das 4. Ev. hat
er fich nämlich über deffen Grundgedanken und. die einheitliche
Durchführung desfelben orientirt; und nicht zum
Schaden feines Buches, wie auch Godet {Comtnent. II,
S. 9) ausdrücklich bezeugt. Zwar hat er Baur darin
rectificirt, dafs er im Ev. nicht einen rein idealen Gehalt,
die Schilderung des nach ftreng logifchem Gefetz verlaufenden
dialektifchen Proceffes der an die Offenbarung
Gottes im Wort fich knüpfenden Entwicklung des Glaubens
bzw. des Unglaubens fieht; mit gutem Grund fafst
er das Ev. vielmehr als eine Darftellung der gefchichtlichen
Thätigkeit des fleifchgewordenen Wortes, die frei-