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Ausgabe:

1877 Nr. 1

Spalte:

507-508

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Weber, F. W.

Titel/Untertitel:

Der Profet Jesaja in Bibelstunden ausgelegt 1877

Rezensent:

Wächtler, August

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Seite 1

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5°7

Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 18.

Er in; befcheiden genug, fowohl auf diefe Ehre zu verzichten
, als auf die etwaige weitere, in einem ferneren
Supplement auch noch als G. Baur in Leipzig aufgeführt
zu werden.

Auf dem Titelblatte fteht, wie üblich, das Motto
der dem Ref. befreundeten Verlagsfirma: ,Erft wieg's,
dann wag's.' Unter diefem Zeichen hat der Verlag von
F. A. Perthes es dahin gebracht, dafs einem in ihm er-
fchienenen theologifchen Werke ein günftiges Vorurthcil
entgegenkommt. Möge es ferner fo bleiben! Dazu gehört
aber mehr, als der auch im vorliegenden Falle un- j
verkennbar vorhandene gute Wille des Verf. und die
tadellofe Ausftattung von Seiten des Verlegers.

Leipzig. G. Baur.

Weber, Pfr. Dr. F. W., Der Profet Jesaja in Bibelstunden
ausgelegt. Nördlingen 1876, Beck. (XII, 584 S. gr. 8.)
M. 7.—

Eine Auslegung des Profeten Jefaja in Bibelftunden
ift ein Unternehmen, um deffen Plan und Ausführung
den Verfaffer mancher Geiftliche beneiden dürfte, denn
wer kann fagen, dafs er einen folchen Kreis von Zuhörern
habe, wie der Nachfolger Löhe's in Neuendettelsau,
einen Kreis, ,welcher fich vorwiegend aus gebildeten,
in der chriftlichen Erkenntnifs weiter fortgefchrittenen
Perfonen zufammenfetzt' (S. IV)? Das ganze Buch des
Profeten von cap. 1—66, in gröfsere oder kleinere .Ab-
fchnitte getheilt, wird Vers für Vers ausgelegt, an die
Auslegung fügt fich beim Schlufs des Abfchnittes eine
praktifche Anwendung ungezwungen an, es ift aber
natürlich, dafs der lehrhafte Charakter der vorherrfchende
ift. Für Bibellefer, welche in das Verftändnifs des gröfsten
profetifchen Buches eingeführt zu werden wünfchen, wird
diefe forgfältige und verftändliche Auslegung ein willkommenes
Hülfsmittel fein. Die Ueberfetzung ift durchweg
aus dem Grundtexte hergeftellt, oft auch in folchen
Fällen mit Veränderung des lutherifchen Bibeltextes, wo '
weder der Inhalt noch die Form eine Aenderung ge- J
boten. Der Text ift fehr zweckmäfsig in die Auslegung
und Umfchreibung aufgenommen, aber durch gefperrten
Druck durchgehends fo ausgezeichnet, dafs derfelbe jedem
Lefcr erkennbar ift. Die einzelnen Abfchnitte find durch
Darlegung des Zufammenhangs auf paffende Weife mit
einander verbunden, und archäologifche, wie hiftorifche
Mittheilungen dienen weiter der Erläuterung. Zuweilen
deuten Anführungszeichen darauf, dafs die Worte eines
andern Exegeten angeführt werden, aber aufser Luther
und Vitringa wird keiner derfelben mit Namen genannt
; weder erfahren wir, wen der Verfaffer unter dem f
,neuften Ausleger' (S. 24) verfteht, noch, wer die ,un- |
gläubigen Ausleger' find, welche 7.14: ,das Wunder der |
jungfräulichen Geburt aus dem Texte wegerklären wollen', I
auch nicht, welche ,gläubigen Ausleger jetzt auch annehmen
', dafs das Wunderbare bei dem Zeichen an der
Sonnenuhr des Ahas darin liege, ,dafs die Sonnenftrah-
len durch eine plötzlich eintretende Brechung, die fich
weder vorausfehen noch erklären liefs, nach aufwärts
gelenkt wurden' (S. 323). Im Intereffe der jüngern Amtsbrüder
namentlich, — denn auch diefen wollte der Verfaffer
dienen, — wäre es zu wünfchen, dafs das Buch !
forgfältiger für den Druck vorbereitet worden wäre; wir
erwähnen nach diefer Seite auch das Fehlen eines Re-
gifters, denn über die forgfältige Eintheilung der Gefichte
und Reden, nach welcher der Stoff geordnet ift, kann 1
man aus dem umfänglichen Bande nur mühfam eine
Ueberficht gewinnen. Dafs der Verfaffer in Bibelftunden
keine Stellung nimmt zu den Fragen der Kritik, wird
ihm niemand verargen, eigentümlich ift es jedoch, dafs
ohne weitere Erläuterung beim 2. Theil des Buches Jefaja
, nach beträchtlichem Zwifchenraum im Druck noch
einmal eine Einleitung und eine neue Zählung der Theile
folgt, wobei nur bemerkt wird: ,Es hat gewifs feine

