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Ausgabe:

1878 Nr. 8

Spalte:

184-185

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dacheux, L.

Titel/Untertitel:

Un réformateur catholique à la fin du XV siècle. Jean Geiler de Kaysersberg, prédicateur à la cathédrale de Strasbourg. 1478 - 1510. Étude sur sa vie et sur son temps 1878

Rezensent:

Tschackert, Paul

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183 Theologifche Literaturzeitung. 1878. Nr. 8. 184

andern Leitungen auf diefem Gebiet. Immerhin haben Dacheux, Abbe L., Un reformateur catholique ä la fin du

auch Conful Schultz, Graf Vogüe, Palmer und Befant [ XV8 siede. Jean Geiler de Kaysersberg, predicateur ä

werthvolle Beiträge zur Kenntnifs des mittelalterlichen . , , c. , .0 ,

r, v r B, • , , rr , , T. la catnedrale de Strasbourg. 1478—1510. Ltude sur

Palaftina s gehelert, nicht zu vergeffen des wackern Ita- . °

lieners Mariti Forfchungen aus dem vorigen Jahrhundert. sa Vle et sur son temPs- Strasbourg 1876, Denvaux.

Wie aber Prutz der Erlte gewefen ift, der uns ein
anfchauliches Bild von der Wirkfamkeit und dem Befitz
der Venezianer in Palaftina und Syrien gegeben, fo gebührt
ihm auch das Verdienft der erften auf forgfältiges
Quellenftudium geftützten Darftellung der Befitzverhält-
nifse des Deutfchen Ordens im heiligen Lande. Er weift
nach, wie letzterer fich durch feine Wirthfchaftlichkeit,
feine praktische Richtung, feine friedlichen Erfolge fehr
vor dem gewöhnlichen Verfahren der Franken auszeichnete
. .Alle die Eigenfchaften, welche der Ordensverwaltung
fpäterhin in ihren guten und grofsen Zeiten in
Preufsen nachgerühmt werden müffen, haben ihr auch

(IV, 583 u. XCVI S. m. Portr. u. Facfim.)

Wenn katholifche Theologen oder ultramontane
Pliftoriker die Gefchichte des fünfzehnten Jahrhunderts
fchreiben, fo wird der proteftantifche Lefer von vornherein
auf eine unrichtige Beurtheilung der Reformation
gefafst fein. Diefe Erwartung wird auch durch das vorliegende
inhaltsreiche Buch beftätigt, deffen gelehrter
Verfaffer, der elfäffifche Abbe Dacheux, eine Probe von
perfönlichem Muth abzulegen glaubt, wenn er die Reformation
als eine Revolution charakterifirt; er hält fie für
,einen eclatanten Bruch mit den 1500jährigen Doctrinen
der katholifchen Kirche' (S. 283), ein Urtheil, welches den

