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Ausgabe:

1878 Nr. 9

Spalte:

210-211

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bahnsen, Wilh.

Titel/Untertitel:

Die sogenannten Pastoralbriefe erklärt. 1. Thl. Erklärung des 2. Timotheusbriefes, nebst einer allgemeinen Einleitung zu den Pastoralbriefen überhaupt 1878

Rezensent:

Mangold, Wilhelm

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209

Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 9.

210

Juftus, feine Vaterftadt Tiberias zum Abfall von Agrippa Partei die Majorität hatte, beweift die eine Thatfache,

und den Römern bewogen habe (Vita 9. 65 J>. 340, 27 dafs der damalige Archon von Tiberias Jefus Sohn

sq.]. 70); und er hebt recht gefliffentlich alle diejenigen des Sapphias {Bell. Jud. II, 21, 3. Vita 27. 53. 54. 57)

Thatfachen hervor, welche zum Beweis der revolutionären der Partei ,der Schiffer und der Befitzlofen', d. h. eben

Haltung des Juftus dienen können: feinen Kriegszug der revolutionären Partei angehörte {Vita 12, Bell. Jud.

gegen die Städte der Dekapolis (Vita 9 fin. 65 />. 340, III, 9, 7—8). Unter diefen Umftänden erklärt es fich

12—19), feme Verbindung mit den Revolutionsmännern fehr wohl, dafs Juftus von Tiberias einerfeits als Ange-

Johannes von Gischala {Vita 17) und Jefus Sohn des höriger der gemäfsigten Friedenspartei erfcheint und

Sapphias (Vita 54). Daraus ergiebt fich mit Nothwendig- andererfeits fich doch an den Unternehmungen der Re-

keit der Kanon, dafs gerade diefe Seite in der Darfteil- volutionsmänner betheiligt. Er wird dies Letztere eben

ung desjofephus mit der gröfsten Vorficht aufzunehmen nicht, wie Jofephus es darftellt, aus eigenem Antriebe,

ift, dafs aber umgekehrt Jofephus unbedingt Glauben fondern unter dem Zwang der Ümftände gethan haben!

verdient, wo er nicht umhin kann, Thatfachen zu er- Seiner eigentlichen Gefinnung nach gehörte er jener

wähnen, welche den Beweis liefern, dafs Juftus vielmehr Partei der Vornehmen und Gebildeten an (als einen

der gemäfsigten, zu Agrippa und den Römern hinneigen- Mann von griechifcher Bildung bezeichnet ihn Jofephus

den Partei angehörte. Nun gefleht aber Jofephus fchon ausdrücklich Vita 9), welche den Mifserfolg der Revolu-

bei der erften Erwähnung des Juftus ein, dafs er nicht tion vorherfah und darum für den Frieden war.

der Revolutionspartei angehörte, fondern eine Mittel- Leipzig. E Schürer

Heilung zwifchen der römifchen und der revolutionären ;___

Partei einnahm und .vorgab, Bedenken zu hegen in Be-

treff des Krieges' {Vita 9: ivdouxteiv nodg %hv noUttov). , Bahnsen, 1 alt. Hulfspred. Willi., Die sogenannten Pastoral-
Er erwähnt ferner, dafs Juftus' Schwerter und Schwager | briete erklärt. 1. Tbl Erklärung des 2. Timotheusin
Gamala von der Revolutionspartei ermordet wurden
c. 35. 37). Er kann nicht verschweigen, dafs Juftus zu
einer Zeit, als die Revolution in Tiberias in voller
Blüthe ftand, noch vor der Ankunft Vefpafian's in Galiläa
, feine Vaterftadt verliefs und zu Agrippa (und damit
zu den Römern) überging {c. 65 342, 16 sq.]. 70;.
Er ift endlich, obwohl er uns fortwährend verfichert,
dafs Juftus ein Mann der Revolution gewefen fei, doch
fo naiv, zu erzählen, dafs Juftus fich unter den Raths

briefes, nebft einer allgemeinen Einleitung zu den
Paftoralbriefen überhaupt. Leipzig 1876, Barth. (VII,
116 S. gr. 8.) M. 2. 80.

Der Verfaffcr will durch eindringende Unterfuchung
des den Paftoralbriefen eigenthümlichen Sprachfchatzes
und der gefchichtlichen Verhältnifse, unter denen diefe
Briefe mit ihren eigenartigen biblifch-theologifchen Vor-
ftellungen, ihrer Polemik gegen Irrlehrer, ihren Anfchau-

herren von Tiberias befunden habe, welche er, Jofephus, , ungen über kirchliche Amtstätigkeit und Formen des
gerade wegen ihrer Verbindungen mit Agrippa j Gemeindelebens, ihren Ausfagen über die Stellung des
einft gefangen fetzen liefs {Vita 35, vgl. Bell. Jud. II, Chnflenthums zum heidnifchen Staat allein entftanden
21, 8 — 10, Vita 32—34). Und mit grofser Unbefangen- | fein können, noch einmal den Nachweis liefern, dafs
heit berichtet uns hiebei Jofephus, wie er den gefangenen unfere Briefe in der erften Hälfte des 2. Jahrhunderts
Rathsherren vorftellte, dafs ja auch er die Macht der
Römer fehr wohl kenne, dafs aber gegenwärtig keine
andere Wahl bleibe, als fich den .Räubern' (d. h. den
Männern der Revolution) zu fügen. Und fo möchten
auch fie dasfelbe thun {Vita 35). Hier fehen wir alfo
ganz deutlich den Juftus auf Seite der antirevolutionären,
zum Anfchlufs an Agrippa und zum Frieden mit den

