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Ausgabe:

1877 Nr. 18

Spalte:

492-493

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Guillemard, W. H.

Titel/Untertitel:

The Greek Testament, Hebraistic Edition 1877

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 18.

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ergeben die Stellen Gen. 6, 3. Pf. 78, 39. lob 4, 17 ff.
15, 14 ff. 25, 4 ff. die Bejahung der Frage im erfteren
Sinn. In Pf. 78, 39 tritt freilich der Gedanke der phy-
fifchen Gebrechlichkeit anfcheinend fo ausfchliefslich
hervor, dafs man geneigt fein könnte, dem Verf. Recht
zu geben. Aber der zwifchen V. 39 u. 40 nothwendige
Zufammenhang ift nur dadurch zu erreichen, dafs man
die fittliche Schwäche der Israeliten in die Vorftellung
■"ifcja einfchliefst. Jedoch indem die Sünde Ifraels mit
dem hinfälligen Fleifch in Verbindung geftellt wird, er-
fcheint fie nicht als pravitas ac perfidia1, fondern als Anfir-
mitas1 und wird deshalb nicht beftraft, fondern vergeben.
Hinfichtlich jener Stellen aus lob leugnet W. nicht, dafs
fie über den Menfchen, der vom Weibe geboren wird
und Staub ift, Mangel an Gerechtigkeit (Reinheit) vor
Gott ausfagen, jedoch foll der Grund nicht die Sünde
fein, fondern die unendliche Macht Gottes, der gegenüber
die menfchliche Gebrechlichkeit ftets ungerecht
erfcheinen mufs, ,etiamsi [komines) forte non peccent.
Aber lob 25, 3b bietet zur Erklärung von 4, 17 und
15, 14 den Gedanken, dafs das göttliche Licht Alles
Andere an Reinheit übertrifft. Andererfeits liegt in
15, 14 und 14, 4 die Anfchauung klar vor, dafs der
Menfch durch feine natürliche Abstammung von {yq —
,Theil') den unreinen Eltern an der allgemeinen Unreinheit
des menfchlichen Gefchlechtes Antheil habe. Da
nun von den Hebräern die Verwandtfchaft durch Identität
des Fleifches bezeichnet wird, fo ift der Schlufs
berechtigt, dafs die von den Eltern herrührende Unreinheit
eben mit dem Fleifch verbunden gedacht wurde.
Diefer Sinn von 15, 14 u. 14, 4 wird feftftehen, auch
wenn man über die Gefammtanfchauung des Buches lob
verfchiedener Meinung ift. Hierdurch ift allerdings nicht
eine Erklärung der allgemeinen Sündhaftigkeit verfucht,
fondern die Sünde der jedesmal ins Auge gefafsten
Perfon oder Gruppe von Perfonen wird auf die auch
fchon fündigen Eltern zurückgeführt. Aber es erprobt
fich auch hier, dafs die Sünde durch ihre Verknüpfung
mit "dos als Schwäche charakterifirt wird, die fich der
Nachficht Gottes empfiehlt: lob 13, 23 ff. 14, I ff. Ref.
mufs daher dem Verf. gegenüber die Meinung aufrecht
erhalten, dafs der durch vujs bezeichnete Abftand der
Gefchöpfe gegen Gott in der ifraelitifchen Religion
Beides in fich fchliefst: den Unterfchied der Macht und
den Unterfchied der Reinheit. Gleichwohl erfcheint "riöS)
darum nicht als ,peccandi origo et vis1, kaum als pravi-
tas' (p. 19 f.); daher ift auch von diefer Auffaffung aus
der Satz zu verwerfen: ,in terrena hominum materia
pravam ipsorum peccandi vim esse conditam1 (p. 2CVi.

In der Unterfuchung über rm (p. 22—46) geht W.
von der Bedeutung ,Wind' aus. Er hebt zwei Merkmale
hervor: Bewegung und Unfichtbarkeit. Der Urfprung
des unfichtbaren Windes ift in Gott. Der unftchtbare
Wind felbft ift ein Nichts, das Gegentheil des Feften,
Zuverläffigen, ein vom Verf. gut gezeichneter Gegenfatz.
Der zweite Gedanke wird im Fortgang der Darftellung !
nur noch leife berührt, wenn die Immaterialität der nn
mit Nachdruck geltend gemacht wird (p. 46). Der göttliche
Urfprung des Windes hingegen dient als drittes
Merkmal dem Verf. dazu, um die göttliche Herkunft der
menfchlichen rvn, fofern fie die Lebenskraft und dieaufser-
ordentliche, aufsergewöhnliche Befähigung des Menfchen
bezeichnet, zu beleuchten. Die Herleitung diefes Merkmals
aus der Bedeutung Wind kann Ref. nicht gut heifsen. rvn
bedeutet eigentlich ,Odem, Hauch' und malt das Athmen,
nicht den Wind. Auch der auf p. 23 verfuchte Beweis,
dafs dem Winde der Vorzug göttlichen Urfprungs im
befonderen Sinne eigne, hat Ref. nicht überzeugt. Die
Stelle Am. 4, 13 fagt vom Winde dasfelbe aus, was
auch von anderen Naturkräften ausgefagt wird. Freilich
ift die m-i im Menfchen göttlichen Urfprungs, weil fie
das Leben anzeigt, das von Gott kommt. — Sowohl
zwifchen rvn und OB3, als zwifchen nn und ab findet

