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Ausgabe:

1878 Nr. 11

Spalte:

264-266

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmid, Rud.

Titel/Untertitel:

Die darwin’schen Theorien und ihre Stellung zur Philosophie, Religion und Moral 1878

Rezensent:

Weber, Th.

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Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 11.

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Endlich nimmt die gegenwärtige Stellung des Verf.'s
zur ,Honoriusfrage' ein befonderes Intereffe in Anfpruch.
In feiner Concilsfchrift v. J. 1870 [Causa Honorii Papae.
Ncap.) hat Hefele wefentlich die Thatfachen felbft und
nur diefe reden laffen (fo Hafe, Proteft. Polemik. 4. Aufl.
1878 S. 163; dem Ref. ift die Schrift nicht zugänglich
gewefen); in der Vorrede zu diefer neuen Aufl. der Con-
ciliengefchichte (S. III) erklärt der Bifchof: ,Schon in
der erften Auflage, fowie in dem lat. Schriftchen Causa
Honorii Papae ftellte ich als Refultat auf: Honorius habe
wohl orthodox gedacht, aber befonders in feinem erften
Briefe an Patriarch Sergius fleh unglücklich, nach Mono-
theleten-Art ausgedrückt. Diefen Hauptfatz halte ich
jetzt noch feit, wenn ich auch in P'olge wiederholter
neuer Befchäftigung mit diefem Gegenftand und unter
Berückfichtigung deffen, was Andere in neuerer Zeit darüber
gefchrieben haben, manchesEinzelne meiner früheren
Aufhellungen nunmehr modificirte oder völlig aufgab,
und insbefondere über den erften Brief des Honorius
jetzt milder urtheile als früher. . . . Dafs er orthodox
dachte, hatte ich fchon früher behauptet, jetzt aber
mufs ich hinzufügen, dafs er an einigen Stellen feiner
beiden Briefe den orthodoxen Gedanken auch auszu-
fprechen fuchte'. Die Behauptung, Honorius habe
orthodox gedacht, findet fleh allerdings in der 1. Aufl.,
aber durch die Zugeftändnifse eingefchränkt, er fei von
einem Makel befleckt gewefen (S. 151), fei nicht von
aller Schuld freizufprechen (S. 153) u. f. w. Der Beweis
felbft wird nur fchüchtern, ja eigentlich kaum geliefert; in
Wahrheit ift ja auch diefe Thefe völlig undiscutirbar.
Jetzt aber foll 296 u. 298 nachgewiefen werden, dafs
der orthodoxe Gedanke von Honorius wirklich ausge-
fprochen worden ift; denn die römifchen Ausflüchte, die
Briefe des Honorius und die Acten des 6. Concils feien
verfälfeht oder die Sitzungen, in welchen Honorius ana-
thematifirt worden ift, hätten keinen oekumenifchen Charakter
getragen, haben den Beifall des Verf.'s nicht
erwerben können. Und wie ift diefer Beweis ausgefallen?
Der Verf. hatte noch in der 1. Aufl. auf Grund des erften
Briefes des Honorius richtig gefolgert, der Papft lege den
Willen auf Seite der Perfon, ftatt auf Seite der Natur.
Dies nimmt er nun ausdrücklich zurück; denn, fo wird
S. 153 f. argumentirt, da fleh der Papft auf den Boden
der chalcedonenfifchen Formeln ftelle und da er gegen
die Thefe polemifire, Chriftus habe eine vitiata natura
angenommen, quae repugnat legi menlis eius (Rom. 7, 23),
fo habe er anerkannt, dafs Chriftus eine lex mentis gehabt
habe, mithin fei der Satz ,unde et unam voluntatem
fatemur domini nostri Jesu Christi' nicht fo zu verftehen,
als habe fleh der Papft den unverdorbenen Willen der
menfehlichen Natur als aufgehoben gedacht; er hat ihn
vielmehr vorausgefetzt und nur in jener Formel nicht deutlich
ponirt. Refultat: Negirt hat Honorius nur einen dem
göttlichen widerfprechenden menfehlichen Willen in
Chriftus; die Einheit des dem göttlichen Willen ftets con-
formen menfehlichen mit jenem hat er gemeint, dafür
aber die unglückliche Formel ,unam voluntatem fatemur',
die dies nicht ausfpricht, gefetzt. Noch deutlicher ergäbe
fleh diefes aus dem 2. Brief an Sergius (S. 166 f.). —
Man hat dem gegenüber nur zu fragen: 1) wer damals
einen dem göttlichen Willen widerfprechenden
menfehlichen in Chriftus behauptet hat? 2) feit wann lex
mentis der unverdorbene menfehliche Wille heifst? 3) inwiefern
die Citation eines paulinifchen Wortes überhaupt
hier beweiskräftig ift? Endlich 4) wenn Honorius feine
Gegner deffen befchuldigt, dafs fie Chriftus in den Ge-
genfatz von vitiata natura und lex mentis hineinziehen,
mit welchem Rechte darf hieraus gefchloffen werden, dafs
auch er feinerfeits die Selbftändigkeit einer lex
mentis in Chriftus im Unterfchiede von feinem göttlichen
Intellect und Willen anerkannt habe? So kläglich ift diefe
Argumentation. Ich verzichte darauf die übrigen ähnlichen
Verbefferungen der neuen Auflage gegenüber der

