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Ausgabe:

1877 Nr. 16

Spalte:

453-459

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schweizer, Alex.

Titel/Untertitel:

Pastoraltheorie oder die Lehre von der Seelsorge des evangelischen Pfarrers 1877

Rezensent:

Baur, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 16.

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Emporgangs erhellend und in das Herz einen milden
Schimmer der Verformung ausgiefsend' — eine zu ideali-
ftifche Betrachtungsweife. Nur als eine Wirklichkeit,
deren der Menfch fich völlig bewufst wird, die erlöfend
und zugleich zum Aufbau einer höheren Welt befähigend
und deren Vollendung verbürgend der Wirklichkeit des
Uebels und desBöfen entgegentritt, vermag die Religion
einen vollkommenen Optimismus zu rechtfertigen. Und
nur auf diefem Wege, der durch das Sittliche zum Reli-
giöfen emporführt, ift eine Löfung der Frage in befriedigendem
Mafs möglich. In den Niederungen blofs eudä-
moniftifcher Weltbetrachtung mag man mit dem Gegner
über einzelnes rechten, im Ganzen bleibt der Streit ohne
Abfchlufs. Den Optimiften, wie den l'effimiften bleibt
ein unaufgelöfter Reft, und es ift oft Sache des Zufalls
oder individueller Stimmung, wohin zuletzt das Zünglein
lieh neigt. Daher auch die relative Gleichgültigkeit gegenüber
der vor Kurzem fo eifrig bewegten F"rage; und es
ift gewifs das Richtige, ftatt jener Uebcrfchätzung des
Eudämoniftifchen, lieh den rnetaphyfifchcn und ethifchen
Hauptfragen zuzuwenden, mit deren Löfung uns alles
andere zufällt. Dafs dies wohl angedeutet, aber nicht
entfehieden genug hervorgehoben, dafs überhaupt das
Refultat der Unterfuchung nicht präcifirt wird, dürfte an
der fonft fehr anregenden und lefenswerthen Schrift zu
vermiffen fein.

Leipzig. Härtung.

Schweizer, Prof. Dr. Alex., Pastoraltheorie oder die
Lehre von der Seelforge des evangelifchen Pfarrers.
Leipzig 1875, Hirzel. (XVI, 292 S. gr. 8.) M. 5. —

Die Anzeige diefes Werkes hat länger auf fich warten
laffen, als es bei der wiffenfehaftlichen Bedeutung
feines Verfaffers eigentlich erlaubt ift. Der Grund der
Säumnifs aber liegt nicht allein in mancherlei äufserer
Behinderung des Referenten, fondern auch darin, dafs
ihm fchwer geworden ift, in die Gefammtanlage des
Buches fich zu finden. Einem Schriftfteller wie Schweizer
gegenüber, von dem man fchon fo Manches gelernt
hat, immer gerne lernt und aus jeder neuen Schrift
Neues zu lernen hofft, hütet man fich, eine abweichende
Anficht, die fich bei der erften Leetüre herausftellt, gleich
zu einer verwerfenden Kritik werden zu laffen. Man
fucht den Fehler lieber in fich felbft, fucht weiter in
den Gedankengang des Verfaffers einzudringen und hofft,
dafs fo was anfänglich zur Mifsbilligung werden wollte,
fchliefslich als ein Mifsverftändnifs fich herausftelle. Erft
wenn diefe Hoffnung fich nicht erfüllt, wird man fich
zu dem Urtheile für berechtigt halten, dafs in dem Buche
des verehrten Mannes etwas nicht in der Ordnung fein
müffe. Ref. gefleht, dafs er, was die Gefammtanlage
des vorliegenden angeht, auf dem angedeuteten Wege
forgfältigfter Prüfung doch endlich bei diefem Standpunkte
angekommen ift.

Schweizer felbft hat fchon 1836 in feiner akademi-
fchen Antrittsrede über Begriff und Eintheilung der
praktifchen Theologie, dann zwei Jahre fpäter in einer
Abhandlung in den Theol. Studien und Kritiken und
endlich in der ausführlichen Einleitung zu feiner 1848
erfchienenen Homiletik fein Programm für ein das Ge-
fammtgebiet der praktifchen Theologie umfaffendes
Syftem mit anerkennenswerthefter Klarheit und Bcftimmt-
heit aufgeftellt. Nachdem er nun in feiner Homiletik
die Bearbeitung einer der von diefem Syftem umfafsten
befonderen Disciplinen gegeben hatte, durfte man erwarten,
dafs er in diefer ,Paftoraltheorie oder Lehre von der
Seelforge des evangelifchen Pfarrers' eine zweite dar-
geftellt habe, und zwar fo rund und fauber, wie in jenem
Programm ,die Abgrenzung eines befonderen paftoralen
Gebietes aus der Gliederung der ganzen praktifchen
Theologie abgeleitet war' (js 4)- Auch fcheint diefe Er*

