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Ausgabe:

1877 Nr. 21

Spalte:

569-570

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Clemen, Aug.

Titel/Untertitel:

Die Wunderberichte über Elia und Elisa in den Büchern der Könige. Eine hermeneutisch-apologetische Studie 1877

Rezensent:

Kautzsch, Emil

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Seite 1

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569 Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 21. 570

Clernen, Prof. Dr. Aug., Die Wunderberichte über Elia
und Elisa in den Büchern der Könige. Eine hermeneu-
tifch-apologstifche Studie (Programm der Fürften-
und Landesfchule zu Grimma). Grimma 1877, (Genfei).
(42 S. gr. 4-) M. 1. —
Der Verfaffer erörtert in Abfchnitt I ,das biblifche
Wunder überhaupt', fkizzirt die verfchiedene Stellung
zu dem Wunderbegriff in der modernen Theologie und
hebt mit Recht hervor, dafs der Wunderglaube wenig-
ftens in thesi die unausweichliche Confequenz des theifti-
fchen Gottesbegriffs fei. In Betreff der Schwierigkeiten,
die in praxi gegen einzelne biblifche Wunderberichte erhoben
werden, erkennt der Verfaffer an (S. 4), dafs fie
gegenüber dem ,grobfinnlichen veralteten Wunderbegriff,
dem falfchen Offenbarungs - und mechanifchen Infpira-
tionsbegriff' zum Theil ihre Berechtigung haben. Den
fonftigen Bedenken aber Bellt er die Thatfache gegenüber
, dafs die Nothwendigkeit und gefchichtliche Wirklichkeit
der einzelnen Wunder durch ihren heilsgefchicht-
lichen Zweck fattfam erhärtet werde. ,Denn es treten
ja die Wunder in der heiligen Gefchichte nur auf, foweit
fie nothwendig find zur Wiederherftellung, Erlöfung und
Verklärung der durch die Sünde verdorbenen Welt'
(S. 5). Allerdings bedarf es nach S. 6 einer hiftorifch-
kritifchen Prüfung der Quellen. Dicfe führt im N. T.
(S. 7) zu dem Refultat, dafs es ,als Ganzes genommen
die wirkliche, wahrheitsgetreue Urkunde über die Anfänge
des Chriftenthums ift, dafs insbefondere unfere vier
Evangelien das wirklich urchriftliche Lichtbild von dem
hiftorifchen Chriftus uns getreu photographirt überliefert
haben' und ,fo ift auch der wunderbare Inhalt des N. T.
uns wiffenfehaftlich erwiefen'. Im A. T. allerdings ge-
ftalte fich die Erage etwas anders. Auch in der gläubigen
Gemeinde nehmen viele am Reden der Schlange 1 Mol".
3, am Gotteskampf 1 Mof. 32, an Bileam's Efelin, am
Stillftand der Sonne Jof. 10, an Jona's Aufenthalt im
Leibe des Fifches Anftofs. ,Und doch nur eine me-
chanifch vereinzelnde und unorganifchc Betrachtung der
hl. Schrift kann folgern: wenn ein einzelner Wunderbegriff
fällt, fo fällt das ganze Wort Gottes'. Auch der
Verf. opfert (S. 8) I Mof. 3 der mythifchen Auffaffung,
1 Mof. 32 der Annahme einer Umdcutung des Gebetskampfes
in einen leiblichen u. f. w., will fogar 2 Kön.
13, 21 ff. (S. 14 vielleicht auch die Verfluchung der
Knaben von Bethel) als fromme Sage gelten laffen; in
der Hauptfache aber werden fleh die Berichte über Elias
und Elifa durch das ftarke Hervortreten des teleologifchen
Gefichtspunkts ,als innerlich wahrfcheinlich und damit
wirklich' erweifen. Nach der faft erfchöpfenden Aufzählung
der neueren (auch erbaulichen) Literatur über
den Gegenftand folgt dann S. 10 ff. die Kritik der Berichte
über Elia und Ellifa. Die Auffaffung derfelben als
Mythen oder doch Legenden wird zurückgewiefen, ebenfo
die Annahme eines epifchen Volksgedichts. Die Berührungen
mit dem Tetrateuch beweifen nur für eine
Abfaffungszcit nach diefem; da aber der Tetrateuch
nach S. 12 ,zweifellos bereits im davidifchen Zeitalter
in feiner gegenwärtigen Geftalt abgefchloffen' wurde, fo
ift eine etwaige Abhängigkeit des Elliasbcrichts von
keinem Belang. Das Hauptgewicht wird S. 13 (vergl.
auch S. 34) auf das ,unverkennbar gefchichtliche Gepräge
' gelegt, welches mythcnvolle oder fagenhafte
Dichtung u. dergl. ausfchliefse. Demgemäfs werden nun
S. 15 ff die Eliasberichte, S. 31 ff. die Elifabcrichte geprüft
und mit ganz geringen Ausnahmen ihrem Wortlaute
nach gefchichtlich zuverläffig befunden. Und wenn
auch z. B. das Stück von der Theophanie am Horeb
fammt dem Vorangehenden Spuren des fpäteren Erzählers
tragen folltc, im Wefentlichen werden doch auch hier
gefchichtliche Thatfachen zu erkennen fein. Natürlich
verzichtet der Verf. zur Gewinnung diefes Refultats auf
rationaliftifche Ausflüchte (S. 35 hat fogar das giftreinigende
Mehl 2 Kön. 4, 38 ff. nur fymbolifche Bedeutung
in dem Wunder) ebenfo, wie auf exegetifche Gewalt-
ftreichc; nur S. 21 foll es nicht in dem Wortlaut von
1 Kön. 18, 46 liegen, dafs Elias gleichzeitig mit Ahab
nach Jesreel gelangt fei.

