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Ausgabe:

1877

Spalte:

561-565

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pfaff, Friedr.

Titel/Untertitel:

Schöpfungsgeschichte mit besonderer Berücksichtigung des biblischen Schöpfungsberichtes. 2. umgearb. und verm. Aufl 1877

Rezensent:

Lepsius, R.

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von Prof. Dr. E. Schür er.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J, C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 21. 13. October 1877. 2. Jahrgang.

Pf äff, Schöpfungsgefchichte mit befonderer Be-
rückfichtifrung des bibl. Schüpfungsberichtes,
2. Aufl. (Lepfius).

Saciorum Bibliorum vetustissima fragmentaGraeca
et Latina ed. Cozza P. III (Gebhardt).

The Fifty-third Chapter of Jsaiah according to
the Jewish Interpreters. Texts and Trans-
lations. By Driver and Neubauer. 2 voll.
(Strack).

Giemen, Die Wunderberichte über Elia und
Elifa in den Büchern der Könige (Kautzfeh).

Smedt, Introductio generalis ad historiam eccle-
siasticam critice tractandam (Ilarnack).

Dehio, Gefchichte des Erzbistums Hamburg-
Bremen bis zum Ausgang der Miffion (Bertheau).

Maafsen, Neun Kapitel über Freie Kirche und
Gewiffensfreiheit (Koehler).

Rogge, Das Buch Hiob der Gemeinde dargeboten
(Meier).

F'edderfen, Vom heiligen Buch. Altteftament-
liche Dichtungen (Lindenberg).

Carl, Evangelienbuch (Derf.).
Kemmler, Hiob oder Kampf und Sieg im
Leiden (Derf.).

Leo, Streiflichter über das Verhältnifs der jü-
difchen, römifchen und germanifchen Welt
zum Chriftenthum (Schürer).

Pfaff, Prof. Dr. Friedr., Schöpfungsgeschichte mit befonderer
Berückfichtigung des biblifchen Schöpfungsbe-
richtes. 2. umgearb. und verm. Aufl. mit zahlreichen
Holzfchn. u. 1 (chromolith.) Kärtchen. Frankfurt
a/M. 1877, Heyder & Zimmer. (VIII, 753 S. gr. 8.)
M. 12. —

Humboldt's Kosmos hat eine ganze Reihe von
Werken hervorgerufen, welche unfre Kenntnifse über die
Gefchichte der Erde zufammenfaffen wollen. Von der
vortrefflichen Gefchichte der Schöpfung vonBurm eifter
bis zur ultradarwiniftifchcn Natürlichen Schöpfungsge-
fchichte von Häckel liegen manche ähnliche Werke,
unter denen Pfaff's Schöpfungsgefchichte nicht den
letzten Platz einnimmt. Die Darfteilung der naturwiffen-
fchaftlichen Thatfachen entfpricht in diefen Werken mehr
oder weniger dem jedesmaligen Stand der Geologie; die
leitende Idee diefer Weltgefchichte aber wird bald nach
Darwin'fchenl'rincipien, bald in theologifch-dogmatifchem
Sinne dargeftellt, oder ganz unberückfichtigt gelaffen. Pfaff
will in feiner Schöpfungsgefchichte die Refultate der
geologifchen Forfchung möglichft unparteiifch auseinanderfetzen
, damit fich auch der Laie, und fpeciell der
Theologe, ein Urtheil über die fchwebenden Streitfragen
bilden könne. Ift es dem Verf. gelungen, diefen un-
parteiifchen Standpunkt in allen Punkten feilzuhalten?

Die Mehrzahl der Capitel des Buches ruft naturge-
mäfs eine Polemik des Vcrf.'s nicht hervor. Das ganze
erfle Drittel des Werkes nimmt eine fafl zu ausführliche
Ucberficht über die Stellung der Erde im Weltfyfteme
ein: das Copcrnicanifche Syftem, die Kepler'fchen Gefetze
, die phyfikalifchc Befchaffcnheit der Sonne und der
übrigen Gehirne, foweit fie die Spectral-Analyfe ermitteln
konnte; die Laplace'fche Theorie über die Entfteh-
ung des Sonnenfyhems, wird klar und leicht fafslich be-
fprochen. Erh mit dem elften Capitel wendet fich
der Verf. von den ahronomifchen zu den geologifchen
Facteh.