Wahrheit, wenn man von einer doppelten Berufung des
Profeten Jefaja fpricht'. Auf ca. 600 Seiten werden Druckfehler
fich fchwerlich vermeiden laffen, aber wenn der
Verfaffer die u. E. löbliche Schreibweife ,Profet' einmal
angenommen hat, follte die andere in demfelben Buche
nicht mehr vorkommen, ebenfowenig wie Efraim und
Ephraim u. A. abwechfeln dürfen, nicht zu reden von
der Inconfequenz, dafs daneben ftets Peripherie, Epiphanias
u. f. w. gefchrieben wird. Ueber die Auffaffung und
Auslegung einzelner Stellen dürfen wir nicht mit dem
Verfaffer rechten, da er eine Begründung derfelben nicht
beifügen konnte. Wir befchränken uns auf einige Fragen
zu dem Standpunkte des fogenannten biblifchen
Realismus, welchen der Verfaffer in der Vorrede ziemlich
ausführlich entwickelt und in der Auslegung con-
fequent durchgeführt hat. Nur zuweilen fcheint es ihm
unlicher, ob die Gemeinde der Endzeit oder die Gemeinde
der Ewigkeit gemeint fei. Für einen Ausleger, welchem
die realiftifche Auffaffung Gefetz der Auslegung ift, wird
ja diefe Frage oft wiederkehren und immer fchwierig
zu beantworten bleiben. Die Möglichkeit, das profetifche
Wort diefer Auffaffung gemäfs zu deuten, ift verlockend
genug, um diefelbe allenthalben anzulegen. Aber ift es
denn richtig, dafs man diefe Vorausfetzung, welche auf
einer mindeften.s ftreitigen Auslegung neuteftamentlicher
Stellen beruht, zum Dogma der Auslegung macht? Die
gefetzlich-nationalen Schranken der jüdifchen Profetie
werden dadurch ohne weiteres aufgehoben, die Erfüllung,
welche die geiftige Subftanz der Weiffagungen gefunden
hat, wird zurückgedrängt, während die gefetzlichen In-
ftitutionen einen unveränderlichen Charakter empfangen,
welcher auf dem Boden des Evangeliums nicht mehr
behauptet werden kann. Ob auch wirklich Vcrheifsun-
gen über Ifrael der Erfüllung noch in diefem Aeon
harren, fo ift es doch unwidcrfprcchlich, dafs diefelben
theils in geiftiger Weife an der Chriftenheit aus der .Völkerwelt
in Erfüllung gegangen find, theils von diefer
noch erhofft werden. Wo bleibt da der Raum für die
Herrfcherftellung, welche der biblifche Realismus den
leiblichen Nachkommen Abraham's zugedacht hat? Andrcr-
feits können wir uns ebenfowenig klar machen, was aus
der Gemeinde der Heidenchriften dann werden foll? Erft
die Zeugen der Gemeinde Gottes auf dem Berge Zion
in Paläftina follen die Blindheit der Völker heben? ,In
Wahrheit' fagt der Verfaffer S. 222: ,ift fo viel Gleichheit
und Unterfchied zwifchen dem Stande des verherrlichten
Ifrael und dem Stande der Gemeinde in
der Ewigkeit, dafs man beide mit einander für eins
halten und doch wieder von einander abgrenzen kann'.
Das letztere hat wenigftens er verfucht, aber Ref. vermag
ihm hierin nicht zu folgen. Die Aufhebung des
Todes bezeichnet fonft im Alten wie im Neuen Teft.
den Abfchlufs aller Gefchichte, und auf dem Boden des
Evangeliums fteht es fo, dafs nicht wie in den altteft.
Weiffagungen durch die profetifeh-königliche Herrlichkeit
Ifraels die Heiden herbeigelockt und bekehrt werden
, fondern durch die Seligkeit der Gemeinde aus den
Heiden wird Ifrael angelockt. Es find das Fragen, welche
zwifchen Autor und Recenfenten nicht erledigt werden
können; wir möchten deshalb nicht weiter auf diefen
Punkt eingehen, müffen es aber bedauern, dafs der
Verfaffer den bezeichneten Standpunkt recht eigentlich
zum Princip feiner Arbeit gemacht hat, weil uns ohne
dies fein tüchtiges Werk förderlicher erfcheinen würde
für das Verftändnifs des profetifchen Worts bei der
Gemeinde.

Halle aS. A. Wächtler.