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Ausgabe:

1878 Nr. 11

Spalte:

271-282

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Braune, Karl

Titel/Untertitel:

Zwölf Charakterbilder aus dem Neuen Testamente. Für die Gemeinde bearbeitet 1878

Rezensent:

Michelsen, Alexander

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 11.

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Fehler und Irrthümer je und je gewefen ift und noch ift,
ein Bedürfnifs, dies ihren die praktifche Nutzbarkeit fürs
Leben fo hoch anfchlagenden und doch in beklagenswer-
ther Weife die Kirche mifsachtenden Zeitgenoffen an der
Hand der Erfahrung entgegenzuhalten. Diefem Bedürf-
nifse find auch die vorliegenden Predigten entfprungen.
Aus Anlafs des zu einem geflügelten Wort gewordenen
Ausfpruchs eines nun fchon verftorbenen Zeitungsredac-
teurs, er fei froh, dafs man nun endlich nach Erlafs der
Civilftandsgefetze aufserhalb des Schattens der Kirche
leben und fterben könne, will der Verf. in diefen 7 Predigten
zeigen, wie füfs und feiig das Leben im Schatten
der Kirche fei und fchildert zu diefem Zwecke das Kindesleben
, das Jugendleben, das eheliche Leben, das ein-
fame Leben, das dienende Leben und endlich das Greifenleben
,im Schatten der Kirche'. Die Predigten find
kurz, klar und durchfichtig, allgemein verfländlich, find
auch fichtlich der Ausdruck eigener Erfahrung undUeber-
zeugung und darum nach Form und Inhalt ihrem Zweck
entfprechend. Die den Predigten vorangeftellten Schrift-
ftellen find meift paffend gewählt. Nur von der erften
derfelben möchten wir das nicht behaupten. Weit paffender
für eine einleitende Betrachtung des Lebens im
Schatten der Kirche im Grofsen und Ganzen dürfte an
Stelle von Act. 5, 15 Marc. 4, 32 gewefen fein. Ueber-
haupt läfst fich doch nicht verkennen, dafs für den Nordländer
das für den Orientalen fehr verftändliche Bild des
Schattens etwas Fremdes an fich hat und darum leicht
auch in malam partem gedeutet werden kann, während
das Bild des Lichtes ihm unmittelbar verftändlich ift.
Der Verf. fcheint das felbft auch gefühlt zu haben. Daher
der Anhang über ,das Leben in der biblifchen Beleuchtung
'! Es wäre deshalb vielleicht überhaupt beffer
gewefen, gegenüber jenem geflügelten Worte das menfch-
liche Lehen im Lichte, nicht im Schatten der Kirche Jefu
Chrifti zum Gegenftande der Betrachtung zu machen.

Grofs-Milkau b. Rochlitz. Wetze 1.

Braune, Generalfup. Geh. Confift.-Rath Dr. Karl, Zwölf
Charakterbilder aus dem Neuen Testamente. Für die

Gemeinde bearbeitet. A. u. d. T.: Gegebenes und
Gefundenes aus dem Worte des Lebens für das Leben
des Wortes. 3. Bd. Altenburg 1878, Pierer. (VII,
100 S. 8.) M. 1. —

