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Ausgabe:

1877 Nr. 5

Spalte:

120-121

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Höpfner, H.

Titel/Untertitel:

Das Werk der inneren Mission in der evangelischen Kirche der Rheinprovinz 1877

Rezensent:

Fay, Friedrich Rudolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 5.

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aus dem Glauben und für den Glauben, aber nicht
objectiv als die Wiffenfchaft vom Glauben und von
der Glaubenswahrheit faffen will, und ebenfowenig, in
welchem Sinne er die Religionswiffcnfchaft verfteht, die
er von der Theologie unterfcheidet, als der ,Gottgelchrt-
heit', als der ,Wiffenfchaft von Gott und göttlichen
Dingen', welche die Frucht eines lebendigen Glaubens
an Gott in, wie er fich durch Chriftum geoffenbart hat.
Aber die Erkenntnifs der göttlichen Dinge, die auf die-
fem Wege gewonnen wird, die keineswegs begrifflich
vermittelt und einheitlich in fich gegliedert ift, wie es
denn einer folchen Vermittlung auch für das Glaubeas-
bewufstfein des Einzelnen nicht bedarf, kann nicht den
Namen ,Wiffenfchaft' beanfpruchen. Und fodann können
wir dem Verf. nicht beipflichten, wenn er als das Gebiet
der Theologie imUntcrfchied von den übrigen Wiffen-
fchaften das .Geweihte' gegenüber dem .Ungeweihten'
bezeichnet. Eine folche Unterfcheidung widerfpricht der
evangelifchen Anfchauung, die auch das natürliche Gei- I
flesleben und die natürlichen Lebensordnungen nicht
als ein profanes Gebiet anficht, fondern als Schöpfungen
Gottes, zu feinem Dienft beftimmt, und welche die Weihe
auch der geiftlichen Dinge, wie der natürlichen, nicht in
einem befonderen, ihnen eingeftifteten Charakter, fondern
in der Alles heiligenden Gefinnung des chriftlichen Geifles
erkennt. Die Rechtsidee z. B. ifl nicht minder etwas
Heiliges und Göttliches, als der religiöfe Gedanke, und
ihre gewiffenhafte Pflege nicht minder ein Gottesdienft,
zur Ehre des Gottes der Gerechtigkeit und der Ordnung, !
als die religiöfe Handlung, die im Miethlingsfinn und
Satzungsdienft ausgeübt doppelt profan ift. Das oft
mifsbrauchtc Wort: inlroite, et hie dii sunt, hat doch
fein Recht. Die vierte Rede mit dem Titel: .Herzenstheologie
' knüpft an den bekannten Spruch Nean- I
der's an: pectus est, quod theologum faiit, und erweift I
gegenüber einem einfeitigen lntellectualismus die Wahr- !
heit desfelben, dafs es nicht vor Allem auf das Gedan- [
kenfyftcm, fondern auf den Lebensftrom ankommt, in
dem fich der Theolog bewegt. Mit Nachdruck wird in
diefer Rede' das theologifche Gewiffen gefchärft und
auf die Bildung eines geiftlichen Charakters in dem
zukünftigen Diener der Kirche und der kirchlichen Wiffenfchaft
hingewirkt. Aus demfelben Grundmotiv und Prin- j
eip heraus geht die fünfte Rede, die ebenfo mit grofsem j
Ernfte, als in geiftreicher und gewinnender Weife den, I
wie der Verf. nachweift, von Luther herrührenden Spruch j
von der oratio, meditatio, tentatio als den drei Grundzügen
im Bilde eines rechten Theologen auslegt und anwendet.
Die fechfte Rede befchäftigt fich mit der Schrift Hart- I
mann's, deren Titel fie zu ihrer Ueberfchrift hat: ,Die
Selbftzerfetzung des Chriftenthums', und die fie
als ein ergreifendes Zeichen der Zeit, als eine Stütze des j
Glaubens, als eine Weckftimme zu einem heiligen Streit
und als eine Prophetie einer befferen Zukunft hinftellt,
indem fie an diefer Schrift die Selbftzerfetzung des Unglaubens
nachzuweifen nicht. Eine Stütze des Glaubens
ift dem Verf. diefe .Philofophie des Todes und der Ver- |
zweiflung' insbefonuere infofern, als fie wie ein .Schlamm- i
bad' wirkt, und indirect durch ihre abfehreckenden und !
verwirrenden Confequenzen den Glauben ftärkt. Wir
meinen indefs, dafs auch in der Begründung diefer fog.
Philofoohie felbft, namentlich in ihren pfychologi- [
fchen Grundlagen, verfchiedene directe Anknüpfungspunkte
für die Theologie gegeben find und jedenfalls |
ift anzuerkenucn, dafs der Pefinnismus mit dem Gefühl I
des Elends, das er weckt, wenn er dasfelbe auch nicht
in feiner Wurzel als fittliches Elend erkennt, der Religion
der Erlöfung näher fteht, als der Optimismus mit
feinem Traum von einer Welt, in welcher für einen Er-
löfer kein Platz ift. Die fiebente Rede über ,die-
evangelifche Gefchichte und die moderne Kritik
' wendet fich an das populäre Bewufstfein und fucht
die Ueberzeugung zu begründen, dafs die evangel.

