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Ausgabe:

1877 Nr. 17

Spalte:

483-484

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Williger, Karl

Titel/Untertitel:

Betrachtungen zum Briefe an die Ebräer für den Israel Gottes 1877

Rezensent:

Wächtler, August

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 17.

484

die wiffenfchaftliche Ausbildung der Jugend war und dafs
auch Luther die bitterften Klagen über die Vernach-
läffigung des Elementarunterrichts führte'. Dafs der
Verf. fchlechthin unfähig ift, die reformatorifche Lehre
zu verftehen, bekundet zur Genüge der mit Verkehrtheiten
angefüllte ^ 196. Dagegen mufs anerkannt werden,
dafs er vollfte Empfänglichkeit für das Eigenthümliche
der römifch-katholifchen Kirche befitzt. Man wird keinen
weiteren Beweis verlangen, wenn man die S. 870 flehenden
, in einem Lehrbuche wohl kaum vermutheten Siitze
gelefen hat: ,die Erfcheinungen der hl. Mutter Gottes
zu La Salette (1846) und Lourdes (1858) werden durch
viele Wunder beftätigt. Die Madonna von Rimini verkündete
durch das Bewegen ihrer Augen (1858) das über
Italien hereinbrechende Unheil. Diefes auffallende Er-
eignifs hatte auch die plötzliche Bekehrung mehrerer
Mazziniften zur Folge'. — Man möchte in der That
fchliefslich noch die Frage beantwortet haben, wo in
Deutfchland nach diefem Lehrbuche ,akademifche Vor-
lefungen' gehalten werden?

Erlangen. G. Plitt.

Williger, Paft. Karl, Betrachtungen zum Briefe an die
Ebräer für den Ifrael Gottes. Neufalz a.O. 1877, Lange.
(IV, 188 S. gr. 8.) M. 2. —

Eine Auslegung des Ebräerbriefs in Form von Betrachtungen
über die einzelnen Abfchnitte könnte fich
zwar um defswillen empfehlen, weil diefer Brief mehr
als alle andern biblifchen Schriften einer Abhandlung
gleicht und feine einzelnen Theile als zufammenhängende
Glieder zur fortlaufenden Betrachtung darbietet. Andrer-
feits aber finden fich im Ebräerbrief fo viele fachliche
und fprachliche Schwierigkeiten für das Verftändnifs, dafs
auch die erbauliche Auslegung auf Erklärung derfelben
forgfältig Bedacht nehmen mufs. Der Verfaffer will die
Betrachtungen als ,im gewöhnlichen Sinne populär' nicht
angefehen willen und erklärt auch diefelben für etwas
anderes als Bibelftunden; es follen Meditationen fein,
welche auf Grund des Wortverftändnifses in die Tiefe
des erbaulichen Schriftfinns hineinführen. Grade aber
bei dem bezeichneten Charakter des Ebräerbriefs ift es
äufserft fchwierig, die Betrachtungen auf diefer Höhe zu
erhalten; nur zu oft mufs der kleine exegetifche Apparat,
über welchen die erbauliche Auslegung gebietet, arbeiten,
und feine Operationen ermöglichen nicht immer ein klares
Verftändnifs; am allerwenigften wenn die unglückliche
Neigung populärer Schriftauslegung hinzutritt, dafs Auslegungen
, welche von verfchiedenen Vorausfetzungen
ausgehen, im fogenannten erbaulichen Sinne zugleich
verwerthet werden follen. Wird z. B. Ebr. II, 1 die Erklärung
vom Glauben nach dem Wortfinne als ,das Fundament
des gehofften' gedeutet, fo kann man doch nicht
behaupten, dafs Luther dasfelbe habe fagen wollen mit
dem Ausdruck ,gewiffe Zuverficht', fondern imoaxaaic, hat
eben die beiden Bedeutungen, dafs es 1. das Fundament,
2. ein folches bezeichnen kann, welches ein Fundament
hat, hier näher das feftgegründete Vertrauen. Wenn
auch hfioloyla vorkommt in der Bedeutung stipulatio,
sponsio, fo hat es doch im Ebräerbrief diefe Bedeutung
nicht, auch nicht 3, I; und jene Notiz dient nur dazu,
den Bibelchriftcn zu verwirren; die fubjective und active
Bedeutung giebt allein den richtigen Sinn, infofern Jefus
als der perfönliche Träger unferes Bekennens bezeichnet
wird. Ebenfowenig förderlich für das Verftändnifs ift die
Mittheilung, dafs nagaßolv Ebr. 11, 19, ,nach gutem
griechifchen Sprachgebrauch kühnes Wagnifs' heifsen
kann! ,Abraham trug in kühnem Wagnifs des Glaubens
(vergl. 1. Mofe 22, 12: nun weifs ich, dafs du Gott fürch-
teft) — feinen Sohn wie einen Preis davon!' Auch die
archäologifchen Notizen über den Liturg 8, 2 können
den Bibellefer nur ftören. Indeffen dürfen wir diefe Bei-
fpiele neben andern auch als Belege dafür anfehen, dafs

