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Ausgabe:

1877 Nr. 6

Spalte:

142-143

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Die Entstehung der vier Evangelien und der Christus des Apostels Paulus 1877

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 6.

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achten. Nicht günftiger wüfste ich über die Dispofitionen !
des Lucas und Matthäus zu urtheilen, welche (ich in einem
Anhange, S. 3—23, finden. Mir wenigftens will es fcheinen,
als laffe diefe ,Ueberficht' aufs Lebhaftefte den Eindruck
zurück, dafs auf dem von Volkmar eingefchlagenen Wege
die Compofition diefer beidenEvangelien nicht zu erklären j
ift. Dennoch ift diefe Ueberficht überaus dankenswerth, j
fofern fie durch ftetige Verweifungen auf die ,Evangelien'
von 1870 die aus dem Buche felbft nicht ganz leicht zu
gewinnende Orientirung darüber vermittelt, wo feine Erklärung
über Entftehung und Compofition der einzelnen |
Abfchnitte in den beiden kanonischen Synoptikern zu
finden ift. Daran fchliefst fich dann noch ein chrono- j
logifchcs Regifter, das wieder einen dankenswerthen J
Ueberblick über die bekanntlich fehr präcifen Refultate j
giebt, die Volkmar hinfichtlich des Proceffes der Evan- I
gelienbildung gewonnen zu haben glaubt.

Befonders intereffant ift die Zufammenftellung deffen,
was nach den Refultaten feiner Evangelienforfchung, verglichen
mit den .ächten' Paulusbriefen, der Apokalypfe ;
und Jofephus, dem Verf. nun als ,das Gefchichtliche vom
Leben Jefu' zurückbleibt (S. 719—738). Es ift immer
noch ein Reichthum gefchichtlicher Data, den wir hier |
gewinnen, und was hier in Liebe und Ehrfurcht von dem
Bilde des Herrn, wie es dem Verf. entgegengetreten,
gezeichnet ift, daran wird auch der fein Wohlgefallen
haben, der mehr und Gröfseres von dem Leben des j
Herrn aus unferen Evangelien ficher ermitteln zu können
meint. Ja, es thut entfehieden wohl, dafs der Verf., was !
er nicht für gefchichtlich halten kann, nun auch einfach
fallen läfst und nicht nach moderner Art zurechtftutzt,
bis es etwas unfern Quellen völlig Fremdes geworden, j
Von Externis notire ich, dafs V. Jefum im Jahre 30 u. Z.
auftreten und 3—4 Jahre wirken läfst. An die revidirte
Ueberficht fchliefst fich ein Abfchnitt über ,das Wefen I
des Marcusbuchs, nach den neueren Verhandlungen näher
beftimmt' (S. 681-88), der wefentlich darauf beruht, dafs .
Volkmar jetzt mit dem Referenten das v'iov !teov in der j
Ueberfchrift als echt anerkennt und feine Beibehaltung mit
neuen fchlagenden Gründen rechtfertigt, wodurch er dann '
trotz feiner, wie ich glaube, nicht richtigen Faffung von j
I, 1-4 dennoch dazu kommt, in der Selbftbezeichnung j
des Buches als der .frohen Botfchaft von Jefu Chrifto j
als dem Sohne Gottes' den eigentlichen Grundgedanken
desfelben ausgedrückt zu finden.

Den Haupttheil des Nachtrags bilden .einzelne Rand- |
gloffen' (S. 688 — 719). Es find kürzere und längere Ausführungen
über einzelne Stellen des Evangeliums, welche
die Darftellung der .Evangelien' berichtigen oder näher
beftimmen, oder fich offenfiv und defenfiv gegen andere I
Auffaffungen wenden. Der Verfaffer führt eine fcharfe
Klinge; aber er weifs auch anzuerkennen und fich felbft -
zu verbeffern, wo er .bei principiellen Gegnern etwas!
befferes findet. Ob Leute wie unfereins fich die Frage
nie geftellt haben, ob nicht Matthäus von unferem Lucas !
abhängig fei, das kann doch Volkmar nicht fo genau I
wiffen, wie er es S. 692 ausfpricht. Jedenfalls wird er j
aus der Einleitung zu meinem Matthäuscommentar 'S. 53 ff.) [
inzwifchen gefehen haben, dafs ich mich ernftlich mit feiner
auf diefe Vorausfctzung gebauten Hypothefe auseinander-
zufetzen verfucht habe. Etwas wunderlich ift feiii keckes
Pochen auf Luther's ,das Wort fie follen laffen ftahn' j
(S. 694). Auch ich laffe ja das ißd/uioa bei Mc. 1, 8 j
ruhig flehen, wenn ich auch annehme, dafs in der älteften
Quelle (nicht im Urmarcus, wie Volkmar fagt, obwohl
ich gegen einen folchen fchon meine 12 Jahre gekämpft
habe) ßamiM ftand, wie der Täufer allein gefagt haben
kann und bei Matthäus und Lucas, an deren Wort doch
Luther auch dachte, wirklich fagt. Nur dafs ich jene
Acnderung des Marcus etwas anders erkläre, wie er, und,
wie ich glaube, etwas beffer, weil die von ihm verfuchte
Erklärung den '.Lehrbildner' ja eigentlich hätte beftimmen
müffen, auch alle anderen Tempora umzuwerfen. Da ich |

