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Ausgabe:

1878 Nr. 8

Spalte:

192-195

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Faber, E.

Titel/Untertitel:

Eine Staatslehre auf ethischer Grundlage oder Lehrbegriff des chinesischen Philosophen Mencius 1878

Rezensent:

Wurm, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 8.

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meinden diefen die erforderlichen Organe für die Verwaltung
ihres Vermögens fchaffen. Die Vertreter des
Romanismus werden hiergegen mit Recht einwenden,
dafs für die vatikanifche Kirche eine folche ,Freiheit'
möglicherweife die Auflöfung herbeiführen würde. Min-
ghetti geht eben von einem Kirchenbegriff aus, der dem
römifchen diametral entgegen fteht. Seine Thefe von
der Nothwendigkeit der Trennung von Kirche und Staat
fucht er dann im vierten Capitel gegen eine Reihe
von Einwürfen zu vertheidigen. Wir können ihm da
nicht in Einzelheiten folgen, uns aber auch nicht die
Bemerkung vertagen, dafs die Beruhigungen, welche
Minghetti beibringt gegenüber den nur zu begründeten
Befürchtungen, dafs die katholifche Kirche ihre ,Freiheit'
mifsbrauchen werde, doch zum grofsen. Theile fehr
fadenfeheinig find. Nur Ein Punkt, der gerade jetzt die
Aufmerkfamkeit der Politiker auf fich zieht, mag hier
befonders hervorgehoben werden: die Präge nach dem
Garantieengefetz, unter deffen Schutz bekanntlich der Papft
gegenwärtig eine einzigartige Stellung in Rom einnimmt.
Diefes Gefetz ift ein Product der Politik der Minghetti'fchen
Partei. Aber mit feinen oben entwickelten Principien
ftimmt es doch eigentlich nicht überein. Denn wenn er
die Gefammtkirche nicht als eine Einheit und als juri-
ftifche Perfon anerkennen will — wie kann er dann ihr
Oberhaupt in fo auszeichnender Weife anerkennen?
Minghetti fühlt fehr wohl die Differenz zwifchen Theorie
und Praxis heraus. Er entfchuldigt die Aufftellung diefes
Gefetzes: es fei das nur eine zeitweilige Conceffion
an die übrigen katholifchen Staaten; diefe zu beruhigen
habe man dem Papfte feine Ausnahmeffellung in Rom
gefchaffen, und fobald die Panacee der Trennung von
Kirche und Staat allgemein applicirt fei, werde das Ga-
rantiegefetz fallen. Nicht übel wird fo die Schwäche
der eigenen Partei und damaligen Regierung, welcher
das Gefetz thatfächlich feine Entftehung verdankt, verdeckt
und das von der Curie felber verworfene Zwittergewächs
zu einem Acte internationaler politifcher Weisheit
erhoben 1

Fragt man nun, ob der Verfaffer eine fofortige
Durchführung des obigen Princips für Italien anräth, fo
zeigt das fünfte und letzte Capitel, dafs der kluge
Diplomat fich doch die Hände nicht binden will., Reformen
innerhalb des Katholicismus erfcheinen ihm als
unwahrfcheinlich, wenn nicht unmöglich, da ,diejenigen,
welche die Nothwendigkeit derfelbcn einfehen, fie entweder
hintertreiben oder der Religion überhaupt indifferent
gegenüber ftehen'. Eine Reform von aufsen
her, fährt er fort, etwa durch Einführung des Prote-
Ptantismus, fei aber in Italien noch viel weniger zu erwarten
— und dann folgen die landläufigen oberflächlichen
Phrafen, dafs der Proteftantismus felbft in Zerfall
fei, dafs feine ,kalten Formen' nicht für den füdlichen
Himmel paffen etc. Aus alledem fchliefst M., dafs noch
auf lange Zeit hinaus die religiöfen Vcrhältnifse fo bleiben
werden und bleiben müffen, wie fie gegenwärtig
lind. Mit Befriedigung wird man dem gegenüber aus
S. 267 ff. conftatiren, dafs M., obwohl für feine Perfon
Skeptiker in Dingen der Religion mit der grofsen Mehrzahl
feiner gebildeten Volksgenoffen, doch die eminente
Bedeutung des religiöfen Factors für das nationale Leben
in vollem Mafse anerkennt.

Bonn. Benrath.

Missionsschriften.

