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Ausgabe:

1878

Spalte:

270

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Curci, C. M.

Titel/Untertitel:

Der heutige Zwiespalt zwischen Staat und Kirche 1878

Rezensent:

Benrath, Karl

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Seite 1

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269

Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. M.

270

Thilo, Ob.-Confift.-R. Chr. A., Kurze pragmatische Geschichte
der Philosophie. 1. Thl. Gefchichte der grie-
chifchen Philofophie. Cöthen 1876, Schulze. (V,
307 S. gr. 8.) M. 5. —

Das Buch entfpricht genau der Vorftellung, welche
durch den Titel und durch den Namen des Verfaffcrs
hervorgerufen wird. Es ift eine klare und fcharffinnigc,
in Darfteilung, Beurtheilung, Polemik nach den für die
Herbart'fche Schule geltenden Mafsftäben eine durchaus
correcte Leiftung. Dem Verf. ift die Gefchichte der
Philofophie an fich felbft zwar eine empirifche Wiffen-
fchaft, aber fo, dafs fie den Zweck hat, dem fpeculativcn
Zwecke zu dienen. Der Fortfehritt über den jugendlich
verworrenen Zuftand hinaus, in dem die Philofophie
fich gegenwärtig noch befindet, kann, fo fagt er, nur
dann gefchehen, wenn man fich an der bisher abgelaufenen
Gefchichte der Philofophie darüber zu orien-
tiren verfucht, welchen Umftänden der bisherige Mifs-
erfolg zuzufchreiben ift und ob nicht dennoch fchon
einige fefte Ausgangspunkte des menfehlichen Denkens
gewonnen find, Principien der Erkenntnifs, von denen
aus in methodifchem und von der Logik geleitetem Gange
wirkliche Erkenntnifs erreicht wird. Für Anerkennung und
Verurtheilung bilden die Lehren Herbart's natürlich den
unwandelbaren Mafsftab. Auch in der gefchichtlichen
Auffaffung der einzelnen Lehren fchliefst fich der Ver-
faffer meift eng an Herbart an, mit feltenen Modificationen;
z. 13. hat nach ihm Heraclit nicht das abfolute Werden
felbft als das eigentlich Seiende gefetzt, ohne ein
Element anzunehmen, welches fich in ftetiger Umwälzung
befindet. Selbftverftändlich ift demgemäfs auch
die ftete, etwas gereizte Polemik gegen die Hegel'fche
Betrachtung der Gefchichte der Philofophie als eines
vernünftigen und in fich nothwendigen Fortfehrittes,
fowie gegen jede Spur und jede Analogie mit modernen
Irrthümern, deren gleifsender Schein mit Vorliebe durch
den Hinweis auf die handgreifliche Fehlerhaftigkeit ihrer
antiken Prototype zerftört wird.

Schon vor einigen Jahren hat Thilo eine Gefchichte
der neueren Philofophie in gleichem Stil gefchrieben.
Diefe beiden Bücher bilden zufammengenommen eine Gefchichte
derjenigen Theile der Philofophie, die der Anfänger
kennen mufs; als Handbuch für diefen empfiehlt fich
das Werk durch das Mafs feines Umfanges, nach der Meinung
des Ref. auch durch feinen Inhalt. Üeberweg's vortrefflicher
Abrifs nützt dem Anfänger nichts in dem, worin
fein Hauptvorzug befteht, in den vollftändigen Literaturangaben
. Aus Schwegler's und auch Erdmann's philofophi-
fcher Betrachtung der Gefchichte der Philofophie fchöpft
der Anfänger gar zu leicht, wenigftens nach des Ref.
Erfahrung, die für die Erweckung philofophifchen Sinnes
nachtheilige Anficht, als ob jede philofophifche Anficht
und auch jeder Irthum feine relative Berechtigung und
Nothwendigkeit habe. Für den Anfänger und, da das
die Meiften bleiben, die fich eine Gefchichte der Philofophie
anfehaffen, für den Hausgebrauch fcheint mir eine
Behandlung der Gefchichte der Philofophie die befte zu
fein, welche eine propädeutifche Anleitung zum philofophifchen
Studium giebt, welche die Haupterfcheinungen von
der Seite beleuchtet, wo ihr Zufammenhang mit den
noch uns befchäftigenden Problemen hervortritt, welche
fie als Verfuche, die Wahrheit zu erkennen, auffafst und
demgemäfs fie auf ihren abfohlten Werth hin beurtheilt,
kurz eine kritifche Behandlung.