in der morgenländifchen Wiege der ritterlichen Genoffen- dogmatifchen Standpunkt des Verfaffers hinreichend
fchaft nicht gefehlt'. Mit grofsem Gefchick hatte fich kennzeichnet. Um nun feinen elfäffifchen Landsmann,
der Orden zu einer finanziellen Grofsmacht in Palaftina den Strafsburger Prediger Geiler von Kaifersberg, von
aufgefchwungen, was fchon daraus hervorgeht, dafs er | jeder Mitfchuld an jener .Revolution' zu reinigen, bemüht
im Laufe eines halben Jahrhunderts faft 8 Millionen uch der Verfaffer, nicht blofs eine bis in das Detail genau
Franken für Erwerbung von Grundbefitz ausgegeben. ; eingehende Schilderung des Lebens Geiler's nach den
Prutz weift nach, dafs der Urfprung des Ordens nicht i Quellen zu geben, fondern auch in ausführlicher Breite
auf das deutfche Hofpital in Jerufalem zurückgeht, wel- die Orthodoxie desfelben klar zu ftellen. Das reiche
ches von einem dafelbft anfäffigen Deutfchen Anfangs des ; Material, welches aus gedruckten und ungedruckten
12. Jahrh. war gegründet worden, fondern dafs er feine Quellen umuchtig beigebracht ift, überzeugt uns, dafs
Wiege in Akko hat. Dort im Feldlazarett) von Bremer , der Verfaffer fein Ziel vollftändig erreicht hat. Das elfte
und Lübecker Kaufleuten wurden namentlich auf Betrei- j Capitel, welches uns als das wichtigfte von allen erben
Friednch's von Schwaben die Grundlagen des fpäteren , fcheint, enthält die (übrigens ganz unfelbftändige) Theo-
Ordens gelegt um's Jahr 1190. | iogie Geiler's, in welcher uns neben echt Chriftlichem der
Referent fleht fich nur zu wenigen kntifchen Be- ganze Vvuft mittelalterlich katholifchen Aberglaubens in
merkungen über vorliegende Schrift veranlafst. S. 12. ; bunter Mifchung entgegentritt. Am kraffeften erfcheint
Das Stück der Tempelgaffe felbft, das vom Ilaram bis uns fein Dringen auf Heiligencult. ,Gott hat es alfo ge-
zum Koranhaufe Selami's reicht, heifst Goldfchmidmarkt ordnet, dafs er uns durch der Heiligen Fürbitten will
Suk es-Sagha). Die Gaffe der Deutfchen ift wahrfchem- 1 erhören und uns in unfern Nöthen durch fie zu Hülfe
lieh mit der jetzigen Häret el-Maidan identifch. Eine kommen' fAlphabet. XVII. Predigt. — D. S. 274).
Häret es-Sabäl giebt es nicht. Tobler fchreibt es-Sacha, 1 ;Maria ift grofs in ihrer Gewalt; fie hat Gewalt wider
der richtige Name ift Maidan oder Schäräf. Die Iden- Gott, wider den Menfchen, wider den Teufel. Sie hat
tification der in den Urkunden genannten Ortfchaften Gewalt in dem Himmel, auf dem Erdreich, im Fegefeuer
kann mit befriedigendem Erfolg erft erreicht werden, und ;n der Hölle' iEvangelia mit Usslegung. Fol. CCV.
wenn wir einft das vollftändige Ortsverzeichnifs der ex- v« und CCVI V- D. S. 274). Diefer Lehre von den Hei-
ploration fund zur Hand haben, das in diefen Tagen zu , ligen entfpricht die vom Ablafs, welche Geiler vonThomas
Ende geführt worden ift. Soffia S. 28 möchte wohl | entlehnt. — Die Vorausfetzung für feine Theologie bildet
eher mit Esfia auf dem Karmel zu identificiren fein, i die Behauptung, dafs das Verftändnifs der heiligen Schrift
als mit Scha'ab. Lanahie ift das heutige el-Januhieh. , durch die Kirche normirt wird (S. 229;; daher ihm auch
Die Ortsnamen Hafeinijeh, Kefr Hüneh (S. 28. 36) kom- j die Auslegung derfelben durch die Väter als infpirirt
men im Sidongebiet vor, wo der Deutfche Orden auch j gdt (S. 227). — Welches Verhältnifs fleh Geiler zwifchen
begütert war. Doch fchliefst nach Prutz der Zufammen- ! Kirche und Staat gedacht habe, läfst fich leicht aus dem
hang der Urkunden eine fo nördliche Ortslage aus und ; Satze fchliefsen, dafs es eines Priefters unwürdig fei, fich
haben wir die Entdeckung gleichnamiger Ortfchaften in von ejnem Laien richten zu laffen (S. 42). Die römifch-
Galiläa und Samana noch zu erwarten. Nach der Karte ; katholifche Orthodoxie Geiler's ift alfo aufser Frage ge-
des Sanudo möchte man das castellum regis in den be- j ftent wir Proteftantcn würden ihn aber auch ohne
deutenden Ruinen von Aha vermuthen, örtlich von Ka- 1 Dacheux's Bemühung nicht für einen Johannes den Täufer
laat Kam in äufserft fruchtbarer und anmuthiger Ge- , der Reformation halten; denn über eine folche Ueber-

gend. Samohete hat Prutz richtig mit Suchmata ver- fchätzung der innerkirchlichen Reformer des 15. Jahr-

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glichen, das von Thomfon Sehemoita gefchrieben wird
S. 55. Delhüm liegt am füdlichen Ufer des Daniür nahe
der Mündung, Quefra das heutige Kefra oberhalb Frei-
dis, Bessetfin das jetzige Bshetfin auf der Höhe unweit
nordweftlich von Deir el-Kamr, und eine halbe Stunde
örtlich von Bshetfin an der gleichen Berglehne Deir
Küsheh, la Mougarieh jetzt Mkreijah füdlich von Deir

hunderts find wir längft hinweg. Dennoch werden wir
trotz Dacheux Geiler's Wirkfamkeit unter die Veranlaf-
fungen der evangelifchen Neugeburt der Kirche rechnen;
denn feine bewunderungswürdige freimüthige Kritik der
Gebrechen der Kirche hat doch wenigrtens die Erkenntnifs
des verrotteten Zuftandes derfelben gefördert, und nicht
mit Unrecht haben fich die Vertreter Strafsburgs nicht

el-Kamr, Kuneyese im Wadi Hamäna zu fachen, der iange nach Geiler's Tode, zu Gunften der Reformation

von Gebel Kuneisijeh herabkommt, Ebbrih jetzt Berih
weftlich von Baruk am Südufer des mittlem Damur.

Möge es dem trefflichen Forfcher vergönnt fein, das
grofse Ziel, das er fich gefleckt, zu erreichen, nämlich
uns eine vollftändige Culturgefchichte der Franken im
Orient darzubieten, geftützt auf allfeitige Kenntnifs der
gefchichtlichen Quellen und umfaffende eigene Anfchau-
ung von Palärtina und Syrien.

Zürich. K. Furrer.

auf feine Predigten berufen (S. 499. Vollends, wenn
wir aus dem Munde diefes Vorkämpfers gegen die herr-
fchende Sittenverderbnifs am Ende feines Lebens die
refignirte Klage vernehmen, dafs er felbft an der Möglichkeit
einer Reformation der ganzen Kirche verzweifelte
(S. 500. 501), fo dürfen wir dies, falls wir es überhaupt
noch nöthig hätten, geradezu als Beweis anführen, dafs
auch bei dem aufrichtigrten Bemühen eine Verbefferung
der Kirche unter Beibehaltung ihrer officiellen Lehre