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Ausgabe:

1877 Nr. 16

Spalte:

452-453

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Huber, Johs.

Titel/Untertitel:

Der Pessimismus 1877

Rezensent:

Hartung, Bruno

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Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 16.

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Buche, das in gegenwärtiger Zeit die höchfte Beachtung
verdient, mitzutheilen. Dem Verf. ift die Rechtfertigung
feiner erften Schrift, foweit wir es zu beurtheilen
vermögen, jedenfalls vollftändig gelungen und zwar in
glänzender, für feine Gegner tief befchämender Weife.
Kelle hat die Jefuiten mit den Zeugnifsen ihrer eigenen
Oberen gefchlagen.

Sollte eine zweite Auflage der trefflichen Verteidigung
, die auch in v. Sybel's hiftorifcher Zeitfchrift veröffentlicht
ift, erfcheinen, fo möchten wir zur Erleichterung
für den Lefer eine Eintheilung in beftimmte Ab-
fchnitte fehr wünfehen.

Crefeld. F. R. Kay.

Lernt Rom kennen! Ein Mahnruf an das Deutfche Volk
von einem Deutfchen. 2. Aufl., vermehrt um einen
Nachtrag über den Culturkampf etc. Gotha 1877,
F. A. Perthes. (VII, 115 S. gr. 8.) M. 1. —

Der Verf. diefer jetzt in 2. Auflage erfcheinenden
Schrift begründet feinen Weckruf in 7 Capiteln unter
folgenden Ueberfchriften: I, was die alten Deutfchen
für die chriftlicheKirche geworden find und gethan haben;

II, wie den Deutfchen durch Rom vergolten worden ift;

III, was Rom aus der chriftlichen Kirche gemacht hat;

IV, wie von den Deutfchen die Wiederherftellung der
Kirche ausgegangen ift; V, wie wenig Rom die Wiederherftellung
der chriftlichen Kirche gewollt hat und felbft
immer 'tiefer gefunken ift; VI, wie Rom ganz herabgekommen
ift; VII, wie das wiederhergeftellte Rom fleh
aufs Neue emporfchwingen will. ,Rom' nimmt er als
gleichbedeutend mit ,Papftthum, Romanismus, römifche
Hierarchie, Ultramontanismus'. Nun ift es ja richtig, dafs
jener Weckruf gerade heutzutage ein fehr nothwendiger,
befonders ein uns Deutfchen nöthiger ift. Man mufs dringend
wünfehen, dafs Proteftanten wie Katholiken zur
rechten Erkenntnifs deffen kommen, was es um Rom
ift, und was dasfelbe uns droht. Aber um wirklich einzudringen
und in der Ueberzeugung zu haften, mufs
folcher Ruf gut begründet werden. Und daran fehlt
es hier fehr. Der Verf. ift ein wohlmeinender Mann,
dem es Ernft ift um Kirche und Vaterland. Das ift anzuerkennen
; man merkt es überall. Aber dem Gegenstände
, den zu behandeln er fleh vorgenommen, ift er
nicht gewachfen, nicht als Theologe und nicht als Ge-
fchichtskenner. Die befte Sache wird aber verdorben,
wenn man fle fchlecht behandelt; und das gefchieht,
wenn man fleh durch gefchichtliche Schnitzer fo zahlreiche
Blöfsen giebt, wie hier der Fall ift. An fleh ganz
redlicher Eifer erfcheint dann dem Gegner, ja felbft dem
unparteiifchen Lefer als blinder Fanatismus. — Wenn
man von dem Verderben reden will, das durch Rom
über die Kirche gebracht ift, fo hat man doch zuerft
und vor Allem von der völligen Entftellung der Heilslehre
zu reden. Das gefchieht aber von dem Verf. nur
nebenbei und auch da höchft ungenügend. Sodann verleitet
ihn fein Patriotismus dazu, den Unterfchied von
,Germanismus' und ,Romanismus' in ungehöriger Weife
geltend zu machen. Nach ihm ift die Reformation aus
dem Germanismus hervorgegangen, ,das gröfste Werk
des deutfchen Geiftes'. Ja, feine Darlegung ift ganz
darnach angethan, die Vorftellung zu wecken, als ob
das Chriftenthum den Deutfchen mehr verdanke, als
die Deutfchen dem Chriftenthum. Das ift ein falfcher
Patriotismus, deffen ein Chrift fleh erwehren follte. —
Kurz, das ganze Büchlein ift in feiner Ausführung ein
verfehltes, fo dafs man eben um des guten Zweckes
willen, den es verfolgt, lieber wünfehen möchte, es wäre
nicht gefchirieben worden.

Erlangen. G. Plitt.

