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Ausgabe:

1878 Nr. 9

Spalte:

219-220

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Baur, Wilh.

Titel/Untertitel:

Das deutsche evangelische Pfarrhaus. Seine Gründung, seine Entfaltung und sein Bestand 1878

Rezensent:

Nasemann, Otto

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219

Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 9.

220

diabolifchen Figur des Secretär Stolpe und der philifter-
haften des Wirths an der langen Brücke: Tie alle find
treu und lebendig gezeichnet. Vielleicht nicht fofort
aus den erften Abfchnitten, aber je länger, je mehr faffen
wir ein Herz wie für die wohlgemeinten Abfichten des
Landesherrn, fo für die Berechtigung des Protefts. Es
ftellte fich eben auch hier immer klarer heraus, wie
wenig weltliche Gewalt in die innern Fragen der Kirchen
und Gewiffen fegensvoll eingreifen kann. — Der Verf.
fleht mit feiner Darfteilung auf dem rein gefchichtlichen
Boden, und hat fich der bekannten anmuthigen Sagen aus
Gerhardt's Leben entfchlagen; die Gefchichte redet
auch ohne fie ergreifend genug. Bedauert haben wir,
dafs er bei feiner mafsvollen Verwendung der Gerhardt-
fchen Lieder nicht wenigftens das 1667 gefangene: ,Ich
danke dir mit Freuden!' bei der Löfung vom Amte (II,
145) einfügte.—Einzelne Auftritte, wie der Tod vonPropft
Lilius, das Gefpräch des Kurfürften mit feiner Gemahlin
, der Tod von Stolpe, find tief ergreifende Bildchen
innerhalb des Ganzen, bei welchen dem Dichter ,Wahr-
heit und Dichtung' aus dem Geift der Zeit heraus be- 1
fonders gelungen ift. Im Intereffe der Einheitlichkeit
der Erzählung hätten wir gern auf das fonft intereffante
Nachtragscapitel verzichtet. ■— Wir begleiten das Buch
mit dem Wunfche, dafs es, wie feit 33 Jahren, nun auch
in der 4. Aufl. dem deutfchen Volke die Geftalt des
lieblichften Sängers der lutherifchen Kirche lieb und
werth machen möge.

Stuttgart. R. Lauxmann.

ßaur, Hof- u. Dompred. D. Wilh., Das deutsche evange- j
lische Pfarrhaus. Seine Gründung, feine Entfaltung j
und fein Befand. Bremen 1878, Müller. (XII, 469 S.
8.) M. 4. 80.

Wenn die Anerkennung des Publicums einer beur- i
theilenden Anzeige des Buches vorangegangen und die
erfe Auflage desfelben in kurzer Zeit vergriffen if, fo
dafs bereits die zweite ausgegeben wird, fo entbindet
uns diefe erfreuliche Thatfache nicht von der Verpflicht- ■
ung, auch unfererfeits auf dasfelbe hinzuweifen und dem
Verf. unfern Dank zu fagen.

Freilich hatten wir uns feine Anlage und Ausführung
anders gedacht, als fie in Wirklichkeit ifl, wir hatten
eine hiforifch gehaltene Darfellung erwartet, gegründet
auf fpecielle Daten und genaue Sammlung und Durch-
forfchung des einfchlagenden Details; flatt deffen finden
wir eine Zeichnung des allgemeinen Ganges des evan-
gelifchen Lebens, illuftrirt nicht am Pfarrhaufe im Grofsen |
und Ganzen, fondern an einzelnen hervorragenden Pfar- ';
rern. Diefe werden in geifvoll-feiner, öfters wahrhaft j
künf lerifcher Weife aufgefafst und gefchildcrt, doch
auch nicht ohne die Abficht, durch das Vorführen der
Bilder einen erwecklichen, wo nicht erbaulichen Eindruck
hervorzubringen. So fcheint das Buch ein Zuviel und
ein Zuwenig zu bieten; wer nach der culturhiforifchen
Seite daraus bef immte Refultate entnehmen will, kommt
nicht zu feiner Rechnung, aber er wird dafür manche
tiefere Anregung empfangen, die ihm die rein hiftorifche
Formung fchwerlich gegeben hätte. Die Frage, ob Guft.
Freytag bei der Abfaffung vorbildlich gewefen ift, mag
unerörtert bleiben; diefer hat eben nur einzelne Bilder |
geben wollen. — Eine zweite Frage ift die, ob die
gezeichneten Porträts typifche lind, fo dafs von ihnen 1
auf die zeitgenöffifchen Amtsbrüder, ihre Lebensführung j
und Wirkfamkeit gefchloffen werden darf. Wir möchten !
fie nicht für alle Fälle bejahen. Darf man wirklich das |
Haus Herder's oder Schleiermacher's ein Pfarrhaus im
eigentlichen Sinne nennen? Hätten dem Verf. mehr
folcher Briefe zu Gebote geftanden, wie der des Vilma-
rianers, welcher auf S. 377 mitgetheilt wird und in gröfs--
ter Anfchaulichkeit mitten in das Leben hineinführt: er

