Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1877 Nr. 25

Spalte:

671-673

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Il Sommario della Sacra Scrittura. Trattato del secolo XVI ristampato con prefazione del Emilio Comba 1877

Rezensent:

Möller, Wilhelm

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

671

Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 25.

672

Wir fchliefsen mit dem Wunfche, dafs der hier gebotene
Beitrag zu den Quellen der deutfchen Reforma-
tionsgcfchichte die ihm gebührende Beachtung finden
möge.

Hamburg. Carl Bertheau.

II Sommario della Sacra Scrittura. Trattato del secolo XVI
ristampato con prefazione del Prof. h-milio Comba.
Roma (6b, via della Scrofa). Firenze (28, via de' Pan-
zani). Firenze 1877, Tip. Claudiana. (XIII, 135 S. 8.)

Wieder ein aus langer Verborgenheit ans Licht gebrachtes
Denkmal der hoffnungsreichen aber früh erftick-
ten itnlicnifchen Reformationsbewegung des 16. Jahrhunderts
, ein evangelifcher Tractat, welcher den fchönen
,110 Betrachtungen' des Juan Valdes, wie deffen kleinern
Tractaten und dem aus dem Valdes'fchen Kreife entflammenden
Buch von der Wohlthat Chrifti*) fich ver-
wandtfchaftlich anreiht. Wir verdanken feine Veröffentlichung
dem um diefe Literatur fo hoch verdienten Ed.
Boehmer, welcher das Buch in der Züricher Stadtbibliothek
gefunden, und den Herausgeber der Rivista
Cristiana in Florenz, Prof. E. Comba veranlafst und in
den Stand gefetzt hat, dasfelbe zunächft in feiner Zeit-
fchrift (1877, 3.—5. Heft, vgl. im i. Heft certno prelimi-
nare) zu veröffentlichen. Riederer kannte den italieni-
fchen Text und hat das ihm vorliegende, feitdem aber,
wie es fcheint, verfchwundene Exemplar befchrieben (Nachrichten
, IV, 117 ff. 241 ff.). In der Nationalzeitung vom
18. Januar 1877 hat Benrath einige Mittheilungen über
den Tractat gemacht, von welchem in Cambridge ein
lateinifcher Text exiftirt, der fich als Ueberfetzung aus
dem Deutfchen zeigen foll, und im British Mufeum ein
franzöfifcher mit der Jahreszahl 1523 (!), in welchem
B. Wiffen das Original vermuthete. Der italienifche
Druck hat' weder Datum noch Angabe des Verfaffers,
Druckers und Druckorts. Der vollftändige Titel lautet:
{Rivista Cr. 1877, 1 p. 12): El Sommario de la sacra
scrittura et Vordinario de Cliristiani il qual demonstra la
vera fedc Christiana mediantc /äquale siamo giustificati.
Et della virtu del battismo secondo la dottrina de l Euan-
gelio, et delli Apostoli, con vna informatione come tutti gli
stati dchbono viuere secondo lo Euangclio. Der nun erfchie-
nenen Ausgabe hat Comba eine kurze Vorrede beigegeben
, bei welcher man nur berückfichtigen mufs, dafs
es dem Herausgeber mehr Herzensfache ift, das fchöne
evang. Zeugnifs feinen Landsleuten zugänglich zu machen,
als allen Forderungen bibliographifcher und literar-
hiftorifcher Akribie zu genügen. — Im Jahre 1537 eiferte
der Auguftinermönch Fra Serafino gegen das ketzerifche
Buch in einer Adventspredigt zu Modena, wo in der
Akademie der Grillenzoni die neue Lehre Anhänger und
das Sommario Freunde hatte. In der modenefifchen
Chronik des Lanzellotto, aus welcher Tirabofchi (Bibliot.
Modencse) feine Nachrichten über das Buch fchöpfte,
waren einige Namen folcher genannt, welche fich des
Buches angenommen, fie find aber vorfichtig wieder un-
leferlich gemacht. Nach derfelben Quelle ift das Buch
bereits 1539 in Rom verbrannt. Seit dem entfeheiden-
den Jahre 1542 kehrt die Frage nach der Leetüre des
Sommario in den Inquifitionsproceffen des heil. Officiums
öfter wieder (fo auch bei Spiera); literarifch wurde es

*) Dafs der Verf. des tratt. del benef. nicht Paleario, fondern ein
Schüler des Valdes, der Benedictiner-Mönch Benedetto da Mantua ift,
der das Buch in einem Klofter feines Ordens unfern des Aetna fchrieb,
wie nach dein entfeheidenden Zeugniffe Carnesecchi's gar nicht zu bezweifeln
ift, hat jetzt auch Benrath (Rh. Crisl. 1876. Januar und ausführlicher
in Brieger's Zeitfchr. für Kirchengefch. I, 4) geltend gemacht. Es mufs
nur befremden, dafs derfelbe in keiner Weife erkennen läfst, wie fämmt-
liche entfeheidende Punkte von Böhmer in feinen verfchiedenen Arbeiten
über Valdes (zuletzt Spanish A'e/ormers I, 73 sa- unter Benutzung von Carnesecchi
's 1870 veröffentlichten Procefsacten) langft ans Licht geftellt waren.
Vgl. noch Rivista Cr. 1877 Juli p. 344 f.

