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Ausgabe:

1877 Nr. 22

Spalte:

600-604

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Diegel, J. G.

Titel/Untertitel:

Rathschläge und Texte zu evangelischen Leichenreden 1877

Rezensent:

Lindenberg, H.

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Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 22.

600

alles zufammen genommen die Leetüre diefes Buchs nicht 1 diefer Richtung über Kant hinaus. Er behauptet nicht
blofs in dem Nachdenken über die verhandelten Fragen j blofs mit Kant ein formales Apriori der theoretifchen
fördert, fondern um der fauberen Gedankenarbeit willen 1 Vernunft, fondern fordert auch ein materiales. Das ift
recht eigentlich ein Genufs ift. 1 das von ihm fogen. unerfahrbare Sein, welches wie alles

Durch confequente Durchführung des Empirismus j Apriori durch Selbftbefinnung aufgefunden werden kann.

kommt der Verf. an wichtigen Punkten zu Urtheilen
welche auffallend von dem abweichen, was man
wohnlich von Empiriften zu hören bekommt. Ich erin

Kann fich aber feit Kant keine richtige Erörterung des
Freiheitsproblems dem entziehen, die erkenntnifstheore-
tifchen Fragen zu verhandeln, fo wird diefe Verbindung

nere nur an das oben über die Auffaffung der fyntheti- ; der Erkenntnifstheorie und Ethik bei der hier zu Grunde
fchen Urtheile, der Caufalität und namentlich der De- gelegten Auffaffung eine befonders enge. Daher recht-
duetion mitgetheilte. Gerade diefe Abweichungen machen fertigt fich auch der gemeinfame Titel der vorliegenden
feinen Standpunkt um fo plaufibler und feine Erörterun- ; 3 Abhandlungen. Die erfte befpricht den Anfang der
gen lehrreich auch für den, der nicht durchaus zuftimmen kritifchen Philofophie und die Selbftbefinnung über
kann. Es handelt fich meiner Meinung nach bei der das Apriori; die zweite giebt Beiträge zur Lehre vom
Entfcheidung zwifchen einem derartigen Empirismus und j Schlufs; die dritte handelt von der fittlichen Freiheit
dem bei uns in Deutfchland weit verbreiteten Neukan- und der organifchen Weltanficht und giebt fich als eine
tianismus vor allem um die Beurtheilung der fogenann- , Würdigung der bezüglichen Lehren Kant's und Trende-
ten reinen Mathematik. Gerade dies Capitel von den ! lenburg's.

nothwendigen Wahrheiten fcheint mir aber das fchwächfte [ Ref. bezweifelt ernftlich, dafs die Erörterungen des
im ganzen Buch zu fein, fo viel richtiges es auch ent- Verf.'s ftichhaltig find. Wenn er z. B. Nothwcndigkeit
hält. Doch — es fragt fich noch, ob der Unterfchied und Allgemeinheit für die Kriterien der Wahrheit er-
zwifchen beiden Richtungen fo grofs ift, wie er fcheint. klärt, für die Leitfterne, von denen man fich im wiffen-
Der Grundgedanke des Verf.'s von dem praktifchen fchaftlichen Denken leiten laffen foll, fo ift fchon diefer
Endzweck des theoretifchen Erkennens und das Apriori i Anfang den gewichtigften Einwänden unterworfen. Und
in dem Lange'fchen Begriff der Organifation liegen gar das, woran er bei Kant anknüpft, nämlich die fchwan-

nicht fo weit aus einander. Auch der Verf. wird anerkennen
, dafs wir das Caufalitätsgefetz nicht entbehren
können, fo lange die gegenwärtigen Verhältnifse diefelben

kende Stellung des Begriffs ,Ding an fich' zwifchen einem
Grenzbegriff und einer dogmatischen Pofition, das dürfte
doch der fchwächfte Punkt der Kant'fchen Lehre fein.

bleiben. Und die ganze Conftruction der wiffenfehaft- ' Geradezu überrafchend wirkt es aber, wenn die unglücklichen
Arbeit bei Lange braucht eine Ergänzung, wie | feiige Einrichtung der Kritik der praktifchen Vernunft
fie in dem Grundgedanken des Verfaffers liegt, wenn die nach dem Schema der Kritik der reinen Vernunft nicht
Erkenntnifs nicht als leeres Spiel erfcheinen foll. Beide I blofs gebilligt wird, fondern dahin ergänzt, dafs auch
Richtungen kommen in der Verurtheilung jeder Me- i in jener ,eine der transfcendentalen Aefthetik ana-
taphyfik überein, und das ift der Punkt, in dem fie auch löge Lehre von der Receptivität des Ueberfinnlichen
für die Theologie von Bedeutung find. Giebt es Meta- ins Bewufstfein' nothwendig fei. Doch die Kritik des
phyfik, fo behalten die Recht, welche das alte Her- einzelnen ift Sache der Philofophen von Fach. Die
kommen billigen, dafs die chriftliche Dogmatik als Meta- ' Theologie wird gut thun, die fcheinbar von einer folchen
phyfik ausgebildet wird. Ift jede Metaphyfik ein Irrthum, ' Philofophie dargebotenen Stützen bei Seite zu laffen,