W. ein ,discrimen nonreidesignatae, sedrationis designandf:
izis: bezeichnet den Gegenfatz des Menfchen gegen die
leblofe Natur, nn feine Zugehörigkeit zu Gott (p. .32);
3b = ,Sinn, Gefinnung' bezieht fich mehr auf den Inhalt
des Denkens und Handelns, nn = ,Muth oder Ge-
müth' mit Einfchlufs fowohl der natürlichen Stimmung
als des Charakters bezeichnet mehr die formas cogi-
tandi, studendi, sentiendi' (p. 37). Auch die aufsergewöhnliche
nn ift eine folche Gemüthsbewegung (,animi
nwtio et affectio, quae divinitus data omnibus mentis
voluntatisque actis divinam suam conciliat formam1 p.
40). Der Verf. fügt einige Zeilen weiter zu forma cog-
noscendi etc ' den Ausdruck ,principium' hinzu. Das klingt
faft wie eine Erweiterung. Hat er etwa felbft gefühlt,
dafs jene Beftimmung zu eng ift, zumal er unmittelbar
vorher gefagt hat, dafs die nn ,auctas sapientis,
ethici, religiosi ingenii viriutes1 mittheile? Die prophe-
tifche nn verleiht nach ifraelitifcher Anfchauung allerdings
neue Erkenntnifse, wie z. B. Joel 3, 1 ff. Vifionen,
alfo doch höhere Offenbarungen daraus ableitet.

Aus dem oben Gefagten könnte man fchliefsen, W.
gehöre zu den ,Dichotomikern'. Aber die Frage, ob
Dichotomie oder Trichotomie im A T. zu finden fei,
wehrt er ab, weil eben ein gemeinfames feftes pfycho-
logifches Syftem bei den verfchiedenen Schriftftellern
im A. T. nicht vorhanden fei (p. 31 f.). Diefe Ent-
fcheidung kann Ref. nur billigen. Es wird freilich immer
eine ziemliche Zahl hierher gehörender Ausfagen des
A. T. übrig bleiben, die der Einordnung in ein gemeinfames
Schema widerftreben. Z. B. widerfpricht Sach.
12, 1 der Vorftellung, dafs die menfchliche rvn eine
particula Spiritus divini' (p. 27) fei; und die Exiftenz
der Seelen im Scheol ftimmt nicht zu Eccl. 12, 7 (zu
p. 30). Für eine zufammenfaffende Darfteilung kann es
fich aber nur darum handeln, den allgemeinen Eindruck,
welchen die überwiegende Mehrzahl der betreffenden
Stellen hervorruft, wiederzugeben. Diefer Forderung
fcheint mir der Verf. in einer klaren und beftimmten
Darftellung gerecht geworden zu fein.

Leipzig. H. Gut he.

Guillemard, W. H., D. D., The Greek Testament,
Hebraistic Edition. Exhibiting and illuftrating (1) The
Hebraisms in the Sacred Text, (2) The Influence of
the Septuagint on its Character and Conftruction,
(3) The Deviations in it from pure greek ftyle; by
means of (a) notcs chiefly treating thereon, (b) a
syftem of diftinctive marks. [S. Matthew.] Cambridge
1875, Deighton, Bell and Co. (XIII, 63 S. gr.. 8.)

Dafs zur Erläuterung der neuteftamentlichen Sprache
in erfter Linie die Septuaginta, in zweiter die Schrift-
fteller der xoivi) öidlexrog, und erft in dritter Linie die
claffifchen Autoren heranzuziehen find, — diefer Grund-
fatz wird als folcher wohl allgemein anerkannt werden.
Aber von einer praktifchen Durchführung desfelben find
wir noch weit entfernt. Wenn man z. B. die Praxis des
Meyer'fchen Commentares beobachtet, fo wird man gerade
die umgekehrte Reihenfolge finden: am reichlichften
find die Claffiker benützt, weniger die Schriftfteller der
Y.01VT} und noch weniger die Septuaginta. Nur zögernd
entfchliefst fich Meyer dazu, Hebraismen anzuerkennen.
Und wenn er trotzdem deren noch eine recht erhebliche
Anzahl conftatirt, fo mag man darin einen Beweis fehen,
dafs jene Zurückhaltung überhaupt aufzugeben, und von
der hebraifirenden Sprache der Septuaginta gerade ge-
fliffentlich zur Erklärung des N. T.'s Gebrauch zu
machen ift.

Der Herausgeber der obengenannten ,Hebraißic
| Edition1, von welcher zunächft nur Matthäus vorliegt,
ift nach jenem Grundfatz verfahren. Er hat fich die Aufgabe
geftellt, den ftarken Einflufs des Hebräifchen auf