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Ausgabe:

1877 Nr. 5

Spalte:

100-101

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kuenen, A.

Titel/Untertitel:

Over de mannen der Groote Synagoge 1877

Rezensent:

Hollenberg, Joh.

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Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 5.

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nicht in den Städten felberr Wenn es nach J die Haupt-
befchäftigung der Patriarchen ift, die heiligen Stätten
des ifraelitifchen Volkscultus zu inauguriren, Altäre und
Maffeboth aufzurichten, heilige Bäume zu pflanzen und
Brunnen zu graben — ift es dann möglich, fleh einen
Propheten als Verf. zu denken? und entfpricht die Ver-
wandtenheirath dem Gefetz? Vgl. Vatke S. 457 ff.

Weniger originell und darum im Ganzen verfländiger
ift die Behandlung des übrigen Hexateuchs. Das negative
Urtheil über das Gefetz billige ich z. Th., obwohl
nur einzelne Apergus neu find, das Wefentliche voll-
ftändiger geordnet, beffer unterfchieden und methodifcher
begründet bei Andern fleh findet. Die pofitive Charak-
teriftik des f. g. Mofaismus ift in Wahrheit die Charak-
teriftik einer ziemlich fpäten Stufe der Prophetie und
ihrer Auffaffung von Mofe: darum gehört das Referat
über das B. Jona S. 135 ff. zur Sache. Die überlieferte
Erzählung wird auch hier mit mehr Gefchick verfpottet,
als erklärt. Das Meerlied Exod. 15 ift ein nachexili-
fches Gedicht, zu der wunderbaren Speifung in der
Wüfte wird S. 118 f. bemerkt: das nachexilifchc Volk,
für welches diefe Erzählungen aufgefchrieben find, mochte
genug murren über die fchlechten Zeiten u. f. w. Ueber
das Leihen des goldenen und Albernen Schmucks (fo)
und der Kleider beim Auszug würden weniger Worte
gemacht worden fein (S. 104 f.), wenn das Verftändnifs
aufgegangen wäre, dafs diefer ganz nebenfächl. Zug zurückgeht
auf die Sitte (Hos. 2, 15), fleh zum Fefte mög-
lichft herauszuputzen — die armen Heloten befafsen aber
nichts Eigenes und um ein Feft zu feiern wie flehs gehörte
, mufsten fie fleh Kleider und Schmuck von den
Aegyptern borgen.

Die Tradition über die Richterzeit wird als der des
Hexateuchs fo ziemlich gleichartig betrachtet und als
faft ebenfo leer an hiftorifchem Gehalt. Einzelne gute
Beobachtungen (Onugnathos S. 255) verfchwinden dagegen
, dafs z. B. die unauflösliche Realität von Iudic. 9
nicht empfunden wird. Das eigentliche Thema des
Buchs, die Gefchichte Ifrael's, beginnt auf S. 274 und
wird in drei Capiteln (Gefammtifrael, Ifrael, Juda) auf i
125 S. abgehandelt. Die hiftor. Bb. geben zwar wenig
Stoff, aber wenn Ifraels weltgefch. Bedeutung nicht auf
f. Königen, fondern auf f. Propheten beruht, warum ift
denn von diefen kaum die Rede? Ift Seinecke Hitzig's
Anficht, der weil die Perle der Mufchel Krankheit ift,
eine Gefchichte der Mufchel und nicht der Perle ge-
fchrieben hat? Gute Einzelheiten finden fleh auch hier,
z. B. ift der Verf. m. W. der erfte, der 2 Reg. 18, 20
Jcs. 36, 5 richtig als Frage aufgefafst hat (S. 383). Be-
achtenswerth find auch die Bemerkungen über das Gefetzbuch
Jofia's S. 386 ff. Die Antipathie gegen David
kann ich (ohne fie irgend zu theilen) begreifen, nicht aber
den Ton, womit fie ausgefprochen wird. Ueberhaupt
ift S.'s Ton häufig recht unangemeffen, er fcheint fleh
beftrebt zu haben, Gramberg's Mufter noch zu überbieten.

Mein Urtheil zufammenfaffend kann ich nicht finden,
dafs der Verf. feiner Aufgabe gerecht geworden ift. Man
möchte ihm auf der einen Seite mehr Zucht und Schulung
, auf der andern mehr wirkliche Autodidaskalie wiin-
fchen. Das Schlimmfte ift, dafs er es nicht zu einer
eindringenden Kenntnifs des Pcntateuchs und der ge-
fchichtlichen Bücher gebracht hat. Denn diefe ift gleichbedeutend
mit literarifcher Kritik, der Verf. aber fcheint
die Quellenfcheidung als ein gelehrtes Spiel ohne prak-
tifche Bedeutung zu betrachten, nicht als Vorftufe zu
einer Gefchichte der Tradition und als Mittel, um zu
ihrer Urgeftalt vorzudringen. Und doch kann nur von
ihrer Urgeftalt aus die Tradition begriffen und nach
ihrem hiftorifchen Werth beurtheilt werden —■ in diefer
wilden Weife Alles in einen Topf werfen und kurzen
Procefs machen, das bringt uns nicht weiter.