wartung von dem Verf. felbft beftätigt zu werden. Der
I 5. § der Einleitung fagt auch hier: ,1m Kirchendienfte
i bildet das Paftorale ein eigenes Gebiet, in dem es fich
vom Katechetifchen, Homiletifchen und Liturgifchen 1111-
terfcheidet' und der 8. definirt mit aller wünfehenswer-
then Beftimmtheit: ,Die Paftoraltheorie ift alfo die Theorie
der pfarramtlichen Seelforge oder der geiftlichen Ein-
wirkung auf die aufser dem Cultus zerftreut gegebenen
Glieder und Gruppen der Gemeinde'. Und eine Paftoraltheorie
, welche an die Ausführung diefes ihres be-
ftimmten Begriffes fich gehalten hätte, würde darum nicht
in einfeitiger Befchränktheit die lebendige Fühlung mit
den übrigen theologifchen Disciplinen haben verlieren
müffen. Denn es ift ja fo, wie der Verf. $ 10 fagt: ,Die
Paftoraltheorie tritt, je klarer fie von den andern Disciplinen
der praktifchen Theologie unterfchieden wird,
defto heilfamer mit ihnen in Wechfelwirkung'. Aber
neben diefen Sätzen, welche fo deutlich den geraden
Weg zeigen, welcher zur Darftellung einer wohlabgegrenzten
wirklichen Theorie der Seelforge hinführt, flehen
leider andere, welche den Lefer verwirren und irritiren,
weil er fie mit jenen beim bellen Willen nicht zu
reimen vermag, und welche den Verf. verleitet haben, die
von ihm felbft gezogene Grenze des eigentlich feelfor-
gerlichen Gebietes zu durchbrechen und allerlei fremdartige
Elemente in es einzuführen.

Gleich der 1. tS enthält den bedenklichen Satz:
,Neben den beftimmten Verrichtungen des Pfarramtes,
welche in befonderen Zweigen der praktifchen Theologie
gelehrt werden, hat fich ein unbeftimmteres Ergänzungsgebiet
geltend gemacht, das im feelforgerlichen Wirken
feinen Mittelpunkt findet und als das paftorale im engeren
Sinn bezeichnet wird'; Die Sache liegt vielmehr, wie es uns
fcheint, fo, dafs man früher, und eigentlich bis die grundlegenden
Sätze aus Schleiermacher's Kurzer Darftellung
des theologifchen Studiums zwanzig Jahre nach ihrer
erften Veröffentlichung (1811) fich in der Behandlung der
praktifchen Theologie Geltung zu verfchaffen anfingen,
das gefammte Gebiet diefer Wiffenfchaft unter dem Namen
der Paftoraltheologie zufammenfafste, weil man eben
nichts geben wollte als eine Anweifung zur richtigen
Ausführung der verfchiedenen FFunctionen, welche das
geiftliche Amt erfahrungsmäfsig von dem Paftor fordert.
Seitdem man dagegen erkannt hat, dafs die praktifche
Theologie nicht blofs Verhaltungsmafsregeln für das
geiftliche Amt in feinem factifchen Beftande zu geben hat,
fondern eine aus dem Begriff und Wefen der Kirche geborene
Lehre von der ,Sclbflorganifirung der Kirche' und
des kirchlichen Handelns, feitdem hat fich aus diefem
beftimmter gefafsten Begriff der praktifchen Theologie
mit wiffenfchaftlicherNothwendigkeit auch jene beftimmte
j Gliederung ihrer einzelnen Disciplinen ergeben, wie fie
beifpielsweife Schweizer felbft in der Einleitung zu feiner
Homiletik dargeftellt hat, in die Theorie des Kirchenregimentes
und des Kirchendienftes und diefer letzteren
in Homiletik, Liturgik, Theorie der Seelforge und Ha-
lieutik. Innerhalb diefer Disciplinen kann nün allerdings
die praktifche Theologie nicht alles fagen, was fie zu
fagen hat. Das kirchliche Handeln, welches ihren Gegen-
fland bildet, foll einerfeits auf das wirkliche Leben einwirken
. Es ift daher durch die nach Zeit und Art wech-
felnde Geftaltung diefes Lebens, durch die jedesmaligen,
j ihm förderlichen oder hinderlichen Strömungen im Gebiete
des kirchlichen, des ftaatlichen, des wiffenfehaftlichen
und künftlerifchen, des induftriellen und focialen
Lebens bedingt. Die praktifche Theologie wird fich
nicht davon dispenfiren können, auf diefe Zeichen der
Zeit und auf die objectiv gegebenen Vorausfetzungen für
das kirchliche Handeln einzugehen. Andererfeits ift
das kirchliche Handeln eine Kunft in jenem weiteren
Sinne, in welchem Schleiermacher (Kurze Darftellung
I S 132) fie fo treffend definirt hat als eine .zufammenge-
I fetzte Hervorbringung, wobei wir uns allgemeiner Regeln