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Ausgabe:

1878 Nr. 9

Spalte:

212-213

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Spitta, Friedr.

Titel/Untertitel:

Der Brief des Julius Africanus an Aristides kritisch untersucht und hergestellt 1878

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 9.

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bringen. Auch mag er {ich nicht wieder zu einer fo
künftlichen Eintheilung verführen laffen, wie er fie in
dem Abfchnitt II Tim. 2, 8—4, 8 auf Grund der Verfe
II Tim. 2, 4—6, noch dazu mit Umftellung ihrer Reihenfolge
, verrucht hat. Uebrigens hätte Referent gern
irgendwo eine Erklärung darüber gefunden, warum die
kritifche Arbeit an den Paftoralbriefen mit einer Auslegung
des zweiten Timotheusbriefes begonnen ift; nach
Mafsgabe ihrer Polemik gegen die Irrlehrer Rheinen diefe
Briefe in der Folge: ,Titusbrief, II. Timotheusbr., I. Timo-
theusbr.' entftanden zu fein. Und wenn der Verfaffer
unter der zraff« yQacf>r[ II Tim. 3, 16 auch neuteftamentl.
Schriftftücke mit inbegriffen fein läfst, fo kann er die
Abfaffungszeit des zweiten Timotheusbriefes fchwerlich
auf die erfte Hälfte des 2. Jahrhunderts fixiren; erft im
letzten Drittel des 2. Jahrhunderts vollzieht fich dieUeber-
tragung des Begriffes: ,Heilige Schriften' auf Beftand-
theile des neuteftamentl. Kanons. Ueberhaupt fcheint
Bahnfen die Paftoralbriefe zu fpät anzufetzen; ihre
Polemik gegen Irrlehren reicht keinmal bis an eins der
ausgebildeten gnoftifchen Syfteme des saec. 2; bei der
richtigen Deutung von yevsaloyiui, nach der fie mit der
gnoftifchen Aeonenlehre Nichts zu fchaffen haben trotz
der gegentheiligen Ausführungen S. 89 f., können wir
bei Vertretern der judaiftifchen Gnofis am Ende des 1.
oder im Anfang des 2. saec. flehen bleiben, um fo mehr,
da auch die von den Paftoralbriefen empfohlenen kirchlichen
Einrichtungen noch geradezu den hierarchifchen
Idealen des saec. 2 widerfprechen; es tritt in ihnen noch
kein Unterfchied zwifchen Presbyterat und Episkopat,
noch nicht die göttliche Einfetzung des Episkopats, nicht
einmal die Anerkennung des Bifchofs als des prttmis
inter pares hervor.

Bonn. Mangold.

Champagny, Graf de, Die Antonine. 69—180 nach Chriftus-
Nach dem von der franzöfifchen Akademie gekrönten
Werke deutfch bearbeitet von Dr. Ed. Do eh ler.
I. Bd. Nerva und Trajanus. II. Bd. Hadrianus und
Antoninus Pius. Halle 1876 u. 1877, Buchhandlung
des Waifenhaufes. (XII, 255 u. XIV, 414 S. gr. 8.)
M. 8. —

Ein Bedürfnifs, das bekannte Werk des Grafen de
Champagny ,Les Antonins1 in deutfcher Ueberfetzung zu
befitzen, lag durchaus nicht vor. Diejenigen deutfchen
Forfcher, die fich ex professo mit dem Studium der Kai-
fergefchichte befaffen und über die Mittel verfügen, um
die Gefchichtsfälfchungen des Verfaffers zu kritifiren,
haben ficherlich das Buch fchon foweit berückfichtigt,
als dasfelbe es verdient; demfelben aber durch eine deut-
fchc Ueberfetzung in weiteren Kreifen bei uns Eingang
zu verfchaffen, ift ein nicht zu rechtfertigendes Unternehmen
. Denn es kann diefe tendenziöfe Arbeit mit
all' ihren handgreiflichen Unwahrheiten und Erfindungen,
mit ihrer empörenden Ungerechtigkeit gegen alle Be-
ftrebungen des klaffifchen Alterthums, mit ihren hierarchifchen
Tendenzen und apologetifch-katholifchen Ent-
ftellungen nur Unheil ftiften, ein Unheil, das wahrlich
dadurch nicht aufgewogen wird, dafs einige richtige uud
weniger bekannte antiquarifche Notizen nun zugänglicher
geworden find. Was aber die deutfche ,Bearbeitung'
betrifft, fo ift wohl feiten eine ähnlich leichtfertige, fonft
völlig unqualificirbare ,Arbeit' der Oeffentlichkeit übergeben
worden. Erftaunt fragt man fich, auf welch' eine
Art von ,Publicum' Dr. E. Doehler, Oberlehrer am Gym-
nafium in Brandenburg, denn eigentlich gerechnet hat.
Eine Einleitung, in welcher die Grundfätze der Bearbeitung
' angegeben wären, fucht man vergebens. Doehler
hat fchlechterdings jede Auskunft darüber für un-
nöthig erachtet. Dagegen zeigt eine auch nur flüchtige
Vergleichung mit dem Original, dafs er fich die weit-

