Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1877

Spalte:

97-99

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Seinecke, L.

Titel/Untertitel:

Geschichte des Volkes Israel. 1. Thl., bis zur Zerstörung Jerusalems durch die Chaldäer 1877

Rezensent:

Wellhausen, Julius

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

Theologische Literaturzeitung

Herausgegeben von Prof. Dr. E. Schürer.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 5. 3. März 1877. 2. Jahrgang.

Seinecke, Gefchichte des Volke? Ifrael, 1. Thl.
(Wellhaufen).

Kuenen, Over de mannen der Groote Synagoge
(Hollenberg).

Soulier, La Doctrine du Logos eher Philon
d'Alexandrie (Schürer).

Novum Testamentum Graece. Coloniae Agrip-

pinae iBertheau).
laßalac, EQfjtjVtia elc tijv KaivijV Jia&r/-
xt]v, T. a. (Schürer).

Weimer, Der Brief St. Pauli an die Hebräer

(Wold. Schmidt).
Schwalb, Der Apoftel Paulus (Weifs).
Stein, Sieben Bücher zur Gefchichte des Pla-

tonismus, 3. Thl (Heinze).
Steinmeyer, Der Zweifel an der Glaubens-

gewifsheit (Gottfchick).

Reiff, Die Glaubwürdigkeit der heiligen Schrift
(Gottfchick).

Roos, Die Infpiration der heiligen Schrift

(Gottfchick).
Refch, Das Formalprincip des Proteftantismus

(Gottfchick).
Oofterzee, Zum Kampf und Frieden (Meier).
Höpfner, Das Werk der inneren Miffion in

der evangelifchen Kirche der Rheinprovinz

(Fay).

Schriften zur Förderung häuslicher Andacht
(Wetzel).

Seinecke. L., Geschichte des Volkes Israel. 1. Thl.,
bis zur Zerftörung Jerufalcms durch die Chaldäer.
Göttingen 1876, Vandcnhocck & Ruprecht. (VIII,
399 S. gr. 8.) M. 8. —

Der Titel entfpricht dem Inhalte des Buchs nicht,
denn die gefammte Gefchichte Ifrael's und Juda's' von der
Spaltung des Reichs bis zur Zerft. Jeruf. wird darin auf
46 Seiten, dagegen die Erzählung des Hexateuchs auf
229 S. abgehandelt. Die Kritik der Tradition über die
Vorgefchichte ift dem Verf. die Hauptfache.

Sofern fich nun diefe Kritik blofs negativ verhält,
ift fie vielfach im Rechte, z. B. in der Einleitung zum
Verftändnifs der Patriarchengefchichte S. 1—9, in der
Beurtheilung des Durchgangs durchs rothe Meer wie er
Exod. 14 befchrieben wird S. 108 ff., des 40jährigen
vVüftcnzugs S. 113 f., der Eroberung und Verlofung des
Landes durch Jofua S. 223 ff. So peinlich es berührt,
diefe naiven Gefchichten in der Weife des Wolfenbüttlcr
Fragmentiften und Colenfo's zerpflückt zu fehen, fo ift
das leider doch noch immer nicht übcrflüffig, gegenüber
dem herrfchenden Rationalismus. Nur darin ift der
Verf. nicht nobel, dafs er die Widerfprüchc, die fleh aus
der Zufammenarbeitung der drei Quellen des Hexateuchs
ergeben, nicht durch kritifche Analyfe zu entwirren, fondern
dazu zu benutzen pflegt, die Tradition lächerlich
zu machen. Erft dadurch wird diefe eigentlich abfurd,
z. B. durch die Eintragung der Zahlen von Q in den
Bericht von JE.

Verfehlt dagegen ift die pofltive Kritik, an Bernftcin
erinnernd, der fie aber mafsvoller betreibt. Die Genefls
wird als eine prophctifch-politifchc Tendenzdichtung aus
fpätefter Zeit angefehen. Die Gefchichte Abraham's ift
ein chronologifch geordnetes Compendium der Gefch.
Ifracls vor, in und nach dem Exil, in prophetifcher ,Um-
fetzung'. Die Vcrheifsung vom Belitz des Landes gilt
den exilirten Juden , welche in Ur Kafdim, dem Feuer
der Chaldäer, leiden; die Trennung Abram's und Löfs
bedeutet die Spaltung Juda's und Ifrael's, welche beiden

