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Ausgabe:

1877 Nr. 3

Spalte:

52-55

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Weill, Michel A.

Titel/Untertitel:

La morale du Judaisme. Tome I 1877

Rezensent:

Kautzsch, Emil

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51 Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 3.

liehen Tradition über die Begebenheiten des Auszugs'
auf der Halbinfel redet, wenn er demgemäfs S. 200 und
241 auf Grund einer arabifchen Legende das noch Vorhandenfein
der ,Luftgräber' conftatirt und fich S. 420 für
alles derartige auf vorislamifche Legenden beruft, die

ungenannten Ueberfetzers. Bei der Genauigkeit, mit der
das Original wiedergegeben wird, überfehen wir gern
etliche undeutfehe Wendungen, wie z. B. S. 3: die Aufgabe
erreichen; S. 4: Unterfuchungen über die allgemeine
Charakteriftik (ftatt Charakter) des Landes; S. 225:

Muhammed während feines Aufenthaltes am Sinai (?) gc- I ein Forfcher der Geographie; man ward als Spione be-
fammelt habe fvergl. auch S. 396 den W. Tahmeh als zeichnet und dergl. — Störender ifl der abfolutc Gebrauch
locale Erinnerung an die Empörung des Pöbelvolks 4 ! ,in Sinai' (ftatt Sinaihalbinfel), nach carabah (S. 333 ftatt:
Mof. 11, 4; S. 400 die Erinnerung der Araber an die der carabah) u. ähnliches. Einige Male hat die Unkennt-
Schlacht bei Horma etc.). In einigen Fällen hätten auch nifs des Arabifchen dem Ueberfetzer einen Streich ge-
dem deutfehen Lefer Belehrungen erfpart werden kön- fpielt, z. B. S. 41 ,der Verfaffer des el Islam' (der Ue-
nen, deren er nicht bedurfte. Die Vorftellung, dafs ,der j berfetzer fcheint den Islam darnach für ein Buch zu hal-
Sinai ein einzelner alleinftehender, von allen Seiten zu- | ten); S. 27, Z. 2 inf. lies taäloo ; S. 42 war tayibin zu
gänglicher und weithin fichtbarer Berg' fei, ift bei uns : überfetzen: feid Ihr gefund? oder geht es Euch wohl:
wenigftens unter den Lefern folcher Bücher nicht ,allge- j S. 289 'aäzem minhuma, gföfser, als beide (nicht ,als
mein verbreitet' und die wichtige Entdeckung, dafs das j alle'); S. 229, Z. 10 inf. lies Ismaels ftatt Israels; S. 273, Z.

Negeb die Südgegend von Juda fei, ift bei uns nicht erft
feit 1863 (S. 227) bekannt; unter andern lehrt fo fchon
der feiige Rofenmüller 1821 zu Genef. 12, 9 und wahr-
feheinlich nicht als der erfte. — Dankenswerth find dagegen
die Nachweife über dereinftige gröfsere Fruchtbarkeit
und ftärkere Bevölkerung der Halbinfel, fowie die
zweifellofe Verwüftung der Vegetation zu Zwecken des
Bergbaus von uralter Zeit her (S. 20 ff.).

Der zweite Theil des Buchs (,die 40 Jahre der Wanderung
,' S. 217 ff.) befchreibt eine heroifche Fufswande-
rung, die der Verf. vom 16. Dec. 1869 bis 10. Mai 1870
im Auftrag des Palestine exploration /und mit dem trefflichen
, leider nun verdorbenen Tyrwhitt Drake unternahm
. Nach den Routenkarten zu diefer Wanderung
durchzogen beide erftlich wieder einen grofsen Theil der
Halbinfel, dann im Zickzack die Wüfte et - Tili und das
Negeb bis Hebron, von da ungefähr parallel zur erften
Route die Wüfte bis zum Djebel Harun und wandten
fich dann nordoftwärts nach Moab, um fchliefslich an
der Jordansfurth ihre gefahrvollen und entbehrungsreichen
Forfchungen abzubrechen. Es verfteht fich, dafs bei einer
folchen Bereifung des Negeb für die Topographie manche
wichtige Refultate gewonnen werden mufsten; wiederum
aber erfcheinen uns die Aufftellungen des Verf. über
den weiteren Verlauf des Wüftcnzugs auch in diefem

11 inf. u. 319, Z. 19 lies de Saulcy.
Bafel. E. Kautzfch.

Weill, Grand Rabbin Michel A., La morale du JudaTsme.

Tome L Paris 1875, Vieweg. (IV, 378 S. gr. 8.)

