Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1877 Nr. 20

Spalte:

554-557

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rothe, Rich.

Titel/Untertitel:

Rothe’s Entwürfe zu den Abendandachten über die Pastoralbriefe und andere Pastoraltexte. Aus dem handschriftl. Nachlaß hrsg. von Carl Palmié. In 2 Bdn 1877

Rezensent:

Meyer, Ernst Julius

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

553

Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 20.

554

merkfam, dafs auch Männer wie Cochläus, Berthold von 1 faffung doch nicht fo grofs fei, was der Verfaffer um fo
Chiemfee bei ihren infallibiliftifchen Aeufserungen fich eher hätte vermeiden follen, als er und zwar im Grofsen

doch niemals vatikanisch ausdrücken, fondern die Infalli-
bilität an gewiffe Bedingungen knüpfen, wie JJeberein-
ftimmung mit Schrift und Tradition (deren Nothwendig-
keit übrigens von Tetzel-Wimpina [Thef. 17. 18. zweite
Reihe] ausdrücklich geleugnet wird), mit berathenden
Beifitzern etc. (S. 49), d. h. auch fie gehen wie faft alle
Curialiften nicht über die fogenannte Antonini fche
Formel der Unf ehlbarkeitfvonAntoninus vonFlorenz

und Ganzen mit Recht das Mefsopfer in den Mittelpunkt
der katholifchen Lehre und des katholifchen Lebens
Stellt und die einzelnen Lehrftücke damit in Verbindung
bringt — was ihm freilich bei den Sacramenten der Oelung
und der Ehe trotz aller künftlichen theologifchen Deduc-
tion nicht gelungen fein dürfte. Im Allgemeinen leidet
das mit anerkennenswerther Objectivität verfafste Schriftchen
, das einen ziemlich gründlichen Ueberblick über

herrührend; hinaus: nur wenn der Papft nach dem Rathe die katholifche Lehre giebt, an einer zu grofsen Syfte
der Brüder entfeheidet, ift er unfehlbar. Dagegen findet matik, die feinem Zweck, den Laie n zu belehren, nicht
fich die von Hadrian VI bestrittene Behauptung, dafs förderlich ift. Vortheilhaft wäre es gewefen, wenn der
der Papft unfehlbar fei, wenn er lehramtlich entfeheide, ! Verfaffer in derfelben Weife, wie er es beim Mefsopfer

bei Pius IV, Reginaldus Polus etc. (S. 74), und unter kathe- j gethan, auch im Weiteren den Gang des katholifchen
dratifchen Entscheidungen verstehen nach ihren Erklä
rungen Päpfte wie Leo X und Gregor XIII ohne Ausnahme
alle amtlichen Erlaffe. Mit dem Nachweife der

Cultus erklärt hätte.

Marburg. Th. Kol de.

Rothe's, Dr. Rieh., Entwürfe zu den Abendandachten über
die Pastoralbriefe und andere Paftoraltexte. Gehalten

bekannten Thatfache, ,dafs der Inhalt des vatikanifchen
Dogma's mit der Lehre Bellarmin's und der durch diefe
begründeten Ordensdoctrin der Jefuiten übereinstimmt',

Schliefst der Verfaffer fein lehrreiches, mit echt deutfeher I im Prediger-Seminar zu Wittenberg. Aus dem hand-

Gründlichkeit gearbeitetes Werk, das vielleicht einen fchriftlichen Nachlafs hrsg. von Paft. Carl Palmie.

grosseren Leferkreis gefunden hatte, wenn der Verfaffer | In 2 Bdn r Bd Die Briefe Pauli an den Timotheus

nicht auch jeden noch fo unbedeutenden theologilchen i , „..^ ujx . , r , ~ j - e^ t

Scribenten berücksichtigt hätte, fondern fich an den her- und lltus< nebft einem Anhang: Luther s Gedachtmfs-

vorragenderen , ihre Zeit beeinfluffenden Trägern der | tage- — 2- Bd- Der T- Bnef Johannis, die Gefchichte

Tradition hätte genügen laffen. des Herrn, die Bergpredigt, PVfttexte und andere

Das unter No. 4 genannte Schriftchen Stellt fich die Paftoraltexte. Wittenberg 1876 u. 77, Kölling. (XVIII,

Aufgabe, in gemeinfafslicher Form nicht nur die Lehre ( u XIX; 4lg s g n k bd m - _ b

der katholifchen Kirche darzustellen, fondern zugleich ^ ,

nachzuweifen, wie aus diefer Lehre auch die Eigenthüm- ' '

lichkeit ihres geistlichen und kirchlichen Lebens hervor- , Wenn es nöthig wäre, die Kirche daran zu erinnern,