würde vielleicht auf die grofsen Namen nicht ungern
verzichtet haben. — Wir glauben, der Verf. wird nichts
Erhebliches dagegen einwenden, wenn wir fein Buch
felbft, das ja mannigfach die Seelforge in feine Kreife
zieht, eine Seelforgerarbeit in grofsem Mafsftabe nennen,
die fich an fehr beftimmte Kreife wendet. Die Vorrede
und vornehmlich die letzten Capitel laffen darüber keinen
Zweifel. Diefe behandeln in vortrefflicher Gliederung
alle die Seiten, welche für die Bewohner des Pfarrhaufes
wichtig find, und flehen als inhaltvoller Abfchlufs weit
über den Eingangscapiteln, welche über die Gciftlichen
der Kirche Roms und die vorreformatorifche Frau handeln
und manche Bemerkung enthalten, die fich anfechten
liefse.

Allein ift es denn überhaupt möglich, die Gefchichte
des evangelifchen Pfarrhaufes weiter rückwärts als ein
Jahrhundert in leidlicher Vollftändigkeit zu fchreiben?
Allerdings bringt das Buch von Meufs, über welches
wir im vorigen Jahre in diefem Blatte berichteten, in
bündiger Form reicheres Material; aber D. Baur hat
Recht (S. 141), dafs fich die Alltäglichkeit des Lebens
im Pfarrhaufe doch immer nur zum kleinften Theile er-
faffen läfst, weil nur das Aufserordentliche durch Aufzeichnungen
auf uns gekommen ift. Damit rechtfertigt
es fich von felbft, dafs der Verf. dem Buche die gewählte
Form und einen tieferen Hintergrund gegeben hat.

Wer dasfelbe mit der Anerkennung diefer Begrenzung
als einer natürlichen und diefer Ausfüllung als einer
dankenswerthen lieft, wird fich mit uns dem Verf. für
vielfeitige Anregung und Erhebung verpflichtet fühlen.
D. Baur hat eine hohe Begabung, feine Gegenftände in
der Tiefe anzufaffen und Ausfichten zu erfchliefsen, die
ein Anderer nicht leicht findet. Wie rund und voll ift
Luther gerade auf diefem Gebiete gezeichnet, wie fein
find einzelne Bemerkungen über den Pietismus, wenngleich
die Linien noch weiter gezogen fein würden, wofern
die neulich von Ritfehl gegebenen Aufftellungen
berückfichtigt und der Ariftokratismus der Richtung mehr
betont worden wären. Und nicht das kleinfte Verdienft
endlich ift der Geift der Billigkeit und Gerechtigkeit, der
durch das ganze Buch wehet und Niemand feinen Lohn
vorenthält.

Halle a/S. Otto Nafemann.

Harms, weil.Hauptpaft. Kirchenpropft Dr. Claus, Pastoraltheologie
. In Reden an Theologieftudirende. 3.
Aufl. Mit beigefügten erläuternden Anmerkungen
und vermehrt mit einer autobiographifchen Skizze des
Verfaffers. Kiel 1878, v. Maack. (1. Liefg. 64 S. gr. 8.)
M. 6. —

Der Name des Verf.'s ift hinreichend bekannt und
gehört der Kirchengefchichte an. Sein Andenken hat
zuletzt noch Prof. Kaftan erneuert: ,C1. Harms. Ein
Vortrag. Bafel 1875'. Am 25. Mai 1878 ift der hundertjährige
Geburtstag desfelben. Dazu hat die Verlagshandlung
diefe Jubiläums-Ausgabe veranftalten wollen.
Das Werk felbft ifl entftanden aus Vorträgen, die der
Verf., als er noch Archidiaconus war, am Montagabend
vor einem Kreis Theologieftudirender zu halten pflegte,
und erfchien zuerft Kiel 1830—-31 in 3 Bänden: 1) Der
Prediger, 2) Der Priefter, 3) Der Paftor. 1837 erfolgte
eine 2. Aufl. Seitdem ift es nicht wieder gedruckt und
daher im Buchhandel vergriffen, obwohl noch vielfach
begehrt. Diefer 3. Aufl. find von anderer Hand einige
erläuternde Anmerkungen hinzugefügt, und wird aufser-
dem eine autobiographifche Skizze, um das Jahr 1828
gefchrieben, noch ungedruckt, beigegeben werden, die
Neues und Intereflantes bieten foll, namentlich in Bezug
auf den theologifchen Ehitwickelungsgang des Verfaffers.
Das Werk wird in 6 Lieferungen erfcheinen ä 1 M.,
wovon die erfte vor uns liegt, und foll bis Ende Mai