Der Verfaffer giebt in diefem erften Theile nach
einem Vorwort (S. 1—12) zuerft eine ,Allgemeine Einleitung
zur geoffenbarten Moral' (S. 13—254). In diefer
werden die allgemeinen Principien der geoffenbarten
Moral, die conftitutiven Elemente und Quellen derfclben
abgehandelt, fodann die Moral in der Gefchichte, der
Begriff des fittlich Schönen, endlich die Frage nach dem
fittlichen Fortfehritt — dies alles mit vielen Unterabtheilungen
— erörtert, während der zweite Plaupttheil
(S. 255—374) der individuellen Moral'gewidmet ift; auch
hier gehen allgemeine Erörterungen voraus, an welche
fich dann Betrachtungen über die intellectuelle Moral,
die Rolle des Gefühls in der Moral, endlich über den
Gebrauch der Rede (de la parole) unter fittlichcm Ge-
fichtspunkt anfchliefsen. — Nun ift von vorn herein klar,
dafs ein gerechtes Urtheil über eine ,Moral des Judenthums
', die ein jüdifcher Rabbiner für jüdifchc Lefer
gefchrieben hat, nur dann gefällt werden kann, wenn

Theil als das minder wichtige. Er baut feine Conftruc- i man von dem Mafsftab gänzlich abfieht, den wir vom
tion auf die Annahme, dafs Kades mit 'Ain Gadis (300 Standpunkte chriftlicher Wiffenfchaft an eine Behandlung
30' nördlicher Breite) identifch ift, ohne Rückficht auf! des'obigen Themas anzulegen hätten. Denn eine Aus-
die Schwierigkeiten, die fich aus einer fo weit füdlichen einanderfetzung mit dem Verf. von diefem Standpunkte
Lage für einige Stellen des alten Teft. ergeben; folgt : aus würde fich nicht blofs auf einzelne Punkte und Grund-
man dagegen der fehr plaufiblen Annahme Wetzftein's ! fätze, fondern auf die Geltendmachung einer wefentlich

(Excurs Iii zu Delitzfch Genesis), dafs Kades vielmehr
in Qädüs ca. 5 Meilen füdlich von Hebron zu fuchen fei,
fo fallen zahlreiche Aufftellungen Palmer's dahin. Dafür
aber erhalten wir auch hier reiche Belehrung über die
Sitten und Verhältnifse der Beduinen in jenen Gegenden,
über die auffällig zahlreichen Ruinen und fonftigen Spuren
dereinftiger höherer Cultur im Negeb (vergl. bef. S.
276. 282. 296), die räthfelhaften nawämis oder ,Bienenkorbhütten
' u. a.; überall tragen hier die Mittheilungen
Palmer's den Stempel nüchterner und forgfältiger Beob-

anders gearteten religiöfen Weltanfchauung erftrecken
müffen, die der Verf. nun einmal nicht theilt. Unfere
Aufgabe kann demnach nur die fein, über die Stellung,
die der Verf. zu feinem Stoff einnimmt, und die Methode,
die er einfehlägt, zu referiren; für den chriftlichen Lefer
dürfte fich daraus als Refultat die Wahrnehmung ergeben,
an welchen Schranken die jüdifchc Betrachtung des alten
Teftaments nothwendig immer wieder anlangen mufs.
Während für uns der Offcnbarungsinhalt des alten Teftaments
unter den Gefichtspunkt einer gefchichtlichen Ent-

achtung. Aus den mancherlei intereffanten Bemerkun- j Wickelung und qualitativ unter den Gefichtspunkt der

gen über Moab verdient befonders hervorgehoben zu
werden, was der Verf. über die gänzliche Erfolglofigkeit
feiner Jagd auf ,befchriebene Steine' fagt (S. 370 ff. 385
ah), fowie feine Klage über die fehweren Fehler früherer
Reifender, durch welche die Erwerbung von Antiquitäten
überaus erfchwert worden ift. In einem ,Anhang' wird
fchliefslich eine den Sinai betreffende Stelle des Anto-
ninus Martyr im Urtext und genauer Ueberfetzung mit-
getheilt, ferner die Gefchichte des Auszugs nach arabi-
fcher Tradition, ein wichtiges Verzeichnifs der feit 534
vom Patriarchat Jerufalem abhängigen Städte (nach einem
Manufcript in der Bibliothek des Patriarchats), endlich
die geologifche Beftimmung von Steinproben aus
der Sinaihalbinfel durch Rev. Bonney.

Zum Schlufs noch ein Wort über die Arbeit des

Vorbereitungsftufe fällt, ift für den Verf. das A. T.
(welches daher von ihm immer als ,die Bibel' katexoehen
bezeichnet wird) mit der Offenbarung völlig identifch,
und zwar das alte Teftament nach feinem buchftäblichen
Wortlaut und von einem Infpirationsltandpunkt aus, der
jede kritifche Unterfcheidung der Zeiten ausfchliefst.
Jeder Ausfpruch ift hiftorifch genau an der Stelle zu
regiftriren, an welche er durch den biblifchen Bericht
verfetzt wird. Weil der Ausdruck ,Weg Jahve's' zuerft
Gen. 18, 19 erfcheint, fo ift er folglich damals von Gott
zuerft eingeführt worden (S. 24). Dafs darnach der Pen-
tateuch lauter authentifche Ausfprüche Mofe's enthält,
wiejefaja40 ff. folche des Jefaja, verfteht fich von felbft;
als die einzige kritifche Conceffion begegnet uns S. 88 ff.
die unbefangene Aufftellung über das Buch Koheleth,