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Ausgabe:

1877 Nr. 2

Spalte:

29-30

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Meyer, Ed.

Titel/Untertitel:

Set-Typhon. Eine religionsgeschichtliche Studie 1877

Rezensent:

Diestel, Ludwig

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 2.

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findet und wohl auch auf einer deutfchen Bibliothek ,
fchwerlich finden würde. Die Liturgie felbft, wenn auch 1
die alterthümlichfte unter allen exifbrendcn, und wohl 1
wenig verändert feit dem Quatlioliquos Paul im VI. Jahrhundert
, ift doch nicht alt genug, um als kirchenge-
fchichtliches Document für die erftcn Zeiten zu dienen,
kann insbefondere nicht, wie Abbe Martin glaubt, be-
weifen, dafs die von der römifchen und wie diefe Liturgie
zeigt, auch von der neftorianifchen Kirche fpäter
dem Petrus zugefchriebene Stellung wirklich auch von
demfelben eingenommen wurde. Demfelben Fehlfchlufs l
begegnen wir auch in der letzten Abhandlung: fie fucht
nach einem von der römifchen Tradition unabhängigen
Zeugnifs über die Stellung des Petrus. Weil nun
Aphraates in feiner erften Homilie auf Grund von
Matth. 16, fein Zeitgenoffe Ephraem (f 373) an vielen
Stellen, insbefondere in einer von Martin in einer Parifer |
Hds. aufgefundenen Sammlung von Homilien über das I
Leiden Chrifti, weiter Ifak von Antiochien im VI. Jahrh.,
Philoxenus von Mabug, Jakob von Sarug (451—521) dem I
Petrus die traditionelle Stellung als Apoftelfürft zufchrei-
ben, hat er diefelbe wirklich eingenommen. Martin fieht
nicht, wie in dem langen Zeitraum bis 300 fich die rö- |
mifchc Petrusfage fehr gut auch in der örtlichen Kirche
einbürgern konnte und wie fehr fie das gethan hat, zeigt '
uns jetzt Phillips' Ausgabe der Doctrina Addaci. Martin
hat diefelbe noch nicht benutzt, führt aber S. 8 ihren j
angeblichen Verfaffer Labubna als einen im erften Jahr- j
hundert lebenden Schriftfteller und in einer Note S. 9
Cureton's Ancicnt Dociiments an, in denen Petrus einen
grofsen Platz einnähme, und die, wie man auch über ihre
Authenticität denken möge, jedenfalls fehr alt feien.
Von den Klagen des Schriftchens über die graufame
Behandlung, die der Rationalismus und die Tübinger I
Schule dem Petrus widerfahren laffe, fehen wir natürlich
ganz ab und finden feinen Werth nur in dem gröfsten-
theils aus ungedruckten Handfchriftcn zufammengeftellten
Material. Auf die unter Nr. 7 der Vollftändigkeit halber '
aufgeführte Ueberfetzung der Acten der Räuber-Synode, ,
die Hoffmann fchon im Jahr 1873 den deutfchen Theo-
logen zugänglich gemacht hat, hoffen wir näher eingehen |
zu können, wenn die englifche Ueberfetzung derfelben
zugleich mit dem fyrifchen Original von Revd. S. G. F.
Perry herausgegeben fein wird, während wir die aufGrund
diefer Acten von Abbe Martin verfafste Studie {Le
Pseudo-Synode connu dans IhisUnrt sous le nom de Bri-
gandage d'Ephise Paris 1875) von berufener Hand in |
diefem Blatte angezeigt zu fehen, die angenehme Aus- 1
ficht haben.

London. Dr. E. Neftle.

Meyer, Ed., Set-Typhon. Eine religionsgefchichtliche 1
Studie. Leipzig 1875, Engelmann. (63 S. gr. 8.)
M. 1. 60.

Von rcligionsgefchichtlichcr Seite her kann und muss |
diefe Schrift hier zur Befprechung kommen, da fie einen j
hochwichtigen Gegenftand behandelt. Der Verf. bringt
nämlich eine Reihe von Stellen des Todtenbuches bei,
in denen Set erwähnt wird. Diefe Sammlung ift höchft
dankenswerth; der Abhandlung verbleibt ihr Verdienft, j
auch wenn wir die Schlüffe nicht ganz uns aneignen 1
können, welche er daraus zieht. Die Stelle über Tum j
(S. 12) fcheint dem Verfaffer felbft nicht correct überliefert
zu fein. Daher laffen wir die Deutung ,gelöft 1
wird das Gebundene des Tum von Set', d. h. doch wohl(?) j
,gelöft werden die Bande, mit denen Set den Tum ge-
feffelt hat', als äufserft fraglich auf fich beruhen. Wir
conftatiren aber die doch wohl friedliche ,Nebeneinander-
ftcllung' Beider, die auch vorkommt. Die S. 13 erwähnte
Anficht von Ebers ift doch wohl nicht als fchlechtweg 1
,unhaltbar' zu bezeichnen, da nach dem Zufammenhange

