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Ausgabe:

1877 Nr. 22

Spalte:

596-599

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Shute, Rich.

Titel/Untertitel:

A Discourse on Truth 1877

Rezensent:

Kaftan, Julius

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595 Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 22. 596

begriff, als fei darunter je ein ,motivlofes Wollen'zu ver- | geiftig-fittlichen Weltregierung nicht als Widerfprüche;
flehen, widerlegt. Dabei aber wird betont, dafs die fie bedingen fich vielmehr gegenfeitig. Erft bei focial-
,Motive' und fogen. ,Einflüffe' nie zwangsweife, fondern i ethifcher Auffaffung, d. h. bei der Annahme fteter Wech-
vielmehr als ,Reize' auf den Menfchen wirkfam feien. | felwirkung der perfönlichen und focialen Factoren in der
Der Menfch bleibe alfo frei trotz aller ,Gefetzmäfsigkeit' ! fittlichen Lebensbewegung des Ganzen wird das Perfön-
der Erfcheinungen, weil er die Handlung als Frucht feines i liehe, der fittliche Charakter zu wahrhaft hiftorifcher
.eigenen Willens' anfehen muffe. Die von aufsen kom- ; Bedeutfamkeit erhoben. Ohne Eingehen auf die chrift-
menden ,Einflüffe', foweit fie ftatiflifch mefsbar feien, liehe Reichs- und Flumanitätsidee kann die Löfung diefes
heben durchaus nicht die Freiheit und Zurechnungsfähig- Problems kaum gelingen.

keit auf, fondern provociren gerade den inneren Kampf Schliefslich fucht der Verfaffer (S. 22 ff.) noch die

des fittlichen Menfchen. Und diefer Kampf fei ein Zeug- Frage pofitiv zu beantworten: welche Bedeutung etwa
nifs dafür, dafs der Seele die Fähigkeit (refp. die Nöthi- der Moralflatiftik für die hlthik wirklich zukomme. Ueber
gung) innewohne ,der Aufsenwelt gegenüber eine felb- ! das fittliche Verhältnifs der Einzelnen zur Gefammtheit
fländige Stellung einzunehmen und ihren Einwirkungen ; werde — fo meint der Verfaffer — die Statiflik keine
Widerftandskraft entgegenzuftellen' (S. 12). Die Statiflik Beftimmungen geben (S. 31), aber ,fie weift Thatfachen
conftatire durch ihre Maffenbeobachtung höchftens die ; auf, welche nur aus der Realität eines in uns liegen -
.reizbare und empfängliche Seite' im Menfchen, beweife 1 den fittlichen Grundes erklärt werden können'. ,Die

aber weder etwas für noch gegen die Freiheit des Men
fchen. — S9 wahr das an und für fich ift, fo wenig
fcheint es mir dem Verfaffer gelungen zu fein, den Freiheitsbegriffgegenüber
der naturaliftifch(refp. pantheiftifch)

Statiflik und die Beobachtung der äufseren Wirklichkeit
überhaupt ift niemals die Quelle unferer Erkenntnifs vom
Wefen der Sittlichkeit, giebt niemals einen Mafsftab für
den fittlichen Werth der menfchlichen Handlungen ab'

aufgefafsten Welt- und Gefchichtsbewegung tiefer be- j — das habe auch ich nirgends behauptet; — ,wohl aber

gründet oder auch nur feiner Möglichkeit nach aufge
wiefen zu haben. Das wird und kann nur gelingen, wenn
man auf den theiftifchen (ethifchen) Gottesbegriff, auf
den perfönlichen Schöpfergott und feine Selbftbe-
fchränkungsfähigkeit zurückgeht, um die Vereinbarkeit
zwifchen göttlicher Nothwendigkeit und menfehlicher
Freiheit darzulegen. Und das fcheint der Verfaffer ab-
fichtlich vermieden zu haben!

Im zweiten Abfchnitt (S. 19 ff.) richtet fich die Argumentation
fpeciell gegen die Anflehten des Unterzeichneten
, um die Frage zu entfeheiden, ob ,die Moralflatiftik
die fociale Natur des menfchlichen Lebens fo bedeutungsvoll
erfcheinen laffe, dafs die Ethik felbft Socialethik
werden müffe'. — In der Hauptfache verneint der Ver
faffer diefe Frage, weilerdie individuelle Perfönlichkeit
(refp. das Gewinen) zum formalen Ausgangspunkt alles

beweift fie, dafs es fittliche Motive geben mufs, welche
wirkfam tri das Ganze des menfchlichen Lebens eingreifen,
in und mit der menfchlichen Gemeinfchaft praktifche
Ziele verfolgen', — das habe ich auch niemals bezweifelt
! — Mir fcheint der Verfaffer bei der abfchliefsenden
Beurtheilung des individuellen fittlichen Charakters und
feiner gewiffenhaften Selbftbethätigung innerhalb der
menfchlichen Gemeinfchaft zu wenig dem Unterfchiede
zwifchen formaler und materialer Freiheit — zwifchen
dem Sittlichen sensu medio und dem fittlich Guten —■
Rechnung zu tragen. Gegenüber der fündlicheir Gebundenheit
und thatfächlichen Kncchtfchaft des menfchlichen
Willens vermögen eben die .fittlichen Ideen' kein erfolgreicher
Plebelpunkt zu fein. Das beweift unter Anderem
auch" die ftatiftifche Maffenbeobachtung in Betreff der
erfchreckenden Conftanz fittlichen Verderbens! — Erft