dann werden die Aufgaben der Theologie nach innen
und aufsen andere, ohne dafs das einen Verzicht des
chriftlichen Glaubens auf die Gültigkeit als allgemeine
Wahrheit mit fich führt. Dann erwächft eben die Auf-

da fie allzu zerbrechlich find.

Zum Schlufs möchte Ref. den Verfaffer, was Ein-
theilungen und Ueberfchriften betrifft, auf die alte Regel
aufmerkfam machen: nimium est nihil. Wenn, wie na-

gabe, diefen Anfpruch in andrer Weife als bisher durch j mentlich in der erften Abhandlung, faft auf jeder Seite
Ueberwindung des als Ausgangspunkt unvermeidlichen j eine neue Uebcrfchrift fich findet, zwei gar nichts felte-
Dualismus zu beweifen. Verzichtet mufs nur werden j nes find, und fogar 3 oder 4 auf einer Seite begegnen,
auf den kunftmäfsigen logifchen Beweis früherer Zeit, j fo geht dem Lefer ebenfo gut der Athem aus, wie wenn
und-je eher das gefchieht, defto heilfamer wird es fein. ! jede Eintheilung und Unterfcheidung fehlt. Auch wird

es zur gröfseren Klarheit dienen, wenn die Rede nicht
immer abwechfelnd Citat und Reflexion darüber ift, fondern
beides für fleh gegeben wird — der ,Excurfe' und

In diefem Sinn fcheint mir auch die Anerkennung der
religiöfen Wahrheit von Seiten des Verfaffers gemeint
zu fein, welche um fo wohlthuender berührt, als es bei

uns in Deutfchland leider oft vorkommt, dafs die Reli- I beiläufigen .Andeutungen' gar nicht zu gedenken,
gion in folchen Unterfuchungen mit fo viel Gering- | Bafel. J. Kaftan.

fchätzung wie Unkcnntnifs behandelt wird. Ich empfehle
das Buch nochmals dringend Allen, welche für diefe
Fragen Intereffe haben.

Bafel. J. Kaftan.

Casualreden.

Oehme, Paft. Frz., Tauf- und Beichtreden, nebft
Andeutungen über kafuale Rede im Allgemeinen und
über Tauf- und Beichtreden im Befonderen. Hannover

Witte. Doc. Dr. 1. H., Zur Erkenntnisstheorie und Ethik.

3 philofophifche Abhandlungen. Berlin 1877, H. R. j l876> 15randeS- (VIII> 168 S- 8.) M. 2. 50.

Mecklenburg. (XIV, 126 S. gr. 8.) M. 2. 50. 2- Bäfsler, geiftl. Infp. Prof. Ferd., Timotheus. Geift-

, r n. v> 1 1 r i ■ o. liehe Anfprachen an die Schulgemeinde. Berlin 187c,

Wie es heute faft zur Regel geworden, fo knüpft ^ b lu/37

auch der Verfaffer diefer Abhandlungen feine Sätze an v. Decker. (VIII, 246 S. gr. 8.) M. 5. 25.

eine kritifche Unterfuchung der Kant'fchen Philofophie ! 3. Ahlfeld, Paft. D. Friedr., Fünf Confirmationsredenaus

an. Es wird in der That nachgerade dahin kommen, den jahren l8?2 l8;3 und ,g 2 Aufl Leipzig

dafs von den Schriften Kant s gut, was von der neu. .<,,, tt- • 1. c o s . ■»»

Schrift gefagt worden ift, ein jeder fuche und finde feine l876> Hinnchs. r8i S. 8.) M. I. 25; geb. M. 2. -

Dogmen darin. Wenigftens finden die verfchiedenften Derfelbe, Zwei Confirmationsreden am 2. und 11. April

Geifter bei diefer Anknüpfung an Kant ihre Rechnung
Witte gehört zu denen, welche das Apriori eifrig in
Schutz nehmen. Ja während andere, von denen das

l876gehalten. Leipzig 1876, Hinrichs. (31S. 8.)M. — 50.
4. Diegel, Prof. D. J. G., Rathfchläge und Texte zu

auch gilt, den apriorifchen Apparat (mit Recht, wie mir ! evangelifchen Leichenreden. Friedberg 1877, Binder-
fcheint) befchränken und vereinfachen, fo geht er in | nagel. (IV, 159 S. gr. 8.) M. 2. 50.