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Ausgabe:

1877 Nr. 1

Spalte:

473-477

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Barnabae epistula. Integram Graece iterum edidit, veterem interpretationem Latinam

Titel/Untertitel:

commentarium criticum et adnotationes addidit Adolphus Hilgenfeld 1877

Rezensent:

Harnack, Adolf

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473

Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 17-

474

ijueSv xctt dixcctooi'vij riiortcug (<Q%ri, y.ai zslog aydtntj
evtpgoovvq fQyov tv dr/.aLOOvvrjg itaQTvgla. Die Anmerkungen
, mit denen C. den Text begleitet, geben die wich-
tigften Varianten und eine kurze grammatifche und fachliche
Erklärung, bei welcher der Verf. wiederum eine
unverftändliche Gleichgültigkeit gegen die Herbeiziehung
anderer chriftlicher Schriftftücke (mit Ausnahme der
NTlichen) zum Zweck der Erläuterung verräth. Eine
englifche Ueberfetzung des Briefes und forgfam gear-
beitetete Indices zu den Abhandlungen und dem Brief
felbft fchliefsen die Monographie ab.

Leipzig. Ad. Harnack. .

Barnabae epistula. Integram Gracce iterum edidit, veterem
interpretationem Latinam, commentarium criticum et
adnotationes addidit Ad olphus Hilgenfeld. Editio
altera emendata et valde aucta. Lipsiae 1877, T. O.
Weigel. (XXXIX, 128 S. gr. 8.) M. 5. 60.

Diefe neue Ausgabe ift dadurch veranlafst worden,
dafs der Metropolit Bryennius Herrn Prof. Hilgenfeld
den berühmten conftantinop. Codex (ann. 1056)
zugänglich gemacht hat, in welchem neben den Clemensbriefen
fol. 33—51 b der Brief des Barnabas enthalten I
ift. Der Herausgeber hat im Hcrbft 1876 fich an die Ar- j
beit gemacht und mit grofsem Eleifse und umfaffender
Verwerthung der feit 1866 erfchiencnen einfchlagenden At-
beiten aufs neue den Barnabasbrief uns vorgelegt. Ref.
mufs darauf verzichten, die Verdienftc des Verfaffers in
Bearbeitung der Prolegomcna und des Commentars hier
hervorzuheben und die E'ortfchritte über die Leiftungen
der Vorgänger hinaus zu markircn; andere mögen darüber
urtheilen, wie weit die Annahmen des Verf.'s über die
Gefchichte des Barnabasbriefes in der Kirche, die Quellen
desfelben, die Zeitlage u. f. w. gefichert zu nennen find.
Es wird die Lefer diefer Zcitfchrift vor allem interefliren,
zu erfahren, welche Bedeutung der neuen Barnabashand-
fchrift für den Text zukommt und in welcher Weife H.
fie verwerthet hat. — Hier erhebt fich fofort die Frage,
in welcher Geftalt hat H. Kenntnifs von der Handfchrift
erhalten. Es hat dem Herausgeber nicht gefallen, uns
mehr davon zu berichten, als ,vir egregius mihi vüsit codicis
Iaccuratam collationem, scribens: "Ovain zovtov SQuwutvtog
v.ax ("utpto tov uvirgiünor xai evöaiuwv öiazsltor (fü.wv
not loyuoiaie xal nnütivmart.1 (p. XIII). Alfo keine Ab-
fchrift, fondern eine Collation; wie weit ift Bryennius
in Mittheilung der Varianten gegangen? dafs er nicht
alles vermerkt hat (z. B. nicht das v cpliclc.) erfahren
wir S. XIX; hie und da (z. B. S. 8, 13; 10, 15 etc.)
heifst es in den kritifchen Noten .nihil notavit Br1,
gotticio' etc. Sehr auffallend aber ift es, dafs in den
Noten die eine Hälfte der Varianten von I unter der
Formel IBr (Bryennius"! mitgetheilt wird, die andere mit
einem einfachen I; nicht ganz feiten ift auch das Br von
I durch einen Codex, z. B. den Lateiner, getrennt; alfo
I L Br. Dürfen wir daraus fchliefsen, dafs Br. neben feiner
Collation auch eine Textrecenfion an den Herausgeber
gefendet hat? Man hat das anzunehmen, da fonft nur
Recenforen neben den Codd. aufgeführt werden. Wie
erklären fich aber die Fälle, wo H. eine LA im Text
bringt, die in den früheren Codd., foweit bekannt, nicht
bezeugt ift, ohne dabei etwas zu vermerken. S. 6, 21
lieft man ztä y-vqtui im Text, der Sinait. bietet zqi iredt;
lieft I wirklich jenes? Ebenfo fleht es mit dem i>u&g j
S. 3, 3; Sin. bietet huäg und Hg. hat nichts bemerkt, j
So erheben fich manche Fragen, die man gern beantwortet
fähe. Dazu kommt, dafs es H. den Kritikern
ungebührlich erfchwert hat, eine Vorftcllung von der Be-
fehaffenheit des Textes in I zu gewinnen. Denn erftlich
fehlen in den Prolegomenen zufammenfaffende Darftellungen
der Eigenthümlichkeiten von I gänzlich —
was geboten wird, ift ganz dürftig —, fodann ift der

