Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1877 Nr. 19

Spalte:

527-531

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Harnack, Th.

Titel/Untertitel:

Praktische Theologie. 1. Bd 1877

Rezensent:

Löber, Richard

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

527

Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 19.

528

fchimpfte, über die Mifsbräuche in der römifchen Kirche
bitter klagte und mit fcharfen Worten zu ihrer Befeiti-
gung aufforderte, damit nach Wiederherftellung der boni
mores — wie es dazu kommen folle, wird nicht erklärt
— durch ein allgemeines oder Nationalconcil auf den
Grundlagen der erften Jahrhunderte die kirchliche Einheit
erneuert werden könne. Er rechnet es Witzel, ,deffen
Herz in der Sache dem Evangelio gewonnen war und
blieb' S. 48, als befonderes Verdienft an, dafs derfelbe
jenen Gedanken, die Einheit der Kirche auf Grund der
apoftolifchen herzuftellen und dabei mehr auf Befferung
des Lebens als auf Reform der Lehre zu fehen, bis an
fein Ende treu bewahrte. Aber er verfteht Witzel gar
nicht richtig. Deffen Herz ift nie dem Evangelio gewonnen
gewefen und darum auch nicht geblieben. W. hat
weder die Schrift noch die evangelifche Lehre jemals
verftanden, wie er andererfeits nach feinem Rücktritte
zur römifchen Kirche felbft von lieh äufserte: ,ich bekenne
, dafs ich diefe wahre Kirche nicht wufste noch
verftand, da ich wider fie mit thät predigen und lehren'.
Er ift das Mufter eines unklaren Wirrkopfes. Luther
hatte ganz recht, wenn er (de Wette 4, 489) von ihm
fchrieb: sua sunt talia, ut neque doceri neque intelligi fädle
possint, quum nec ab ipsomei nee similibus sibi intelli-
gantur. Und wenn nun ein folcher, ftatt ganz in der
Stille ftch zu halten, gar noch den Reformator fpielen
will und von Ehrgeiz wie von wirren Plänen getrieben,
ftch immer wieder in den Vordergrund drängt, fo kann
es gar nicht ausbleiben, er mufs von beiden Parteien
zurückgeftofsen und, vielleicht auch über Verdienft, ge-
fchlagen werden. Daraus erklärt fich Witzel's Schickfal
zur Genüge. Eines folchen Mannes Treiben aber der
Gegenwart als ein nachahmenswerthes Beifpiel vorzuhalten
, verräth auch wenig Klarheit.

Erlangen. G. Plitt.

1. Zezschwitz, Prof. D. Carl Adf. Gerh. v., System der
praktischen Theologie. Paragraphen für academifche
Vorlefungen. 1. u. 2. Abth. Leipzig 1875 u. 76, Hin-
richs. (IV, 472 S. gr. 8.) M. 7.40.

2. H amack, Dr. Th., Praktische Theologie. (1. Bd.) i.Thl:
Einleitung und Grundlegung. 2. Thl.: Theorie und
Gefchichte des Cultus. Erlangen 1877, Deichert. (XII,
635 S. m. 4 Tabellen, gr. 8.) M. 10. —

I. Diefe Paragraphen bieten weder ein blofses Ge-
rüft abftracter Allgemeinheiten, noch die zufammenhang-
lofen Sätze jener routinirten, ftch fpreizenden Paftoral- 1
Weisheit, die ebenfo unpraktifch als unwiffenfehaftlich
ift, vielmehr fchliefst uns der gelehrte Verfaffer durch
principielle Ableitung und fyftematifche Verarbeitung,
ähnlich wie in feinem grofsartigen ,Syftem der kirchlichen
Katechetik' ein unermefsliches Gebiet auf, das
wir unter feiner Leitung in grofsem Zufammenhang
uberblicken und bis in fernliegende Einzelheiten mit
ficherem Schritt durchdringen. Ueberhaupt Hellt diefes
Werk jene lebensvolle Verbindung von fpeculativem
Zufammenfchauen, von kritifchem Scharffinn und prak-
tifcher Weisheit dar, die den hervorragenden Leiftungen
theologifcher Wiffenfchaft eigenthümlich ift und die man
nicht aufgeben kann ohne die Theologie zur unfruchtbaren
Mataiologie entarten zu laffen.