1. BurkhardFs, Dr. G. F., Kleine Missionsbibliothek. 2.

Aufl., gänzlich umgearbeitet und bis auf die Gegenwart
fortgeführt von Paff. Dr. R. Grunde mann.
2. Band : Afrika. 3 Abtheilungen. Bielefeld 1877 —78,
Velhagen & Klafing. (gr. 8.) M. 6. 60.

Inhalt: 1. Die befreiten und die freien Neger in Weft-Afrika.
(VII, 210 S.) M. 2. —. — 2. Die Völkerilämme Süd-Afrika's.
(VII, 308 S.) M. 3. —. — 3. Das Feftland und die Infein von
Oft-Afrika. (V, 168 S.) M. 1. 60.

2. Wilke, Paftor E. G., Missionsbilder in neuen Rahmen.

Berlin 1877, Wiegandt & Grieben. (VII, 104 S. gr. 8.,
M. 1. 25.

3. Germann, Pfr. Dr. W., Die Kirche der Thomaschristen.

Ein Beitrag zur Gefchichte der Orientalifchen Kirchen.
Mit einer Karte und 5 Holzfchnitten. Gütersloh 1877,
Bertelsmann. (X, 792 S. gr. 8.) M. 15. —

4. Faber, Miflionar E., Eine Staatslehre auf ethischer
Grundlage oder Lehrbegriff des chineflfehen Philofo-
phen Mencius. Aus dem Urtexte überfetzt, in fyfte-
matilche Ordnung gebracht und mit Anmerkungen und
Einleitungen verfchen. Elberfeld 1877, Friderichs.
(VII, 273 S. gr. 8.) M. 5. —

5. Faber, Miflionar E., Die Grundgedanken des alten chinesischen
Socialismus oder die Lehre des Philofophen
Micius, zum erften Male vollftändig aus den Quellen
dargelegt. Elberfeld 1877, Friderichs. (102 S. gr. 8.;
M. 2. —

6. Faber, Mifffonar E., Der Naturalismus bei den alten
Chinesen fowohl nach der Seite des Pantheismus als
des Senfualismus oder die fämmtlichen Werke des
Philofophen Licius, zum erften Male vollftändig überfetzt
und erklärt. Elberfeld 1877, Friderichs. (XXVII,
228 S. gr. 8.) M. 5. —

In rafcher, nur allzu rafchcr Folge erfcheint die neue
Bearbeitung von Burkhardt's Mif fionsbi b lio the k
durch Dr. Grundemann. Was wir zur dritten Abtheilung
des erften Bandes (1877, S. 434) bemerkt haben, müffen wir
in Bezug auf die zwei erften Äbtheilungen des zweitenBan-
des wiederholen: der Stoff ift.nicht forgfältig genug verarbeitet
. Auch hier finden wir treffliche geographifche und
ethnographifche Schilderungen; für Geographie und Gefchichte
der aufsereuropäifchen Welttheile wird reicher
Stoff geboten; aber das Unbefriedigendfte ift die Darftel-
lung der Miffionsarbeit felbft, foweit fie von Grundemann
herrührt. Während in der älteren, von Burkhardt bearbeiteten
Miflionsgefchichte einzelne Perfönlichkeiten
von bahnbrechenden Miffionarcn in den Vordergrund
treten und auch fchöne einzelne Züge von neubekehrten
Heiden mitgetheilt werden, ift Grundemann's Darfteilung
zu farblos, und diefe Abfchnitte des Buchs find z. B.
zum Vorlefen in Miffionsvereinen nicht brauchbar. Nicht
einmal von Livingftone's Perfönlichkeit und feiner Mif-
! fionsthätigkeit bekommen wir durch Grundemann ein
anfehauliches Bild. Man kann nicht einwenden, es fehle
in der neueren Miffionsgefchichte an hiftorifch fieberen
fchönen Zügen; wir erinnern nur an die Schriften von
Wangemann; aber man darf fich dann nicht damit begnügen
, Ueberfichten aus Warneck'sMifhonszeitfchrift wörtlich
abzudrucken, wie dies für die Basler Miffion in Weft-
afrika und für die Berliner in Südafrika gefchehen ift,
oder Excerpte aus Miffionsfchriften für die Verfertigung
des Miffionsatlaffes wieder hervorzufuchen (I. S. 122).
Die Schilderung von Land und Leuten hätte fich an
mehreren Stellen ohne Schaden für die Anfchaulichkeit