Die Temperaturverhältnifsc der Erde und die vul-
kanifchen Erfchcinungen auf derfelben beginnen diefen
Haupttheil des Buches. In dem Abfchnitt über die
Vulkane ift es zu verwundern, dafs der Verf. noch die
alte Theorie Humboldt's und L. v. Buch's von den
Erhebungskratern als berechtigt hinhcllt, nachdem jetzt
allgemein die Auffaffung Lyell's und Poul ett Srope's
lieh Bahn gebrochen hat, fämmtliche Vulkane feien
Auffchüttungskegel, d. h. nur Aufhäufungen von Erup-
tions-Matcrial. Es ift bisher noch kein ,glockenförmig
aufgetriebener' Erhebungskegel auf der Erde nachge-
wiefen worden, trotzdem Pfaff pag. 227 und 228 derartige
Abbildungen giebt. Später (pag. 374) fpricht der

Verf. fogar noch von der Möglichkeit, dafs gebirgsbil-
dende Schichtenftörungen durch ,von unten in flüffigem
Zuftande eingedrungene Maffen' bewirkt würden. Dem
fonft fo kritifchen Verf. würde man eine folche Vor-
ftellung nicht zutrauen, dafs fo minimale Kräfte, wie
diejenige einer ausftrömenden Bafaltlava, ganze Berge
und Gebirge erheben könnten. Ucbrigens hat der Verf.
bei der Darlegung der Beobachtungen, welche man bisher
an Vulkanen, Erdbeben, und über die Hebungen und
Senkungen des Erdbodens gemacht hat, nicht verfchwie-
gen, dafs diefelben noch nicht genügen, uns zu ficheren
Refultaten über diefe wichtigen Vorgänge zu führen.
Die Darftcllung des jetzigen Zuftandes der Erde, fo die
Betrachtungen des 15. Capitels über die Atmofphäre,
über Vertheilung von Land und Meer etc., gehören weniger
in ein Buch, welches die Gefchichte der Erde
fchreiben will: es lind dies Vorftudien, welche die heutige
Befchaffenheit der Erde ergründen, um daraus
Rückfchlüffe auf frühere Vcrhältnifse ziehen zu können.
Wie unendlich viel die Geologie durch diefe Methode
der Unterfuchung gewonnen hat. zeigt der bedeutende
Einflufs, den die Printiples of Geology von Lyell, dem
Begründer diefes ,Actualismus', auf die geologifche An-
fchauung gehabt haben. Indefs wird man fich über die
Refultate diefer Studien beffer in einem Lehrbuche der
Geologie, und fei es nur in den Elementen von Cred-
ner, als in den kurzen Capitcln bei Pfaff unterrichten.

Die Schwierigkeit, dem Laien einige Kenntnifs über
die Gefteine, alfo über Granit, Porphyr, Bafalt etc., beizubringen
, fcheitert nicht nur däran, dafs die Mineralogie
als bekannt vorausgefetzt werden mufs — denn die
Beftimmung eines Gefteins beruht wefentlich auf der
Beftimmung der im Geftein vorhandenen Mineralien; die
Schwierigkeit liegt vor allem darin, dafs die erft in jüng-
fter Zeit erprobten Methoden der Gefteinsunterfuchung,
befonders die mikrofkopifche Analyfe, noch nicht fo
weit Licht und Ordnung in die Petrographie gebracht
haben, dafs ein überfichtliches und allfeits befriedigendes
Syftem der Gefteine aufgeftellt werden könnte.
Pfaff ift noch dazu nichts weniger als Petrograph; er
läfst fich daher nicht leiten, einerfeits von der geologifchen
Lagerung der Gefteine im Gebirge, andrerfeits von
den exaeten Unterfuchungen der Gefteine, wie fie in den
letzten Jahren Rofenbufch und Zirkel mitteilt des
Mikrofkopes angebahnt haben, fondern theoretifirt im
18. Capitel über die Eintheilung und Entftehung der
Gefteine vom chemifch-voreingenommenen Standpunkte
aus. Es ift oft genug von den Geologen geltend gemacht
worden, dafs wir dasjenige, was die Chemiker in
ihrem kleinen Laboratorium nicht hervorbringen können,
noch lange nicht zu den unmöglichen Dingen zu rechnen
brauchen; die Natur arbeitet eben in ihrem grofsen
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