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Ausgabe:

1877 Nr. 5

Spalte:

108-109

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wörner, Ernst

Titel/Untertitel:

Der Brief St. Pauli an die Hebräer ausgelegt 1877

Rezensent:

Schmidt, Woldemar

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107 Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 5. 108

(vgl. z. B. S. 649). Aber es ift dabei doch mit Gefchick I ift auch hier der Einflufs der deutfchen Vorlage bemerk -

und Gefchmack verfahren. Und man darf es jedenfalls
als einen glücklichen Griff bezeichnen, dafs der Verfaffer
gerade Bleek zum Führer gewählt hat. Die befonnene
Art des letzteren, das methodifche Verfahren bei der
Darlegung des kritifchen Proceffes, der Stoffreichthum,

bar; fo wenn in der fynoptifchen Frage von dem Text
des Marcus behauptet wird, er fei ovwrpao/itinv I'x /;
tov MazDaiov y.cil tov vfovxcc (S. 120), oder wenn der
Hebräerbrief dem Apollos als Verfaffer zugefchrieben
wird (S. 479 f.). Im Allgemeinen aber hat fich der Verf.

durch welchen fich das Bleek'fche Werk auszeichnet, ift j hier von Bleek emaneipirt, freilich nur [zu dem Zweck,
auch diefer griechifchen Einleitung zu Gute gekommen, um fich defto unbedingter der kirchlichen Tradition in

So hat fie jedenfalls das Verdienft, die griechifchen Theologen
der Gegenwart in ziemlich vollftändiger Weife mit

die Arme zu werfen. Alle Schriften des Neuen Tefta-
mentes ohne Ausnahme, auch die Paftoralbriefe und die

dem bekannt zu machen, was auf dem Gebiete der Neu- fämmtlichen katholifchen Briefe, find echt. Selbft vom
teflamentlichen Kritik etwa feit Anfang unferes Jahrhun- ! zweiten Petrusbrief wagt der Verf. zu behaupten (was

derts in Deutfchland zu Tage gefördert worden ift.

Die Abhängigkeit von Bleek zeigt fich fchon in der
Anlage des Ganzen. Wie Bleck fo unterfcheidet auch
Damalas drei Haupttheile: 1) Gefchichte der Entftehung
der einzelnen Schriften, 2; Gefchichte der Sammlung der
einzelnen Schriften zu einem Ganzen oder Gefchichte
des Kanons, 3) Gefchichte der Erhaltung diefer Schriften
in Handfchriften und gedruckten Ausgaben. Innerhalb
des erften Haupttheils behandelt er zuerft die vier Evangelien
, dann die Apoftelgefchichte, die paulinifchen Briefe
(in hiftorifchcr Reihenfolge), die katholifchen Briefe, die
Apökalypfe. Noch mehr als in der Anlage zeigt fich
aber die Abhängigkeit von Bleek in den Literaturangaben.
Bleek ifl bekanntlich hierin fehr reichhaltig. Er giebt
bei allen wichtigeren kritifchen Fragen die Gefchichte
derfelben ziemlich vollftändig von ihren erften Anfängen
an. Und der Verf. hat hievon das Meifte mit autgenommen
. So erfahren denn die griechifchen Lefer hier
den Namen manches dunkeln Ehrenmannes, den man
felbft in Deutfchland heutzutage kaum noch nennt. Aber
_ das Merkwürdige ift nun, dafs mit dem Jahre 1866 Alles
wie mit einem Male abgefchnitten ift. In diefem Jahre
erfchien nämlich die 2. Aufl. der Bleek'fchen Einleitung,
welche der Verf. feinem Werke zu Grunde gelegt hat;
und was feitdem erfchienen ift, ift ihm, foweit ich beobachtet
habe, ausnahmslos entgangen. Es fehlen z. B.
in der Gefchichte der Einleitung: Grau, Entwickelungs-
gefchichte des Neuteftamcntl. Schriftthums (2 Bde. 1871),
Langen, Grundrifs der Einleit. in das N. T. (2. Aufl.
1873), Reufs' fünfte Auflage (1874). Von Davidfon
wird nur das ältere Werk citirt (1848—51), nicht aber
das neuere (An Introduction to tlie Study of the New Test.
2 Bde. 1868), in welchem der Verf. feine Anflehten
wefentlich geändert hat. Natürlich kennt Damalas auch
noch nicht die Einleitung von Hilgenfeld (1875) und
die dritte Aufl. von Bleek (herausgeg. von Mangold
1875;, welche beide kaum vor Beginn des Druckes
feines Werkes erfchienen waren. In der Gefchichte der
johanneifchen Kritik (S. 156—163) werden eine Menge
z.Th. obfeurer Namen genannt. Es fehlen aber Schölten,
Das Evangelium nach Johannes (1867), Keim, Gefchichte
Jefu (Bd. I 1867), Luthardt, Der johanneifche Urfprung
des vierten Evangeliums (1874), wozu jetzt auch noch
Beyfchlag, Die johanneifche Frage (1876), hinzuzufügen
wäre. Als Beftreiter der Echtheit von Rom. 15—16
werden (S. 396) Seniler, Eichhorn, Baur, Schwegler ge

bei ihm überhaupt die flehende Phrafe ift): xrjv de yvo-
aiorijxa Irnf.iuQVVQsi r agxcciOTuTrj naqaöoeig (S. 535).
Angefichts diefes hyperconfervativen Standpunktes ift es
erfreulich, dafs wenigftens bei der Apökalypfe der richtigen
hiftorifchen Auslegung Raum gegeben wird (S. 589 f.).