Gefchichte der modernen Kritik gegenüber, deren Re-
fultatc in grofsen Umriffen mitgetheilt werden, fo feft
1 fteht, wie immer, aber auch ein Bewufstfein von den
Forderungen zu erwecken, welche der Kampf mit der
modernen Kritik nicht blofs an den Theologen, fondern
an alle lebendigen Glieder der Gemeinde ftcllt. So
manches Treffliche im Einzelnen der Vortrag enthält,
fo kann und wird er keinen höheren Anfpruch machen,
als den einer anregenden Oricntirung über fein Thema.
Auch ift doch das Urtheil des Verf.'s über die moderne
Kritik, die er hie und da geradezu mit dem Unglauben
der Gegenwart identificirt, zu fummarifch, und verkennt
derfelbe, wie die moderne Kritik in ihrer reinigenden
und fichtenden Arbeit wefentliche, wenn auch vorwiegend
indircete Verdienfte hat.

Auffällig find einzelne höchft finguläre Wortbildungen
des Verf.'s, wie: .Mirakulophobie' und .Abfurdo-
manie'.

Schlicfslich ift die gelungene Ueberfetzung anzuerkennen
, die mit ihrem leichten Fluffe die Frifche und
Lebendigkeit der trefflichen Reden treu und anfpro-
chend wiedergiebt.

Dresden. Dr. phil. Meier.

Höpfner, Consist.-R. IL, Das Werk der inneren Mission
in der evangelischen Kirche der Rheinprovinz. Bonn 1876,
A. Marcus. (TV, 256 S. gr. 8.) M. 3. —

Fan Buch, wie diefes, kommt jetzt gerade zu rechter
Zeit, da die Siege der Socialdcmokratcn in Berlin, Dresden
und anderwärts die evangelifche Chriftenhcit Deutfch-
lands daran erinnern follten, dafs das Werk der inneren
Miffion mit erneuter Thatkraft zu betreiben fei. Der geehrte
Verfaffer, C.-R. Höpfner in Coblcnz, hat fich
als Schriftftcllcr auf diefem Gebiete fchon früher bewährt
. Sein .Praktifcher Wegwcifcr durch die chriftliche
Volksliteratur' ift bereits in zweiter Auflage (Bonn bei
Adolph Marcus 1873) erfchienen und für die Leiter von
Volksbibliotheken ein fehr fehätzenswerther Rathgeber.
Gleich werthvoll ift auch die vorliegende Schrift, die ihre
Entftehung einer Anregung des evangelifchen Oberkir-
chenrathes zur Abfaffung von Monographien über den
Stand der inneren Miffion in jeder der acht älteren
preufsifchen Provinzen verdankt. Befonnen in feinem
Urtheil, klar in der Gruppirung des reichen Stoffes, genau
in den gefchichtlichen und ftatiftifchen Mittheilungen, vor
allem aber erfüllt von herzlicher Liebe zu dem grofsen
und fchönen Werke freier chriftlicher Liebesthätigkeit,
giebt uns Höpfner nicht nur ein fehr anfehauliches Bild
der in unferem Rheinlandc cmfig betriebenen Arbeit auf
dem Felde der inneren Miffion, fondern bietet auch zugleich
eine Fülle anregender und fehr beherzigenswerther
Gedanken dar.

.Allgemeines zur Sache' lautet die Ueberfchrift der
Einleitung, deren fein durchdachte Erörterungen über
den Begriff der inneren Miffion in höchft anfprechender
Weife zur Lectürc des Buches einladen. Es folgt dann
eine knapp gehaltene, wahrheitsgetreue Schilderung des
.Schauplatzes', nämlich der evangelifchen Kirche der
Rheinprovinz, die bekanntlich ihre einheitliche Organi-
fation der Kirchenordnung vom 5. März 1835 verdankt.
Der Hauptinhalt der Schrift wird unter dem Gefichts-
punkte der beiden Fragen behandelt: ,A) Was haben wir
an Anftalten, Vereinen und Ifinrichtungen von provinzieller
Bedeutung? B) Was haben wir an fynodalen und
localen Einrichtungen und Anftalten (aufseramtlichen) für
die Zwecke der inneren Miffion in der Provinz?' Sehr
anziehend wird unter A die Entftehungsgefchichte der
Diakoniffenanftalt zu Kaiferswerth, der Diako-
nenanftalt zu Duisburg, der Rettungsanftalten
Overdyck und Düffelthal, der Anftalten auf dem
Schmiedel bei Simmern, des Vereins zur Erziehung