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Ausgabe:

1877 Nr. 18

Spalte:

506-507

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stiebritz, Ludw.

Titel/Untertitel:

Zur Geschichte der Predigt in der evangelischen Kirche von Mosheim bis auf die Gegenwart, mit besonderer Berücksichtigung der Zeit von Schleiermacher’s Tode ab. Ein Versuch 1877

Rezensent:

Baur, Gustav

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505 Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 18. 506

Fach desKataloges er eigentlich eingewiefen fein wolle.
Es ift jedenfalls gute geiftige Nahrung für gebildete
Chriften, was hier dargeboten wird.

Was nun das Nähere des Inhalts betrifft, fo bewegt
fich derfelbe im Wefentlichen und Allgemeinen durch
die zwei Correlatgedanken hindurch: Chriftus nicht ver-
ftändlich ohne die ganze Schrift mit allen ihren Theilen,
denn fie ift ein organifches Ganzes, und hinwiederum:
die ganze Schrift in allen ihren Theilen nicht verftänd-
lich ohne Chriftus, denn Er ift A und O und Mittelpunkt
der ganzen Schrift. Als Vermittlung zwifchen diefen
beiden Seiten der eigentlich inhaltgebenden Grundan-
fchauung dient der Abfchnitt von der Schrift und dem
heiligen Geift, fofern der h. Geht die Schrift in allen
ihren Theilen (aber ohne die Apokryphen) zu dem, was
fie ift, gemacht hat und immerwährend macht, nämlich
zu dem wahrhaftigen, lebendigen, einheitlichen und einzigartigen
und ebendamit allfeitigcn und ewigen Gotteswort
, unbefchadet der individuellen Eigenthümlichkeit
der einzelnen Verfaffer und der in ihrer Reihenfolge fich
geltend machenden Artuntcrfchiede der Geifteswirkung.
Es ift dem Verf. ganz befonders wichtig, die aus dem
Rationalismus flammende Unterfchätzung des ,umgenannten
alten Teftaments' im Verhältnifs zum N. T. zu verbannen
. Jenes, ,das Buch vom Königreich', fleht nicht
etwa auf einer niedrigeren Stufe der Infpiration und
Autorität als diefes, ,das Buch von der Kirche'; nur die
Art und Weife der Infpiration ift in beiden eine ver-
fchiedene, dort mehr unmittelbar, direct und objectiv,
hier mehr innerlich vermittelt, in freierer, perfönlicherer
Weife das Bewufstfein der Empfänger durchdringend, i
Bemerkenswerth ift hiebei, dafs der Verf. in dem letzten
Buch der h. Schrift jene unmittelbare, formal authentifche
Eingebung der jpsissima verbat wiederfindet, wie er fie
Mofe und den Propheten des alten Bundes vindicirt hat.

Wir finden übrigens den Hauptwerth des Büchleins
weniger in der confequenten Durchführung feiner Hauptgedanken
, als in einer Fülle von geift- und lichtvollen
Einzelgedanken, die die Linie der fortfehreitenden Erörterung
in ungezwungener Weife umfliefsen. Denn gerade
in Betreff der leitenden Hauptgedanken liefse fich
vom Standpunkt der ftreng wiffenfehaftlichen Begriffsbildung
manche Einwendung erheben. Es herrfcht eben
in unfrem Buche eine mehr geiflvolle als begrifflich prä-
eife Betrachtungs- und Redeweife, die nicht ängftlich
nach dem Mafsftab fchulmäfsiger Folgerichtigkeit ge-
meffen werden will und foll. Der Verf. felbft nennt ja
die Schrift mit mancherlei Namen; wenn fie ihm ein
lebendiger Leib ift, fo ift fie ihm ebenfogut ein ,freier,
majeftätifcher Occan' und hinwiederum ein .Vorrathshaus',
ein .Zeughaus' und wiederum ,Same, Schwert, Spiegel';
er ift alfo nicht nach Gelehrtenart darauf aus, die Anerkennung
einer beftimmt formulirten Auffaffung eiferfüch-
tig durchzufetzen. Seine Hauptabficht ift die, zu einem
lebendigen, allfeitigen und zugleich centralen Eindringen
in den Reichthum des Schriftworts Anregung zu geben,
und wir können, einftimmig mit dem verehrten Verfaffer
des Vorworts, nur von Herzen wünfehen, dafs diefer
Abficht infonderheit auch in Deutfchland und in der
heutigen Generation des deutfehen Volkes mehr als bis^
her entsprochen werden möchte. Und wir ftimmen der
freundlichen Bevorwortung des Büchleins um fo lieber
zu, als wir dem Lefer, auch abgefehen von der eigentlichen
Tendenz dcsfelben, die Verficherung geben können
, dafs hier ein frifches, urfprüngliches, aus reicher
Ader fliefsendes Quellwaffer zu finden ift, in deffen lauterer
Strömung mancherlei Blüthen freundlich und lieblich
fich fpicgeln.

