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Ausgabe:

1877 Nr. 16

Spalte:

448-449

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Meuss, Ed.

Titel/Untertitel:

Leben und Frucht des evangelischen Pfarrhauses vornehmlich in Deutschland 1877

Rezensent:

Nasemann, Otto

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Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 16.

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Dank aufzunehmen haben. — Die frühere Reichsftadt
Memmingen hat das Glück gehabt, dafs fchon feit längerer
Zeit ihre Gefchichte im Reformationsjahrhundert
von tüchtigen Gelehrten erforfcht und dargeftellt ward.
Was die beiden Schelhorn's, Vater und Sohn, im
vorigen Jahrhundert hierin geleiftet haben, ift allgemeiner
bekannt. Ihren Spuren folgte zu Anfang unferes Jahrhunderts
Unold, und in neuefter Zeit ward die For-
fchung wieder aufgenommen von Dr. E. Rohling
in feinem fleifsigen und im Urtheil mafsvollen Buche:
,Die Reichsftadt Memmingen in der Zeit der evangeli-
fchen Volksbewegung. München 1864'. Aber er konnte
für den erften Theil feiner Arbeit nicht alle Quellen
benutzen; vor Allem fchienen damals die Rathsproto-
colle bis zum September 1524 verloren zu fein; und
dann hat er feine Darfteilung nur fortgeführt bis zur
Befetzung Memmingens durch die Truppen des fchwä-
bifchen Bundes im Juli 1525. Da blieb alfo immer noch
manches zu thun. Der Auffatz des Dr. Schleweck in
den Hiftorifch-politifchen Blättern für das katholifche
Deutfchland, 1869 Bd. II über die Reformation in Memmingen
leiftet dafür nichts. Sachlich faft ganz auf Rohling
beruhend, ift er eine Tendenzarbeit geworden, wis-
fenfchaftlich durchaus werthlos. Die Schrift des Dr.
Baumann: ,Die oberfchwäbifchen Bauern im März 1525
und die 12 Artikel. Kempten 1871', ift eine tüchtige
Arbeit, wenn auch der Verf. in feinen Vermuthungen
etwas weit geht und im Urtheil über kirchliche Fragen
mitunter irrt; aber fie behandelt doch nur einen einzel-'
ncn Gegenftand und hält fich auch innerhalb des fchon
von Rohling bearbeiteten Gebietes. So war es ein gerechtfertigtes
Unternehmen, dafs Bibliothekar Dobel
das von Rohling unvollendet Gelaffene zu ergänzen und
fortzufetzen befchlofs, als ihm neue Quellen zugänglich
wurden. Die früheren Bände der Rathsprotocolle haben
fich nämlich wieder gefunden und auch aufserdem iit ja
in neuefter Zeit manches Quellenmaterial eröffnet worden
. — Als eine Ergänzung der Schrift Rohling's bezeichnet
der Verf. felbft die vorliegende erfte Lieferung
feiner Arbeit, die auch bis zu jener Befetzung Memmingens
führt. Und es ift eine recht dankenswerthe Ergänzung
. Befonders zur richtigen Beurtheilung des Memminger
Reformators, Chriftoph Schappeler, der auch von
Rohling nicht genügend behandelt ift, bringt Dobel fehr
erwünfchte Beiträge aus vorreformatorifcher Zeit. Auch
was er über den Beftand der Geiftlichkeit in der Stadt,
deren mittelalterliches Bild ein beigefügter Plan in
Steindruck veranfchaulicht, fagt, ift beachtenswerth.
Darnach hatte Memmingen, deffen Bevölkerung Rohling
für jene Zeit auf gegen 8000 Seelen veranfchlagt, bei
Beginn der Reformation 48 Geiftliche, 22 Mönche und
53 Nonnen! — Mit Recht behauptet Dobel gegen Rohling
, dafs Chriftoph Gerung, von dem noch einige Flug-
fchriften vorhanden find, Prediger in Memmingen war,
S. 35 f. — In der bekannten Frage nach dem Verfaffer
der 12 Artikel der Bauernfchaft entfcheidet er fich mit
Baumann dahin, dafs Schappeler diefelben abgefafst
habe, S. 70 ff.; dagegen erweift er mit gutem Fug die Behauptung
, Schappeler habe auch ein ,Buch von der evan-
geÜfchen Freiheit' gefchrieben, als eine unbegründete zurück
, S. 74. Und wenn man es feitens römifcher Schrift-
fteller Schappeler hat als eine Charakterfchwäche aufbürden
wollen, dafs er vor der rohen Gewalthätigkeit des
fchwäbifchen Bundes entwich, fo erweift Dobel aus dem
vorhandenen Quellenmaterial, dafs Schappeler, wenn anders
er nicht unfinnig handeln wollte, gar nichts anderes
thun konnte als fliehen, und dafs wenigftens dies feinem
Charakter nicht den minderten Makel anhängt. — So wird
in der That unfere Kenntnifs der Memminger Reformation
durch die vorliegende Arbeit berichtigt und bereichert
und man fühlt fich fehr veranlafst zu dem
Wunfche, es möge dem Verf. durch die Theilnahme des
Publicums ermöglicht werden, der erften Lieferung, wie

