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Ausgabe:

1877 Nr. 2

Spalte:

37-38

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gudenatz, Ernst

Titel/Untertitel:

Michael von Cäsena. Ein Beitrag zur Geschichte der Streitigkeiten im Franciscaner-Orden 1877

Rezensent:

Tschackert, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 2.

38

Heidemann, Dr. Jul., Peter von Aspelt als Kirchenfürft
und Staatsmann. Ein Beitrag zur Gefchichte Deutfch-
lands im 13. u. 14. Jahrhundert. Berlin 1875, Weidmann
. (V, 324 S. gr. 8.) M. 6. —

Diefe Arbeit behandelt zwar einen ,Kirchenfürften',
aber der Kirchengefchichte erwächft aus ihr kein
grofser Gewinn, da Peter von Aspelt (in der Nähe von
Luxemburg, daher auch Aspelter, Aichfpalter genannt)
für die Kirche nur Sinn gehabt zu haben fcheint, wo es
galt, den eigenen Beutel zu füllen oder die geiftliche
Gewalt zu diplomatifchen Schachzügen zu mifsbrauchen.
Als Kirchenfürft käme er nur durch feine Brenge Verwaltung
des Erzbisthums Mainz in Betracht; aber durch
diefe Art kirchlicher Thätigkeit würde er fich nicht über
das Niveau ordnungsliebender Durchfchnitts-Pihlaten des
Mittelalters erheben.

Den Schwerpunkt feines Lebensberufes legte er
felbft in fein politifches Wirken. In der Zeit der De-
centralifirung des deutfehen Reiches im 14. Jahrhundert,
als der Erzbifchof von Mainz in feiner Eigenfchaft als
,Erzkanzler durch Germanien' undPräfidcnt desKurfürften-
collegiums eine wichtige Rolle fpiclte, ift Peter von
Aspelt es gewefen, welcher nach Albrccht's Tode (1308)
die Königskrone an antihabsburgifche Bewerber, Heinrich
von Luxemburg und Ludwig von Baiern brachte.
Die luxemburgifche Dynaftie verdankte ihm geradezu
ihre ganze einflufsreiche Stellung in Deutfchland, indem
er ihr zu dem Befitz von Böhmen und Mähren verhalf.
Heinrich dem fiebenten ganz ergeben, hat Peter von
Aspelt doch deffen idealiftifche Imperatorenpolitik nicht
verfolgt, fondern als ein durch und durch rcaliftifcher
Staatsmann nie die Intereffen des deutfehen Reiches aus
dem Auge verloren. Das fcheint nun aber auch der einzige
Umfland gewefen zu fein, durch welchen feine
Perfönlichkeit Intercffe erweckt. ,Genial' (S. 321) ift
er indefs auch als Politiker nicht gewefen.

Im übrigen hat fein Charakter wenig Anziehendes.
Als verfchlagener Diplomat handelte er nicht nach fitt-
lichen Grundfätzen; Unehrenhaftigkeit, Habfucht und
Geiz find dunkle Flecken auf feinem Bilde; nie wäh-
lerifch in feinen Mitteln, hat er fich vom einfachen Land-
geiftlichcn bis zum Primas der deutfehen Kirche empor-
zufchwingen verftanden. Von einem religiöfen Charakter
vermifst man an ihm jede Spur.

Die Arbeit felbft verräth grofsen Fleifs, verbreitet
fich aber oft zu weit in unwichtiges Detail; auch der
Correctheit des Druckes gebührt volle Anerkennung
(Fehler nur S. 129 oben und 167 Mitte).

Breslau. Paul Tfchackert.

Gu den atz. Ernft, Michael von Cäsena. Ein Beitrag zur
Gefchichte der Streitigkeiten im Franciscaner-Orden.
(Breslauer) hiftorifche Inaugural-Differtation. Breslau
1876, Buchdruckerei Rud. Groffer. (55 S. gr. 8.)

Die ,literarifchen Widerfacher der Päpfte' im Streit
Ludwig's des Baiern mit der Curie hat Riezler in feinem
Werke (1873) im allgemeinen charaktcrifirt; eine Specialarbeit
über den General der Franciscaner, welcher
feit 1322 die tiefgehende antipäpftlichc Bewegung im
Streit um die Armuth. Chrifti leitete, Michael von Cäfena,
(in der Romagna, f 1343;, bleibt daher immer noch eine
nicht undankbare Aufgabe. Der Verf. der vorliegenden
Arbeit hat aber für die Löfung dcrfclben weder hifto-
fches Gefchick noch den rechten Geift bewiefen. Die
fleifsig gefammclten Nachrichten über das Leben Cäfcna's
find fall nur einfach aneinander gereiht; die Hauptfachc,
die Erklärung des Streites um die Armuth Chrifti aus
der im Franciscanerorden vorhandenen fpiritualiftifchen
Geiftesrichtung, hat der Verfaffer unberückfichtigt gc-
laffen. Et findet nämlich das Object des Streites ,an