Als einzelne Verfehen notiren wir noch: S. 27: Ogei-
degixog Baur (ftatt Ferdinand Chriftian Baur), S. 81: Iovd.
7t6?.tfi. 6, 4 (ftatt IV, 5, 4), S. 163: Ewald, egewai ueqI
nijg eväyyeXixijg laroolag l'orc!.•/■//; 1864, und Weizfäckcr,
zd ovyyod/.i(tctTa tov leadvvov /.tticaitifouo/ttva /.cd iSryrj-
fieva iv rtmlyyrj 1861 (die Namen find verwechfelt, auch
erfchienen Weizfäcker'sUnterfuchungen in Gotha). Tifchen-
dorf's letzte grofse Ausgabe des N. T. erfchien nicht
1864—1868 (S. 726), fondern 1869 —1872 (wenigftens
tragen die beiden Bände diefe Jahreszahlen, wenn auch
die erfte Lieferung fchon 1864 ausgegeben wurde).

Leipzig. E. Schürer.

Wörner, Lic. Ernft, Der Brief St. Pauli an die Hebräer
ausgelegt. Ludwigsburg 1876, Neubert. (VII, 254 S.
gr. 8.) M. 3. —

Der Verf. diefer Schrift ift der am 25. Aug. 1875
im beften Mannesalter verftorbene Lic. Wörner, welcher
1865 von der evangelifchen Gefellfchaft an die Züricher
Hochfchulc berufen worden war und dafclbft, wie Prof.
v. Orelli in Bafel als Schüler bezeugt, im Geifte Beck's,
feines Lehrers, gewirkt hat. Mit vorliegendem Commen-
tare empfangen wir feine Vorlefungen aus dem Winter
1871/72. Statt hier vor Allem den hergebrachten äufseren
Fragen fich zuzuwenden, hebt er mit allgemeinen herme-
neutifchen Betrachtungen an, um von da aus auf den
Offcnbarungsglauben des autor ad Hcbr. (vgl. 1, 1—4;
hinzuführen und zugleich zu zeigen, wie deffen chrifto-
logifche Grundanfchauung nur die folgerichtige Ausführung
des Selbftzeugnifses Jefu fei. Schon diefer
Eingang läfst vermuthen, dafs W. zur biblifchen Kritik
nicht befonders aufgelegt gewefen ift. Die aphorifti-
fchen Notizen aber, die am Schlufs des Buches unter
Rückblick auf die Auslegung gegeben werden, können
in jener Vermuthung nur beftärken und find gewifs nur
mit dem Umftand zu entfchuldigen, dafs die Schranken
des akademifchen Semefters refpectirt werden mufsten.
Wenige Seiten genügen hier zu dem Nachweis, der
Hebräerbrief fei von Italien aus noch vor der Zerftörung
nannt, nicht aber Lucht, Ueber die beiden letzten Ka- [ Jerufalems von einem Apoftel an paläftinenfifche Juden-

pitel des Römerbriefes (1871). Beim Ephefer- und Ko- chriften vielleicht in deren Landesfprache gefchrieben
lofferbrief vermifst man Holtzmann, Kritik der Ephefer- worden. Speciell den paulinifchen Urfprung der Schrift
Kolofferbriefe (1872). Beim codex Vaticanus wird ge- [ wagt der Verf. nicht ganz fo beftimmt zu behaupten, als

wiffenhaft nach Bleek alles angegeben, was bis zum J
1866 für diefe Handfchrift gefchehen war (S. 645—649);
eben deshalb fehlen aber gerade die einzigen brauchbaren
Ausgaben der Handfchrift, nämlich die Tifchen-
dorf'fche {Növum Testamentum Vaticanum 1867) und die
neuere römifche (BibHorum sacrorum Graecus codex Vaticanus
T. I—V, Rom 1868 —1873). Bei der Vulgata (S.
697—699) iftKaulen, Gefchichte der Vulgata (1868), nicht
genannt.

Am wenigften ift der Verf. von Bleek abhängig in
den kritifchen Urtheilen über die einzelnen Bücher. Zwar

es nach dem Titel den Anfchein gewinnt. Er weifs
zwar über die Schwankungen der Tradition fich hinweg-
zufetzen und den Unterfchied im Lehrbegriffc auszugleichen
, läfst aber die Sprachverfchiedenheit als wirklich
bedeutenden Einwand gelten. Immerhin ,vom inner-
biblifchen Standpunkte betrachtet, erweift fich der
Hebräerbrief doch durch feinen Geiftesgehalt als Apoftel-
fchrift, nicht als Werk eines Apoftelfchülers' (S. 254).
In Erinnerung an die Arbeiten von Hofmann's, Wichelhaus
' und Zahn's ift zu conftatiren, dafs unter den
Neuern wieder nicht Wenige in diefe oder verwandte