Wir glauben mit diefem Referat den Intentionen des
fchwungvoll und klar gefchriebenen Auffatzcs gerecht
geworden zu fein und erkennen von Herzen das ehren-
werthe Beftreben an, ein fchwieriges Capitel des A. T.
apologetifch ficher zu ftellen. Ob freilich die hier angewandten
Mittel ausreichend feien, die Bedenken auch
pofitiver und durchaus bibelfreundlicher Exegeten zu
zerftreuen, möchten wir bezweifeln.
Bafel. • E. Kautzfeh.

Smedt, C. de, Introductio generalis ad historiam ecclesias-
ticam critice tractandam. Gandavi 1876, C. Poelman
Typographus. (XII, 533 S. gr. 8.)

Auf Bitten feiner Zuhörer hat fleh de Smedt, Pro-
feffor der Kirchcngefchichte am Jefuitencolleg zu Löwen,
entfchloffcn, feine in die Kirchcngefchichte einleitenden
Vorlefungen herauszugeben. Er beabfichtigt diefem erften
Bande demnächft 6 weitere Bände ,Disscrtationcs se/ectae'
folgen zu laffen, in welchen wichtige Specialfragen aus
allen Theilen der Kirchengefchichte erörtert werden
follen. Jiquidem maluissem longe eas nonum etiamnum
premer'e in annum: minime enint nie fugit quahtum perpo-
liri indigeant. Amicorum tarnen utinam non nimis benevo-
lorum suasionibns tandem parendum duxi . . . quum prae-
sertim recogitarem non doctis destinari opus nicum, 'sed iis
qui doctifieri volunt prhnosque in via quae ad scientiam his-
toricani ducitgressus ponunt. His itaque, qui non adeo om-
nibns numeris perfectum, sed quo tute ac secure niti possint,
requirunt subsidiunt, hanc prinio Introductionem generalein
proponerc ausus sum1. Jedem der folgenden 6
Bände foll eine introductio specialis vorausgelchicktwerden,
in welcher die Spccialquellen für jede Hauptepochc der
KG. genauer angegeben werden. Dadurch hat der Verf.
fich den weitfehichtigen Stoff für diefen erften Band
zweckmäfsig befchränkt. ,Haec omnia autem sub ea forma
evulgare coactus fui, qua in praelectionibus meis pro-
ponendis usus sunt'.

Ueberfchaut man eingedenk diefer letzteren Angabe
die bisher allein vorliegende introductio generalis, fo ftaunt
man billig fowohl über ein folches Collegienheft, als
über die Ausdauer der Zuhörer, die fich ein paar taufend
Büchertitel haben in die Feder dictiren laffen. Denn zum
weitaus gröfsten Theil enthält die Introductio eine über-
fichtliche Zufammenftellung der Quellen und Quellenwerke
zur Kirchengefchichte. Diefe Zufammenftellung
fcheint mit rühmlichfter Sorgfamkeit angelegt; Lücken
find natürlich vorhanden — wie fich der Verfaffer felbft
bewufst ift —, Incorrcctheiten find dem Ref. auf dem
verhältnifsmäfsig kleinen Gebiet, welches er controlirt
hat, nur feiten aufgeftofsen; das Buch mufs fomit als ein
fehr willkommenes Hülfsmittel bezeichnet werden; und jeder
Kirchenhiftoriker wird dem Verf. Dank wiffen für diefe
äufserft nützliche Gabe, welche den ,docti' neuerlich mehr
zu Gute kommen wird als den pirones'. Selb'ftverftänd-
lich kann fich ein folches Nachfchlagewerk erft durch
langjährigen Gebrauch erproben; Ref. urtheilt hier nur
erft nach mehrmonatlicher Benutzung. ,

Eingetheilt ift das Buch in vier Tractationes. Die
erfte (S. 1—50) handelt ,de praeeipuis regulis arlis
criticae'. Die zweite (S. 51—64) ,de bist, ecclesiast. par-
titwne'. Der Verf. theilt die Kirchcngefchichte in GEpochen
{saec. IV. ineunte — saec. VIII. exord. —■ saec. XI. med.
— saec. XIII. extrem. — saec. XV. paulo post exord.).
Diefe Eintheilung ift deutlich bedingt durch die Rückficht
auf die Weltftellung der Kirche und ihr Verhältnifs
zum Staat. Denn die erfte Periode wird als ,aetas, tibi
ecclesia a Iudaeis et ab Impcrat. et magistratibus Graeco-