der Verf. ernftlich bemüht ift, den Schriftfinn zu erfor-
fchen. Eine wefentliche Erleichterung für den Lefer
würde es gewefen fein, wenn die Abweichungen von der
lutherifchen Ueberfetzung fogleich in dem vorgedruckten
Bibeltexte vermerkt wären. Abgefehen davon, dafs der
Abdruck des Bibeltextes durch zahlreiche Druckfehler
entftellt ift, hätten doch zum minderten diejenigen Veränderungen
in denfelben aufgenommen werden follen,
welche in der revidirten Ausgabe der Canftein'fchen
Bibelanftalt fchon feit 1867 durchgeführt worden find.
Die Auslegung ift dem Verf. da am beften gelungen,
wo er beftrebt ift, das Wort des Heils für das perfönliche
Glaubensleben fruchtbar zu machen, hierbei wird
Rieger zum öftern angeführt. Weniger glücklich er-
fcheint uns die Anwendung auf das kirchliche Leben
und auf die Begebenheiten im Reiche Gottes. Die An-

I fichten des Verf., welcher auf freikirchlichem Standpunkte
unfer Kirchenthum der fchärfften Kritik unterwirft, find
nicht immer klar genug entwickelt. Ift es ihm wirklich

I Ernft, wenn er fchreibt (S. 58): ,Was für Gnadenkräfte

1 find der ganzen Chriftenheit gefchenkt worden, und
doch! fie geht verloren!'? Von den Chriften heifst es
S. 115: ,fie berufen fich auch nicht bei den Regierungen
auf das Recht, von ihnen erhalten werden zu müffen,
betteln auch nicht bei den Landtagen um die dreifsig
Silberlinge, dafür fie bereit find, Jefum zu verrathen'.
Wer Poll fich gegen folche Infinuationen vertheidigen?

1 Die gefchichtlich gewordenen Verhältnifse, welche der
Verf. bei diefen Worten im Auge haben mag, und fein

j eigner Standpunkt gehören auch unter die Antithefen des
Schlufsworts: ,In Chrifto Jefu gilt weder Befchneidung
noch Vorhaut etwas, — weder Konfeffionalismus noch

I Unionismus, weder kirchliche Hierarchie noch kirchlicher
Liberalismus, — fondern eine neue Kreatur'.

Halle aS. A. Wächtler.

Bibliographie

von Dr. Caspar Rene Gregory,
ttcuefte Literatur.

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Wörterbuch der hehr. Sprache, verfafst in Tübingen 1501,
gedruckt in Strafsburg 1504, zur vierten Jubelfeier der
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druck v. M. Rommel in Stuttgart. (X S. gr. 8. 39 pho-
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Ascensio Isaiae actlnopice et latine, cum prolegomenis, ad-
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