Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1878 Nr. 9

Spalte:

218-219

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wildenhahn, Aug.

Titel/Untertitel:

Paul Gerhardt. Kirchengeschichtliches Lebensbild aus der Zeit des großen Kurfürsten. 4. durchgesehene Aufl. 2 Thle 1878

Rezensent:

Lauxmann, Richard

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

217

Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 9.

218

Wackernagel gicbt in diefem fünften Bande auf
1377 Seiten zunächft die Lieder der Kirche ,aus den
Zeiten Bartholomäus Ringwald's bis zum Anfang des
17. Jahrhunderts, 1578—16031; im ganzen 772 Nummern,
dazu 18 im Nachtrag: eine Sammlung, in welcher dem
Umfang nach die Lieder von Martinus Behm (101) und
die Pfalmen von Cyriacus Schneegafs (51) und Cornelius
Becker (52) am meiften hervortreten, dem Werthe nach
die von Moller, Nicolai, Knoll und mehrere anonyme
den Vorrang haben. Es find in diefem Zeiträume die
Töne eines Selneccer, Ringwald und Helmbold, welche
noch fortklingen; und es ift zugleich das Intereffe, der
Pfalmendichtung von Lob waffer, welcher die franzöfifchen
Pfalmen fammt ihren Weifen der deutfchen Gemeinde
angeboten hatte und bei den Reformirten in Aufnahme
gekommen war, einen an die lutherifche Bibeliiberfetzung
und an deutfche Liedweifen fich anfchliefsenden Pfalmen-
gefang entgegenzuftellen. — Dann folgen die Lieder der
Schwenkfelder mit 232 Nummern: ein reicher Liederflor,
wenn man bedenkt, dafs die bedeutendften Sänger der
Sekte, ein Adam Reusner und Valentin Triller (letzterer
mit 111 Liedern) fchon in früheren Bänden ihre Berück-
fichtigung gefunden hatten. Es ift hier vornehmlich
Daniel Sudermann, jener edle Niederländer, deffen 211
Liedern Wackernagel eine ganz befonders innige Sorgfalt
zugewendet hat. In der That verdienen feine ,fo
wahrhaftigen und zugleich fo beziehungsreichen' Lieder
eine gröfsere Beachtung, vollends jetzt, nachdem fie aus
den prächtigen Papicrhandfchriftcn der Berliner Bibliothek
hervorgezogen find. — Weiterhin kommen die Gefänge
der Widertäufer mit 126 Nummern, in welchen das epifche
Element, die Martyrergefchichte, befonders mannigfaltig
vertreten ift. — Endlich fchliefsen den Reigen die Lieder j
der römifch-katholifchen Kirche aus dem Reformationsjahrhundert
mit 458 Nummern: eine anfehnliche Schaar
von Gefangen, welche übrigens, foweit fie einen tieferen
Werth beanfpruchen können, theils aus den Hymnen
der alten Kirche, theils aus der Anregung der lutherifchen )
Liederdichtung gefloflen find.

Damit ift denn nun eine Arbeit abgefchloffen, auf
welche deutfeher Gclehrtcnfleifs 42 Jahre eines vollen [
Manneslebens gewendet hat G835—1877); eine Arbeit)
voll Selbftvcrleugnung und voll fchöner Frucht. Man darf
jener Selbftverleugnung wohl gedenken, welche Philipp
Wackernagel mit Bezug auf feine perfönlichen Neigungen
üben mufste. Er war urfprünglich auf ganz anderen
Gebieten: Geometrie, Mineralogie, Sprachwiffenfchaft zu
Haufe, und blickte oft mit Sehnfucht auf feine Lieblingsgedanken
in jenen Fächern hinüber, denen er fich fo
gern noch einmal mit feinem klaren Geift und eifernen
Fleifse gewidmet hätte. Dennoch blieb er dem Kirchen- j
liede treu bis zum Ende. Eine andere Selbftverleugnung
lag in der wiffenfehaftlichen Natur feiner hymnologifchen
Forfchung: fie wird ihm je länger je mehr zum Genufs.
Er wufste, dafs auf diefem Gebiete literarifcher Quellen-
forfchung die gröfste Mühe aufzuwenden fei, und dafs
der Geiftreiclifte hier zum Pedanten werden müffe. Nur
durch eine folche peinlichftc Genauigkeit hat er fein
Werk zu einer Fundgrube erften Ranges erhoben, welche
fchon heute für einzelne Liederdrucke (Strafsburg) das j
Original erfetzen mufs und kann. Aus einer Zahl von
1770 Einzeldrucken und Gefangbüchern find in diefem I
Werke 656 lateinifche Gefänge (1. Band , 1448 Lieder
aus der mittelalterlichen Vergangenheit 868—1518 (2. Band)
und 4679 Dichtungen aus dem Reformationszeitalter j
13—5. Band) in authentifcher Form gefchöpft und zur
Verwerthung niedergelegt; und fo fleht mit Gewifsheit
zu vermuthen, dafs künftige Forfcher auf diefem Gebiete
höchftens den Aehrenlefern gleichen werden, die dem
Garbenbinder folgen: die Ernte im grofsen ift eingeheimft.
Sollten auch einmal der Nachwelt alle die taufendfältigen
perfönlichen Mühen und Laften des Forfchers und die
Opfer des Verlegers gänzlich aus dem Gefichtskreis gerückt
fein: die Hymnologie wird zu allen Zeiten die
deutfche Treue rühmen, welche fich hier ein monumentum
aere perennius gefetzt hat, durch das der Meifter zu den
künftigen Gefchlechtern reden wird, wiewohl er ge-
ftorben ift.