alten (f. § 324: das Anathem über Papft Honorius und
die Echtheit der Acten des 6. Concils. § 314) hier zu
notiren. Im Ausdrucke ift ftillfchweigend manches geändert
; z.B. 1. Aufl. S. 134: ,aber der eben auftauchenden
neuen und wichtigen chriftologifchen Frage war (Honorius)
nicht gewachfen'; 2. Aufl. S. 146: ,aber es waren
jetzt neue Fragen aufgetaucht, die er wenigftens anfangs
(!) nicht mit voller Klarheit durchfehaute'. Ebendort:
,trugen das Ihrige bei, ihn irre zu führen'. S. 146:
,trugen Einiges zu feinen Mifsgriffen bei', u. f. w. Und
doch ift noch Manches flehen geblieben, was auf dem
Standpunkte, den der Verf. jetzt einnimmt, fchwer zu
ertragen ift. Die klaffifche Löfung bleibt die der Civiltä
catt., welche das ,Mifsgefchick' des Papftes in ein Zeug-
nifs für die von der Kirche anerkannte Unfehlbarkeit
desfelben zu verkehren verftanden hat. .Wo ein Wille
ift, ift auch ein Weg'.

Leipzig. Adolf Harnack.

Schmid, Stadtpfr. Rud., Die Darwin'schen Theorien und
ihre Stellung zur Philosophie, Religion und Moral. Stuttgart
1876, Mofer. (XIII, 403 S. gr. 8.) M. 6. —

Die Hochfluth der Darwinschen Controverfe ift vorüber
. Von einigen fleh naturgemäfs in den Vordergrund
drängenden Heifsfpornen abgefehen, ift man auf beiden
Seiten nüchterner und mäfsiger geworden im Urtheil.
Die Stimme der b^fonneneren Naturforfcher, die fleh der
Grenzen ihrer Forfchung mehr oder weniger bewufst
find, kommt dem Lärm der naturphilofophifchen Enthu-
flaften gegenüber wieder mehr zur Geltung; und die

| Theologen und theiftifchen Philofophen fangen als Gegengabe
an, fleh hier und da mit dem .Grundgedanken'
des Darwinismus zu befreunden.

Das vorliegende, recht klar und anziehend gefchrie-
bene Werk eines württembergifchen Theologen ift ein
Erzeugnifs diefer Rcaction. Seine Tendenz ift, um einen
alten Ausdruck zu gebrauchen, eine friedlich-fchiedliche.

I Der Verf. will eine abfchliefsende Auseinanderfetzung

I der religiös-flttlichen Weltanfchauung mit all' den Theo-
rieen und Problemen geben, die fleh in unfern Tagen an
den Darwinismus angelehnt haben und den Ruhm einer
neuen Weltanfchauung für fleh in Anfpruch nehmen.
Er hat das Beftreben, diefen Theorieen trotz all' ihrer
Ausfchreitungen nicht nur überall mit Nüchternheit und
Mafshaltung zu begegnen, fondern auch fo viel als irgend
möglich ihre religiöfe Unfchädlichkeit refp. ihre eventuelle
Vereinbarkeit mit dem chriftlichen Glauben nach-

! zuweifen.

Die Anlage des Werkes ift praktifch und überfleht-
lich. Den Anfang macht eine Darlegung der darwin-
fchen und — fügen wir hinzu — darwiniftifchen Theo-

j rieen felbft, zunächft der rein naturwiffenfehaftlichen,
dann der fleh anlehnenden ,philofophifchen'. Diefe Darlegung
ift deshalb nicht überflüffig, weil fie durch die
darin enthaltene Scheidung und verfchiedene Werth-
fchätzung der einzelnen Theorieen (Defcendenz-, Ent-
wicklungs-, Selectionstheorie, naturphilofophifche Ergänzungen
und metaphyfifche Confequenzen) fowie durch eine
fo zu fagen immanente Kritik derfelben der nachfolgenden
Auseinanderfetzung die Wege bahnt. Mit Recht fagt
der Verf. (p. 4): ,in der unklaren Vcrmifchung der ver-
fchiedenften Probleme, die hier in Betracht kommen,
liegt die Haupt(?)urfache des verworrenen und unmoti-
virten Urtheils, das fo vielfach über diefe Fragen laut
wird'. -— Ueberall wird hier das Hypothetifche, Unbe-
wiefene refp. Unbeweisbare diefer Theorieen und Pro-

j bleme hervorgehoben. Nur zur Defcendenztheorie ftellt
fleh die Beurtheilung ziemlich rückhaltlos zuftimmend
und fucht im Einverftändnifs mit den Darwiniften die
gegen diefelbe erhobenen Einwände zu widerlegen. Nach

| den fonftigen, fo berechtigten Warnungen des Verf.'s
vor Trugfchlüffen und logifchen Erfchleichungen (vgl.