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Ausgabe:

1877

Spalte:

73-77

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Delitzsch, Frz.

Titel/Untertitel:

Biblischer Commentar über die poetischen Bücher des Alten Testaments. 2. Bd. Das Buch Iob. 2. durchaus umgearb. Aufl 1877

Rezensent:

Wellhausen, Julius

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von Prof. Dr. E. Schürer.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J, C. Hiürichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 4.

17. Februar 1877.

2. Jahrgang.

Delitzfch, Commentar über das Buch lob

2. Aufl. (Wellhaufen).
Abgar-Literatur fNeflle).

Moaydxrjc, MefJrai nepl tojv ygiaria-
j ('/>■ 'ArcoXoyriTdiv rov Stvx^Qov xal xqI-
zov aiwvos (Harnack).

Wattenbach, Gefchichte des römifchen Papft-

thums (Weizfäcker).
Jacoby, Die Liturgik Melanthons (Kraufs).
Weber, Gefchichte des Kirchengefanges in

der deutfchen reformirten Schweiz feit der

Reformation (Riggenbach).

Homiletifche Literatur (Dibelius).

Plitt, Baufteine zum Bau des Reiches Gottes

im deutfchen Vaterlande (Weber).
Lewes, Gefchichte der neueren Philofophie

(Heinze).

Delitzsch, Prof. D. Frz., Biblischer Commentar über die
poetischen Bücher des Alten Testaments. 2. Bd. Das

Buch lob. Mit Beiträgen von Prof. Dr. Fleifcher
u. Conful Dr. Wetzftein. Nebft einer Karte der
Umgegend des Iobsklofters. 2. durchaus umgearb.
Aufl. [Keil u. Delitzfch, Commentar üb. das A. T.
IV, 2.] Leipzig 1876, Dörffling & Franke. (VIII, 615 S.
gr. 8.) M. 11. —

Diefer neuefte Commentar von Delitzfch, eine zweite
aber durchaus umgearbeitete Auflage, theilt die Art der
anderen. Was' am meiften daran auffällt, ift die ausgebreitete
Belefenheit des Vf. Er kennt und berückfichtigt
Alles, die Kirchenväter, Rabbiner und Reformatoren,
felbftverftändlich die grofsen katholifchen und evange-
lifchen Begründer der ATlichen Wiffenfchaft, nicht minder
jedoch die feit 1863/64 erfchiencnen englifchen, franzö-
lifchen und deutfchen Schriften über das B. lob. Eine
überrafchende Fülle der Gefichtspunkte hängt damit zu-
fammen. Wenn Ewald, nur den Zufammcnhang des Textes

In der Auffaffung des Plans des Ganzen und der
Structur der Glieder folgt Delitzfch der von Ewald begründeten
Tradition. Auch er nennt das B. lob ein
Drama und vertheidigt diefen Namen gegen Einwürfe,
jedoch nicht gegen den, dafs fleh von dramatifchem
Dialog keine Spur findet. Mit Liebe vertieft er fich in
den Inhalt der einzelnen Reden und fucht ihre Phy-
fiognomie zu zeichnen. In recht gelungener Weife wird
namentlich der Inhalt von c. 16. 17 zur Anfchauung
gebracht und in feiner Bedeutung als Krifis in Iob's
Standpunkt charakterifirt. In der höchften Aufregung
der moralifchen Entrüftung fordert der hoffnungslos
fchrecklichem Tode Verfallene Rache für fein ungerecht
vergoffenes Blut. Da diefe aber an Gott zu vollftrecken
ift, fo fragt fich: wer kann der Rächer fein? Es bleibt
keiner übrig als Gott felbft und fo entfteht der frappante
Gedanke, dafs Gott gegen Gott für feine Unfchuld
eintreten werde, nachdem er fie erft gemordet. Der
innere Widerfpruch diefes Gedankens wird nicht be-
feitigt durch die Vertheilung der beiden entgegengefetzten
Functionen Gottes an verfchiedene Zeiten,

im Auge, confequent geradeaus geht, fo fchaut fich D. wonach von dem Gott der Gegenwart an den Gott der
nach allen Seiten um und läfst keine Blume ungepflückt, j Zukunft appellirt wird; denn die Identität zwifchen

