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Ausgabe:

1877 Nr. 3

Spalte:

62-63

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schweizer, Alex.

Titel/Untertitel:

Nach Rechts und nach Links. Besprechungen über Zeichen der Zeit aus den letzten drei Decennien 1877

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 3.

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einander im kleinlichften Egoismus übertreffen und fo
auf ihren unaufhörlichen Verfammlungen nichts zu Stande
bringen. Wohin man blickt, begegnet man in politifcher
und focialer Beziehung einem ,allgemeincn Siechthum.'
Das ift der Hintergrund, auf welchem fich das Bild des
,Reformconcils' von Bafel abhebt. — Ueber die Quellen
hat der Verf. in der erften Abtheilung S. 1—28 ausführlich
Bericht erftattet.

Breslau. Paul Tfchackert.

Gunning jr.. J. H., Spinoza en de Idee der persoonlijkheid.

Eene ftudie. Utrecht 1876, Kemink & Zoon. (342 S.
8.) fl. 3. -

Von guten Apologien des Chriftcnthums kann man
fagen, was Spinoza von allem Erhabenen behauptet, fie
feien ebenfo fchwer wie feiten. Es gilt dabei nämlich
nicht das Chriflenthum als etwas Abgefchloffcncs und
Fertiges dem Wcltlcben gegenüber zu flellcn; fondern
es foll gerade der Wahrheitsgehalt der gegnerifchen Richtungen
hervorgehoben werden, und dargeftellt werden,
dafs was die Welt nur unvollkommen anftrebt im Chriften-
thum wirklich vorhanden ift.

Diefem Gedanken entfpricht vorliegende Schrift fo
genau, dafs man fagen könnte, er liege ihr zu Grunde.
Dem Verfaffcr ift das Chriftliche das normal Menfchliche
(S. 15), der chriftliche Glaube die Vernunft des neuen
Menfchen (S. 147), und Spinoza wie Goethe nennt er Propheten
, für deren Worte man die Auslegung in etwas
Höherem fuchen foll (S. 263).

Spüren wir nun diefem Wahrheitsgehalt in Spinoza
nach, fo kommen fein fittlicher Ernft, feine wiffenfehaft-
liche Strenge, feine optimiftifche Lebensanfchauung in
Betracht. Namentlich aber in der Vorftellung von der
Einheit des geiftigen und des natürlichen Gebietes kann
unfere chriftliche beim Verf. hier wie immer theofophifch
gefärbte) Anfchauung fich finden. Freilich entftellt Spinoza
diefe Wahrheit, weil er fie antieipirt; für Chriften aber
wird der Philofoph zum Propheten der künftigen Einheit
zwifchen Geift und Stoff, wir glauben an das immer
mehr natürlich Werden des Geiftigen. Spinoza's Fehler
liegt hauptfächlich darin, dafs bei ihm von Perfönlichkeit
weder Gottes noch des Menfchen die Rede fein kann;
er läugnet die Wunderwirkfamkeit Gottes wie die Freiheit
des Menfchen. Dadurch bleibt ihm nichts übrig als die
abftracte Vorftellung einer Wahrheit, deren Wirklichkeit
die chriftliche Gemeinde im Glauben fchaut.

Dies der Hauptgedanke des Effay's, — denn wiewohl
ziemlich ausführlich und dabei in fi§ abgetheilt, fo
ift das Ganze doch durchaus wie ein Effay gehalten. In
ziemlich lofem Zufammenhang bewegt fich die Darftel-
lung; auf viele Gebiete wirft der Verf. Streiflichter; feine
Bemerkungen über fociale wie kirchliche Zuftände der
Gegenwart, .wie namentlich über das innere Leben find
öfters geiftreich und tiefgehend. Zur wiffenfehaftlichen
Kenntnifs desSpinozismus trägtaber die vorliegendcSchrift
kaum etwas bei. Dem philofophifch Gebildeten wird
die Darfteilung im Ganzen viel zu wenig objectiv gehalten
fein. Eigentlich ift das Buch eine Predigt, wozu
Spinoza den Text liefert; fogar die Form ift öfters parä-
netifch. Freilich eine fehr geiftvolle und gediegene
Predigt. Zur Befeitigung mancher Zweifel wie zur Erweiterung
des geiftigen Horizonts in chriftlichen Kreifen
ift es nöthig, dafs auch das Wort der chriftlichen Predigt
nach Anlafs deffen, was das Zeitalter bewegt, vernommen
werde. Diefem Bedürfnifs kommt eine Schrift, wie die
vorliegende, entgegen.

Hemmen bei Wageningen.