Sittlichen und die Ideen 'refp. die Idee des höchften wenn der Einzelne als Glied einer Gott wohlgefälligen
Gutes) zum materialen Angelpunkt aller wahrhaft fitt- i Menfchheit hinaus gerettet wird aus dem eingebildeten
liehen Lebensbewegung meint machen zu müffen. Er j Fürfichfein wie aus der fündlich adamitifchen Gebunden-
beftreitet vor Allem das Recht einer empirifchen Begrün- heit, erft wenn er dem .Reiche Gottes' eingegliedert inner-
dung der Ethik. Keine aus der Erfahrung entnommene j halb der erlöften Gemeinfchaft, da Chriftus das Haupt

ift, zur Verformung und Gotteskindfchaft gelangt, wird
ihm auch feine Freiheit im wahren Sinne gewährleiftet.
— Ohne ein Zurückgehen auf den perfönlichen Gott,
der die heilige Liebe ift und als folcher fich nur in
Chrifto geoffenbart hat, werden auch die focialcthifchen
Probleme der Moralflatiftik nicht gelöft und erklärt werden
können.

Dorpat. Oettingen.

Thatfache dürfe einen principiellen Einflufs auf die Geftalt
der ganzen Sittenlehre gewinnen. Dabei unterfcheidet
der Verfaffer, wie mir fcheint, zu wenig zwifchen äufserer
und innerer Erfahrung und Hellt die falfche Alternative
auf: entweder der Gemeinfchaftsfactor (bei meiner
Auffaffung) oder der perfönliche (nach feiner Anficht)
müffe als entfeheidend in den Vordergrund geftellt werden
. Es fei gleichfam ein unaufgehobener Widerfpruch
in meiner Darlegung, dafs ich auf der einen Seite alles
Sittliche unter den Gemeinfchaftsfactor zu fubfumiren
fcheine und andererfeits doch der fittlichen Perfönlichkeit
einen fo grofsen Einflufs zufchreiben und ihre ,Frei-
.tieft' wahren wolle. Dabei verwahrt fleh der Verfaffer

Shllte, Rieh., M. A., Senior Student and Tutor of Chrift
Church, Oxford, A Discourse on Truth. London 1877,
King & Co. (IV, 299 pp. 8.) Cloth.
ausdrücklich (S. 25) gegen theologifche Argumentationen j Der Zweck und das eigentliche Ziel alles Erkennens

in Betreff des Verhältnifses zwifchen Gemeinfchaft und ift die Anpaffung des Menfchen an seine Verhältnifse.
Einzelindividuum, zwifchen Kirchlichkeit und Chriftlich- ; In diefem Zufammenhang ift es zuerft aufgetaucht, unter
keit. — Allein der oben bereits gerügte Mangel — dafs j diefem Druck hat es fich entwickelt, und das einzelne
der Verfaffer nicht auf den Gottesbegriff zurückgeht — j Wiffen hat Werth oder Unwerth je nachdem es dazu
rächt fich auch hier. Das Verhältnifs des Einzelnen zur j brauchbar ift oder nicht. Die (theoret.) Vernunft ift
Gemeinfchaft, der individuellen Freiheit zur menfchlichen , lediglich Mittel für jenen Zweck d. h. für den Zweck

Gefchichtsbewegung läfst fich in feiner Tiefe nicht er-
faffen, ohne auf die Gefchichtsleitung des perfönlichen
Gottes einzugehen, der dem Fiinzelnen das Gottesbild,
welches ihn zu einem ethifchen Wefen macht, fo einge-

des Lebens und weiter des glücklichen Lebens. Alles
Ivrkennen ift durch die 5 Sinne vermittelt und kommt
lediglich aus der Erfahrung. Da nun aber jener Zweck
allen Menfchen gemeinfam ift, fo liegt es in der Natur

prägt hat, dafs er dasfelbe von der Gemeinfchaft — per der Sache, dafs fie fich gegenfeitig Wiffen (fcnowledge)
traducem — zu Lehen trägt. Der geehrte Verfaffer kommt j mittheilen, denn die Erfahrung des einzelnen ift befchränkt
fchwer los von feinen atomiftifchen Vorausfetzungen. und für den gedachten Zweck unzureichend. Diefe Mit-

Lebendige Bewegung des Gefammtorganismus und freie
Selbftbethätigung des Einzelgliedes in feiner Sphäre erfcheinen
mir unter der Vorausfetzung einer höheren,

theilung ift eine vollkommene, wenn fie in der beftimmten
Beziehung denfelben geiftigen Zuftand {ßate of mind) im
Hörer hervorruft, in welchem fich der Redende befindet.