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Ausgabe:

1877

Spalte:

85-88

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Weber, H.

Titel/Untertitel:

Geschichte des Kirchengesanges in der deutschen reformirten Schweiz seit der Reformation. Mit genauer Beschreibung der Kirchengesangbücher des 16. Jahrhunderts 1877

Rezensent:

Riggenbach, Christoph Johannes

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8S

Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 4.

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Geftaltungen bilden. Ob nun in den folgenden Bänden
derfelbe Plan beibehalten oder mehr auf das eigentlich
liturgifche Gebiet wird eingegangen werden, ift eine Frage,
deren Beantwortung wir mit Intereffe erwarten. Jacoby
giebt zu viel Gutes, als dafs man feinen weitern Arbeiten
nicht gefpannt entgegenfähe. Aber es ift ein gemifchtes
Gefühl, das uns beim Lefen feiner Schriften ergreift.
Nachdem die Abendmahlslehre Luthcr's und Melanch-
thon's fo ausführlich dargeftellt worden ift, möchte man
eben fo gründlich über Zwingli und Calvin reden hören,
und wenn man bedenkt, dafs diefe Beiden fo viel mehr
als Melanchthon auf dem eigentlichen liturgifchen Gebiete
thätig waren, fo fürchtet man, dafs entweder das Werk
allzu umfangreich anfchwellcn oder dann die eine oder
andre Seite allzufehr vernachläffigt werden möchte. Ueber
Luther und Melanchthon giebt Jacoby auf den beiden
letzten Seiten des zweiten Bandes ein gutes Endurtheil
hinfichtlich ihrer liturgifchen Befähigung ab. Er fchliefst
mit den Worten: ,Beide Reformatoren waren liturgifche
Baumeifter, die muftergültige Pläne zeichneten und bleibende
Normen gaben. Hier war ihr Werk grundlegend
und vorbildlich, ein Wegweifer für alle Zeiten. Aber
für eine ebenfo mafsgebende Ausführung diefer Pläne
befafseh fie nicht die ausreichende Kraft; dazu waren
andere Männer berufen.'

Wen meint Jacoby unter diefen andern Männern?
Wir wollen nicht hoffen, dafs es die Epigonen der beiden
fächfifchen Reformatoren in den Chur- und Fürften-
thümern, in den Reichsftädten und Graffchaften find.

Strafsburg. Alfred Kraufs.

Weber, Pfr. H., Geschichte des Kirchengesanges in der
deutschen reformirten Schweiz seit der Reformation.

Mit genauer Befchreibung der Kirchengefangbücher
des 16. Jahrhunderts. Zürich 1876, Schulthefs. (284 S.

&r. .) . 3. o. Burg, und wurde unter diefer Auffchrift noch durch das

fchon aus Wackernagel wufsten, vor Augen, welche
fchöne Zahl von Gefangbüchern während des 16. Jahrhunderts
in der Schweiz gedruckt wurden. Da er hinten
die Inhaltsverzeichnifse der älteften beifügt, ift es leichter
als in Wackernagel's Abbreviaturen, einen Einblick
in diefelben zu gewinnen. Dafs Zürich über 70 Jahre
hinter den älteften Anfängen zurückblieb, war durch den
Einflufs von Zwingli gefchehen. Der Verf. bemüht fich,
ihn möglichft zu entlaften, erinnert mit Recht, dafs er
Oekolampad's Einführung der Pfalmen in Bafel durchaus
nicht mifsbilligte, und legt ein Hauptgewicht auf die
Rückficht, die Zwingli den Wiedertäufern und den durch
fie eingenommenen Gemüthern fchuldig war. Er hat
damit aber doch nicht bewiefen, dafs Zwingli diefe abwehrende
Stellung einnehmen mufste. Gerne folgen
wir hingegen feinem Nachweis, wie fich allmählich ein
Umfchwung der Anfchauungen vollzog. Langfam drang
die Freude am Gefang auch in Gegenden ein, die dem-
felben zuerft noch verfchloffen waren. Mit den Kindern
fing man an, darum wollten manchmal die Erwachfenen
nicht mithalten. Doch kam es befonders in Herrfchaften
, wo die Katholiken die Gewalt hatten, z. B. im Toggenburg
, bald genug dazu, dafs das Pfalmcnfingen ein
Kennzeichen der Reformirten war, wofür diefe fich wehrten
, während die Päpftlichen es zu unterdrücken fliehten.