Ein fchätzbarer Beitrag zur populären, aufser dem
Verftändnifs auch die Erbauung fördernden Schriftauslegung
, um welche fich der Verfaffer fchon durch eine
Reihe trefflicher Arbeiten verdient gemacht hat, und zugleich
ein Beitrag zur biblifchen Pfychologie. Diefe, erft
in Anbau genommene, theologifche Disciplin pflegt in-
defs befonders die Entwickelung gewiffer allgemeiner
Schriftbegriffe, wie ffdpf, nvevpa, xpc%f], ii'iotlq, u. f. w.
zu ihrer Aufgabe zu machen; dem vorliegenden Büchlein
dagegen ift alle Abftraction ferne geblieben. Hier
ift Alles concret, anfchaulich, lebensvoll, fo dafs der
eigenthümliche Charakter der biblifchen Berichte felbft
fich in den ,Charakterbildern aus dem Neuen Teftamente'
abfpiegelt. Den leitenden Gefichtspunkt und Grundgedanken
diefer Arbeit — einer Frucht tüchtiger exe-
getifcher Studien, jedoch für die Gemeinde, wenn auch
nur die gebildeteren Kreife derfelben bearbeitet — deutet
der Verfaffer felbft in folgenden Worten an: ,Die
Weltgefchichte weift uns mehr in den Umkreis, die grofse
und weite Peripherie menfchlichen Lebens, die biblifche
Gefchichte aber in das Centrum, indem man den Per-
fönlichkeiten, welche da auftreten und in Berührung mit
dem Worte Gottes kommen, in das Herz, in das Getriebe
der Gedanken, das Gewoge der Empfindungen
fehen kann, mögen fie angezogen oder abgeftofsen werden
. Hier wird man mit der wichtigften Wiffenfchaft,
der Selbfterkenntnifs, vertraut, die von den alten Weifen
als ungelöfte Aufgabe geftellt ift. — Dreierlei
kommt bei jedem Menfchen in Frage: Wiffen, Wirken
, Werden. Der lebenskräftige Kern des Menfchen
liegt nicht in den beiden erften, fondern im dritten. So
wichtig es ift, richtig zu wiffen und tüchtig zu wirken,
das Wichtigfte ift doch, dafs aus Einem Etwas geworden
ift; das ift der Charakter, die Perfönlichkeit, deren
Habe die erften zwei, deren Sein das Dritte ins Auge
fafst. Darauf weift die Gefchichte in der heil. Schrift.
Wunderbar und überrafchend ift die Vielfeitigkeit und
Durchfichtigkeit der Charakteriftik, welche die Bibel oft
mit wenigen Worten, einzelnen Strichen giebt. Das hat
immer wieder mein Intereffe in Anfpruch genommen,
mich geradezu gefeffelt. Es ift gar nicht zu fagen, was
man von der Betrachtung biblifcher Perfonen für fich,
für Bildung feiner Perfönlichkeit, für Beurtheilung der
gegenwärtigen Zeit und der Zeitgenoffen hat. Mich überkam
oft der Wunfeh, dafs die veraltete und mit unvollkommeneren
Mitteln gearbeitete .Charakteriftik der Bibel
von Aug. Herrn. Niemeyer' einen Erfatz in unfrer Zeit
erhielte. Nur einen kleinen Beitrag wollte und konnte
auch ich liefern, der einen Anftofs geben foll. Auf
Zweierlei kam mir's dabei befonders an: ebenfowohl in
die tieferen Gründe des Menfchenherzens Blicke zu eröffnen
, als die Einzelnen in dem vollen Lichte der Gefchichte
erfcheinen zu laffen, das ja gerade in dem
augufteifchen Zeitalter, in der Fülle der Zeit, reichlich
über Alles ausgegoffen war. Erwünfcht wäre es, fo alle
Perfönlichkeiten der heil. Schrift in das volle Licht geftellt
zu fehen'.

Die zwölf hier charakterifirten Perfönlichkeiten aus
dem Neuen Teftamente find: Nathanael, Nikodemus, die
Samariterin, ein Samariter, die Kananäerin, Judas Ifcha-
rioth, Jofeph Kajaphas, Pontius Pilatus, Herodes Antipas
(die vier Letztgenannten werden noch in einem befon-
deren Abfchnitte einander gegenübergeftellt), Ananias
mit Sapphira (hier wird der .Communismus der erften
Chriftengemeinde' mit dem des 19. Jahrhunderts verglichen
), Tabitha, Priscilla. — Der Raum verbietet uns,
Einzelheiten hervorzuheben, namentlich auch Proben
mitzutheilen von der im bellen Sinne des Wortes geift-
reichen und intereflanten Darfteilung und Ausdrucksweife
des Verfaffers. Wir wünfehen, dafs es demfelben
gefallen, und dafs ihm Zeit und Kraft gegeben werden
möge, folcher Charakterbilder aus der Schrift noch recht
viele zu zeichnen.

Lübeck. AI. Mi che Ifen.

Bibliographie

von Dr. Caspar Rene" Gregory.
iDcutfobc Literatur.

Wächter, A., Jofephs Gefchichte nach d. Geneüstext u. d.

Targum des Onkelos u der Jüfof-Süre des Koran. [Progr.

d. Gymn.] Rudolfladt, Druck der Hof buchdr. (44 S. 4.)
Böhl, E., Die altteflamentlichen Citate im Neuen Teftament.

Wien, Braumüller. (XXVIII, 352 S. gr. 8.) 6. —

Tifchendorf, C. de, Synopsis evangelica. Ex IV evan-

geliis ordine cJironologico concinnavit, brevi comnientario

illustravit, ad antiquos festes denuo recensuit. Ed. IV.

emendata. Leipzig, Mendelsfohn. (LX, 184 S. gr. 8.)

4- —

Derne tri ades, K., Die chriftliche Regierung u. Orthodoxie
Kaifer Conftanfin d. Grofsen. Eine hiftor. Studie. München
, Th. Ackermann. (IV, 47 S. gr. 8.) I. —■

Zahn, Th., Gefchichte d. Sonntags vornehmlich in der alten
Kirche. Vortrag. Hannover, Meyer. (79 S. gr. 8.) 1. 50.

Richter, J. P., Der Urfprung der abendländifchen Kirchengebäude
, nach neuen Entdeckgn. kritifch erläutert. Wien,
Braumüller. (III, 48 S. gr. 8.) 1. 20.

Bar Ebhraya, Gregorii Abulfaragii, In actus apostolorum
et epistulas catholicas adnotationes, syriace e recogni-