1 Huber, Johs., Der Pessimismus. München 1876, Th.
Ackermann. (119 S. gr. 8.) M. 2.—

Seit Jahren find wir gewohnt, in den die Zeit bewegenden
philofophifchen Fragen das Urtheil des rühmlich
bekannten Verfaffers zu vernehmen und in dem Felben
dieSprache eines auf eingehende philofophifche und
gefchichtliche Studien gegründeten Idealismus, auch
für weitere Kreife verftändlich. Schon in ,der religiöfen
FVage' einer der erften, welche gegen Hartmann auftraten
, giebt er hier eine Darftellung und Kritik der zuletzt
von diefem vertretenen peffimiftifchen Lebensauf-
faffung, d. h. ,einer Werthfehätzung des Dafeins, die in
den Worten Mephifto's, dafs alles, was entftehe, des Untergangs
werth fei, und darum beffer nichts entftände,
kurz und bündig ausgefprochen ift'. Zweierlei tritt
zunächft in' der gefchichtlichen Darftellung, welche die
beiden erften Drittel der Schrift umfafst, gegenüber
anderen derartigen Zufammenftellungen vortheilhaft hervor
. Einmal werden Ausfprüche, welche aus einer augen-
' blicklichen, individuellen Stimmung hervorgegangen find,
! nicht fofort als Zeugnifse einer principiell peffimiflifchen
Lebensanfchauung betrachtet — wodurch fleh allerdings
der von Schopenhauer z. B. für feine Gedanken angeführte
Chorus ein wenig reducirt; anderfeits werden pefflmiftifche
Anklänge oder Entwickelungsphafen auch bei anderen,
als den Hauptwortführern, bei Dichtern und Philofophen
nachgewiefen. Intereflant ift, was aus einer wenig bekannten
Schrift Schelling's (die Nachtwachen von Bonaventura
, Penig 1805) angeführt wird (S. 46 ff.), und
treffend, was über das Verhältnifs zu Pantheismus und Materialismus
gefagt ift (S. 90 ff.). — Der erfte Theil der
Schrift fchliefst mit dem Hinweis, wie bei völliger Einficht
in das Nichtige phyfifchen Glücks und bei relativer
Werthfehätzung des Idealen gerade in dem Pefflmismus
Hartmann's und feiner Anhänger ,die Perfpective auf
das Afyl eines Höheren , des ethifchen Optimismus gegeben
fei', wie Pfleiderer fagt. So befonders A. Taubert
,der Peffimismus und feine Gegner'. (Lflefe geilt -
voll gefchriebene Schrift foll, wie anderwärts behauptet
wird, von der Gattin Hartmann's herrühren, ein eigen-
thümlicher Beweis, wie auch der Pefflmift fleh nicht un-
geftraft der ,Illuflon' hingeben darf, ohne darin wider
Willen eine optimiftifche Färbung anzunehmen.) Der
letzte Abfchnitt unterzieht zunächft die von den Gegnern
gezogene Bilanz zwifchen Luft und Unluft der Kritik
(S. 94 ff.). Sein wahres Glück finde jedoch der Menfch
gar nicht in äufserer Luft; fendern auf ethifchen Grundlagen
, deren Verkennung mit Recht als der Hauptfehler
des modernen Peffimismus bezeichnet wird, erbaue er
fleh über der Noth des Lebens und von ihr bedingt,
feine Culturwelt und -in diefer finde er eine pofltive Befriedigung
, die nicht nur dem künftlerifch und wiffen-
fchaftlich gebildeten, fondern jedem fittlich gerichteten
Gemüth erreichbar ift (S. 107 ff.).

,Dennoch', fagt Verf. felbft, ,ware es Blindheit zu behaupten
, der Optimismus finde feine vollftändige Bewährung
in der uns zugänglichen Flrfahrung'. Und, werden
wir hinzufügen müffen, gerade der ethifchen Betrachtungsweife
ergeben fleh noch empfindlichere Diffonanzen,
des fittlichen Ideals und der ihm nirgends völlig ent-
fprechenden Wirklichkeit. Stehen wir da nicht an der
Schwelle eines neuen, des ethifchen Peffimismus? Ift
er nicht jene ergreifende, hoch über dem modernen Peffimismus
flehende Weltanschauung, die fich bei den Tragikern
, wohl auch bei Byron oder Shakefpeare findet? Gewifs,
auch diefer ftrebt über fich hinaus. Die flttliche Betrachtungsweife
müfste fich felbft verleugnen, wollte fle nicht
eine Löfung des Zwiefpalts fordernd dem Optimismus
zuftreben. Da genügt es jedoch nicht, ,dafs aus tiefftem
Befinnen das Licht der Religion emporfteige, auf einen
ewigen geiftigen Grund des Univerfums hinweifend, die
Kämpfe und Leiden des Lebens als Bedingungen feines