Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1877 Nr. 15

Spalte:

415-417

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cahn, Mich.

Titel/Untertitel:

Pirke Aboth sprachlich und fachlich erläutert nebst Angabe der Variae Lectiones nach gedruckten und ungedruckten Quellen. Erster Perek 1877

Rezensent:

Schürer, Emil

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

415

Theologifche Literaturzeitung. 1877. Nr. 15.

416

fetzen; fie konnte hier unberührt bleiben, da der Verf.
im Wefentlichen an der Identität des Begriffes durch
alle altteftamentl. Perioden fefthält. — Vollftändigere
Berückfichtigung des altteftamentl. Materials, welches
hier trotz des beträchtlichen Umfangs der etwas weit-
fchweifigen Unterfuchung längft nicht erfchöpft ift, würde
den Verf. wohl zu Modificationen feiner Aufftellungen
veranlafst haben.

Strafsburg i. E. Wolf Baudiffin.

Cahn, Dr. Mich., Pirke Aboth fprachlich und fachlich erläutert
nebft Angabe der Variae Lectiones nach gedruckten
und ungedruckten Quellen. Erfter Perek.
Berlin 1875, Benzian. (XV, 65 S.'gr. 8.) M. 2.—

Taylor, Charles, M. A., Sayings of the Jewish Fathers,
comprising Pirqe Aboth and Pereq R. Meir in Hebrew
and English, with critical and illustrative notes; and
speeimen pages of the Cambridge University Manu-
script of the Mishnah Jerushajmith', from which the
text of Aboth is taken. Cambridge 1877, University
Press. (145, 56 S. gr. 8.)

Auf dem Gebiete der rabbinifchen Literatur gehören
kritifche Text-Ausgaben noch zu den grofsen Seltenheiten
. In der Regel druckt hier Einer dem Andern
nach, ohne fich auch nur um die altern Drucke zu
kümmern, von Handfchriften ganz zu fchweigen. Erft
feit etwa einem Decennium ift auch hier eine wirkliche
Befferung bemerkbar. In die Reihe der hierauf bezüglichen
Beftrebungen gehören auch die beiden obigen
Ausgaben der Pirke Aboth. Es ift dies derjenige
Tractat der Mifchna, der auch von chriftlichen Theologen
ftets die meifte Aufmerkfamkcit erfahren hat. Man
kann freilich fragen, ob mit Recht. Denn unter allen
Tractaten der Mifchna ift gerade er am wenigften geeignet
, in das Wefen des'talmudifchen Judenthums einzuführen
. Er enthält ja nicht, wie faft alle Tractate des
Talmuds, gefetzliche Beftimmungen und Erörterungen,
fondern lediglich eine Sammlung von Sentenzen meift
ethifchen oder religiöfen Inhalts, etwa nach Art des j
Spruchbuches Jefus Sirachs. Gerade hieraus lernt man
aber das eigentliche Wefen des Judenthums am aller-
wenigften kennen. Infofern er jedoch zeigt, dafs felbft
unter der Laft der gefetzlichen Cafuiftik die ethifchen
und religiöfen Gefichtspunkte doch nicht ganz verloren
gingen, find wir immerhin verpflichtet, auch ihm unfere
Aufmerkfamkeit zu fchenken.

Von der Ausgabe Cahn's liegt bis jetzt nur der
Anfang vor, das erfte Capitel umfallend. Taylor bietet
fogleich das Ganze. Cahn giebt den Text mit Vocalen,
Taylor ohne folche. Beide haben für ihre Ausgaben
eine Reihe von Handfchriften benützt, aber Jeder nur
folche, die dem Andern nicht zugänglich waren, fo dafs
fie fich alfo in wünfehenswerther Weife ergänzen. Cahn
führt S. X—XII im Ganzen heben von ihm benützte
Handfchriften auf: fünf der königl. Bibliothek zu Berlin,
eine im Behtz des Buchhändlers Benzian, und eine von
der königl. Hof- und Staatsbibliothek zu München, deren
Varianten er nach der Ausgabe von Taufsig (1872) giebt.
Taylor hat eilf Handfchriften verglichen: fechs des Bri-
tifchen Mufeums zu London und fünf Cambridger. Beide
fcheinen ihr Material mit grofser Sorgfalt verwerthet zu
haben. Bei der Feftftellung des Textes find fie aber
geradezu nach entgegengefetzten Grundfätzen verfahren.
Cahn giebt nämlich den gedruckten Vulgär-Text und
theilt die handfehriftlichen Varianten nur im Apparat j
unter dem Texte mit. Ich habe bei Vergleichung feines
Textes mit dem Surenhus'fchcn nur 4 Abweichungen
bemerkt I, 2. 4. 5. 12); und in allen diefen Fällen ftimmt
Cahn mit andern neueren Ausgaben überein (ich habe
die bei Lewent in Berlin 1832—34 und die bei Sittenfeld