Jede originale Leiftung fchafft neue Aufgaben. Der
urfprüngliche Plan, wonach Wackernagel fich ein Dreifaches
zur Lebensaufgabe geftellt hatte: die Bibliographie,
die Sammlung und die Gefchichte des Kirchenliedes, ift
nur zu zwei Drittheilen erfüllt. Eine Gefchichte des
Kirchenliedes nach feinem Sinne zu fchreiben, war ihm
nicht mehr vergönnt. Dafs Andere aus feinem grundlegenden
Werke material fchöpfen und formal lernen
werden, ift unfere Hoffnung; und unfer Wunfeh geht dahin
, dafs auch unter den gegenwärtigen Zeitverhältnifsen
unferem Volke der ideale Sinn verbleiben möge, folche
köftlichen Gaben heiliger Poefie zu geniefsen. — Und endlich
: die Arbeit für das 16. Jahrhundert ift abgefchloffen;
wer wird diefelbe für das 17. Jahrhundert thun? Wackernagel
hat mit feinem Gerhardt und Heermann einen
Beitrag auch hiezu gegeben; Mützel hat einen Verfuch
mit den fchlefifchen Dichtern gemacht; Andere, wie
Bachmann, Thilo, Gödeke haben fortgearbeitet in Einzelausgaben
. Aber wer den ganzen geiftlichen Liederfegen
aus dem Jahrhundert deutfeher Noth und Zerriffenheit uns
mit der Treue eines Wackernagel vor die Augen legen
könnte, der würde uns einen gefchichtlichen Erweis im
hohen Stil von dem Pfalmwort geben, dafs es in Sturm
und Wogen von der Stadt Gottes heifse: ,der Herr ift
bei ihr drinnen'.

Stuttgart. R. Lauxmann.

Wildenhahn, Dr. Aug., Paul Gerhardt. Kirchengefchicht-
liches Lebensbild aus der Zeit des grofsen Kurfürften.
4. durchgefehene Aufl. 2 Thie. Bafel 1877, Schneider
. (XIII, 312 u. III, 327 S. 8.) M. 4. 80.

Es ift ein ebenfo fchwieriges als natürliches Unternehmen
gewefen, das Lebensbild von Gerhardt in die Con-
flictsjahre feines Lebens 1666—68 hineinzuzeichnen.
Auf der einen Seite belitzen wir ja bis heute nur aus
jener erregten Zeit eingehendere Nachrichten von feinem
Lebensgang; und wenn er auch damals nicht, wie die
Nachtigall im Sturme, feine Lieder fang, vielmehr gerade
1666 und 67 die Sammlung von Ebeling den ganzen
Liederfegen des Mannes abfchlofs, fo werden uns doch
im Anfchauen feiner charaktervollen Perfönlichkeit unter
jenen Verhältnifsen auch feine Lieder befonders lebendig.
Andrerfeits liegt gerade unferer Zeit nichts ferner, als
ein Verftändnifs für die eigenthümliche Gewiffensnoth
der lutherifchen Prediger Berlins zur Zeit des grofsen
Kurfürften; und Dr. Palmer wird der durchfehnittlichen
Auffaffung jenes Conflicts den richtigen Ausdruck gegeben
haben, wenn er in der Herzog'fchen Encyklopä-
die 1856 die Sache als ein pfychologifches Räthfel bezeichnet
, zu welchem unferem neueren theologifchen
Bewufstfein der Schlüffel fehle. — Wildenhahn hat nun
feine Aufgabe, durch keufche novelliftifche Verarbeitung
der hiftorifchen Anhaltspunkte uns die ganze Zeit und
ihren Kampf, befonders aber die Geftalt Gerhardt's näher
zu bringen, meifterhaft gelöft. Auf dem Hintergrund
des nicht aus der Willkür Einzelner, fondern aus dem
Gang der Gefchichte zu erklärenden Conflicts heben
fich alle Charaktere voll und rein ab. Die Geftalt des
ehrfurchtgebietenden Kurfürften und feines würdigen
Präfidenten Schwerin, die eben fo unerfchütterliche als
mafsvolle und milde Perfönlichkeit des Predigers und
Sängers, die Charakterfiguren der Berliner Zunftmeifter;
daneben die zarten Geftalten der Kurfürftin Luife, der
Gattin von Gerhardt und des finnigen Ebeling; endlich
die zweifelhaften Charaktere eines Hofprediger Stofch
und der Pröpfte Fromm und Lilius, bis hinaus zu der