; (1544) von Ambrofius Katharinus bekämpft, der in der
peftilenzialifchen Schrift beinah die ganze Lehre Luther's
kurz zufammengefafst fand. Im erften Index libr. proh.,
j den Giov. delaCasa 1549 veröffentlichte und den Vergcrio
in demfclben Jahre mit feinen polemifchen Bemerkungen
| herausgab, fleht das Sommario gleich hinter dem Tractat
1 von der Wohlthat Chrifti. Vergerio fagt hier, das Buch
! fei feit 15 Jahren in Italien gelcfen worden, und führt
feine Abfaffung (oder Bearbeitung?) auf die Anregungen
I des Bifchofs Giberti von Verona, eines Gönners Ochi-
no's, zurück. Von feiner Verbreitung zeugt fchon, dafs
i unfre dürftigen Nachrichten bereits 3 verfchiedene italienifche
Ausgaben erkennen laffen, die des Züricher Exemplars
, die von Lancellotto befchriebene in mezzo quarto,
und die von Riederer befchriebene. — Für die Frage
nach der Entftehung des anziehenden Buches wird es
i unter Anderem auf genauere Unterfuchung jenes fran-
zöfifchen Exemplars ankommen*), welches die Jahreszahl
1523 tragen foll. Verhält es fich fo, und läfst fich diefe
Jahreszahl nicht auf ein typographifches Verfehen zurückführen
, fo würde fich in der That die Annahme eines
aufseritalienifchen Urfprungs fehr nahe legen, und hierfür
könnte man eine Spur finden cp. 13 p. 56, wo zur
Erläuterung des blofs hiftorifchen Glaubens als des Fürwahrhaltens
des uns Mitgetheilten gefagtwird: Come noi
crediaino che Roma e cittä d'Ralia, 0 che Cartagine e stata
I distrutla da' Romani. — Ein Eingehen auf den Inhalt der
von dem Grundgedanken der evang. Reformation, der
] Rechtfertigung allein aus dem Glauben, durchdrungenen
! Schrift mufs fich Ref. aus Rückficht auf den Raum hier
verfagen und für einen andern Ort vorbehalten. Hier
j nur fo viel: die Schrift berührt fich zwar nicht nur in
| den entfeheidenden Grundgedanken nahe mit den oben
; genannten evangelifchen Stimmen Italiens, fondern auch
j in gewiffen für die fromme Stimmung charaktcriftifchen
Punkten fpecicll mit dem Geifte des Valdes — ich rechne
dahin unter Anderm das Verweilen bei dem Gedanken,
' wie durch den Glauben als fefte Zuverficht zu dem Lie-
! beswillen Gottes, der Menfch fich feines Willens begiebt,
' fich Gott getroft und unweigerlich mit feinem ganzen
Leben überläfst und Alles, Glück und Unglück, Leben
und Tod gelaffen und dankbar von ihm hinnimmt, ja in
der Anfechtung zuverfichtlicher wird, als wenn ihm Alles
; glatt von Statten geht. Indeffen will es mir feheinen,
als wenn im Sommario, in der Behandlungsart und im
! dogmatifchen Vorftellungsmaterial, hier und da die Stimme
j Luther's unmittelbarer vernehmbar fei (weniger durch
j ein fremdes Medium gewandelt), als es in den finnigen
und originellen Reflexionen des Valdes der Fall ift.
Cap. 26 p. 117: Or l'evangelio fa tutti i veri Cristiani
servi h tut/o il mondo per la regola della carita, quanlunque
I in loro medesimi e per loro siano in vera liberta e von abbi-
! ano bisogna diniente etc, allerdings in etwas befchränkterer
I Beziehung als in Luther's de libert. christ. Die Hervor-
1 hebung des Evang. Johannis und der Briefe Pauli {pro/.
P- 3) vgl- mit Luthers Vorrede zum N. T. von 1522 (Erl.
Ausg. 63, 114 f.). Die Aeufserungen über den Kampf
Chrifti mit Teufel und Tod, denen er die Macht über
den Menfchen genommen, fo wie über den Rcchtsan-
fpruch des Teufels an den Menfchen, deffen er verluftig
geworden, indem er feine Hand an den Sohn Gottes
legte (c. I, p. 7; 4, p. 17; 5. P- 25) find hierfür zu beachten
, ebenfo die ganze Stelle über die Taufe (c. 1—3),
insbefondere die Art, wie fie als Unterpfand der Gewifs-
heit bezeichnet wird, dafs Gott die Seinen nie vcrlaffen
wird in ihrem Kampfe, damit wir uns im Kampfe matt
werdend, daran erinnern {p. 13 f. vgl. Luth. de capt.
Babyl. Erl. ed. V p. 57 sq.). Kein Mönch kann mehr ge-
1 loben, als was er, wie alle, in der Taufe gelobt hat, und
wir find viel mehr gehalten durch unfer Taufgelübde,

*) Eine folche haben wir von Benrath zu erwarten {Rh. Crisl. 1877
Juli p. 345).