1 greifendften Veränderungen erlaubt hat, dafs er in er-
fchreckendfter Weife flüchtig gewefen, in Mifsverftänd-
nifse verfallen ift und das Original getrübt und entftcllt
hat. Jedenfalls kann die Bearbeitung'' keine autorifirte
fein, wofür fie fich auch nicht giebt. Unfere hiftorifchcn
Bibliotheken follen fortan die ungerechtefte Darftellung
der älteren Kaiferzeit in der leichtfertigften Form repro-
ducirt befitzen: vielmehr laffe man das Dochl cr'fche

j Buch bei Seite; denn wenn man genöthigt ift, Champagny
's Arbeit einzuteilen, fo könnte die Doehler'fche
Bearbeitung leicht Mifsverftändnifse veranlaffen.

Leipzig. Adolf Harnack.

Spitta, Friedr., Der Brief des Julius Africanus an Aristides

kritifch unterfucht und hergeftellt. Halle 1877, Buchhandlung
des Waifenhaufes. (VII, 122 S. gr. 8.) M. 2.40.

Nach einer kurzen Einleitung, in welcher der Vernich
, den Brief des Julius Africanus an den Ariftides
über die Ausgleichung der Differenzen der Genealogieen
Jefu bei Matthäus und Lucas wiederherzuftellen, gerechtfertigt
und das Quellenmaterial kurz vorgeführt wird,
tritt der Verf. fofort in die Unterfuchung über die Ucber-
lieferung der Fragmente, ihre Integrität, Zufammenge-
hörigkeit u. f. w. ein. Er beginnt mit den Stücken, die
aus den Quaest. evang. Eusebii flammen; diefelbcn waren
bisher fo gut wie gar noch nicht kritifch beurthcilt. In
dem zweiten Theile werden die bei Euseb. h. e. I, 7 fich
findenden Fragmente einer Prüfung unterzogen. Als Ertrag
der Arbeit wird uns am Schlufs (S. 105 f.) der
wiederhergeftellte Text des Briefes geboten.

Mit dem gröfsten Fleifse, einer bei Erfllingsfchriften
nicht gewöhnlichen Umficht und Sorgfalt, fowie mit dem
lebhafteften Intereffe für den Gegenftand ift die ganze
Unterfuchung geführt. Letzteres trat dem Ref. deutlich
defshalb entgegen, weil es ihm fchwer fiel, dasfelbe in
vollem Mafse nachzuempfinden. Das ift gewifs ein
Mangel; aber andererfeits wird man behaupten dürfen,
dafs die Aufgabe, welche der Verf. fich geftellt hat, nicht
eben fehr lohnend gewefen ift, und dafs Spitta es feinen
Lefern erfchwert hat, ihm mit wachfender Theilnahme
zu folgen. Was den"erften Punkt betrifft, fo wird Niemand
leugnen, dafs wir überall kritifch zu ordnen haben,
wo ein folches Verfahren unfere Kenntnifse zu erweitern
oder zu verdeutlichen verfpricht. Beides ift hier aber
nur in befchränktem Mafse der Fall, felbft wenn die Re-
fultate diefer Arbeit fämmtlich gültige wären. Das
zweite betrifft die Methode des Verf.'s. Es ift nicht

! leicht, den Punkt anzugeben, an welchem fie mangelhaft
ift, und ich möchte dem Verf. nicht Unrecht thun. Aber
jeder aufmerkfame Lefer, der den Wunfeh hat, vom Verf.
zu lernen, wird bald einfehen, dafs hier nicht Alles in
Ordnung ift. Vielleicht darf man die Fehler auf die un-
bewufst wirkenden Vorurthcilc zurückführen, dafs jede
Stelle, wenn fie nur mit Sorgfalt behandelt wird, fchlecht-
hin eindeutig fein und ein ficheres Urtheil über die Intentionen
ihres Verfaffers zulaffen müffe, und weiter, dafs
der Context alle Fragen entfeheide, die der Text etwa
offen läfst. Die Mängel der Methode entfpringen, wenn

1 ich recht fehe, aus einem eigenthümlichen Mifsbrauch
der zwei hermeneutifch wichtigften Grundfätze; fie haben
den Verf. dazu verleitet, in einer Reihe von Detailfragen

I mit einer Zuverficht zu entfeheiden, die befremden mufs,
und fie haben ihn veranlafst, das ihm vorliegende Material
fo künftlich zu verfpinnen, dafs ihm prüfend zu folgen

I überaus fchwer ift. Ich geftehe, dafs mich die Aus-

| führungen über die zweite gröfsere Lücke nicht überzeugt
haben; aber manches Andere wird ebenfalls nicht

I beftehen können, fo vor allem das S. 41 f. Ausgeführte.

I Die Behauptung, der Verf. des I. Ckmensbriefes habe
nach c. 32 Chriftus als v.axb. nwr/.a ix ontQ^tcacic. A&tit

I betrachtet, ift durch Spitta's Bemühungen um nichts
wahrfcheinlicher geworden; ja ich vermag trotz der Be-