auch wenn fie etwas ferne vom Wege blüht. Er hat
eine beinah altholländifche Freude an der Gelehrfamkeit
als folcher, nicht zum wenigften an der modernen, an
den arabifchen Etymologiecn und grammatifchen Erörterungen
der Leipziger Schule, an affyrifchen Parallelen,
an den Ergebnifsen der allcrjüngflen Differtationcn und
Monographieen. Es kann nicht fehlen, dafs in diefem
reich bepflanzten Garten nicht alle Blumen Plonig geben,
man mufs fich wie die Bienen vorzugsweife an die un-
fcheinbaren halten. Die Parallelen und Citate, insbe-
fondere aber die fyntaktifch-ftiliftifchen Bemerkungen find
originell und z. Th. vortrefflich, fie beruhen auf gründlicher
Beobachtung des Sprachgebrauchs nicht blofs der
Hagiographen, fondern auch der gefchichtl. Bb. des A. T.,
von denen man immer ausgehen mufs. Alles in Allem
genommen — forgfältig und erwogen in feiner Art ift
das Meifte, was der Vf. giebt, und wenn man nicht immer
für die Sache, um die es fich eigentlich handelt, etwas
lernt (z. B. bei den Etymologieen), fo ift man doch faft
auf jeder Seite ficher, überhaupt etwas zu lernen. Und
die Zeiten find wohl vorüber wo man von D. nichts lernen
wollte, weil er feine wiffenfehaftliche Ueberzeugung
mit der kirchlichen Tradition zu vereinigen fucht und
dabei mitunter ins Gedränge kommt. Genug, dafs er
eine wiffenfehaftliche Ueberzeugung hat, wie die That-
fache, dafs fie ihn in Conflicte bringt, beweift. Die
Echtheit der Reden Elihu's giebt er Preis, die Erzählung
Gen. 19 nennt er (S. 197) eine Legende, die dem Din
Ibrahim wohl urfprünglicher angehöre als dem Mofaismus
.

beiden wird doch feftgehalten und fchon gegenwärtig
ift nach 16,19 der Gott, der ihn mordet, zugleich auch
der einzige Zeuge feiner Unfchuld, wie er es fein mufs,
wenn er fie künftig rächen foll. Jener Widerfpruch darf
aber auch gar nicht ausgeglichen werden, denn es ift
an diefem Wendepunkt, wo lob, geftützt auf die unüberwindliche
Macht feines guten Gewiffens, fich durchringt
vom Irrglauben zum wahren Glauben, durchaus
natürlich, dafs die Eicrfchalen des Irrthums der daraus
auftauchenden Wahrheit noch ankleben und beide fich
gewiffermafsen noch als gleichberechtigte Feinde gegen-
überftehen. Der Standpunkt der Freunde fleckt dem
Dulder felbft in den Gliedern, eben daraus entfpringt
fein Seelenkampf. Ihm die Erkenntnifs zuzumuthen,
dafs der ihn verfolgende Gott keine Realität, fondern
ein Wahngebild menfehlicher Dogmatik fei, wäre zu viel
verlangt; es ift fchon ein Groises, dafs neben dem
fchrecklichen Gott der Wirklichkeit der gerechte und
gnädige Gott des Glaubens fiegreich Platz gewinnt. —
Als ein weiterer Schritt auf der Bahn, in die lob mit
c. 16. 17 einlenkt, erfcheint dann feine nächfte Rede
c. 19; auch hier kann man mit dem, was D. über ihren
Gehalt bemerkt (S. 257), völlig einverftanden fein. Nicht
ebenfo gerecht wie dem lob, wird er m. E. den
Freunden. In der erften Rede des Eliphaz entdeckt er
keinen Irrthum, fie enthalte nur nicht die volle Wahrheit
. Abgefehen nun davon, dafs das moralifche Befremden
und der Troft ftatt des Mitleids als Antwort
auf Iob's verzweifelte Klage in c. 3 an fich empörend
ift, ift es auch nichts als grundfätzlicher Sclbftbetrug,
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