I in Berlin 1863 erfchienene Ausgabe verglichen). Er hat
! alfo darauf verzichtet, von feinem Apparat für die Feft-
j ftellung des Confonanten-Textes Gebrauch zu machen.
Den umgekehrten Weg hat Taylor eingefchlagen. Er
giebt ausfchliefslich den Text einer Handfchrift, aller-
j dings wie es fcheint einer vorzüglichen (Cambridge University
Additional 470}. Die Abweichungen der anderen
Handfchriften werden nur in den Critical Notes (p. 1—23)
mitgetheilt. Daher finden wir denn im Texte felbft auch
alle Schwankungen in Bezug auf Orthographie und
Grammatik genau fo wiedergegeben, wie fie gerade die
Handfchrift darbietet. Ganz zufällig wechfeln mit einander
on und in, bap (Piel) und bn-p, n-ms und erme, die
Pluralformen auf or und auf y, alles wie es eben in der
Handfchrift fteht. Dafs ein folches Verfahren fehr berechtigt
ift, ja feinen grofsen Werth hat, wird man be-
reitwilligft zugeben. Aber eine wirkliche Text-Ausgabe
haben wir eben damit doch noch nicht, fo wenig,
als etwa mit einem Abdruck des Codex Vaticanus eine
Text-Ausgabe des Neuen Teftamentes gegeben fein
würde. Und fo ftellt fich denn die Sache fo, dafs uns
weder bei Cahn noch bei Taylor eine neue und befriedigende
Text-Recenfion vorliegt, fo werthvolles Material
fie auch beide für eine folche geliefert haben. Um
den Werth des Taylor'fchen Textes zur Anfchauung
zu bringen, Helle ich hier die bemerkenswertheren Abweichungen
desfelben von dem Cahn'fchen, d. h. von
dem gedruckten Vulgärtexte, für das erfte Capitel zu-
fammen (die Zählung der Mifchna's nach Cahn):

Cah

n.

Taylor.

I, 1:



vn*

I- 3:



vn

1,4:

D'bttlT

oben**

sec.

loc. iT3>v

add. nn*")Jt lö-N



nrmc -ifn

nnw



N73X73

nNnaa

i 5=

D-bfflVl-

obicn-





13-73



o?»Dn

D-nann







1,6-7:



-NP73

I, 8:

vr-cr-

-i-rvuai





ynn





1-1731T*



y>NST3

D-pPSD'



ibapts

iba-p«*

I, CK

öainn

137D73*

I, IO:

rvnaib

173 ajN-nr beti



add. rfljsmBil

I, Ii:

0"»n

c-73n

I, 13 =



et. sec. loc. etat)'

nbn

Nb —1



rpo-

nio-*



ttbli

Nb-n



cp*

qb-



IDantONTI

»area« --n

I, 14:

DN1

ct. sec. loc. DN*

I, 17:

sec. loc. (tbi

Nb'

I, 18:



3—p*



n-:N -H3K3IB

omittit'







Einige der hier mitgetheilten Lesarten der Cambridger
Handfchrift find freilich entfehieden zu verwerfen,
fo namentlich die Zufätzc I, 4 und I, 10. Die Mehrzahl
aber verdient wohl den Vorzug vor dem Vulgärtext,
wie man gerade auch aus dem von Cahn mitgetheilten
Materiale erfehen kann. Cahn felbft bezeichnet feine
Handfchrift A als ,von fehr bedeutendem Werthe' (p. X),
und eben diefe geht unter den oben angeführten 29 Fällen
14 mal mit der Cambridger Handfchrift zufammen,
nämlich an allen Stellen, welche oben durch * bezeichnet