Dank fei auch noch der verftändnifsvollen Feder,
die uns eine Ueberfetzung gegeben hat, in welcher kaum
noch leife Spuren eines aufserdeutfehen Stils entdeckbar
find.

Höpfigheim in Württemberg. Pf. Kern.

K..

Stiebritz, Palt. Ludw., Zur Geschichte der Predigt in der
evangelischen Kirche von Mosheim bis auf die Gegenwart
, mit befonderer Berückfichtigung der Zeit von
Schleiermacher's Tode ab. Ein Verfuch. Gotha
1875 u. 76, F. A. Perthes. (XX, 721 S. gr. 8.) M. 12. —

Diefes — übrigens in aller Befcheidenheit nur als
ein Verfuch und ein Beitrag zur Gefchichte der Predigt
auftretende —■ Werk ift eigentlich über der Kritik, da
ihm laut der Vorrede ,in feiner erlten weit weniger umfangreichen
Geftalt die Ehre widerfahren ift, von dem
Grofsherzoglichen Kirchenrathe zu Weimar einer befon-
dern Anerkennung gewürdigt worden zu fein', und da
der Verfaffer durch den Referenten diefer hohen Behörde
ermuthigt worden ift, ,im Intcreffe angehender Homileten'
die nun vorliegende Erweiterung feiner Arbeit vorzunehmen
. Wenn der befchränkte Unterthanenverftand
fich gleichwohl erlauben darf, ein oder das andere Bedenken
zu äufsern, fo möchte der unterzeichnete nichtamtliche
Ref. das feinige in das Bekenntnifs feiner Unfähigkeit
zufammenfaffen, zu entdecken, wem und wozu
diefes Buch eigentlich dienen foll. Eine Schrift über
einen folchen Gegenftand mufs ihre Aufgabe entweder
in der treffenden Charakteriftik der hervorragenden
Prediger nach der Wcchfelbeziehung ihrer perfönlichen
Begabung und der auf fie einwirkenden Lebensverhält-
nifse, oder in der Genauigkeit und Vollftändigkeit der
biographifchen und bibliographifchen Angaben, oder,
noch beffer, in Beidem fuchen. Es leuchtet aber ein, dafs
es unmöglich ift, 331 Prediger auf 489 Seiten fo zu
charaktcrifiren, dafs ihrer perfönlichen Eigenthümlichkeit
einigermafsen ihr Recht wird. In der That vcrtheilt fie
denn auch der Verf. unter wenige fehr allgemeine Rubriken
und im Einzelnen oft auf fehr wunderliche Weife;
und wenn wir fie uns in diefe Wartefäle eingefperrt
denken, um ihres Urtheils zu harren, fo würde gar Mancher
von ihnen vergeblich fragen, warum er gerade mit
diefen Amtsbrüdern zufammengepackt und von andern,
ihm viel näher verwandten getrennt fei. Was aufser
der allgemeinen Signatur, welche in der Rubrik eines
jeden gegeben ift, zu ihrer Charakteriltik noch herbeigebracht
wird, das befchränkt fich auf einzelne aus ihren
I Predigten fehr zufällig und willkürlich ausgezogene
Dispofitionen oder fonftige Sätze; und der Dürftigkeit
diefes Materials wird auch durch die S. 493—710 gegebenen
.Proben' nicht wefentlich aufgeholfen. Je mehr
Ref. es zu fchätzen weifs, wie mächtig die Bekanntfchaft
mit einem tüchtigen Prediger von ausgeprägter Eigenthümlichkeit
dem Anfänger dazu hilft, dafs auch in ihm
die eigentümliche Kraft geweckt und entwickelt werde,
defto mehr mufs er befürchten, dafs die Betrachtung
diefer langen Reihe von fchablonenmäfsig gezeichneten
Predigerporträts nur dazu dienen würde, die Theologie
Studirendenund die angehenden Prediger, die es nach des
Verf. Abficht über fich gewinnen könnten, fich länger
mit ihr zu befchäftigen, zu verflachen und jede Regung
der Originalität in ihnen zu unterdrücken. Und leider
wird diefe eine Schwäche des Buches nicht etwa dadurch
gut gemacht, dafs es wenigftens eine feinem Umfang
entfprechende Fülle brauchbarer biographifcher und
bibhographifcher Notizen darbietet. Vielmehr find diefe
fo ungleich, unzuverläffig und unvollftändig, wie fie nicht
hätten werden können, wenn der Verf. fich auch nur die
Mühe genommen hätte, irgend ein gröfseres biblio-
graphifches Lexikon zu Rathe zu ziehen. Um dem
böfen Schein zu begegnen, als ob das ungünftige Ur-
theil, welches Ref. über das Buch fällen mufs, etwa
durch eine ihm darin widerfahrene Vernachläffigung beftimmt
fei, darf er bemerken, dafs ihm vielmehr in dem
.Nachwort' in Ausficht geftellt ift, nachdem er fchon als
Guft. Ad. Ludw. Baur, Hauptpaftor in Hamburg, Erwähnung
gefunden hat, in einem Supplementbande noch
einmal als Guft. Baur in Giefsen genannt zu werden.