Greifswald. Well häufen.

Kuenen, A., Over de mannen der Groote Synagoge. [Sepa-
rat-Abdruck aus den Verslagen en Mededcelingen
der Koninklijke Akademie van Wetenschappen, Af-
. deeling Letterkunde, 2dc Reeks, Deel VI.] Amsterdam
1876, C. G. Van der Post. (43 S. 8.)

Mit der bekannten kritifchen Meifterfchaft befpricht
der Verf. hier das viel verhandelte Problem über die
Synagoga magna. Da manchem die Abhandlung fchwer
zugänglich fein wird, fo wird es zweckmäfsig fein, wenn
ich den Gang derfelben kurz fkizzire. Nach Anführung
der Grundftelle im Traktat Pirke Abötk und anderer
Stellen der jüdifchen Literatur über die rEn:,- pc:d "'TlfcR
giebt der Verf. eine gefchichtliche Darfteilung der ver-
fchiedenen Anflehten über das Wefen und die Befug-
nifse diefer Verfammlung. Er zeigt, dafs die jüdifchen
Theologen des Mittelalters in der Abficht, die ver-
fchiedenen Berichte des Talmud mit einander in Einklang
zu bringen, den Männern der Synag. magna noch
gröfsere Bedeutung beilegten, als fie nach den Quellen befafsen
. Unter den chriftlichen Theologen tauchten allmählich
Zweifel gegen "die talmudifche Uebcrlicferung auf,

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welche bei J. E. Rau und Aurivillius zur gänzlichen Verwerfung
derfelben führten. Seitdem wurde die Exiffenz
einer Syn. m. zum minderten für fchr problematifch gehalten
. Da aber nicht pofitiv nachgewiefen war, wie
eine folche unhirtorifchc Vorrtellung fich bilden konnte,
fo fand unter dem Einfluffe der jüdifchen Wiffenfchaft
die Annahme einer wirklichen Exiftenz der grofsen Synagoge
wieder neuerdings allgemeinen Anklang. Ereilich
beftimmte man das Wefen derfelben fehr verfchieden;
einige fahen in ihr einen Staatsrath oder Senat, am Ick
eine demokratifche Rcpräfentation des ganzen jüdifchen
Volkes, andere eine Verfammlung von Schriftgelehrten.
Kuenen erneuert nun die Anficht, dafs die Vorrtellung
von einer Syn. m. im Talmud unhiftorifch fei. Das
Schweigen der Apokryphen, des neuen Teftamcnts, des
Jofephus, fo fchwerwiegend es ift, beweift freilich nichts.
Doch wird es dadurch fehr wahrfcheinlich, dafs der
Name no:o ein fpäterer ift. Diefes Wort hat eine ähnliche
Gefchichte gehabt wie arvaywyij; es ift immer
mehr ausfchliefslich die Bezeichnung der Verfammlung
der Gläubigen am Sabbath geworden. So hat auch
der Bildner des Namens ,grofse Kcnefeth' höchft wahrfcheinlich
eine beftimmte grofse Verfammlung reli-
giöfen Charakters vor Augen gehabt. Wie er überhaupt
keine eigenen alten Quellen hatte, fondern
feine Angaben aus dem alten Teftament fchöpfte, fo
fand er Nehem. VIII—X eine religiöfe Verfammlung
befchrieben, die wegen der grofsen Zahl ihrer Theil-
nehrher, der mehrtägigen Dauer und der Wichtigkeit
ihrer Refultate in befonderer Weife die Bezeichnung
,grofse Kenefeth' verdiente. Dafs nur diefe Verfammlung
unter jener Bezeichnung urfprünglich gemeint ift,
davon zeigen fleh noch Spuren genug in der fpäteren
jüdifchen Literatur. Im Midrasch Ruth finden wir eine
Sage von den Männern der gr. S., welche aus Nehem
. X, 1 San ■»■nia oin-nbn äusgefponnen ift, in andern
Stellen werden über ihre Thätigkeit Auslagen gemacht
, welche aus Nehem. IX, 5. 6. 7. 18. 32 entflammen
; auch die Zahlen der Mitglieder ftimmen uberein.
Ift nun die Syn. magna urfprünglich die Verfammlung
bei Nehemia, fo folgt, dafs alles, was der Talmud von
ihr ausfagt, unhiftorifch ift. Die Rabbinen haben aus
einer gefetzempfangenden Verfammlung eine gefetzgebende
gemacht und auf diefem Grundirrthum
fortbauend hat man den urfprünglichen Sinn des Begriffs
immer mehr verdunkelt. Da man eine Fortpflanzung
der mündlichen Ucberliefcrung von Mofe her nöthig
hatte, fo füllten die Männer der grofsen Verfammlung
aufs bequemfte die Lücke zwifchen den Propheten und .
den riiiSw (Paaren) aus, bis zu welchen die Erinnerung
noch zurückreichte. Die Zeitentfernung zwifchen der