kritifche Apparat durch Anführung der verfchiedenen
Recenfionen der wichtigften Herausgeber mitten unter
den Codd. fo überladen und dermafsen angefchwollen,
dafs man eine unverhältnifsmäfsig grofse Zeit aufwenden
mufs, um nur feftzuftcllen, was in I fteht. Man hätte doch
von diefer erften Ausgabe erwarten dürfen, dafs fie den
Lefern das Gefchäft der Beurtheilung des Ertrages der
neuen Handfchrift möglichft erleichtere. Wie viele unter
uns haben denn Luft und Zeit, 40 Stunden aus allen
möglichen Siglen das intereffante I herauszuklauben und
fich den Apparat in brauchbarer Geftalt erft zu formiren?
— doch wir muffen für das Gebotene dankbar fein. ■ Im
Intereffe des Herausgebers felbft aber hätte es gelegen,
fein Urtheil, der neue Codex fei der werthvollfte
Zeuge unter allen uns erhaltenen, wirklich zu begründen
. Das ift in den Prolegomenen nicht gefchehen.
Ref. ift mit einem fehr günftigen Vorurtheil an die
Beurtheilung des Cod. I gegangen und jenes Bekennt-
nifs H.'s hatte dasfelbe beftärkt; allein von Schritt zu
Schritt fah er fich von der neuen Handfchrift enttäufcht,
und nach forgfältiger Erwägung giebt er mit voller Zuverficht
auf allgemeine Anerkennung diefes Refultates
fein Urtheil dahin ab, dafs I weit unter S (Sinaiticus)
fteht, dafs SI aber als näher zufammengehörend
GL (Vulgärtext u. Lateiner) meiftens übertrifft, dafs
weiter in den meiften Fällen SG refpect. SL vor
IL refpect. IG den Vorzug verdient und dafs
felbft IG gegen S nicht immer ficher ift. In diefen
Sätzen ift ausgefprochen, dafs der directe Werth von
I ein geringer ift, und dafs fomit der nach richtigen Prin-
eipien bisher ohne I auf Grund von S(G) recenfirte Text
durch I zwar höchft willkommene Beftätigungen, aber
verhältnifsmäfsig fehr geringe Veränderungen erleidet.
Hieraus folgt, dafs der von H. recenfirte Text, welcher
auf I wefentlich bafirt, in der Verwerthung der übrigen
Zeugen aber fichere Grundfätze nicht erkennen läfst, eingreifender
Correcturen bedarf, um für den gefichertften
zu gelten. Nur ein kleiner Bruchthcil von den etwa 260
Differenzen zwifchen der neuen H.'fchen Recenfion und
der Gcbhardt'fchen wird zu Gunften von I beftehen
können. H. ift in dcnfelben Fehler verfallen wie bei der
Recenfion feines Clemenstextes. In beiden Fällen hat
er Cod. I überfchätzt, was jetzt in Bezug auf die Clemensbriefe
durch den fyr. Codex völlig klar geworden ift.
Wir fehen die Bedeutung von I hauptfächlich darin,
dafs er vor Ueberfchätzung Von Cod. G warnt. Ref. ift
hier nicht in der Lage, diefe Urtheile für den ganzen
Umfang des Briefes zu begründen. Aber er möchte
wenigftens das Verhältnifs von I und S an den 5 erften
Capp. des Briefes beleuchten, für welche bekanntlich G
fehlt (5,7 fetzt G. ein). Eine genaue Betrachtung des
Textbeftandes in I lehrt, dafs derfelbe mit dem
Texte der Clemensbriefe in demfelben Codex
fehrhervorftcchendeEigenthümlichkeitent heilt.
Wir haben es in beiden Fällen zwar nicht mit einem
raffinirt entftellten, aber nach den gleichen Grundfätzen
forgfam polirten, fonft trefflich überlieferten Texte zu
thun. Dies läfst fich in befonders frappanter Weife

1) an der Vertaufchung der Pronomina (1. und 2. Perf.),

2) ander zweckmäfsigeren Anordnung der Partikeln, 3) an
den Correcturen in Bezug auf Tempus und Modus, 4) an
der Wortftellung, 5) an der'Ausfeilung der Citate nach
den LXX und 6) an einer Reihe einzelner grammatifcher
oder lexikalifcher Erleichterungen erweifen.*)

Sieht man von allen Schreibfehlern und Itacismen
in S, fowie von allen unbedeutenden Differenzen zwifchen
I und S wie Miuwitrpog Inuro&rjzrj (3,10), äyufrcoovvrjg
txya&oavvrjs (6,19), nvöe säv ovo" av (7,7) und ähnlichen
ab (in folchen Fällen ift auch die LA in I nicht immer
bekannt), fo tritt zunächft in c. 1—5,7 eine Gruppe von
etwa 39 LA in I entgegen, bei welchen I entfehieden

*) Ref. citirt nach den Seiten der H.'fchen Ausgabe.