Mit dem 17. Jahrhundert kam über die frifchen Anfänge
nur zu bald die Erftarrung, indem die von dem
lutherifchen Rechtsgelehrten Lobwaffer überfetzten Pfalmen
nach franzöfifchen Weifen die früheren Lieder der
Reformationszeit zurückdrängten. Hier fchneller, dort
langfamer, aber durchfehnittlich in einem halben Jahrhundert
, vollzog fich diefer Procefs. Zum Grunde lag
ein etwas enger Dogmatismus, der nichts als das Bibelwort
wollte, und diefes, fei es auch noch fo holprig überfetzt
, den freieren Schöpfungen vorzog, deren Dichter
aus dem Vollen fchöpften, z. B. dem 46. Pfalm von
Luther. So heifst nämlich fein Heldenlied: Eine fefte

Der Kirchengefang in der Schweiz wurde bisher in
deutfehen hymnologifchen Werken ziemlich ftiefmütter-
Hch behandelt. Erft in der dritten, fiebenbändigen Ausgabe
von Koch's Gefchichte des Kirchenlieds findet er

ganze 18. Jahrhundert in unfern Gefangbüchern gedruckt,
doch kaum mehr gebraucht. Es gab übrigens auch
einen beffern Grund, der zu Gunften Lobwaffcr's wirkfam
war, die Schönheit nämlich vieler der franzöfifchen Me-

hier und da etwas eingehendere Befprechung. Am dürf- j lochen, die von dem einflufsreichen Genf ausgehend, Ge-
tigften ift auch da noch die Zeit der Reformation be- ' meingut der ganzen reformirten Kirche geworden waren,
handelt (Band II. 1867;. Allerdings gereicht dem Ver- eine Tonfprache, worin fich die Völker der verfchieden-
faffer zur Entfchuldigung, dafs ihm damals noch gar j ften Zungen zusammenfanden. Die Harmonien Goudi-
wenig locale Vorarbeiten zu Gebote ffanden. Erft über mel's (1565) waren urfprünglich nicht für die Kirche beZürich
, das ja in der Reformationszeit den Gefang noch ftimmt, denn Calvin wollte in derfelben nur den ein-
nicht einführte, hatte H. Weber in feiner fleifsigen Schrift: ftimmigen Gefang zulaffen. Im 17. Jahrhundert aber
Der Kirchengefang Zürichs, 1866, genauere Kunde ge- | fanden diefe Sätze (die einfachen und noch mehr verbracht
. Darauf folgte mein Kirchengefang in Bafel, mit 1 einfachten) von Zürich aus den Weg in viele Gemeinden
neuen Auffchlüffen über die Anfänge des franzöfifchen 1 und wurden, wo die Orgeln abgethan waren und blieben,
Pfalmengefangs, 1870. Ernft Götzinger wufste gleich- ! der Mutterfchoofs, aus welchem mit der Zeit der vier-
falls 1870 in feinen Literaturbeiträgen aus St. Gallen feine 1 ftimmige Gemcindegcfang geboren wurde. Weber, der
Landsleute für die Gefchichte des Kirchenge langes in denfelben als vaterländifches Kleinod hochhält, ver-
lhrer Heimat zu intereffiren. Dann liefs Weber feine fchweigt doch nicht, dafs die Mehrftimmigkcit lange Zeit
Schrift: Das Züricher Gefangbuch, 1872 folgen. Darin 1 unvollkommen genug ausfiel und fich auch gar nicht

W L'ed um Ijied des Gefangbuchs von 1853 nach
Wort und Tonweife mit finnigem Verftändnifs befpro-
chen, fchon hier mit vergleichendem Ausblicke auf die
Liederfammlungen anderer Kantone.

im neueften Werke nun giebt er uns eine zufammen

recht entfalten konnte, fo lange die Melodie im Tenor
lag, worin fie Goudimel meift gclaffen hatte.

Ein Erwachen zum Befferen folgte im 18. Jahrhundert
durch die Einflüffe des Pietismus, fpätcr auch der
Aufklärung. Privatfammlungen, die nicht für den kirch-

faffeiide Darftellung des Kirchengefangs nach feiner Ent- i liehen Gottesdienft beftimmt waren, weckten die Sang
Wicklung 111 der deutfehen Schweiz. Es wird uns erzählt, ' luft im Volke. Bachofen, Schmidlin, fpäter Nägeli übten

wie zwei Jahre, nachdem Luther den Anfang gemacht,
der Kirchengefang in Bafel eingeführt wurde (1526), dann
in. St. Gallen 11527), in Conftanz (1536), im Schaffhaufer
Gebiet (feit 1559)/'- C w., bis Zürich 1598 nachrückte.
Die Schwcizerkirche erfcheint hier durchaus als ein Glied
der deutfehen Kirche und gar nicht eines der fchlech-
teften. Wir weifen nur auf das treffliche Nüw gfang-

in diefer Beziehung grofsen Einflufs. Mit einem ver-
befferten Text der Pfalmen durchzudringen gelang dagegen
nur in Bern, wo die Ueberfetzung von Stapfer
1775 officiell angenommen wurde. Andre Kantone,
Zürich 1787, St. Gallen 1797, Bafel 1809 befeitigten die
Lobwafferpfalmen durch Gefangbücher im Sinne der
Aufklärung. Die Reihe der neueren Gefangbücher, wo

tmchle von Zwick und den Brüdern Blaurer in Conftanz man mit mehr oder weniger Glück die Schätze der
nm. Ucberhaupt fuhrt Weber denjenigen, die es nicht | älteren Kirche wieder zu Ehren zog, eröffnete Schaff-