Man kann nun zweifeln, wenn man nicht Herbartia-
ner ift, ob gerade Herbart's Philofophie einen geeigneten
Mafsftab folcher Kritik abgebe. Aber fchon in
propädeutifcher Hinficht ift nichts geeigneter, das !)av-
hervorzubringen, als Herbart's Aufzeigung der
Widerfprüche in den allgemeinften Begriffen, mit denen
wir operiren. Die dadurch erweckte Unficherheit ift ein
vortrefflicher Impuls zu eingehenderer Befchäftigung mit

I der Philofophie. Und dann braucht man noch nicht Her-
bartianer fein, um anzuerkennen, dafs eine Reihe der kri-
tifchen Mafsftäbe Herbart's ihre volle und nur zu oft aufser
Augen gelaffene Richtigkeit haben. Dazu rechnet Ref.
die Warnung vor der Verwechslung von logifchen und
realen Prädicaten, dazu Alles, was fich ergiebt aus der
fcharfen Unterfcheidung der äfthetifch-teleologifchen Weltbetrachtung
von der metaphylifch - phyfifchen Welterklärung
, aus der Oppofition gegen jede Begründung der
Ethik auf die Metaphyfik. Befonders für Theologen
fcheint mir das Buch nützlich um der kritifchen Anwendung
willen, welche diefe Grundgedanken Herbart's
in der Beurtheilung der griechifchen Philofophie erfahren,
nicht als ob für Theologen eine Art approbirter Philofophie
wünfehenswerth wäre, fondern fowohl weil in der
I Dogmengefchichte die griechifchen Philofopheme einen
1 weitreichenden Einflufs ausgeübt haben und eine richtige
I Orientirung über den Werth derfelben fehr wünfehens-
I werth ift, als auch, weil in der Gegenwart in den ver-
fchiedenften Lagern der Theologie jene von Herbart bekämpften
Fehler ftark fortwirken. Diefe Vorzüge des
Werkes erleiden freilich eine Einfchränkung, weniger
durch den Ton müder Verdriefslichkeit, mit dem die
Anatheme über die herbeigezogenen modernen Parallelen
ausgefprochen werden, als dadurch, dafs die Herbart'-
fchen Dogmen zu fehr als Wahrheit vorausgefetzt werden,
um dem Lefer das Treffende der Kritik ftets einleuchtend
zu machen. Die Objectivität der Darftellung hat der
Verfaffer dadurch zu wahren fich bemüht, dafs er mög-
lichft die griechifchen Philofophen felbft reden läfst; die
Ueberfetzung ift freilich bisweilen recht fchwerfällig.
Ueber Einzelheiten der Auffaffung und Beurtheilung mit
ihm zu rechten, ift hier nicht der Ort.

Torgau. J. Gottfchick.

Curci, Prieft. C. M., Der heutige Zwiespalt zwischen Staat

und Kirche. Betrachtet anläfslich eines befonderen
Falles. Autorifirte Ausg. Wien 1878, Hartleben.
(XV, 380 S. gr. 8.) M. 4. 50.

Ueber die italienifche Originalausgabe ift bereits in
Nr. 4 diefes Jahrg. berichtet worden. Um von dem Ver-
ftändnifse des Ueberfetzers für den Stoff und die Sprache
eine Anfchauung zu gewinnen, genügt es, dafs wir aus vielen
Proben Eine auswählen. Zu Anfang des intereffanten
Capitels VII, welches die Erlebnifse Curci's felbft enthält,
fpricht diefer von den Gefahren, in die er fich durch
die offene Darlegung feines Standpunktes begeben habe;
,aber', fügt er hinzu, fich nahm die Widerwärtigkeiten
bereitwillig auf mich und bot mich dar als capro emis-
sario' . . . Sehr fchwer ift es doch nicht, in diefem Ausdruck
den ,Sündenbock' wieder zu erkennen; aber die
Ueberfetzung lautet lächerlich 'finnlos: . . fich bot mich
an als Kundfchafterbock'! Man fleht, der ungenannte
Ueberfetzer weifs beffer fich zu helfen, als dem des
Italienifchen unkundigen Publicum.

Bonn. Benrath.

Quandt, Pfr. Em., Das Leben im Schatten der Kirche.

Sieben Predigten. Mit einem Anhang: Das Leben

in der biblifchen Beleuchtung. Berlin 1877, Ohun.
(V, 69 S. gr. 8.) M. 1. 50.

Aus einem Zeitalter der Apologetik des Chriften-
thums find wir jetzt in eine Apologie der Kirche eingetreten
. Gegenüber der wohl erklärlichen, aber doch
kaum zu begreifenden Mifsachtung, die die Zeitftrömung
Allem, was Kirche und kirchlich heifst, entgegenbringt,
ift es denen, die, fei es auf dem Wege wiffenfehaftlicher
Forfchung oder praktifcher Erfahrung zu der Erkenntnifs
gekommen find, welch' mächtiger Hebel zur Beförderung
des Volkswohls die Kirche trotz mannigfacher