er vor hat, noch weitere folgen zu laffen. In ihnen be-
abfichtigt er zu behandeln: ,das Reformationswerk zu
Memmingen unter dem Drucke des fchwäbifchen Bundes
1525 —1529, Hans Ehinger als Abgeordneter der Stadt
Memmingen auf den Reichstagen zu Speier und Augsburg
1529 und 1530, und Memmingen als Mitglied des
fchmalkaldifchen Bundes 1531 —1546', alfo gerade die von
Rohling noch nicht bearbeitete Zeit.

Erlangen. G. Plitt.

Meuss, Confift.-R. Prof. Dr. Ed., Leben und Frucht des
evangelischen Pfarrhauses vornehmlich in Deutfchland.
Bielefeld 1877, Velhagen & Klafing. (VII, 158 S. 8.)
M. 2.—

Referent hatte eben in den ,Deutfch-Evangelifchen
Blättern von Beyfchlag und Wolters' I, 6 den Wunfeh
ausgefprochen, dafs von befugter Feder eine Gefchichte
des evangelifchen Pfarrhaufes gegeben werden möchte,
als ihm das obenftehende Buch zur Hand kam. Er hat
das Erfcheinen desfelben rrjit Freuden begrüfst.

Wenn alfo der Verf. in der Vorrede wünfeht, dafs
fein Buch geneigte, fei es auch kritifche Lefer finde, fo
trifft das Erftere bei uns ficher zu. Verf. theilt feinen
Stoff in zwei gröfsere Hälften, deren erftere das Leben
des evangel. Pfarrhaufes in feinem zeitlichen Verlaufe,
in feinen prtlichen Verfchiedenheiten, in feiner durch-
fchnittlichen Eigenart umfafst, während die zweite über
die Frucht desfelben, fowohl in allgemeiner Beziehung
als infonderheit an den Nachkommen handelt. Damit
Rheinen fo ziemlich alle Seiten des Gegenftandes er-
fchöpft zu fein.

Als kritifcher Lefer möchte Ref. bemerken, dafs
der Ausdruck des Titels ,Frucht' nicht glücklich gewählt
erfcheint. PVrner bedauert er, dafs das 18. und 19. Jahrhundert
zu ftiefmütterlich behandelt find. Das Buch will
nicht nur eine culturhiftorifche Skizze fein, fondern auch
ein r urwort für das evangelifche Pfarrhaus bei den Zeit-
genoffen einlegen. Kam es dann nicht vornehmlich
darauf an, dafs die Zeiten in ein helleres Licht geftellt
wurden, welche mit den jetzigen noch greifbare Zufam-
menhänge haben: Dabei ift freilich zuzugeben, dafs
bei dem Reichthum des Materials, welches aufserdem
auf den verfchiedenften Gebieten zufammengefucht werden
mufste, die Aufgabe eine recht mühfame geworden
wäre. — Der Verf. ift durch fein Intereffe für das 16. und
17. Jahrhundert noch auf eine andere Klippe gerathen;
es giebt feiner Darftellung etwas Schiefes, dafs der Cöli-
bat der Pfarrersfamilie zu oft gegenübergeftellt wird, wie
wenn die Berechtigung der Geiftlichen zur Ehe an der
Praxis der katholifchen Kirche gemeffen werden follte.

Der Pietismus bringt in die ganze Stellung der pro-
teftantifchen Geiftlichkeit eine kritifche Wendung. Vielleicht
hätte dies noch mehr, als es gefchieht, hervorgehoben
werden können. Wie fein Einflufs nach vielen
Seiten ein ausgleichender zwifchen den Ständen undGe-
fchlechtern geworden ift, fo hat andererfeits für die ge-
fellfchaftliche Stellung der PYau doch auch der Vorgang
der franzöfifchen Sitte eingewirkt. Es war ferner nicht
aufser Acht zu laffen, dafs die praktifche Richtung des
Pietismus zufammcnfällt mit dem Auffchwung, welchen
die Naturwiffenfchaften zu gleicher Zeit nahmen. Endlich
ift es nicht unwichtig, dafs erft durch ihn den evangelifchen
Geiftlichen die Rückfichtnahme auf die aufser-
deutfehen Literaturen nahe gelegt ift.

Vortrefflich ift der Schlufs des erften Theils, pag. 52
ff. Nur hätten wir gewünfeht, dafs das, was über die
Bildung, die das evangelifche Pfarrhaus repräfentirt, über
das Stillleben, welches es führt, gefagt wird, in breiterer
Darlegung ausgeführt wäre. Der Herr Verf. hat fich begnügt
, überall die Gefichtspunkte anzugeben, auf welche
es ankommt, und auf die Quellen hinzuweifen, aus denen