Die Charakterifirung diefes Werkes, das auf verhält- |
nifsmäfsig engem Raum eine Welt fruchtbarer Gedanken
bietet, kann nur den Eindruck der Dürftigkeit machen.
Die 1. Abtheilung, welche die *Principienlehre enthält,
giebt uns zunächft Auffchlufs über das Wefen wiffen-
fchaftlicher, fyftematifchcr Erkenntnifs überhaupt, die
nicht etwa nur der Philofophie eignet. Vielmehr wie
durch das Chriftenthum die höhere Vollendung des allgemein
menfehlichen Bewufstfeins repräfentirt wird, fo
mufs die praktifche Theologie als der krönende Ab-

fchlufs der theologifchen Erkenntnifsarbeit gelten. Denn
die praktifche Theologie ift die Wiffenfchaft von der
Verwirklichung der Idee des Chriftenthums in der Welt
oder die Theorie der fortgehenden Selbftverwirklichung
und Selbftauswirkung der Kirche in der Welt zu dem
Ziel der Vollendung und Erfcheinung des Reiches Gottes
. Die Kirche bezeichnet nur eine Epoche jenes Le-
bensproceffes, der ftch vollzieht innerhalb des fich mehr
und mehr erweiternden Gebietes des vom abfoluten Willen
beftimmten Seins. Die Gottmenfchhcit ift die dog-
matifche und ethifche Fundamentalidee, fofern diefelbe
theils verwirklicht ift, theils ihrer Verwirklichung entgegengeht
. Die Kirche nun als Trägerin jener Idee ift
berufen, fich als die Gemeinde der Gläubigen in der Welt
auszuwirken Die bei aller Verfchiedenheit des Erkennens
und Bekennens Eine Kirche ift die durch den Pfingft-
geift ins Leben gerufene Geiftesrealität und das ideale
Wefen-der erften Verwirklichung der Kirche in der Welt
hat für die nachfolgende Kirchentwicklung eine normative
Bedeutung. Die praktifche Theologie mufs daher
alle Kirchengeftaltungen nach der Idee prüfen, die ihre
originale Verwirklichung im apoftolifchen Zeitalter gefunden
. Denn fie hat darüber zu wachen, dafs die zur
allmähligen Weiterbildung ihrer Geiftesrealität berufene
Kirche weder eine überfchrittene Epoche des Reiches Gottes
, etwa die altteftamentliche Erfcheinungsform reprifti-
nirc, noch, was wefentlich dasfelbc ift, eine erft zu erringende
Verklärung der Welt antieipire, mithin beide-
male eine Erfcheinung biete ohne Realität. Die katho-
lifche Kirche repriftinirt einerfeits die altteftamentlich-
theokratifche Epoche des Reiches Gottes, andernfeits
antieipirt fie den Verklärungscharakter der Endzeit, indem
fie Reich Gottes und Kirche verwechfelt oder vielmehr
die Dinge diefer Welt in das Licht fcheinreligiöfer
äufserlich dominirender Ideen Hellt. Der Kirche der Reformation
eignet das PTfthalten an dem realen, heilvermittelnden
, gottmenfehlichen Leben Chrifti, das im
Wort und Sacrament der Kirche präfent ift, und das fo-
wohl in feiner Realität als in feiner univerfalen Tendenz
aufgegeben wird, wenn man in altteftamentliche Symbolik
und in theokratifche Umgrenzung zurückfinkt.

Für die Entwicklung des Kirchenlebens aus dem
Princip des immanenten Geiftes erfcheint dem Verfaffer
befonders bedeutungsvoll der Sacramentsbegriff, zumal
wenn wir darin eine facramentale und eine facrificielle
Handlung unterfcheiden. Denn es handelt fich hier um
die lebensvolle Verbindung des zur Erde herabgeftie-
genen Himmels und der zum Himmel erhobenen, zunächft
im Menfchen vertretenen Erde. Das hiermit bezeichnete
Strebeziel des Menfchengefchlechtes wird durch den
Gottmenfchen garantirt, der fowohl für die facramentale
als für die facrificielle Vermittlung feine Perfon einfetzt.
Der facramentale Act des chriftlichen Cultus ift die fixirte
Zufammenfaffung der göttlichen Offenbarung als folcher,
eine durch Erfcheinung vermittelte Darftellung göttlicher
Gedanken und Zueignung unnennbarer Gaben. Dem ent-
fpricht nun die cultifch-fymbolifche Darfteilung des facri-
ficiellen Handelns, der Ausdruck der Zuwendung zu Gott
und des Annahens zu ihm in feiner wachfenden Steigerung
. Allerdings verträgt der Ausdruck der Andacht
und aller dabei zur Erfcheinung kommenden Affecte keine
fixirte, legale Anordnung. Aber der individuellen Willkür
wird durch die Sitte und durch den gemeindlichen
Charakter der cultifchen Handlung gewehrt.

Ueberaus lebensvoll und mit einem bis in die fern-
ften Gebiete des gefchichtlichen Stoffes tief eindringenden
Blick charakterifirt nun der Verfaffer die gefchicht-
liche Auswirkung der Kirche in den Formen des Cultus
und des Lebens. Wie mit dem Chriftenthum erft der
Gedanke der reinen Humanität zum Durchbruch gekommen
ift, fo ift auch die Wcrthfchätzung der Individualität
erft vollftändig garantirt, wo der Horizont des volks-
thümlichen Sonderkreifes zu der Idee der univerfalen