gehen mufste. Der Verfaffer Schliefst fich dabei unter

viel fie einem Rothe nicht blofs auf dem Gebiet der

Zugrundelegung der Tridentiner Befchlüffe (Ausgabe von : fyftematifchen, fondern auch der praktifchen Theologie,
Smets Bielef. 1863) und des römifchen Katechismus an i wie viel ihm infonderheit das geistliche Amt zu ver-
Karften, populäre Symbolik (Nördlingen 1860; und Die- ; danken hat, fo müfste es die vorliegende Schrift zum
ringer's Dogmatik an. In einer Vorbemerkung findet er Bewufstfein bringen, die mit dem kürzlich erfchienenen
(S. 3), nachdem kurz auf die Nothwendigkeit des in Chrifto ; 2. Band nunmehr vollendet ift, eine überaus werthvolle
gefchehenen Sühnopfers hingewiefen, den Grund ,für Gabe aus der reichen Hinterlaffenfchaft des edlen Theo-
die unterschiedliche Geftaltung der römifch-katholiSehen ' logen, durch deren Vermittlung fich der Herausgeber
und der evangelifchen Kirche theils in der unterfchied- j und der Verleger ein grofses Verdienst erworben haben,
liehen Auffaffung von der Art und Weife, wie die voll- j Mit diefem Buch hat fowohl die homiletifche, als die
kommene Verföhnung gegenwärtig fei und wirke, theils j paftorallheologifche Literatur eine wefentliche Bereichein
der unterschiedlichen Auffaffung von der Art und Weife, 1 rung erfahren, abgefehen von dem hohen Reiz perfön-
wie man an jener Verföhnung Theil gewinne'. Da aber j liehen Intereffes, den dasfelbe hat. Es ift der getreuefte

die in Chrifto vollbrachte Verföhnung (nur) im Abendmahl
gegenwärtig und wirkfam ift, fo find nach des Ver-
faffers Anficht die ,unterschiedlichen Gemeinfchaften der
christlichen Kirche, auch die der katholifchen und evangelifchen
, aus der unterfchiedlichen Auffaffung der Gegenwart
des Herrn im Abendmahl hervorgegangen' (!)
— was hier einfach referirt fein mag. Hiermit hängt es

Abdruck des theologifchen und christlichen Selbft eines
R., das wir in diefem Buche haben, fein eigenes "Bild,
das er hier im Ideal des evangelifchen Theologen zeichnet
, und obgleich diefe Sonntag-Abendandachten, die R.
als Ephorus des Predigerfeminars zu Wittenberg vom
Ende des Jahres 1832 bis zum Jahre 1837 gehalten hat,
aus einer früheren Periode feines Lebens Stammen, fo

zufammen, wenn der Verfaffer an einer der wenigen ift doch in denfelben fchon die ganze geiftige, fpeciell

Stellen, wo er Vergleiche mit der evangelifchen, ge- die theologifche Individualität auch des zukünftigen R.

naucr wohl lutherifchen Lehre anfleht, fich über das mit klaren Zügen in der Sprache warmer, herzandringen-

Mefsopfer folgendermafsen äufsert: ,Das geistliche Leben der Unmittelbarkeit ausgeprägt: jene für ihn fo cha-

in der katholifchen Kirche (nämlich in feiner Beziehung rakteriftifche Vereinigung tieffter Gemüthsinnigkeit und

zum Mefsopferj gleicht dem geistlichen Leben jener durchdringendster Geiftesfchärfe, ingeniöfer Feinfinnigkeit

Jünger, welche noch die fichtbare äufserliche Erfcheinung und nüchterner Klarheit gefunden Verftandes, lauterfter

und Gemeinschaft des Heilands genoffen'. Nach Joh. Herzensfrömmigkeit, die mit Stiller Contemplation fich

16, 7 ,ift aber die Entziehung feiner äufsern fichtba- in Gott verfenkt, am liebsten in das Kämmerlein der

ren Gemeinfchaft gut für die Seinen', denn ,es kann Theofophen Sich flüchtend, und freiefter Univerfalität,

fonft der Geilt Gottes kein Gciftesband zwifchen die mit weitem, offenem Blick allem echt menfehlichen

den Jüngern und Jefu knüpfen und es dahin bringen, Geistesleben fich erfchliefst. Man fühlt es dem gedruck-

dafs man durch das Geifteswerk des Glaubens der Ver- ten Wort ab, welchen tiefen Eindruck das gefprochene

föhnung durch fein Kreuzesopfer gewifs werde. In dem auf den Stillen Kreis einer empfänglichen theologifchen

Leben des katholifchen Christen ift es nicht ausgeprägt, Jugend unter dem Zauber einer durchaus liebenswürdi-

dafs es für ihn gut fei, wenn der Herr hingehe' (S. 29 f.). gen Perfönlichkeit gemacht haben mufs, deren geiftige

Bei einer fo zahmen Polemik ift allerdings zu fürchten, Hoheit in das Gewand fchlichtefter, wahrhaft rührender

dafs ein nicht ganz taetfefter Lutheraner, der dies lieft, Demuth gekleidet ift.

zu der Anfchauung kommen könnte, dafs der Unter- Was R. gelegentlich in der Vorrede zur Theofophie

fchied zwifchen der römifchen und evangelifchen Auf- Oetinger's von Auberlen, und fonft hin und wieder for-