wundert fich anfangs, wie ein folches Thema hieher
kommt, aber das Merkwürdige ift, dafs es zur Sache
gehört. In dem Streit von Jakob und Efau fpiegeln fich
wiederum die exilifchen Verhältnifse, wie aus einer Menge
in extenso angeführter Prophetcnftellen hervorgeht. Jakob's
Flucht nach Aram ift Juda's Verbannung nach Babylon;
wenn ihm durch die Theophanie zu Bethel die Hoffnung
der Rückkehr mit auf den Weg gegeben und anläfslich
davon das Gelübde in den Mund gelegt wird, Jahvc folle
fein Gott fein und zu Bethel von ihm den Zehnten empfangen
, fo wurde erft nach der Rückkehr aus Babylon,
deren tröftendc Vorherverkündigung den Exilirten fehr
noth war, Jahve rückhaltlos zum Gott Ifrael's erwählt,
und vor allen Dingen betrieben die Kinder Levi (? Bsdr.
8, 15) die Rückwanderung, denn fie gedachten des Tempels
(zu Bethel ?)und feiner Zehnten. Wenn Efau gütlich
von feinem Bruder feheidet, fo war z. Z. des Judas
Makkabäus das altjudäifche Hebron eine edomitifche
Stadt, man wünfehte aber von den Edomiten nicht behelligt
zu fein und diefer Wunfeh erfcheint in der Genefis
durch den Wegzug Efau's verwirklicht. Gen. 34 bezieht
fich auf die Gefahr der Vermifchung der heimgekehrten
Juden mit den Samaritern, Gen. 38 wird durch Einfchic-
bung des Buchnabens m (wodurch auch Silo Gen. 49
zu Salem wird) zu einer Perfiflage der Familiengefchichte
David's. Auf diefe Weife wird das Vorurtheil gebrochen
als fei die Genefis eine alte Schrift, fie ift nichts als das
Erzeugnifs fpätcr Schriftftellcr, die je nach ihrem Standpunkt
, ihren Sympathieen und Antipathieen, das nördliche
oder das füdl. Reich verherrlichten oder in den
Staub zogen S. 48. 67.

Ich verftatte mir einige Fragen. Wo läfst fich in
der Gefchichte der Söhne Ifaak's von engherzig ifraeli-
tifcher Tendenz etwas merken? wie kommt's, dafs man
für Efau Partei nimmt? Warum wird Jofeph in allen
Quellen glcichmäfsig verherrlicht — warum äufsert fich
die Feindfchaft Juda's gegen Ephraim nicht hier, fondern
verkriecht fich hinter Abraham und Lot, wo fie nur S.
finden kann? Entflammt etwa Gen. 38 der Feder eines

Reiche auch mit Sodom und Gomorrha gemeint find, ; Ephraimiten? Wenn Lea, weil ihr Name Verfchmä
denn in der Erzählung Gen. 18. 19 ift die Erwartung hung (? die Müde, wahrfch. jedoch eine Art Kuh) be

der perfönl. Erfcheinung des richtenden Gottes ausge
drückt. Die Austreibung der Hagar ift ein Reflex der
Austreibung der ausländ. Weiber unter Nehcmia, Abraham
's Perfönlichkeit im Ganzen ift das Concretum der
Idee des Knechtes Jahve's. Mit den übrigen Patriarchen
wird ähnlich verfahren. Da die Erzählung von der

deutet, ephraimitifchem Haffe ihren Urfprung verdankt,
warum ift denn Juda nur ihr viertes Kind neben einer
Menge anderer, die keineswegs zum Südreich gehören?
Ifaak und Jakob follen eine Art Schmähnamen jungen
Datums fein? wo bleiben Arnos, Hofea, Jefaia! Kommen
Sichern, Bethel, Hebron, Becrfeba etc. in der Genefis als

Werbung Rebckka's durch die Abfonderungsbeftrebungen ! politifche Mittelpunkte in Betracht? nicht vielmehr
Efra's gefchaffen ift, fo wird unter dem Titel Ifaak haupt- ' als cultifche? warum zeltet fonft Abraham bei der Eiche
fächlich eine Analyfe des Buchs Ruth gegeben; man I von Sichern und Hebron, auf dem Berge von Bethel und

97 98