von einem Pauliner verfafst feien, der in den Briefen
Pauli bewandert, die neuteftamcntliche Literatur gröfsten-
theils fchon vor fich hatte und den Ew. Luk. und Joh.,
den Act. und dem Hebräerbrief befonders nah ftand.
Zu dem Ende giebt er in dem bis jetzt allein vorliegenden
erften Theil feines Buches eine kurze Einleitung
(S. 1—8), die eine rubricirende Orientirung über den

Römern neigenden Partei. Behalten wir dies Alles im ; Wortfehatz und Sprachgebrauch der Paftoralbricfe mit
Auge, und beachten wir die Parteiverhältnifse in Tiberias | theilt und durch eine vorläufige Kritik der Gründe, mit
überhaupt, fo ergiebt fich über die Stellung des Juftus denen man die angefochtene Echtheit der Paftoralbriefe
mit Sicherheit Folgendes. zu vertheidigen verfucht, die Annahme der Unechtheit

Es gab in Tiberias beim Ausbruch der Revolution j derfelben von vornherein plaufibeler erfcheinen läfst.
ganz wie in Jerufalem drei Parteien: 1) die römifche, 2) i Dann folgt (S. 9—112; die Auslegung des 2. Briefes an
die Friedenspartei der jüdifchen Vornehmen, 3) die Re- j Timotheus, und fchliefslich (S. 112—116) der kurz ge-
volutionspartei des Volkes (Vita 9). Die Machtftellung haltene Nachweis, dafs die Verfuche, diefen Brief in dem
der Parteien hat fich in Tiberias ganz wie in Jerufalem uns bekannten Leben Pauli ohne Annahme einer zweiten
entwickelt. Wie in Jerufalem zunächlt die Rümerfreunde römifchen Gefangenfchaft unterzubringen, an hoch-
vom aufftändifchen Pöbel ermordet, dann die Männer gradiger Unwahrfcheinlichkeit leiden,
des Friedens zum Anfchlufs an die Sache der Revolu- j Im Ganzen hat der Vcrfaffer feine Aufgabe am 2.
tion gezwungen wurden, endlich aber in der zweiten , Timotheusbrief befriedigend gelöft; feine Auslegung,

Periode des Krieges auch die gemäfsigte Partei von
den Revolutionsmännern durch Mord aus dem Wege
geräumt wurde, ganz ebenfo wurden in Tiberias zuerft
nur die nicht-jüdifchen Einwohner ermordet {Vita 12
fin.), dadurch die Gemäfsigten eingefchüchtert, endlich
aber auch diefe — denn fie find unter den 185 Ermor

welche fich durch Schärfe, Kürze und hinlängliche philo-
logifche Dexterität auszeichnet, hat den Beweis erbracht,
dafs die Sprache des Briefes nicht die genuin paulinifche
ift, der Paulinismus in demfelben in feiner Umbiegung
zum Lehrtropus der altkatholifchen Kirche erfcheint, und
das Schreiben überall Spuren des nachapoftolifchen Zeit-

deten Vita 65 p. 342, 8—13 ohne Zweifel zu verliehen 1 alters an fich trägt. Uebcr Einzelnes in feiner Auslegung

_ aus dem Wege geräumt. Letzteres gefchah erft zu foll hier mit dem Verfaffer nicht gerechtet werden; im

der Zeit, da Jofephus in Jotapata von den Römern be- j Allgemeinen möchte aber Referent dem Verfaffer rathen,
lagert wurde. Bis dahin, alfo während des ganzen für : in dem weiteren Verfolg feiner Arbeit nicht alle Stellen,
uns in Betracht kommenden Zeitraums, war die Partei I die fich unter einer beftimmten Beleuchtung im Intereffe
der Vornehmen und Gemäfsigten in Tiberias von der feiner Annahme verwerthen laffen, auch wirklich, wie
revolutionären Partei eingefchüchtert, fo dafs fie nothge- I das im vorliegenden erften Theil gefchehen ift, zur Be-
drungen an ihren Handlungen fich betheiligen mufste und gründung derfelben heranzuziehen, wenn fie daneben eine
nur durch Unterftützung von Seite Agrippa's, um welche andere unverfängliche Deutung vertragen; feine Kritik
fie mehrmals nachfuchte, auf Erlöfung von diefem Ter- wird dann auch bei Gegnern feiner Anficht den wün-
rorismus hoffen konnte. Dafs nämlich die revolutionäre j fchenswerthen Eindruck gröfserer Objectivität hervor-