aber einmal von feiner Art der Polemik rede, fo fei es
mir erlaubt, zum Schluffe einer Stelle zu gedenken, wo
Volkmar einen wahren .Excefs' meiner Art, in den
Marcustext Fremdartiges hineinzutragen, aufgedeckt zu
haben meint. Alles, was. er gegen meine Auffaffung des
Abfchnitts Mc. 4, 35 bis 5, 43 fagt (S. 700-702), ift ja
ganz fchlagend und vernichtend, aber freilich nur unter
der Vorausfetzung, dafs ich diefe Erzählungen mit ihm
für freie Lehrdichtungen des Evangeliften nehme. Im
Eifer der Polemik hat der Verf. überfehen, dafs ich dies
eben nicht thue und daher fich die Frage für mich
völlig anders ftellt, als für ihn. Um aber anzunehmen,
dafs jenen Erzählungen ältere Ueberlieferungen zum
Grunde liegen, braucht man weder ein .Urtextgötzenfabrikant
' zu fein, noch ,fo orthodox wie möglich bleiben
zu wollen'.

Kiel. Dr. Weifs.

Die Entstehung der vier Evangelien und der Christus des
Apostels Paulus. Berlin [1876] , Lenz in Comm.
(141 S. gr. 8.) M. 1. 50.

So lange es eine wiffenfchaftliche Literatur giebt,
wird wohl auch die Species der wohlmeinenden Dilettanten
in ihr nicht ausfterben. Die Abrichten diefer
Männer find in der Regel die beften, und der Eifer für
die Sache der denkbar gröfste. Aber wegen mangelnder
Schulung bringen fie eben doch nur Mifsgeburten zur
Welt. Indeffen — der Geift läffet fich nicht dämpfen.
Und fo bleibt dem geplagten Recenfenten nichts anderes
übrig, als von Zeit zu Zeit folche Erfcheinungen als ein
unabwendbares Gefchick ruhig über fich ergehen zu laffen.
In diefiem Sinne hat auch Ref. die Leetüre des obengenannten
Buches auf fich genommen und will nun feiner-
feits fich bemühen, möglichft kurz darüber zu berichten.
Die Zauberformel, mit welcher der Verf. alle Geheim-
nifse der Evangelienbildung glaubt erfchliefsen zu können,
ift der Satz, dafs unfere Evangelien nicht Gefchichten,
fondern .Durchführungen' geben wollen. Das Wort
.Durchführung' flammt aus Lucas 1, 1 (dlTjyijOiQ). Denn
,was Luther dort .Rede' überfetzt hat, bedeutet nach dem
Grundtexte Durchführung. Lucas bezeichnet a. a. O.
fein ganzes Evangelium als eine Durchführung. Wäre
das von jeher richtig beachtet worden, fo konnte es allein
auf das richtige Verftändnifs der Evangelien führen.
Lucas fagt nämlich felber damit, dafs er nicht eine
Gefchichte geichrieben. Durchführung ift von etwas Gegebenem
eine Ausführung, Erweiterung , Veranfchau-
lichung, Vergefchichtlichung. Wenn ein Ausfpruch des
A. Bs. oder des Ap. Paulus durch eine Wundererzählung,
durch ein Gleichnifs, durch eine Gefchichte oder durch
eine längere Rede zur Anfchauung gebracht wird, fo ift
das eine .Durchführung' (S. 8). So ift alfo zunächft Lucas
eine Durchführung, und zwar eine Durchführung des
Matthäus. .Einzelnes hat Lucas felbftändig gearbeitet
in Folge blofsen Anftofses durch Matthäus, als Kindheit
Jefu, verlorener Sohn, der reiche Mann und der arme
Lazarus, barmherziger Samariter, die nach Emmahus
wandelnden Jünger, und in allen diefen Stücken bekundet
er Meifterfchaft. Alle Stücke dagegen, welche er
auszugartig aus Matthäus wiedergiebt, werden jämmerlich
zugerichtet. Es fehlt ihm nämlich der Blick für
den ganzen grofsartigen Gedanken, welchen Matthäus

mit feinem Christusleben verwirklicht.....Daher

feine willkürlichen, entftellenden, verunftaltenden Veränderungen
' (S. 31 f.). Marcus hinwiederum ,geht mit
dem dritten und erften Chriftusleben ganz fo um, wie
Lucas mit Matthäus, nur dafs er mehr abkürzend verfährt
; er hat überhaupt auch fonft ganz den Standpunkt
des Lucas inne' (S. 33). Johannes dagegen ,fleht
an fchaffender Kraft dem Vater der Chriftusleben, Matthäus
, wieder näher, und felbft näher als Lucas'