I und für fich geringfügig' und glaubt allen Ernftes, dafs
derfelbe ,im Sande verlaufen wäre', wenn nicht die ftren-

! gere Partei unter den Minoriten durch Ludwig den Baiern
geftützt worden wäre. Der Geift der Arbeit kennzeichnet
fich fchon dadurch, dafs von Papft Johann XXII
jeder Makel mit ängftlicher Scheu ferngehalten wird;
felbft wo der Papft unehrlich handelt, findet der Verf.
fein Verfahren nur ,bemerkenswcrth' (S. 35). Dafs
Johann durch die anmafsende Geltendmachung der Prin-

! eipien feines Vorgängers Bonifaz VIII den König Ludwig
zur Oppofition gereizt hat (Riezler 8. 16. 17), wird
hier verfchwiegen. Der Stil ift dazu oft recht unbeholfen.

| Für feine Behauptung, dafs fich Nicolaus III. in feiner
Bulle ,Exiit qui seminat' auch als Anhänger der milderen
Partei der Franciscaner zu erkennen gegeben, beruft
fich der Verf. auf die Stelle ,ct dato quod absolute dice-
retur, omnino promitto sanetum evangelium observare:
non professor hitjusmodi intenderet sc ad omnevi consilionim
obsernantiam obligarc; an diefer Stelle fleht aber im Text
des Corp.jur. can., hrsg. von Richter, den der Verf. nicht
benutzt hat, quum ftatt non. (Toni. II, 1038). — S. 50
ift Jovinianus ftatt Jovianits zu lefen.

Für eine abfchliefsende Arbeit über Cäfena müfste

I man erft deffen theologifche Schriften und Reden aufzufinden
fuchen.

Breslau. Paul Tfchackert.

Mönckeberg. Paff. C, Luthers Lehre von der Kirche. Ein

Wort des Friedens. (Fcftfchrift zur Jubelfeier d. Senior
Dr. Rchhoff.) Hamburg 1876, Nolte. (68 S. gr. 4.)
M. 1. 80.

Die Arbeit des Herrn Mönckeberg ift ein Vortrag,
der im Hamburger theologifchen Verein gehalten wurde.
Derfelbe ift nun gedruckt als Feftgabe zum fünfzigjäh -
1 rigen Jubiläum des Hamburger Senior Dr. Rehhoff.
Diefem Zwecke entfprechend ift die Ausftattung eine
ungewöhnlich fchöne.

Mönckeberg ift zu feinem Effay veranlafst durch das
Werk von Kraufs: ,Das proteftantifche Dogma von der
unfichtbaren Kirche'. Kraufs führt aus, dafs wir im Pro-
j teftantismus nicht wie im Katholicismus an die Kirche,
fondern an das Reich Gottes glaubten, indem uns die
j Kirche nur die irdifche, natürliche und als folche noth-
I wendige Vermittlung des Heils und der I Ieilsgemein-
I fchaft fei. Darauf hin hat fich unfer Verf. gedrungen ge-
J fühlt, ,nachzuforfchen, ob es denn auch nach den Lchr-
1 fätzen unferer lutherifchen Kirche nothwendig ift, zu
geftehen, dafs der Artikel von der heiligen chriftlichen
Kirche in dem apoftolifchen Glaubcnsbekenntnifs ge-
ftrichen oder doch geändert werden müffe'. ,Nach wiederholter
Prüfung' ift es ihm nun klar geworden, dafs
die Form des Dogma's von der Kirche, die gegenwärtig
als unhaltbar hingeftellt werde, das Dogma von der .unfichtbaren
Kirche', Zwinglifch fei und von Luther nicht
gebilligt werde. ,Da nun Zwingli's Lehre auch auf
lutherifch gefinnte Theologen einen höchft verwirrenden
| Einflufs gehabt hat', möchte er Luther's Lehre in's rechte
Licht ftellen und zu dem Ende auf vier Punkte hinweifen:
,1) Luther ift von der alten apoftolifchen Lehre von der
Kirche, wie fie fich in den erften Jahrhunderten entwickelt
hat, nicht abgewichen; 2) Luther hat diefe Lehre
gegen die die Katholicität der Kirche aufhebenden
Grundirrthümer der Romaniften und Papillen fiegreich
vertheidigt, aber auch 3) gegen die die Kirche zerfetzende
Lehre von Zwingli und denen, welche direct
oder indirect mit ihm übercinftimmen, die Wahrheit zu
fchützen gefucht; 4) Luther hat dadurch uns zu einem
tiefern Verftändnifs der Lehre von der Kirche vcrholfoiv.

Man ift nach der Einleitung und nach diefer etwas
paftoralen Dispofition gefafst auf hiftorifch - do gma-
tifche Erörterungen. Indefs es hat doch bei einem