P. D. Chantepie de la Sauffaye Dz.

Schweizer, Alex., Nach Rechts und nach Links. Befpre-
chungen über Zeichen der Zeit aus den letzten drei
Decennien. Leipzig 1876, Hirzel. (VII, 428 S. gr. 8.
M. 7. —

Unter diefen ,Zeichen der Zeit' fehlt, fofem fie eine
vollftändigc Zeichnung der Zeitftrömungen in Ausficht
nehmen, freilich gerade dasjenige, welches fich jetzt am
läuterten hervordrängt, der Socialdemokratismus. Der Ver-
faffer könnte hierüber aus eigener Erfahrung und nächfter
Nähe berichten. Einige hingeworfene Bemerkungen belehren
uns, dafs er von der Beurtheilung, welche Straufs
der genannten Erfcheinung zu Theil werden liefs, nicht
fo gar weit entfernt wäre, fo fremd auch im Uebrigen
feine Anlichten bezüglich der Motive, die ihr zu Grunde
liegen, und der aufzubietenden Heilmittel dem Standpunkte
der bekannten ,Wir' fein mögen. Er glaubt,
dafs man, wie überall, fo auch in Zürich, nur aus Erfahrung
klug werden wolle. ,Warnungen, wie früher
nach Rechts, fo jetzt nach Links frägt man wenig nach'.

Nach Rechts wendet fich diefe, aus der fchnell hin-
ftrömenden Journalliteratur (, Studien und Kritiken',
,Kirche der Gegenwart', ,Zeitfchrift für wiffenfehaftliche
Theologie' und ganz befonders ,Proteftantifche Kirchenzeitung
') an das fefte Ufer gezogene Auswahl von im
Laufe eines Menfchenalters entftandenen und den Kampf
eines gehaltvollen Lebens darftellenden Artikeln zunächft
gegen den Ultramontanismus. In der That liefs fich die
Zeichnung der den ,Culturkampf herausfordernden Prätentionen
in ihrer vollen Tragweite fchon an der Hand
des früheften officiellen Angriffes ausführen, der Denk-
fchrift, welche der Bifchof von St. Gallen gegen das
confeffionclle Gefetz vom 16. Juni 1859 während einer
fchweren Krifis des Staatslebens in's Volk geworfen hat.
Ein kühner Verfuch, an die gefammte Entwickelung des
modernen Europa den ausfchliefslichen Mafsftab des
bifchöflichen Intcreffes zu legen! Die Entgegnung des
Verf. ihrerfeits eine gewandte Schutzfchrift für die, allerdings
im Vergleich mit den Autoritäten, darauf die Kirche
fich beruft, neuen und jüngeren Rcchtstitel des Staates!
War es überflüffig, diefelbe nach 10 Jahren noch einmal
abdrucken zu laffen ? Die Antwort geben einige
Ausführungen, welche fich wie Prophezeiungen lefen;
fo S. 9 von der Unvermeidlichkeit des Conflicts zwifchen
der hierarchifchen Kirche und felbft dem von der Reformation
unberührten Staat; S. 18 von der providen-
ziellen Bcftimmung der Concordate, diefe Unvermeidlichkeit
fühlbar werden zu laffen ; S. 73 von dem erneuten
Intereffe, welches gerade ein feines weltlichen Befitzes
entkleidetes Papftthum der katholifchen Welt abgewinnen
müfste; S. 77 fg. von der grundfätzlich verfchiedenen
Stellung, welche Katholicismus und Protcftantismus dem
Staate gegenüber einnehmen, woraus aber auch das
Recht einer eigenartigen Behandlung feitens des Staates
für den letzteren folgt; S. 100 von dem, die ,aufgeregte
Stimmung in Deutfchland' (1846} erzeugenden Mifs-
ftande, dafs die Nation im Leben weit mehr als Einheit
da ftehe und fich fühle, als in den politifchen Formen
u. f. w.

Der Standpunkt, welchem diefe Betrachtungen angehören
, ergiebt fich aus dem Mitgetheilten von felbft.
Ulme Zweifel wird die freiere Richtung in der ,zur
Reaction in Kirche und Staat' überfchriebenen Gruppe
von Auffätzen eines ihrer beft gefchriebenen Programme
erkennen dürfen. Mit Vorliebe wird die Gemeinfamkeit
der Intercffcn zwifchen Protcftantismus und modernem
Staat (S. 76 fg.), die Wahlverwandtfchaft zwifchen den
Principien der Nationalität und des Subjectivismus
(S. 110 fg.) hervorgehoben. Der Darfteilung einer äufseren
Lcidensgefchichte der Theologie (,Bcurtheilung des Mi-
nifteriums Eichhorn', S. 112 fg.) entfpricht eine innere
(,Die dogmatifche Wiedergeburt', S. 132 fg.), die nach dem
Urtheile des Referenten zu dem in der Form gemäfsigtften,