nur die kleine Aenderung Ra ftatt Ofiris nöthig ift. Nach
S. 14 ift nur von einer ,Verhandlung' des Ofiris mit Set
die Rede; fonft tritt ja der Gegenfatz Beider im Todten-
buchc mehr zurück. Denn die Deutung der Feinde auf
,Genoffen des Set' fchreibt der Verf. felbft dem ,Com-
mentar' zu, alfo wohl einer Interpretation aus fpäteren
Anfchauungen. Vielmehr tritt nur der Kampf des Set
mit Horus ftark hervor. Diefer durchfehneidet das Herz
des Set, raubt ihm die Gefchlechtstheilc, während er felbft
ein Auge einbüfst. Dennoch find beide ,Zwillinge' (S. 21),
Söhne der Nut. So gar böfe kann Set nicht fein, wenn
Ifis ihm fo weit beifteht, dafs Horus ihr fogar den Kopf
abreifst, was Thuti wieder ins Grade bringt (S. 28). Sonach
finden wir die Thefe nicht ausreichend begründet:
Set gelte ,als finftere, vernichtende Macht, welche den
Lichtgöttern Verderben und Tod droht und mit der fie
fortwährend zu kämpfen haben' (S. 24). Das .fortwährend'
ift jedenfalls zu ftreichen; die ,Lichtgötter' reduciren fich
auf Horus und Ofiris, die beide ja oft genug als Eins
gedacht werden, und dafür, dafs er Dämon ,der Finfter-
nifs' fei, fehlen vollends alle Beweife; ebenfo dafür, dafs
er (S. 29) als ,Herrfcher alles Böfen und Schrecklichen'
galt. Die eignen Angaben des Buches laffen fich damit
nicht vereinigen, fo die aus dem Kampfe mit Horus fich
ftets ergebende Verformung und Heilung beider, Set's
häufige Identification mit dem allwaltendcn Sonnengottc
Ra, fein Localcultus in Ombos, vollends nun theils die
häufige Zufammenftellung von Horus und Set als der
Hauptgottheiten CS. 31 ff.), theils die hohe Verehrung,
die dem Set von den Rameffiden gezollt wurde. Dafs
man feinen Namen ftets ,mit Scheu' gebraucht, bleibt
für die ältere Zeit unerwiefen, und die Hindeutung darauf,
dafs man auch böfe Dämonen verehrt habe, rechtfertigt
nimmermehr die Prädicate, die ihm ertheilt werden, überhaupt
nicht feine dominirende Stellung. — Die Correctur
der bisherigen Auffaffung des Set (derfelbe habe anfangs
als Einer der Hauptgötter gegolten, fei aber fpäter aus
der erften Göttergruppe verftofsen und als feindliches
abfeheuliches Wefen behandelt worden) wird fich dem
nach wohl darauf befchränken, dafs in der älteren Zeit
weniger Ofiris als Horus jenen Gegenfatz zu ihm bildete,
der aber durchaus polarifch zu faffen ift. Ein folcher
ift ja von Niemandem geleugnet worden; der Verf. fteigert
ihn aber dahin, dafs er meint, Set fei von jeher nur
Princip ,alles Böfen' gewefen. Viele Schlufsfolgerungen
find gar nicht verftändlich ohne Annahme der fehr falfehen
Prämiffe: Die Götter feien von jeher in ganz gute und
in ganz böle gefchieden worden. In der politifchen Auffaffung
des Gottes ftimmt der Verf. in den Hauptfachen
mit den bisherigen Darftellern überein und cbenfowenig
kann er beträchtliche Wandlungen der Gottesgröfse des
Set leugnen. Jener Gegenfatz fällt aber fichtlich in die
Naturfeite und erftreckt fich erft viel fpäter, als Aegypten
feine Oberherrlichkeit über das Ausland verloren hatte,
auf das politifche Gebiet, wie dies auch S. 62 ganz richtig
angegeben wird. Er repräfentirt urfprünglich die fengendc
Glut der Sonne, ift eben deshalb Bruder des Ofiris und
des Horus, kann mit Ra identifch fein und vertritt anfangs
das Südland, erft fpäter ift er Gott von Unterägypten
. Man follte es fich überhaupt klar machen, dafs
im füdlichen Orient jede Mythologie eine empfindliche
Lücke zeigt, welche die Sonne nur als wohlthätige Macht
auffaßt, nicht auch als das Leben vernichtende. Darin
liegt auch der Schlüffel für den uralten bedeutfamen
Cultus des Mondes, als die Quelle des Wohl fei ns und
der Fruchtbarkeit, in Arabien wie in Babylonien. Ja,
es wäre zu fragen, ob nicht die Auffaffung der Sonne
als der höchften wohlthätigen Macht ihren erften Ur-
fprung in den nördlichen Gegenden (am Hindukuh?) zu
fuchen hat.

Tübingen. L. Dieftel.